Proust (262)

von Bert

Ein Telegramm von Albertine! Die hat Robert entdeckt und bittet Marcel »solche absurden Schritte« (6.58) zu unterlassen. Daraufhin schreibt er ihr einen sehr langen »unaufrichtigen« (6.64) Brief, in der Hoffnung, auf »eine negative Antwort … das heißt eine, die bestätigte, was ich selber sagte« (6.65), denn Marcel, wir kennen ihn ja nun, bitte sie nicht, zurück zu kommen, bei Gott nicht, vielmehr das Gegenteil zu tun: »Wahnsinn wäre, wegen eines Segelbootes und eines Rolls Royce [das er ihr versprochen hat] uns zu sehen und das Glück Ihres Lebens aufs Spiel zu setzen« (6.63). François bringt den Brief aber wieder mit einer Zeitung zurück, weil sie nicht weiß, wie er zu frankieren ist. In der Zeitung liest Marcel vom Tod der Berma (vgl. Nr. 47-49, 52, 102f).

Und eine der Ursachen für die ständigen Enttäuschungen in der Liebe liegt vielleicht in diesen ständigen Abweichungen, die bewirken, daß bei der Erwartung eines idealen Wesens, das wir lieben, jede Begegnung uns eine Person aus Fleisch und Blut entgegenführt, die bereits nur noch so wenig von unserem Traum enthält. Und wenn wir von dieser Person etwas verlangen, dann erhalten wir von ihr einen Brief, in dem sogar von der Person nur sehr wenig bleibt, so wie in den Buchstaben der Algebra nichts bleibt von der Determination der arithmetischen Ziffern, die ihrerseits die Eigenschaften der zusammengezählten Früchte oder Blumen nicht mehr enthalten. Und doch sind vielleicht Worte wie »Liebe« oder »geliebtes Wesen« und auch ihre Briefe trotz allem Übersetzungen ein und derselben Wirklichkeit (so unbefriedigend es auch sein mag, von der einen zur anderen überzugehen), da wir den Brief beim Lesen zwar unzulänglich finden und dennoch alle Qualen der Hölle durchleben, solange er noch nicht angekommen ist und er unsere Angst zu beruhigen vermag, wenngleich seine kleinen schwarzen Zeichen unser Verlangen nicht erfüllen, denn dieses spürt, daß in ihnen nur das Äquivalent eines Wortes, eines Lächelns, eines Kusses enthalten ist, nicht aber diese Dinge selbst. (6.60)

Bonusmaterial: Wir sind in der Zwischenzeit in der Lektüre in einen Bereich angelangt, von dem Proust nur eine Rohfassung hat schreiben können. Die geplante Überarbeitung der letzten Teile, war ihm nicht mehr möglich. Um die editorische Meisterleistung zu verbildlichen hier ein Link zum Originalmanuskript, in diesem Fall aus »Sodom und Gomorrha«. Unter dieser Adresse auch weitere Autographen Marcel Prousts.