Proust (274)

von Bert

Marcel lernt das Vergessen. Erinnerungen verursachen »dem Herzen keine ängstlichen Beklemmungen mehr, sondern ein sanftes Glücksgefühl« (6.214). Seine Sinne erwachen wieder und so kommt’s, dass ihm eine Mademoiselle Déporcheville auffällt, die, wie die Concierge dann weiß, aber d’Eporcheville heißt. Er weiß von Robert, dass dieser mit ihr schon im Stundenhotel »Umgang« (6.219) hatte und ist nun frohen Mutes, sie auch zu bekommen. Neue Klamotten kauft er sich, telegrafiert an Robert, was er vielleicht noch wissen sollte und freut sich auf die nächste Soiree bei der Herzogin, weil er sie dort treffen wird. Robert antwortet umgehend: »De l’Orgeville, de Adelsprädikat, orge wie Gerste, ville wie Stadt, klein brünett, rundlich, zur Zeit in der Schweiz« (6.224)

Manchmal auch führte mich die Lektüre eines eher traurigen Romans jäh in die Vergangenheit zurück, denn gewisse Romane sind wie eine große, rasch vergehende Trauer; sie heben die Gewohnheit auf und setzen uns wieder mit der Wirklichkeit des Lebens in Verbindung, doch nur für einige Stunden, einem Alpdruck gleich, denn die Mächte der Gewohnheit, das Vergessen, das sie erzeugen, die Fröhlichkeit, die sie infolge der Ohnmacht unseres Gehirns, gegen sie anzukämpfen, und das Wahre neu zu erschaffen, in uns heraufführen, sind unendlich viel stärker als die beinahe hypnotische Suggestion eines schönen Buches, die wie alle Suggestionen nur sehr kurze Zeit wirkt. (6.216f)