Proust (310)

von Bert

Weiteres und Ausführliches zum Verständnis des Kunstwerks des Erzählers / des Autors. Zentral ist, dass hinter die Dinge geschaut werden muss oder: »Ein Werk, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch das Preisschild hängt« (7.281). Wesentlich wichtig ist zudem der Zeitpunkt der Lektüre: »Mehr noch: eine Sache, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sahen, ein Buch, das wir lasen, bleibt nicht nur für immer mit dem verknüpft, was um uns herum vorhanden war; ebenso treu bleibt es verbunden mit dem, was wir damals waren; es kann nur durch die Sensibilität, das Denken, die Person, die wir damals waren, von neuem empfunden und bedacht werden.« (7.286)

So ist die Literatur, die sich damit begnügt, »die Dinge zu beschreiben«, nur ein kümmerliches Inventar von Linien und Flächen aufzustellen, gerade diejenige, die, obwohl sie sich realistisch nennt, sich am weitesten von der Realität entfernt und die uns auch im höchsten Maße verarmt und bedrückt, denn sie schneidet brüsk jede Verbindung unseres gegenwärtigen Ichs zu der Vergangenheit ab, deren Essenz die Dinge in sich aufbewahrten, sowie zu der Zukunft, in der sie uns anregen, diese Essenz von neuem wahrzunehmen. Sie, ja sie soll die Kunst ausdrücken, wenn sie diesen Namen verdienen will, und wenn sie dabei scheitert, kann man noch immer aus ihrer Ohnmacht eine Lehre ziehen (während man aus den Erfolgen des Realismus keine zu ziehen vermag), nämlich die, daß diese Essenz zum Teil subjektiv und nicht mitteilbar ist. (7.285f)