Proust (220)

von Bert

Erst über die schlafende, dann die aufwachende Albertine. Nach 3.466 Seiten (!) nun zum ersten Mal die Nennung des Vornamens des Protagonisten. Marcel genießt die Häuslichkeit, die Innigkeit, die Intimität mit Albertine und kann dann derweil alle »Zweifel anheim« (5.105) geben. Apropos Intimität: Da hält sich Proust extrem zurück, Küsse sind das Explizitestes bisher gewesen, heute immerhin die »beiden kleinen hochsitzende Brüste« (5.107) und wenn man will – man muss schließlich nicht –, lässt sich das folgende Zitat als eine ›Bettszene‹ lesen, ggf. bestärkt durch den Satz im nächsten Absatz: »Manchmal schlief ich schließlich an ihrer Seite ein« (5.108)

O große Gebärden des Mannes und der Frau, in denen sich in der Unschuld der ersten Tage und mit der Demut des Lehms, aus dem sie hervorgegangen sind, zu verbinden sucht, was die Schöpfung getrennt hat, bei denen Eva staunend und ergeben den Mann anblickt, an dessen Seite sie erwacht, wie er selbst, da er noch allein war, den Gott, der ihn erschaffen hat. Albertine verschränkte die Arme hinter ihrem schwarzen Haar, ihre Hüfte bog sich heraus, ihr Bein glitt in der weichen Biegung eines Schwanenhalses herab, der sich streckt und beugt, um sich vollends zu runden. Es gab lediglich – wenn sie ganz auf der Seite lag – eine Ansicht ihres (von vorn gesehen so gutmütigen und schönen) Gesichts, die ich nicht leiden mochte, mit hakenförmigen Linien wie auf gewissen Karikaturen Leonardos, ein Bild, das Bosheit und Habgier zu enthüllen schien sowie die Verschlagenheit einer Spionin, vor deren Anwesenheit mir gegraut hätte, die aber gerade durch diese Profilansichten entlarvt zu werden schien. Sogleich nahm ich Albertines Kopf in meine Hände und rückte ihn wieder so, daß ich ihr Gesicht von vorn sah. (5.108)