Proust (234)

von Bert

Quasi vor der Tür der Verdurins erzählt Brichot Marcel wie es früher dort zugegangen sei – eindeutig lustiger und frivoler. Auftritt Baron de Charlus. Charakterisierung der Beziehung zwischen Brichot und dem Baron, sowie (weitere) Theorien über die männliche Homosexualität. Wenn auch zweiteres arg Kind seiner Zeit ist – wir Schwuchteln haben halt nicht nur einfach den besseren Geschmack, sondern auch eine »Verfeinerung des Geistig-Seelischen« (5.289) – ist das zusammen mit der Beschreibung des alternden Barons, der so langsam aus der Form gerät und dessen »Laster« (5.291) sich u.a. jetzt in dem »stark ausgebildete(n) Hinterteil« (ebd.) zeigt, mal wieder ein Paradebeispiel dafür, wie Proust es in einzigartiger Weise versteht, vom Individuellen zum Allgemeinen zu kommen – und wieder zurück. Aber wen verwunderts, ist er ja auch ›geistig-seelisch verfeinert‹!

Gerade als wir vor Madame Verdurins Haus ankamen, sah ich Monsieur de Charlus mit seinem ganzen enormen Körper auf uns zusteuern, wobei er unabsichtlich einen jener Apachen oder Bettler in seinem Kielwasser mit sich führte, die auf seinem Weg jetzt unweigerlich selbst in den scheinbar leersten Ecken auftauchten und von denen dieser monströse Koloß ungewollt, freilich in einer gewissen Entfernung, so wie der Hai von seinen Geleitfischen, neuerdings immer begleitet war; kurz, er bildete einen so starken Gegensatz zu dem hochmütigen Fremden meines ersten Jahrs in Balbec mit seinem strengen Aussehen und der überbetonten Männlichkeit, daß mir war, als sähe ich, begleitet von seinem Satelliten, ein Gestirn in einer ganz anderen Periode seiner Umdrehung vor mir, die es endlich in seiner vollen Gestalt erkennen ließ, oder einen Kranken, der jetzt von dem Übel deutlich gezeichnet ist, das vor wenigen Jahren noch ein ganz kleiner Abszeß war, den er leicht verbergen und dessen ernste Bedeutung man noch nicht ahnen konnte. (5.287)