Proust (308)

von Bert

Trotz Schlaganfall – Baron de Charlus ist noch ganz der Alte, auch wenn das Sprechen ihm schwerfällt. Wohl die großartigsten Seiten der kompletten Recherche, wie Proust Marcel beschreiben lässt, wie er durch Zufälle wortwörtlich aus dem Tritt gerät und plötzlich und frei und unvoreingenommen die Erinnerungen, Gefühle und Erlebnisse voll und in ihrer Tiefe wiederfindet. ›Die Suche nach der verlorenen Zeit‹ ist zu Ende, ›Die wiedergefundene Zeit‹ beginnt. »Ich kostete aber nicht einfach nur diese Farben, sondern einen ganzen Augenblick meines Lebens, der sie emporhob, der zweifellos auf sie hindrängte, den zu kosten mich vielleicht aber in Balbec ein bestimmtes Gefühl von Mattigkeit oder Betrübtheit gehindert hatte und der jetzt, von allem befreit, was an Unzulänglichem in der äußeren Wahrnehmung liegt, mich mit einem wahren Hochgefühl erfüllte.« (7.261f)

Bei dem grundlegenden Unterschied zwischen dem wahren Eindruck, den wir von einer Sache gehabt haben, und dem künstlichen Eindruck, den wir uns von ihr verschaffen, wenn wir sie uns willentlich vorzustellen versuchen, hielt ich mich nicht auf; ich erinnerte mich nämlich nur allzu deutlich daran, wie verhältnismäßig gleichgültig Swann früher von den Tagen hatte sprechen können, da er geliebt wurde, weil er hinter diesen Worten etwas anderes als diese Tage sah, und an den jähen Schmerz, den das kleine Thema Vinteuils ihm bereitete, als es für ihn diese Tage selbst noch einmal so heraufführte, wie er sie ehedem erlebt hatte; deshalb auch begriff ich nur zu gut, daß das, was die Wahrnehmung der ungleichen Bodenplatten, die Steifheit der Serviette oder der Geschmack der Madeleine in mir geweckt hatten, keine Beziehung zu dem besaß, was ich mir oft von Venedig, von Balbec oder von Combray mit Hilfe einer gleichförmigen Erinnerung zu vergegenwärtigen suchte; und da begriff ich auch, daß man das Leben, wie schön es in gewissen Augenblicken auch erscheinen mag, mittelmäßig finden kann: Man beurteilt und verurteilt es dann eben aufgrund von lauter Dingen, die mit ihm nichts zu tun haben, Bildern, die nichts von ihm bewahren. Immerhin hielt ich beiläufig fest, daß der Unterschied zwischen allen wirklichen Eindrücken – Unterschiede, die erklären, weshalb ein gleichförmiges Gemälde des Lebens dem Leben nicht ähnlich sein kann – wahrscheinlich darauf beruhte, daß das geringste Wort, das wir irgendwann in unserem Leben gesagt, und die unbedeutendste Bewegung, die wir ausgeführt haben, von Dingen umgeben waren, den Widerschein von Dingen auf sich trugen, die logisch gesehen mit ihnen nichts zu tun hatten und durch den Verstand von ihnen abgelöst wurden, da sie ihm zum logischen Denken unnütz waren, inmitten deren jedoch – hier ein rosa Widerschein des Abendlichts auf der Mauer eines ländlichen Restaurants, ein Hungergefühl, ein Verlangen nach Frauen, ein Vergnügen am Luxus; dort blaue Wellengebilde des morgendlichen Meeres, mit Melodien durchwoben, die sich gleich den Schultern von Undinen daraus zu erheben suchen – die einfachste Bewegung, die einfachste Handlung wie in tausend undurchlässigen Gefäßen gefangen bleibt, von denen jedes mit Dingen gänzlich unterschiedlicher Farbe, Geruchsbeschaffenheit und Temperatur gefüllt wäre; ganz zu schweigen davon, daß diese über die ganze Höhe unserer Jahre verteilten Gefäße (Jahre, in denen wir uns unaufhörlich gewandelt haben, und wäre es auch nur in Träumen und Gedanken) sich in ganz verschiedenen Höhenlagen befinden und uns das Gefühl von erstaunlich unterschiedlichen Atmosphären vermitteln. (7.262f)