Durch die Zeit

Kategorie: Allgemein

Proust (142)

Beim Abschied lässt Marcel gegenüber Madame de Guermantes fallen, dass er auch mit ihrem Vetter Monsieur de Charlus – der den ›hübschen‹ Vornamen Palamède trägt und gerne mal »Mémé« (3.332) gerufen wird – bekannt ist. Das versetzt sie in großes Staunen, denn ihr gegenüber hat er bisher immer so getan, als kenne er Marcel nicht und würde gerne mal vorgestellt werden. Vorfreude auf das Diner mit Madame de Stermaria. Über Genuß. Beschreibung einer Insel im Bois, auf der das Treffen mit Madame de Stermaria stattfinden soll. Albertine wird gemeldet und erklärt sich gerne bereit, »mich gleich zur Insel zu begleiten und mir bei der Zusammenstellung des Menüs behilflich zu sein« (3.543).

»Gut, also ich verlasse Sie jetzt«, sagte Madame de Guermantes, als ob sie ungern gehe, »ich muß noch auf einen Sprung zu der Fürstin von Ligne. Kommen Sie nicht auch hin? Nein? Gehen Sie nicht gern aus? Sie haben im Grunde recht, man langweilt sich zu Tode. Aber ich muß leider hin! Sie ist meine Kusine, es wäre nicht sehr nett wegzubleiben. Egoistisch wie ich bin, bedaure ich, daß Sie nicht hingehen, ich hätte Sie mitnehmen, sogar nach Hause bringen können. Also, dann auf Wiedersehen, ich freue mich auf Freitag.« (3.534)

Proust (136)

Der Großmutter geht es Stund‘ um Stund‘ schlechter: Seh-, Hör- und Sprechstörungen. Die Familie kümmert sich rührend, aber genauso auch hilflos. Blutegel sollen helfen, die »wanden sich an Nacken, Schläfen und Ohren … in ihrem blutigen Haar wie in dem der Medusa« (3.468f). Françoise nimmt sich Auszeiten: »Im Leben der meisten Frauen läuft alles, selbst der größte Schmerz, schließlich auf eine Anprobe hinaus« (3.470). Eines Nachts wird Marcel von der Mutter geweckt, mit der Großmutter geht es zu Ende. Alles ist versammelt, selbst der Herzog von Guermantes taucht auf und zeigt, dass er eines nicht hat: Feingefühl.

Nach der Meinung unseres Arztes war das [die Großmutter erkennt niemanden mehr] ein Symptom dafür, daß der Blutandrang in dem Gehirn zunahm. Man mußte ihm Erleichterung verschaffen. Cottard zögerte. Françoise hoffte einen Augenblick, man werde »Schöpfköpfe« verwenden. Sie suchte in meinem Lexikon, um zu erfahren, wie diese wirkten, konnte sie aber nicht finden. Auch wenn sie »Schröpfköpfe« anstatt »Schöpfköpfe« gesagt hätte, hätte sie dieses Wort nicht eher gefunden, denn sie suchte ebensowenig unter »Schöpf« wie unter »Schröpf«; tatsächlich sagte sie zwar »Schöpfköpfe«, doch sie schrieb (und glaubte deshalb man schreibe) »Tschöpfköpfe«. (3.468)

Proust (133)

Mutter und Sohn sind froh, dass Doktor du Boulbon die Großmutter für gesund erklärt hat. Also folgen sie auch seinem Rat und zwingen die Großmutter – in ungeduldiger Begleitung von Marcel – zu einem Spaziergang. Sie zieht sich auf eine Toilette zurück, während Marcel angenehmen Gesprächen lauscht, merkt aber beim Weitergehen, dass mit der Großmutter etwas nicht stimmt: »… sie hatte eben einen leichten Schlaganfall gehabt« (3.438).

[Ende Teil I]

Sie [die Großmutter] hatte eigensinnig abgelehnt, daß Mama bei ihr bliebe, und brauchte nun ganz allein für ihre Toilette unendlich lange Zeit; jetzt, da ich wußte, daß sie bei guter Gesundheit war, fand ich sie – in jener seltsamen Gleichgültigkeit, die wir gegen unsere Angehörigen hegen, solange sie am Leben sind, und die bewirkt, daß wir an sie erst zu allerletzt denken – sehr egoistisch, weil sie so lange machte auf die Gefahr hin, es könne für mich zu spät werden, wußte sie doch, daß ich eine Verabredung mit Freunden hatte und in Ville-d’Avray zu Abend essen wollte.

Proust (121)

Weitere Gäste betreten den Salon von Madame de Villeparisis. Sehr viel falsche Freundlichkeit untereinander, denn fast jede hat ja darauf zu achten, dass ihr Salon der bessere ist. Dann ein doppelter Herzinfarktmoment für Marcel: »Die Tür ging auf, und die Herzogin von Guermantes trat ein« (3.277). Er wird ihr, zusammen mit einem Historiker, vorgestellt, sie aber »begnügte … sich … um die Nichtigkeit des Eindrucks kund zu tun … damit, bestimmte Bewegungen der Nasenflügel auszuführen« (3.278). Viel Smalltalk, viel Angebereien.

Doch man stellt die Summe der Laster eines Menschen immer erst fest, wenn er kaum mehr imstande ist, ihnen zu frönen, und man nach dem Ausmaß der von der Gesellschaft auferlegten Sühne, die inzwischen in Kraft getreten ist und die man allein noch konstatiert, sich eine übertriebene Vorstellung von dem Verbrechen macht, das jener einst beging. (3.273)

Proust (82)

Beim Tee. Charlus hat, auf unangenehme Art, die Oberhoheit und doziert: »Es kommt im Leben nicht darauf an, was man liebt … sondern nur darauf, daß man liebt.« (2.485). Er ist so liebenswürdig und bringt Marcel, als der ins Bett muss, einen Band Bergotte, gibt sich einfühlsam und verständnisvoll. Eine Woche später scheißt er bei seiner Abreise Marcel am Strand zusammen und fordert das Buch zurück. Etwas später erhält Marcel es per Post von ihm wieder »in einem Maroquineinband*, auf dessen Vorderseite eine Kupferplatte in Halbrelief eine Stengel Vergißmeinnicht zeigte« (2.491). Doch noch ein Abendessen bei den Blochs, langweilig, aufgesetzt und »voller geistlose(r) Anekdoten« (2.493).

* Maroquin-Bucheinbände werden aus einem besonders kostbaren Ziegenleder hergestellt, das sich durch eine sehr schöne echte Narbung auszeichnet.

»Sie sind noch jung und sollten die Gelegenheit nutzen, zwei Dinge zu lernen: erstens sollten Sie sich enthalten, Gefühle zu äußern, die zu natürlich sind, um nicht als selbstverständlich zu gelten; zweitens sollten Sie nicht so hitzig auf Dinge reagieren, die man Ihnen sagt und deren Sinn Sie noch gar nicht begriffen haben. Hätten Sie diese Vorsicht nicht soeben versäumt, so würden Sie vermieden haben, wie ein Tauber ins Blaue hinein daraufloszureden und dadurch eine weitere Lächerlichkeit zu der hinzuzufügen, die darin besteht, mit gestickten Ankern auf dem Badeanzug herumzulaufen. « (2.490)

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