Proust (209)

von Bert

Morel hat in der Zwischenzeit für Marcel eine »Sympathie wie eine Kokotte, die weiß, daß man sie nicht begehrt« (4.678) übrig. Als Morel dem Baron eines abends einen Korb gibt, kommt es zum richtig großen hinterlistigem Tuntendrama – *kreisch* – bei dem der Baron vorgibt, sich wegen Morel duellieren zu müsen und daher dem Tod ins Auge blickt – wir Schwestern verstehen halt was von Inszenierungen! *Knuuutsch Marcel Proust Knuuutsch * Cottard – der vermeintliche Sekundant – eilt herbei. Der Baron erklärt ihm in einem Nebenraum die Finte, streichelt Cottards Hand »mit der Güte eines Herrn, der sein Pferd am Maul krault« (4.695f), so dass es Cottard angst und bange wird und er die Situation als »unmittelbare(s) Vorspiel einer Vergewaltigung« (4.696) empfindet.

»Ich glaube, es wird sehr schön werden«, sagte er [Baron de Charlus] skandierend, psalmodierend und in völliger Aufrichtigkeit zu uns. »Sarah Bernhardt in L’Aiglon sehen, was ist das schon? Ein Dreck. Mounet-Sully in Ödipus? Ein Dreck. Höchstens fällt ein gewisser verklärender Strahl darauf, wenn den Schauplatz die Arena von Nîmes abgibt. Aber was ist das neben dem unerhörten Erlebnis, einen echten Abkommen des Connétable* im Kampf begriffen zu sehen?« Und bei dem bloßen Gedanken begann Monsieur de Charlus, der sich vor Begeisterung nicht mehr zu halten wußte, Kontraquarten** in der Luft zu schlagen, die an Molière erinnerten und uns veranlaßten, vorsichtshalber unsere Biergläser etwas an uns heranzurücken und zu befürchten, daß schon beim ersten Gang die Gegner, der Arzt und die Sekundanten verwundet werden könnten.

* Connétable – alter Titel für ein mittelalterliches militärisches Amt, heute vergleichbar mit General-Marschall
** Kontraquarten auch Contrequarte basse bzw. Contrequarte baisée – eine bestimmte Parade im Fechten bzw. Duell »gegen äußere Finten und Hiebe oder Stöße einwärts« (Christmann, F.C.: Theoretischpraktische Anleitung des Hau-Stossfechtens und des Schwadronhauens, nach einer ganz neuen Methode bearbeitet, Offenbach am Main 1838, S. 78)