Proust (196)

von Bert

Über die Eifersucht bei Homosexuellen (betrifft aber definitiv auch die Heten, Transgender, Bi- und / oder Asexuellen …). Tischgespräche. Alle Figuren haben einen entweder lächerlichen oder negativen Touch. So richtig gerne möchte man mit ihnen den Abend dann doch nicht verbringen. Aber – Hand aufs Herz – jede:r von uns ist so ein bisschen Charlus, Cambremer, Cottard, Saniette, Verudrin, Morel, Brichot, Marcel, … . Letzterer wurde von seiner Mutter vor diesem Kreis gewarnt, was in erster Linie daran liegt, dass sie die Beziehung zwischen ihm und Albertine so richtig nicht gut heißen kann: »Im Augenblick kann ich dir nicht sagen, wie ich Albertine finde, denn ich finde sie gar nicht.« (4.480f)

Denn sie [Madame de Cambremer] war zwar sehr kultiviert, doch wie gewisse zur Fettleibigkeit neigende Personen kaum etwas essen, sich den ganzen Tag bewegen und doch zusehends immer dicker werden, mochte Madame de Cambremer sich noch so sehr, besonders in Féterne, in eine immer esoterischere Philosophie und immer schwierigere Musik vertiefen: Auch nach Absolvierung dieser Studien tat sie nichts anderes als Intrigen spinnen, die ihr gestatteten, ihre bürgerlichen Jugendfreundschaften zu »schneiden«, und Beziehungen zu suchen, von denen sie ursprünglich geglaubt hatte, sie bildeten einen Teil des Kreises ihrer angeheirateten Familie, später aber einsehen mußte, daß sie weit höheren und ferneren Sphären angehörten. Ein Philosoph, der für sie nicht modern genug war, Leibniz, hat gesagt, es sei ein langer Weg vom Verstand zum Herzen. Diesen Weg hatte Madame de Cambremer ebensowenig wie ihr Bruder zurückzulegen vermocht. (4.475)