Proust (296)

von Bert

Abendspaziergang Marcels. Er trifft Baron de Charlus, der in der Zwischenzeit rapide an Einfluss und Ansehen verloren hat. Er gilt nicht nur als »vorkriegsmäßig« (7.106) und »aus der Mode gekommen« (7.109), vielmehr hält man ihn wahlweise für einen Österreicher oder »Preuße« (7.108) – auf alle Fälle aber für einen Spion, dem man noch nie hat trauen können. Maßgeblich zu seinem Niedergang beigetragen hat Morel, der über »Frau Bosch« (7.111) bzw. »eine Allemande« (ebd.) nicht nur vernichtende Gesellschaftsberichte geschrieben hat, sondern seine Stellung ausnutzt, ihn ins Abseits zu stellen. Dennoch geht das Leben weiter, die Verdurins empfangen, wenn auch nicht Charlus und der hatte sich »zuerst aus Notwendigkeit damit abgefunden und dann daran gewöhnt, sich mit kleinen Jungen abzugeben« (7.114).

Kurzum, man hatte in der Gesellschaft die Bewunderung für Monsieur de Charlus abgelegt, nicht etwa weil man seine seltene geistige Potenz durchschaut hätte, sondern weil man sie überhaupt nicht erkannt hatte. Man fand ihn »vorkriegsmäßig«, altmodisch, denn gerade diejenigen, die am wenigsten imstande sind, Verdienste zu beurteilen, verwenden am häufigsten für ihre Klassifizierung die Kategorien der Mode. Sie haben nichts erfaßt, ja nicht einmal geahnt, was es in einer Generation an verdienstvollen Menschen gab, und jetzt muß man sie alle en bloc verdammen, denn das ist das Aushängeschild einer neuen Generation, die man ebensowenig verstehen wird. (7.110)