Proust (235)

von Bert

Auf den heutigen 16 Seiten kommen Marcel, Brichot und der Baron gerade mal zwei Schritte weiter zu auf die Tür der Verdurins. Proust ergeht sich in der Beschreibung des alternden Barons, der seinem Hang zur Tunte langsam nachgibt. Der Baron selbst ist sozusagen janusköpfig, denn dass, was er an Laster – er stuft es für sich zu einem »bloßen Fehler« (5.298) herunter – auslebt(e), missbilligt er, hinter scherzhaftem Ton versteckt, bei anderen. Ausführliche Erörterungen über das Wesen der (Selbst-) Lüge und deren Wichtigkeit. Ausblick darauf, dass Morel den Baron nach Strich und Faden betrügt, was auch Auswirkungen auf Marcel haben wird.

Die Lüge, die vollkommene Lüge über Leute, die wir kennen, die Beziehungen, die wir mit ihnen gehabt haben, unseren Beweggrund bei einem Tun, den wir auf völlig andere Weise formulierten, die Lüge über das, was wir sind, über das, was wir lieben, über das, was wir dem Wesen gegenüber empfinden, das uns liebt und uns nach seinem Bild geformt zu haben glaubt, weil es uns den ganzen Tag umarmt und küßt, diese Lüge gehört zu den wenigen Dingen auf der Welt, die uns Perspektiven auf Neues, auf Unbekanntes eröffnen und in uns den eingeschlafenen Sinn für die Betrachtung von Welten wiederzuerwecken vermögen, die wir sonst niemals kennengelernt hätten. (5.305f)