Proust (194)

von Bert

Auftritt Baron de Charlus und Morel im kleinen Kreis. Der Baron, »schüchtern wie ein Schuljunge, der zum erstenmal ein Bordell betritt« (4.450), macht alles andere als eine männliche Figur, vielmehr gibt er »ladylike« (4.452) die »große Dame« (4.453). Morel dagegen ist solange Marcel respektvoll zugewandt, bis dieser Madame Verdurin die erfundene Geschichte aufgetischt hat, dass Morels Vater eben nicht Diener des Onkels gewesen sei, sondern der »Verwalter von so ausgedehnten Ländereien« (4.454). Dann schneidet Morel Marcel, aber der übt sich in Gelassenheit, da er, wie seine Großmutter, »Vergnügen an der Vielfalt der Menschen fand, ohne etwas von ihnen zu erwarten oder ihnen deswegen böse zu sein« (4.456). Die Cambremers treffen ein – und damit eine von zehn meiner liebsten Lieblingsstellen!

Monsieur de Cambremer hatte keine große Ähnlichkeit mit der alten Marquise. Er war, wie sie voller Zärtlichkeit erklärte, »ganz und gar der Papa«. Wer ihn oder auch nur seine lebhaften, ganz ordentlich abgefaßten Briefe nur vom Hörensagen kannte, war über seine körperliche Erscheinung erstaunt. Ohne Zweifel gewöhnte man sich daran. Doch seine Nase hatte, um sich schief über seinen Mund zu stellen, unter allen verfügbaren schrägen Linien vielleicht die einzige gewählt, die auf diesem Gesicht zu ziehen einem selbst nie eingefallen wäre und die ihm eine gewisse Note vulgärer Dummheit gab, die durch die Nachbarschaft eines normannischen apfelroten Teints noch bekräftigt wurde. Möglich ist, daß die Augen von Monsieur de Cambremer unter ihren Lidern etwas von dem Himmel des Cotentin in sich bewahrt hatten, der so lieblich ist an schönen Sommertagen, an denen der Spaziergänger verweilt, um die am Rand der Landstraße aufgestellten Pappeln zu betrachten und ihre in die Hunderte gehenden Schatten zu zählen, aber diese schweren, tränenden und schlecht geschürzten Augenlider hätten sogar der Intelligenz den Zugang nach außen verwehrt. Befremdet über die Winzigkeit dieses blauen Blicks wandte man seine Aufmerksamkeit wieder ganz der schräggestellten großen Nase zu. Auf Grund einer Vertauschung der Sinne schaute Monsieur de Cambremer einen mit der Nase an. Diese Nase von Monsieur de Cambremer war nicht häßlich, eher sogar ein wenig zu schön, zu stark, zu stolz auf ihre Bedeutung. Geschwungen, auf Hochglanz poliert, funkelnagelneu, war sie ganz bereit, die geistige Insuffizienz des Blicks zu kompensieren; doch wenn die Augen manchmal das Organ sind, in dem sich der Geist enthüllt, so ist leider die Nase (ungeachtet der intimen Solidarität und unvermuteten Wechselwirkungen der Züge untereinander) im allgemeinen dasjenige, in dem sich am leichtesten die Dummheit offenbart. (4.458f)