Proust (272)

von Bert

Marcel versucht sich mit Büchern und Zeitungen abzulenken – aber das funktioniert nicht, immer wieder werden Erinnerungen dadurch wachgerufen. Weitere Erörterungen über das Erinnern. Er findet eine neue Quelle, sein Leiden zu perpetuieren: Andrée! Als er sie fragt, ob sie eine Vorliebe für Frauen hätte, »gestand [sie] alles lächelnd ohne Ziererei ein« (6.196) aber weist es weit von sich, dass sie je was mit Albertine gehabt hätte und Albertine hätte ja nun für ihn geschwärmt. Es ist vollkommen egal, was die Wahrheit ist – Marcel hat wieder ausreichend Stoff für die Selbstquälerei.

Ich spürte, daß Andrée mir alles sagen würde, was sie mit Albertine getrieben hatte, und während ich aus Höflichkeit, aus Gewandtheit, aus Eigenliebe, vielleicht aus Dankbarkeit mich immer liebenswürdiger zu zeigen bemühte – inzwischen verengte sich der Raum immer mehr, den ich der Unschuld Albertines noch allenfalls zugestehen konnte –, schien es mir, daß ich trotz dieses Bestrebens das erstarrte Bild eines Tieres abgab, um das ein Vogel mit lähmendem Blick langsam immer engere Kreise zieht, ohne es eilig zu haben, weil er sicher ist, wann immer er will, auf sein Opfer niederstoßen zu können, das ihm nicht mehr zu entrinnen vermag. (6.197)