Durch die Zeit

Kategorie: Der Mann ohne Eigenschaften

104 – Rachel und Solimann auf dem Kriegspfad (495-501)

Rachel ist nicht mehr in Solimann sondern in Ulrich verschossen – kommt aber nicht auf die Idee, dass er es auch sein könnte – er beobachtet, wie Solimann Rachel eine von ihm geküßte Lilie vors Zimmer legt – als beide mal ohne Aufsicht sind, nehmen sie beide die Kutsche ins Hotel von Arnheim – es wird geknutscht – ihm Hotel will Solimann ihr seine Geburtsurkunde zeigen die davon zeugt, dass er von adliger Abstammung ist – durchsuchen seine Wäsche – Rachel merkt Parallelen zur Wäsche ihrer Herrin – kapiert, dass zwischen denen wohl etwas mehr passiert

In diesem Augenblick ergriff die schändliche Vermutung von Rachel Besitz, daß der Zusammenhang zwischen ihrer Herrin und Anrheim ein weniger geistiger sein könnte, als sie geglaubt habe. (500)

Solimann gibt den Macker und Angeber, um Rachel herumzubekommen – aber mehr als Küsse gibt’s nicht. Beim Durchwühlen der Sachen von Arnheim kapiert sie Zusammenhänge und verliert in gewisser Weise ihre Unschuld. Jedenfalls ist Solimann jetzt abgeschrieben, der das intuitiv kapiert.

103 – Die Versuchung (486-495)

Gerda und Ulrich alleine – er doziert über Gesetz vs. Zufall – sie, zehn Jahre jünger als er, hört sehr skeptisch zu – über das „Gesetz der großen Zahlen“ – Gesetze eine „Ironie der Natur“? –  was sein könnte vs. was sein müsste – Ulrich ob der Wirkmächtigkeit recht desillusioniert – es kommt nur auf den Mittelwert an – neues Thema: tötet Besitz? – in diesem Zusammenhang nach Treue, was ja auch Besitz ist – Ulrich spricht davon, auf Wunsch des Vaters, um ihre Hand anzuhalten – sie lehnt rundweg ab

… es ist für den Mittelwert gang gleichgültig, und Gott und Welt kommt es nur auf ihn an, nicht auf uns. (491)

Schwieriges Kapitel, weil Musil hier alles reinschmeißt und verdichtet. Da ist Wissenschaft und Statistik gegen Entwicklung, da ist Intellektualität gegen basale Wirklichkeit, da ist Konservatismus gegen Fortschritt. Und das aber nicht jeweils in eine der beiden Figuren, sondern das changiert sehr stark hin und her. Ulrich zeigt sich zwar insgesamt als der ‚Bremser‘ während Gerda sich dem Fortschritt verschrieben hat, dann aber sind die Rollen schnell wieder umgekehrt. Das sich hier zwei bis sieben verschiedene philosophische Richtungen der Zeit spiegeln, dürfte für den Fachmann vollkommen klar sein, dem laienhaften Leser entzieht sich das leider. Musil, das kann man so einfach konstatieren, war echt nicht auf den Kopf gefallen und hat das Wissen als Surrogat in einzelne Sätze verpasst.

102 – Kampf und Liebe im Hause Fischel (477-486)

Gerade wartet vergeblich auf Ulrich – der hat’s einfach vergessen – auch Frau Fischel ist darüber verärgert, wäre Ulrich doch eine gute Partie – gereizte Stimmung im Haus, weil die Eltern mit dem nationalen Gedankengut der Tochter und deren freunde nicht einverstanden ist – auch das Ehepaar selbst in uneins – Fischel geht daher gerade gerne spazieren – trifft zufällig Ulrich – begleitet Fischel nach Hause – trifft dort auf die Freundesgruppe von Gerda – es kommt zu einem heftigen Wortgefecht zum Thema Fortschritt, was die jugendliche Gruppe locker verneint

In seinen [Leo Fischels] jungen Jahren hatte er oft diesen Anblick genossen, als er noch vor der Auslagenscheibe des Lebens stand und kein Geld besaß, um einzutreten, sondern nur darüber nachdenken durfte, was ihm sein Schicksal später bescheren würde. (480f)

Alt gegen jung. Wenn Generationen aufeinander treffen, fliegen die Fetzen, weil beide vielleicht noch über die gleiche Sache reden, aber auf unterschiedliche Schwerpunkte und Vorgehensweisen setzen. Würde man hier statt ‚Fortschritt‘ ‚Umweltschutz‘ einsetzen, hätte man eine literarische Version von Friday for Future.

101 – Die feindlichen Verwandten (465-477)

Diotima und Ulrich im Gespräch – der General nervt sie etwas – sie streiten sich etwas, wer den General eingeladen hat – sie gibt endlich zu, in Arnheim verliebt zu sein – sie hat sogar einen Antrag von ihm bekommen – haben sich beide rauchend in das Zimmer von Rachel zurückgezogen – beide über das Für und Wider von Arnheim – Arnheim wünscht die Freundschaft mit Ulrich – der ist darob erstaunt – macht ihm Vorhaltungen, er würde opponieren um des Opponieren Willen – über das Verlangen – ist man Herr seiner Gefühle? – gibt es Vorbestimmung, eine Ursache von allem? – überlegt, ob sie sich Ulrich ganz anvertrauen kann

Das gewöhnliche Leben ist ein Mittelzustand aus allen uns möglichen Verbrechen. (474)

Kernfrage ist, ob grenzenlose Liebe möglich ist. Ulrich spricht Diotima die Fähigkeit ab – was sie natürlich verneint – weil seiner (Musils) Theorie nach grenzenlose Liebe die Aufgabe des Persönlichen wäre, denn grenzenlose Liebe ist ’nur‘ „ganz Empfindung“. Diotima spürt, dass etwas an ihr inneres Korsett kratzt bzw. beginnt es aufzuschnüren, was sie mit einem leichten Schaudern vorsichtig zulässt, derweil Ulrich, ganz ‚Mann‘, emotional unbeteiligt bleibt, ja das Gefühlige durch Intellektualität verdrängt.

100 – General Stumm dringt in die Staatsbiblithek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung (459-465)

Besuchte die Hofbibliothek – ist tief beeindruckt von der Masse von Büchern – hofft dort die Idee für Diotima zu finden – stellt sich dümmer als er ist und hofft auf die Hilfe des Bibliotheksdiener – darf ins Katalogzimmer – ist komplett überfordert – ein alter Diener eilt zur Hilfe, nachdem der Bibliotheksdiener die Flucht ergriffen hat – auch Diotima, wie der Diener verrät, war schon hier auf der Suche nach der Idee

Du kannst agen, man braucht nicht alle Bücher zu lesen. Ich werde dir darauf erwidern: Man braucht auch im Krieg nicht jeden einzelnen Soldaten zu töten, und doch ist jeder notwendig! Du wirst mir sagen: Auch jedes Buch ist notwendig. Aber siehst du, da stimmt schon etwas nicht, denn das ist nicht wahr; ich habe den Bibliothekar gefragt. (460)

Ja, Bibliotheken können überfordern, wie sie begeistern können. Stumm ist einfach nur überfordert, weil er wissenschaftliche gesehen kindlich-naiv ist. Andererseits begreift er aber in Ansätzen, dass die Ordnung einer Bibliothek ein System ist und er schlägt in Ansätzen am Ende des Kaptitels den Bogen zum Denken bzw. zur Erkenntnis, für die es ja auch Systeme gibt.

99 – Von der Halbklugkeit und ihrer fruchtbaren anderen Hälfte; von der Ähnlichkeit zweier Zeitalter, von dem liebenswerten Wesen Tante Janes und dem Unfug, den man neue Zeit nennt (453-459)

Über den Wechsel der Modeerscheinungen – Tante Jane ist eine Nenntante von Ulrich – Klavierlehrerin – hatte eine „mild panierte“ Stimme – immer im selben Kleid – hatte man Franz Liszt getroffen – verheiratet mit einem Photograph – aber alles sehr unglücklich, er stirbt bald – sie zieht sein uneheliches Kind auf – Gedanken über die Photographie und Vergänglichkeit

„Man ist“ wechselt, wie es scheint, ebenso schnell wie „Man trägt“ und hat mit ihm gemeinsam, daß niemand, wahrscheinlich nicht einmal die an der Mode beteiligten Geschäftsleute, das eigentliche Geheimnis dieses „Man“ kennt. (453)

Leicht verschwurbelter Text zu Zeiterscheinungen, die auf die ein oder andere Art zeitlos sind.

98 – Aus einem Staat, der an einem Sprachfehler zugrundegegangen ist (445-453)

Die Polizei veranstaltet eine Jubiläumsausstellung – Graf Leinsdorf ist mit Ulrich dort – auch Diotima und Mann kommen – der Polizeipräsident kennt sie alle – Bonadea ist ebenfalls mit Mann anwesend – sie hätte ihn gern zurück – will auch in die Parallelaktion und ist daher da um Diotima kennen zu lernen – widerwillig macht Ulrich die beiden bekannt – über die Themen des Tages – Geschäftigkeit aller Orten, wenn auch ohne Inhalte – nach wie vor rätseln alle um den Sinn und Ziel der Parallelaktion – aber alle wollen nach wie vor dabei sein – über die Probleme einer Doppelmonarchie – Leinsdorf Umgang damit

Seit Bestehen der Erde ist noch kein Wesen an einem Sprachfehler gestorben, aber man muß wohl hinzufügen, der österreichischen und ungarischen österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie widerfuhr es trotzdem, da sie an ihrer Unaussprechlichkeit zugrunde gegangen ist.

Alle rennen zur Ausstellung, weil alle denken, da passiert was Besonderes und als nichts passiert denken alle, da ist was im Geheimen passiert und das werden sie schon noch mitbekommen, Hauptsache ist, dabei gewesen zu sein.

97 – Clarissens geheimnisvolle Kräfte und Aufgaben (435-445)

Clarisse alleine – denkt so vor sich hin – es tut ihr leid, dass sie Walter im quält – will kein Kind – stellt sich Schwangerschaft vor – ihr Vater hatte immer Angst vor Walter – erinnert sich an den sexuellen Missbrauch durch ihn – hat ein Muttermal in der Nähe der Leistenbeuge – nennt es „Auge des Teufels“ – an der Stelle ist der Vater nicht weitergegangen – hat eine jüngere Schwester Marion – die schon sehr früh sinnlich war – im Sommerurlaub im Schlafzimmer zusammen mit ihrer Schwester – der ein Jahr ältere fünfzehnjährige Georg macht sich zuerst an Marion, dann an Clarisse zu schaffen – hat Walter lange keine Annäherung, auch keine Küsse erlaubt – hat es auch jetzt nicht so mit dem Körperlichen – Brief mit Nieztsche-Jahr ist ihr jetzt peinlich – aber sie will mit Dulden und Gewährenlassen Schluss machen

Ein Mann ohne Eigenschaften kann natürlich auch nicht musikalisch sein Er kann aber auch nicht unmusikalisch sein? (435)

Clarisse denkt also so vor sich hin. Und das ist ein kleines Durcheinander. Es wird nicht ganz klar, ob sie nicht vielleicht auch vom Grunde aus ein wenig wirr ist. Es wird auch nicht klar, ob die sexuellen Belästigungen bzw. Missbräuche sie etwas arg vorsichtig und abständig gemacht hat. Jedenfalls widerspricht sie sich in vielen Dingen selbst, will und will doch nicht, sehnt sich und lehnt doch ab. Wie es scheint, hat sie außer Nietzsche und der Musik keine Begleitung, an die sie sich halten kann. Walter lehnt sie fast schon hartnäckig ab (ist aber ja mit ihm zusammen) und auch mit Ulrich hat sie einen nicht geklärten Beziehungsstatus.

96 – Der Großschriftsteller, Vorderansicht (432-434)

Von der innen Gespaltenheit eines Großschriftstellers – von der ungleichen Entwicklung der Dinge – zu Goethe, der erste Großschriftsteller – zu Napoleon

… die menschliche Entwicklung ist ein lang auseinandergezogener Zug … (432)

Es war zu erwarten, dass es Kapitel gibt, die sich nicht mit Stichworten zusammenfassen lassen. Das ist so eins. Hier eine Diskussion zur (angeblichen) Genialität der Großschrifsteller, die, mit einem großen Heine-Zitat zu Napoleon, ‚belegt‘, immer das ein und (!) das andere zusammen denken können und sowohl für das eine wie für das anderen dann auch handeln. Also Menschen die sich gegenüberstehende Prinzipien vereinen können und daher selbst revolutionäre wie „conterrevolutionäre“ Ideen vereinigt. Es spricht für Arnheim, dass er sich nicht scheut, sich mit Goethe und Napoleon zu vergleichen.

95 – Der Großschriftsteller, Rückansicht (428-432)

Diotima enttäuscht, dass sich mit der Zeit alle Gäste wie Menschen benehmen – Arnheim als Großschriftsteller und nicht als Geistesfürst – besondere Form der Verbindung des Geistes mit großen Dingen – über die Wesenheit eines Großschriftstellers

Der Großschriftsteller ist der Nachfolger des Geistesfürsten und entspricht in der geistigen Welt dem Ersatz der Fürsten durch die reichen Leute, der sich in der politischen Welt vollzogen hat. (429)

Eigentlich ein bitterböser Text. Denn die feinere Definition im Laufe des Textes ist einfach die, dass ein Großschriftsteller nicht einmal Gutes schreiben muss, es reicht, wenn er überall mitmischen kann, bei jeder Ehrung dabei ist, jedes Vorwort schreibt, alle Aufrufe unterzeichnet, also einer, der elende präsent ist und alle oder viele, zumindest jedenfalls die Medien, meinen, dass er unbedingt gehört / gelesen werden muss. Er wird von Musil mit „kleinen Eselchen und Schweinchen aus Gummi“ verglichen, „die hinten ein Loch haben, wo man sie aufbläst“.

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