Proust (281)

von Bert

Noch ein Gespräch mit Andrée. Die bringt ins Spiel, dass Albertines Stiefmutter die Trennung wünschte, um sie mit jemanden zu verheiraten, der heiraten wollte. Dennoch, »alles in allem verstand ich immer noch nicht besser, weshalb Albertine mich verlassen hatte« (6.301). Über den »Pseudoverlobten« (6.307) von Albertine. Und Marcel wäre nicht Marcel wenn er jetzt überlegen würde, ob vielleicht Andrée in anlügt, also ggf. eine vermeintliche Lüge von Albertine doch wahr sein könne? Manche machen sich das Leben aber auch wirklich schwer.

Ohne unbedingt zu dieser Spezies zu zählen, würde ich vielleicht jetzt, da Albertine tot war, das Geheimnis ihres Lebens erfahren. Aber beweist das nicht – die Indiskretionen nämlich, die begangen werden, wenn das irdische Leben einer Person abgelaufen ist –, daß im Grunde niemand an ein zukünftiges Leben glaubt? Wenn diese Indiskretionen auf Wahrheit beruhen, müßte man den Groll der Person, deren Handlungen man enthüllt, ebensosehr für den Tag, da man ihr im Himmel begegnet, fürchten, wie man sich vor ihr fürchtete, als sie noch lebte und man sich gehalten glaubte, ihr Geheimnis zu hüten. Wenn aber diese Indiskretionen nicht wahr und nur erfunden sind, weil die betreffende Person nicht mehr vorhanden ist und ihnen nicht entgegentreten kann, sollte man um so mehr den Zorn der Toten fürchten, wenn man an den Himmel glaubt. Doch an diesen glaubt niemand. (6.300)