Durch die Zeit

Kategorie: Der Mann ohne Eigenschaften

29 – Professor Hagauer greift zur Feder (945-953)

Hagauer realisert erst mit der Zeit, dass Agathe nicht mehr da ist – willigt erstmal nicht in die Scheidung ein – schreibt Agathe einen Brief

Es ist bekannt, daß ein männliches Wesen, solange es noch zeugungsfähig ist, kurze Pausen der Ehe ähnlich empfindet, wie wenn ein leichtes Joch von ihm abgenommen würde, auch wenn es gar keine bösen Ausführungen damit verbindet und nach Ablauf der Erholung erfrischt sein Glück wieder auf sich nimmt. (947)

Romanökonomisch macht man so etwas, wie Musil es hier tut, schon ewig nicht mehr. Selbst Thomas Mann hätte sich hier zurückgenommen. Denn wie es der Seitenfigur Hagauer (er)geht steht nicht gerade im Zentrum des Interesses. Aber dennoch zeichnet Musil ihn mit wenigen Strichen auf wenigen Seiten – und das muss ihm erstmal jemand nachmachen. Schreiben konnte er, wenn es auch mit der Ökonomie nicht wirklich dann geklappt hat.

28 – Zu viel Heiterkeit (935-945)

Agathe bewegt sich elegant in der Gesellschaft – sie leben sich in dem Haus zusammen ein – da keine Zofe, hilft Ulrich Agathe bei der großen Garderobe – sie kauft viel ein, belegt fast alle Räume – Ulrich sinniert über geschwisterliche Nähe – Frage nach der Rolle als Bruder bzw. als Mann – für Ulrich ist Liebe ein Ausnahmefall – beide suchen ihre Rollen zueinander

»Vielleicht macht es dir nur Spaß,« gab Agathe zur Antwort »Bruder und Schwester zu spielen, weil du vom Mann und Frau Spielen übergenug hast?!« (940)

Mal wieder so ein richtiges Musil-Kapitel, voller Anspielungen, Zwischentöne, Feinheiten und Ideen. Wirklich klasse gemacht, wie er die Unsicherheit von Ulrich umschreibt, wie er als Mann und Bruder zu Agathe stehen kann, darf oder soll. Agathe macht es ihm da auch nicht einfach, da sie, arg von sich überzeugt, nicht nur wörtlich, viel Raum einnimmt. Die Anspielungen auf das, was wir heute ‚freie Sexualität‘ nennen, dürfte schon leicht Skandal umwoben sein, denn dato fand ‚gesellschaftliche Sexualität‘ ja nur in der Ehe statt (sieht man, was großzügig getan wurde, vom Sex zwischen jungen Männern und Dienstmädchen ab). Echt guter Text zu gesellschaftlichen Geschlechterrollen.

27 – Agathe wird alsbald durch General Stumm für die Gesellschaft entdeckt (929-935)

Agathe wird in die Gesellschaft ‚eingeführt‘ – Ulrich geht davon aus, dass sie bald einen neuen Mann findet – General Stumm verliert die Fassung, als er Agathe das erste Mal sieht – ist echt von der Rolle – er befürchtet, dass Frau Professor Drangsal Diotima den Rang ablaufen könnte – Ulrich und Agathe gelten in der Gesellschaft als die „Siamesen“

Es liegt jetzt derzeit ein ganz entschiedenes Man-weiß-nicht-was in der Luft. (931)

Die Reaktion von Stumm kann als die Reaktion der Gesellschaft auf das Auftauchen von Agathe, die bis dahin nicht einmal namentlich bekannt ist, gewertet werden. Aufruhr, denn niemand weiß, was man von ihr zu halten hat und was sie vielleicht bewirken könnte. Störung des Systems sozusagen.

26 – Frühling im Gemüsegarten (909-929)

Clarisse im Gespräch mit Walter – man wartet immer noch auf die Genehmigung, Moosbrugger besuchen zu können – heiße Diskussion – reden aber aneinander vorbei – jede/r will überzeugen – sie mit Meingast ab in den Garten – Walter sucht Hilfe bei Agathes Bruder Siegmund – derweil Clarisse und Meingast das Thema ‚Wert‘ haben – dann ist Sex dran – Agathe stellt mal wieder die Sinnfrage – Meingast hat Probleme ihr zu folgen –

Nach deinem Blut ist natürlich Eigentlich immer Eigentlich nicht! (913)

Das wohl längste Kapitel bisher? Clarisse überfordert im Grunde alle. Keiner weiß sie richtig zu nehmen, was sie dann um so mehr antreibt, die anderen sie erst recht nicht verstehen … und so weiter. Walter hat eh keine Idee mehr, Meingast ist nun auch überfordert nur Siegmund stellt in den Raum, ob sie nicht, wie alle Frauen angeblich, „von dem gleichen Punkt aus zu kurieren“ sei. (Wer seinen Goethe nicht kennt, das ist Mephistopheles der Faust empfiehlt, Frauen einfach flach zu legen und Sex mit ihnen zu haben, dann würden sie schon parieren.) Aber da kennt er die Meinung Clarisse nicht, die Sex weitestgehend ablehnt, weil sie nicht als Lustobjekt gesehen werden will, wie sie, als missbrauchtes Kind, am eigenen Leib ja schon erfahren hat. Extrem verfahrene Situation also für die vier, dazu kommt noch die eigenen Unsicherheit, also genug Stoff für eine Sprengladung.

25 – Die Siamesischen Zwillinge (899-909)

Agathe und Ulrich im Gespräch, Thema: Eigenliebe – er kommt ins Erzählen und verzettelt sich – die Schwester ist auch Frau – Kindheitserinnerungen – über das Geschwister-sein – ‚Rollendefinitionen‘

Dieses Verlangen nach deinem Doppelgänger im anderen Geschlecht ist uralt. (905)

Mal wieder so ein toller Text, der sich nicht wirklich greifen lässt. Aber besten ist es wirklich mit ‚Rollendefinition‘ umschrieben und das in Hinsicht auf die Geschwisterlichkeit genauso wie auf die Geschlechtlichkeit. Beide sind da nicht nur Fragende sondern haben auch den Mut, vorherrschende Klischees zu hinterfragen oder erst gar nicht zu akzeptieren. Über die Definitionen finden sie näher zueinander.

24 – Agathe ist wirklich da (892-899)

Agathe ist bei Ulrich angekommen – erkundet das Haus – beide trinken Tee, sprechen über die Einrichtung – sie teilen sich die Zimmer auf – Ulrich freut sich irgendwie, dass seine Schwester da ist – beide fremdeln etwas – sie macht sich frisch und zeigt sich Ulrich nur in Wäsche

Wahrhaft schön finden kann man seine eigene Schwester nicht, es kann höchstens schmeicheln, daß sie anderen gefällt. (897)

Das Experiment beginnt. Beide sind auf das Zusammenleben neugierig, ist es für beide ja eine Neuheit. Andererseits wissen sie nicht so recht und müssen, schon beginnend bei der Aufteilung der Zimmer, improvisieren. Großes Gedankenhinundher, als Agathe aus dem Bad kommen will und nicht weiß, was jetzt schicklich ist. „Sie konnten die natürliche Folgewidrigkeit, die an der See fast die Nacktheit gestattet, im Zimmer aber den Saumweg am Rand von Hemd oder Höschen zum Schmuggelpfad der Romantik macht, beide einen Augenblick lang nicht von sich abstreifen“ (898). Sie geht dann doch in Unterwäsche durch den Raum, in dem Ulrich ist und bittet ihn sogar später, ihr mit dem Kleid zu helfen. Er nimmt ihren schönen Körper wahr. Beide erleben eine andere Form von Geschwisternähe.

23 – Bonadea oder der Rückfall (878-892)

Man trifft sich wieder – sie auf alle Fälle selbstbewusster – jetzt mit Diotima etwas befreundet – über Diotima – die nach wie vor etwas verwirrt ist – beschäftigt sich dank Bonadea mit Sexualwissenschaft – Bonadea gibt Nachhilfe in Sachen Aufklärung und Sex – von der Minderwertigkeit der Frau – von der Minderwertigkeit des Mannes -Ulrich will für eine Zeit keine Frau mehr anders zu lieben, als wie eine Schwester

Du bist ein mißglücktes Sexualerlebnis, sagt deine Kusine. (880)

Ein wirklich großartiges Kapitel, denn die gereifte und emanzipiertere Bonadea nimmt kein Blatt vor den Mund und konfrontiert Ulrich mit ihrer eigenen Lust, macht klar, dass beide Geschlechter die gleichen Rechte haben. Ein für damalige Zeit sicher sehr modernes, wenn nichts sogar gewagtes Kapitel, da der Mann beim Sex nur noch ein Teil ist. Bonadea macht es sogar Spaß Ulrich darauf aufmerksam zu machen, dass Männer im Bett auch ‚versagen‘ können. Zudem ist sie Lehrerin für Diotima, die dank des offenen Austausches auch mehr / anderes von ihrem Mann verlangt. Am Ende des Kapitels zieht Ulrich quasi den Schwanz ein, in dem er jetzt erstmal keinen Sex mehr haben will und sich auf Geschwisterliebe zurück zieht.

22 – Von der Koniatowski’schen Kritik des Danielli’schen Satzes zum Sündenfall. Vom Sündenfall zum Gefühlsrätsel der Schwester (864-878)

Ulrich wieder auf der Straße – hat nach dem Gespräch mit Leinsdorf „Hunger nach Bürgerlichkeit“ – trifft die Astronomin Dr. Strastil – Geplauder – über Koniatowski, Keppler und Danielli – über das Wesen von Gefühlen – muss an seine Schwester denken – über Moral – folgt einfach so einer Frau – trifft Bonadea, die keine Zeit hat

Moral ist Zuordnung jedes Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand. (869)

War im vorigen Kapitel Agathe das Zentrum, so ist es in diesem Ulrich. Er bleibt sich treu und findet zu jedem Gedanke das Gegenteil.

21 – Wirf alles, was du hast, ins Feuer, bis zu den Schuhen (851-864)

Über Agathe

Obwohl sie für schlank galt, beobachtete sie an ihren Glieder angeregt eine Möglichkeit, daß  sie zu schwer werden könnten. (853)

Auch dieses Kapitel entzieht sich einer Zusammenfassung, denn hier geht es nur um den Charakter, die Natur von Agathe. Todessehnsüchtig ist sie jedenfalls und sieht im Suizid einen möglichen Weg. Aber das ist nur ein Moment ihres Charakters. Das muss ne Menge Arbeit gemacht haben, die Figur der Agathe in dieser Vielschichtigkeit zu zeichnen. Vor allem, wenn dann mal was steht, muss die Figur auch in der Folge danach handeln. Ist da eine Menge gesetzt, schränkt es den Autoren weitaus mehr ein, als hätte er sie nur in groben Zügen gezeichnet. Vielleicht auch ein Grund, warum Musil stecken geblieben ist?

20 – Graf Leinsdorf zweifelt am Besitz und Bildung (839-851)

Ulrich wieder bei Leinsdorf wegen der Erlaubnis für Clarisse – höflicher Small Talk – über die politische Lage in Triest – über Juden – über Mohammedaner – über die Finanz – über Bildung – über Pflicht

Der Mensch fürchtet nämlich den Teufel, der ihm ins Fleisch fährt, auch wenn er so tut, als bekämpfe er ihn, lange nicht so sehr wie die Erleuchtung, die ihm vom Geist kommt. (847)

Was für ein anstrengendes Kapitel. Leinsdorf hat Babbelwasser getrunken und textet Ulrich einfach nur zu (der auch gar nicht zu Wort kommt) – den Leser eben aber auch. Musil packt mal wieder ein Kapitel definitiv zu voll und erschlägt den Leser mit seinen Gedankenkonstrukten, Widersprüchen und Parallelen. Ist das der politischen Situation geschildert? Da fehlt mir definitiv Hintergrund.

Anton Weyrother

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