Durch die Zeit

Kategorie: Der Mann ohne Eigenschaften

6 – Leona oder eine perspektivische Verschiebung (21-25)

Aktuelle Freundin heißt Leontine, bzw. Leona – ist Liedsängerin – auch Gesichter unterliegen dem Zeitgeschmack – Leona ist „in ungeheurem Maße gefräßig“ – ist insgesamt etwas langsam – singt auf arg kleiner Bühne – betreibt gelegentlich Prostitution – sieht die Tätigkeit aber sehr sachlich – träumt von einem Kavalier – der sie vor eine vornehme Speisekarte setzt – Ulrich ist nicht gerne mit ihr in der Öffentlichkeit und „verlegte ihre Fütterung gewöhnlich in sein Haus“ – nach dem Essen singt sie Ulrich was vor – wirkt aber dann doch eher als Schlafmittel

Denn daß sie unsinnlich gewesen sei, hätte man zwar nicht behaupten können, aber sofern es erlaubt ist, wäre zu sagen, daß sie wie in allem so auch darin geradezu faul und arbeitsscheu war. In ihrem ausgedehnten Körper brauchte jeder Reiz wunderbar lange, bis er das Gehirn erreichte, und es geschah, daß mitten am Tag ihre Augen ohne Grund zu zergehen begannen, während sie in der Nacht unbeweglich auf einen Punkt der Zimmerdecke gerichtet waren, als ob sie dort eine Fliege beobachteten. (22)

Da kommt jemand nicht gut weg. Und Ulrich, so ist zu vermuten, nimmt sie nur aus einem gewissen Interesse, mal etwas ‚anderes‘ zu haben – oder aber, siehe letztes Kapitel, ihm ist auch das recht einerlei.

5 – Ulrich (18-21)

Der MoE heißt Ulrich – Sinnesart schon in Kindheit und Jugend gehabt – musste Aufsatz schreiben, der einen patriotischen Gedanken hat – Aufsatz: Über die Vaterlandsliebe – Ein Vaterlandsfreund könnte sein Vaterland niemals als das beste finden, denn auch Gott macht die Welt und denkt „es könnte ebensogut anders sein“ – fliegt deswegen fast von der Schule – geht freiwillig aufs ein belgisches Erziehungsinstitut – Ulrich ist Mathematiker – Unklarheit, wohin mit seinem Leben – Überträgt sich auch auf die Hauseinrichtung – versucht Möbel selber zu entwerfen und kann sich aber nie entscheiden – Überlässt die Einrichtung „dem Genie seiner Lieferanten“ – wird eine geschmackvolle Residenz

Es muss der Mensch in seinen Möglichkeiten, Plänen und Gefühlen zuerst durch Vorurteile, Überlieferungen, Schwierigkeiten und Beschränkungen jeder Art eingeengt werden wie ein Narr in seiner Zwangsjacke, und erst dann hat, as er hervorzubringen vermag, vielleicht Wert, Gewachsenheit und Bestand. (20)

Was hier schon durchschimmert und was mich immer so etwas auf Ulrich neidisch machen lässt, ist seine Gelassenheit. Er sieht Notwendigkeiten, geht sie an, entwickelt Ideen, lässt sie fallen, entwickelt andere, lässt auch diese fallen, lässt es dann von ganz anderen machen, weil er selbst schon wieder mit was anderem zu tun hat … und ein schlechtes Gewissen stellt sich erst gar nicht ein.

4 – Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben (16-18)

Türen haben Rahmen, darauf muss man achten, also: Wirklichkeitssinn – wenn es den aber gibt, siehe Überschrift – Definition des Möglichkeitssinn – es gibt „Möglichkeitsmenschen“, auch „Phantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler“ genannt – auch „Idealisten“ – das Mögliche umfasst auch „die noch nicht erwachten Absichten Gottes“ – 1.000 Mark enthalten Möglichkeiten, egal ob man sie besitzt oder nicht – Wirklichkeit weckt Möglichkeit – mögliche Wirklichkeit vs wirkliche Möglichkeit – verschiedene Beispiele

So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. (16)

Es verwundert nicht, dass dieses eher theoretische Kapitel so früh steht. Es ist quasi die Unterlage, auf die der Roman funktioniert. Musil geht es im MoE nicht so sehr darum, eine spannende Geschichte zu erzählen oder vielleicht ein Sittengemälde zu zeichnen, vielmehr geht es ihm um das Ausloten von Zuständen. Damit ist nicht so sehr Emotionales gemeint, sondern mehr Sein-Zustände an sich. Es ist auch ein Ausprobieren und das Überschreiten von Grenzen damit gemeint.  Es wird nicht das einzige eher theoretische Kapitel bleiben.

3 – Auch ein Mann ohne Eigenschaften hat einen Vater mit Eigenschaften (13-15)

MoE ist aus dem Ausland zurück gekommen – Instandsetzung des Schlösschen war teuer gewesen – MoE ist 32, der Vater 69 – MoE muss den Vater um Unterstützung wg. Umbau bitten – Vater war früher Hauslehrer, dann Rechtsanwaltsgehilfe, später Universitätsdozent und Professor – nun „Rechtskonsulent“ des gesamten Feudalaldes seiner Heimat – Mutter des MoE früh verstorben – reiches Elternhaus jedenfalls – Vater ist zudem „Ritter, Komtur, ja sogar Großkreuz hoher Orden“ – ist quais „Geist des aufstrebenden Bürgertums“ wenn auch in der Zwischenzeit geadelt – macht dem Sohn Vorwürfe

Das Grundgefühl seines Lebens war beleidigt. Wie bei vielen Männern, die etwas Bedeutendes erreichen, bestand es, fern von Eigennutz, aus einer tiefen Liebe für das sozusagen allgemein und überpersönlich Nützliche, mit anderen Worten aus einer ehrlichen Verehrung für das, worauf man seinen Vorteil baut, nicht weil man ihn baut, sondern in Harmonie und gleichzeitig damit und aus allgemeinen Gründen. (15)

Interessant. Der Vater kommt hier ja richtig gut weg. OK, etwas altmodisch in seinen Einstellungen, aber ein Self-made-man, vom „Hauslehrer zum Herrenhauslehrer“ eben. Ist mir so noch nicht aufgefallen (und das wird mir ganz oft passieren, es sind immerhin über drei Jahrzehnte her, dass ich MoE gelesne habe). Später kommt noch eine Figur, die in gewisserweise ähnlich ist. Muss dann mal aufpassen, ob wir es da mit einem Vatererstz zu tun bekommen. Ebenfalls für mich interessant – ich habe mich nie gefragt, wo die Mutter vom MoE eigentlich abgeblieben ist. Wenn die Kapitel alle so kurz blieben, wäre es ja OK.

2 – Haus und Wohnung des Mannes ohne Eigenschaften (11-13)

Ginge man die Straße, auf der das Unglück passierte weiter, würde man zu einem „Jagd- oder Liebesschlößchen“ kommen – aus dem 17. bzw. 18. Jahrhundert – Haus des Mannes ohne Eigenschaften (MoE) – der zählt Autos – schätzt Geschwindigkeiten – bedenkt die Anstrengungen, die ein Mensch im Straßenverkehr erbringen muss – meint, Atlas hätte weniger Kraft gebaucht, die Welt zu stemmen – MoE ist der Überzeugung, dass die Muskelleistung der Normalbürger insgesamt viel mehr Energie verschlingt, als „die heroischen Taten“ – These des „rationalisierten Heldentums“

Die Zeit bewegt sich. Leute, die damals noch nicht gelebt haben, werden es nicht glauben wollen, aber schon damals bewegte sich die Zeit so schnell wie ein Reitkamel; und nicht erst heute. Man wußte bloß nicht, wohin.

Aha, da hat mich die Erinnerung getrügt, der Mann aus dem 1. Kapitel ist also doch nicht MoE (und seine Schwester) wie ich mich meinte zu erinnern. Nun denn. MoE steht also gelangweilt bei sich zu Hause rum und macht sich tiefsinnige Gedanken. Wenn ich am Fenster stehe und Autos zähle, was ich zugegebenermaßen jetzt nicht wirklich oft tue, was auch daran liegen man, dass so viele Autos nicht vorbeifahren, fällt mir sowas nicht ein. Hier also die Relativierung des Heroischen zu Gunsten des bürgerlichen Lebens. Der Held ist der Mann / die Frau auf der Straße – das ist die Moderne. Fein der Schluss. Der MoE geht zurück durch seine Zimmer, kommt an einem Boxball vorbei und gibt diesem „einen so schnellen und hetigen Schlag, wie es in Stimmungen der Ergebenheit oder Zuständen der Schwäche nicht gerade üblich ist“.

Erstes Buch – Erster Teil – Ein Art Einleitung – 1 – Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht (9-11)

Ausführliche Wetterbeschreibung – Zeitangabe: 1913 – Stadtszene – Handlungsort: Residenzsadt Wien –  Überschätzung der Frage, wo man sich aufhält – wichtiger wäre zu wissen, wer gegenüber ist – zwei Menschen tauchen auf, die eine Sraße entlang gehen – gehören zu einer besseren Gesellschaftsschicht – Dr. Arnheim und Ermelinda Tuzzi sind es jedenfalls nicht – Menschenauflauf – Unfall: Lastwagen gegen Mann – Die Dame empfindet soetwas wie Mitleid – Der Herr erklärt den Bremsweg – Man macht sich Gedanken, ob das Unfallopfer noch lebt – Man geht davon aus.

Abwechselnd knieten Leute bei ihm nieder, um etwas mit ihm anzufangen; man öffnete seinen Rock und schloß ihn wieder, man versuchte ihn aufzurichten oder im Gegenteil ihn wieder hinzulegen; eigentlich wollte niemand etwas anderes damit, als die Zeit ausfüllen, bist mit der Rettungsgesellschaft sachkundige und befugte Hilfe käme. (10f)

Der berühmte Anfang des Buches. Von ihm hatte ich gehört, was ausreichender Grund war, mit 1986 den Roman ganz reinzuziehen. Schon auf diesen ersten drei Seiten wird einer der Grundgedanken immer wieder leicht angespielt, der Gegensatz von Technik und rationaler Erklärung / Begründung versus dem ‚unbestimmbarem‘ der Gefühle und Gedanken. So fühlt die Dame auch nur „etwas Unangenehmes“ was, das mein für Mitleid halten zu können. Und auf diesen ersten drei Seiten diese leichte bis mittelschwere Ironie. Außer Zeit und Ort der Handlung hat der Erstleser bisher wirklich nicht viel erfahren, siehe auch Titel. Das Arnheim und Tuzzi noch wichtige Rollen spielen werden ist stark zu vermuten (ja klar!) und dass der ungenannte Mann der „Mann ohne Eigenschaften“ sein könnte auch das könnte vermutet werden.

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"Der Mann ohne Eigenschaften" in weniger als 123 Wochen

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