Proust (250)

von Bert

»Wenn ich [= Albertine] Sie anlüge, so geschieht es immer nur aus Liebe zu Ihnen« (5.482). Sie scheint ihn sehr zu lieben, denn er erfährt ein unbekanntes Geheimnis nach dem anderen. Fantastische (!) Engführung von Eifersucht um einen abgebrochenen Satz, der mit »… und könnte es mir hintenherum …« (5.483) endet. Dann: »›… haben wir als also beschlossen, daß wir uns heute abend trennen.‹ – ›Verzeihen Sie, Sie haben beschlossen und ich gehorche …‹« (5.489). Das macht Marcel »einzig in der Absicht, eine Versöhnung herbeizuführen« (5.492). (»Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!« Nicht Proust sondern Wilhelm Busch – ausnahmsweise mal.)

Der Fall einer affektierten alten Frau wie Monsieur de Charlus, der, da er in seiner Phantasie immer nur einen schönen Jüngling vor sich sieht, selbst ein schöner junger Mann zu sein wähnt und immer stärker sein weibisches Wesen in seinem lächerlichen Bemühen um einen Anschein von Männlichkeit verrät, dieser Fall untersteht seinerseits einem größeren Gesetz, das nicht nur die Charlusse erfaßt, sondern so allgemeingültig ist, daß selbst die Liebe es noch nicht ganz und gar erschöpft; wir sehen an uns nicht den Körper, den die anderen sehen, und »folgen« unserer Vorstellung, dem Objekt, das uns vorschwebt, den anderen aber unsichtbar bleibt (nur manchmal sichtbar gemacht wird durch einen Künstler in einem Werk, woraus sich bei seinen Bewunderern so häufig Enttäuschungen ergeben, weil sie bei persönlicher Bekanntschaft mit dem Autor auf dessen Gesicht die innere Schönheit so unvollkommen widergespiegelt finden). (5.494)