Proust (314)

von Bert

Marcel betritt nun (endlich) den Salon (vgl. Nr. 307) und fühlt sich wie auf einem »Maskenball« (7.342*), denn es braucht, bis er endlich alle erkennt, da sie … alt geworden sind! Wohl die (tunten)bösartigsten Seiten der gesamten Recherche. Aber was hilft schon Bösartigkeit? »Da bemerkte ich, der ich seit meiner Kindheit immer nur von einem Tag auf den anderen lebte und der ich mir von mir selbst und den anderen ein definitives Bild gemacht hatte, an den Metamorphosen, die sich an all diesen Leuten vollzogen hatten, zum erstenmal die Zeit, die für sie vergangen war; das aber trug mir die bestürzende Offenbarung ein, daß sie ebenso für mich vergangen war. « (7.347)

Der Fürst zeigte immer noch beim Empfang der Gäste die wohlwollende Miene eines Königs aus einem Märchenspiel, die ich beim ersten Mal bei ihm festgestellt hatte, diesmal aber hatte er sich offenbar selbst der Etikette verschrieben, die er seinen Gästen auferlegte, und sich einen weißen Bart umgehängt, sowie seine Füße mit einer Art von bleiernen Sohlen beschwert; anscheinend hatte er es übernommen, eines der »Lebensalter« darzustellen. Sein Schnurrbart war ebenfalls weiß, als sei auf ihm etwas von dem Reif aus dem Wald des kleinen Däumlings hängengeblieben, und schien den darunter erstarrten Mund zu behindern; er hätte ihn, nachdem er seine Wirkung getan, einfach abnehmen sollen. Tatsächlich erkannte ich ihn nur mit Hilfe einer Überlegung wieder und indem ich aus der schlichten Ähnlichkeit gewisser Züge auf eine Identität der Person meine Schlüsse zog. Ich weiß nicht, was der kleine Fezensac auf sein Gesicht getan hatte, aber während andere teils die Hälfte ihres Bartes, teils nur ihren Schnurrbart mit einer weißen Schicht überdeckt trugen, hatte er, ohne sich bei solchen bloßen Umfärbungen aufzuhalten, ein Mittel gefunden, sein Gesicht mit Runzeln und seine Brauen mit struppigen Haaren zu versehen; all das stand ihm übrigens nicht, sein Gesicht machte einen verhärteten, zu Bronze erstarrten, zeremoniösen Eindruck und ließ ihn soviel älter erscheinen, daß man nicht mehr für möglich gehalten hätte, das alles gehöre einem jungen Mann. Sehr viel mehr noch staunte ich im gleichen Augenblick, als »Herzog von Châtellerault« einen kleinen Greis mit einem silbernen Diplomatenschnurrbart bezeichnet zu hören, in dem nur ein winziger gleichbleibender Rest des Blicks mir gestattete, den jungen Mann wiederzuerkennen, den ich einmal als Besucher im Haus von Madame de Villeparisis angetroffen hatte. (7.337f)

*Dank meinem Mann und der Deutschen Post ab jetzt wieder mit Seitenzahlen. Sie leben hoch!