Proust (205)

von Bert

Mit harter Hand bestimmt Marcel, wer ihn wann wie lange besuchen kommen darf, Saniette jedenfalls nicht: »Hätte Saniette sich offen dazu bekannt, das er andere zu langweilen befürchte, hätte man wahrscheinlich seinen Besuch nicht gescheut.« (4.621) Über die Gleichheit der Menschen – zumindest theoretisch ist Marcel davon überzeugt. Morel hat sich in der Zwischenzeit mit dem Chauffeur des Automobils befreundet und intrigiert derart, dass die Verdurins ihren Kutscher entlassen, um den Chauffeur einzustellen. Den beschäftigt tageweise Marcel dann auch in Paris, »aber ich habe schon zu weit vorgegriffen, alles das wird sich dem Teil der Geschichte wiederfinden, der Albertine gewidmet ist.« (4.631)

Nichts hat mich je so leidenschaftlich interessiert wie die Verrenkungen der menschlichen Natur, bei denen man ständig seine Schlüsse neu ziehen, seine Urteile revidieren, seine Irrtümer durch das Gegenteil dessen, was man vermutet hat, ersetzen kann. Ein Geist, dessen geradem Weg unser Geist bei hellem Tageslicht folgt, oder ein Leben, dessen Lauf wir im wahrheitsgetreuen Bericht aus dem Mund eines ehrlichen Menschen hören, haben nichts von dieser Einzigartigkeit. Deshalb fesseln mich in ihrer Zusammenhanglosigkeit die undurchdringlichen Charaktere wie derjenige von Morel (oder, ein anderes Beispiel, der Charakter irgendeiner Frau, in die wir uns verliebt haben, ein Charakter, der durch die Tatsache unserer Liebe undurchdringlich wird) mehr als die schönsten Reden. (4.633)