Proust (251)

von Bert

Weiteres ›peinliches‹ Verhör und weitere ›Geständnisse‹. Reflexionen über Trennung, die in diesem Fall für Marcel quasi eine Vortäuschung einer »Veränderung in unserer Liebeserfahrung« (5.504) ist. Diese »fiktive Szene einer Trennung« (5.506) macht Marcel so traurig und niedergeschlagen, als sei sie echt. Reflexionen dazu.

»Albertine, können Sie mir schwören, daß Sie mich niemals belogen haben?« Sie blickte starr ins Leere, dann antwortete sie mir: »Ja, das heißt nein. Ich tat nicht recht daran, Ihnen zu sagen, Andrée sei sehr von Bloch entzückt gewesen, wir hatten ihn gar nicht gesehen.« – »Was war dann der Zweck?« – »Weil ich fürchtete, Sie könnten von ihr etwas anderes glauben.« – »Ist das alles?« Sie starrte weiter vor sich hin und fuhr fort: »Ich habe auch nicht recht daran getan, Ihnen eine dreiwöchige Reise mit Léa zu verschweigen. Aber ich kannte Sie noch wenig.« – »War das vor Balbec?« – »Vor dem zweiten Mal, ja.« Und am Morgen noch hatte sie mir gesagt, sie kenne Léa nicht! Ich sah, wie ein Feuer schlagartig einen Roman vernichtete, an dem ich Tausende von Stunden geschrieben hatte. Wozu bloß? Wozu? Gewiß, ich begriff sehr wohl, daß Albertine mir diese Dinge nur enthüllte, weil sie dachte, ich hätte sie indirekt von Léa erfahren, und daß kein Grund bestand, weshalb es nicht noch hundert ähnliche geben sollte. Ich begriff auch, daß die Antworten Albertines auf eine solche Reihe von Fragen niemals auch nur eine Spur von Wahrheit enthielten, da sie sich diese jeweils nur unwillkürlich in Gestalt einer wahllosen Mischung entschlüpfen ließ, die sich in ihr aus bis dahin bewußt verheimlichten Tatsachen und dem Glauben ergab, man habe gleichwohl Kenntnis davon erhalten. »Aber zwei Dinge, das ist ja noch nichts«, sagte ich zu ihr, »wir wollen doch wenigstens vier zusammenbringen, damit ich eine Erinnerung an Sie zurückbehalte. Was können Sie mir sonst noch enthüllen?« (5.501f)