Proust (217)

von Bert

Dreyfuss-Affäre und Klamotten – die mit umgerechnet 30.000 Euro zu Buche schlagen – sind wechselnd das Thema zwischen der Herzogin und Marcel. Derweil besuchen Baron de Charlus und Morel regelmäßig (!) Jupien. Zur Erinnerung, Jupien ist der Westenmacher, mit dem der Baron gerne Sex hat (Nr. 99, 101 besonders 162f) und dessen Nichte, ebenfalls Schneiderin, die ja die Verlobte von Morel ist. »Man kann daran ablesen, daß eine Gewohnheit je absurder, desto beharrlicher ist« (5.56f). Über das geheime, unkonventionelle, schwule Leben des Barons und seine ›Taktik‹, Morel wie Jupien an sich zu binden.

Bevor wir zu Jupiens Laden zurückkehren, legt der Verfasser Wert darauf zu sagen, wie schmerzlich es ihm wäre, wenn der Leser an so seltsamen Schilderungen [Charlus‘ schwules Leben] Anstoß nähme. Einerseits (und dies ist der geringfügigere Aspekt der Sache) mag man finden, daß die Aristokratie in diesem Buch proportional noch mehr als andere Gesellschaftsklassen der Degeneriertheit beschuldigt wird. Selbst wenn das der Fall wäre, sollte man sich nicht wundern. Die ältesten Familien bilden schließlich in Gestalt einer roten und höckrigen Nase oder eines deformierten Kinns besondere Merkmale heraus, in denen die »Rasse« bewundert wird. Doch unter diesen beständigen und immer stärker werdenden Zügen gibt es auch solche, die nicht sichtbar sind, nämlich die Veranlagungen und Neigungen. (5.61)

Charles Boson de Talleyrand-Périgord, Prinz von Sagan (1832-1910), fotografiert am 28. Juli 1883 vom meisterhaften Paul Nadar, war eines der Vorbilder für den Baron Palamède de Charlus.