Durch die Zeit

Kategorie: Der Mann ohne Eigenschaften

86 – Der Königskaufmann und die Interessenfusion Seele-Geschäft – Auch: Alle Wege zum Geist gehen von der Seele aus, aber keiner führt zurück (380-393)

Arnheim weiß sich zu inszenieren – Diotima bringt ihn seelisch aus dem Tritt – vom Werden

Aber fraglich und ungewiß war es, ob Arnheim, wenn er von Seele sprach, selbst an sie glaubte und dem Besitz einer Seele die gleiche Wirklichkeit zuschrieb wie seinem Aktienbesitz. (390)

Langer vielschichtiger und langer Text zum Werden von Arnheim so wie er ist. Es ist ein Von-allem-ein-bißchen. Wirklich schwer zusammenzufassen, da Musil aus jeder Ecke quasi etwas nimmt und es mit dem anderen mischt. Dabei handelt Arnheim aus Überzeugung – aber die kann immer mal wieder Wechseln. Sein „Vorzug“ „ganz ehrlich niemals vom dem überzeugt [zu sein], was er sagte“ (392). Das macht ihn dynamisch und anpassbar, daher passt er überall rein und traut sich auch alles zu. Irgendjemand, der das dann gut findet, findet sich bei reichen Menschen dann eh und so wächst der Ruf. Aber es ist auch eine gewisse Einsamkeit zu konstatieren, gegen die Diotima unwissend anrennt. Sie ist gerade das (ver)störende Element in seinem Leben, auf was er sich aber trotz oder wegen aller Bedenken vorsichtig einlässt.

85 – General Stumms Bemühungen, Ordnung in den Zivilstand zu bringen (370-380)

Ulrich wieder zu Hause – General Stumm wartet dort auf ihn – will noch mehr bei Diotima den Zivilgeist studieren – fragt sich, warum keine Ordnung im Zivilgeist, da es zu jeder Idee immer auch eine Gegenidee gibt – hat Aufzeichnung der bisherigen Ideen gemacht – versuchte es zu strukturieren – vollumfänglich daran gescheitert – Ulrich versucht ihn zu beruhigen – Stumm bewundert Diotima nicht nur wegen ihrer „imponierenden weiblichen Fülle“ sehr – Stumm hat immerhin erkannt, dass Diotima in Arnheim verliebt ist – Ulrich versucht ihm zu erklären, dass er den Zivilgeist nicht so hoch hängen soll – er sieht den Geist eher beim Militär und das Körperliche im Zivil

… und wenn sie [Diotima] von der Seele spricht, dann möchte ich mich [General Stumm] am liebsten nackt ausziehen, so wenig paßt as zu einer Uniform. (377)

Der General ist wirklich in Nöten. Er will so gerne den Zivilgeist verstehen, findet aber kein Ordnung darin. Es beruhigt ihn auch nicht, wenn Ulrich erklärt: „Es gibt kein Ja, an dem nicht ein Nein hinge“ (380). Das Problem halt für den General – er hat beim Militär nicht gelernt selbstständig zu denken sondern nach Vorschriften zu handeln. Aber er merkt – mit wachsender Begeisterung aber auch Unsicherheit – dass es eben da noch etwas anderes gibt, nämlich Geist und Seele, deren er sich nun zu nähern versucht. Da ist richtiges Entwicklungspotential.

84 – Behauptung, daß das gewöhnliche Leben von utopischer Natur ist (363-369)

Ulrich zu Hause – viel Papier zur Parallelaktion – viel Unsinniges – neues Wort: „dortortig“ – geht zurück zu Clarisse – „Ulrich entwickelt das Programm, Ideengeschichte statt Weltgeschichte zu leben.“ – es kommt mehr darauf an, was geschieht und nicht wem es geschieht – Walter hält dagegen – Bedeutung des Theaters für das Vorstellen von Ideen – Wenn man Ideen lebt, so fragt Walter, könnten dann noch neue entstehen? – Ulrich: Ist das vollkommenen Leben nicht das Ende der Kunst? – Kunst als Lebensverneinung

Es sieht Dir [Ulrich] ähnlich, von etwas zu behaupten, es sei unmöglich, aber wirklich. (369)

Letztendlich eine intellektuelle Version der Frage: Wie kann ich gut leben. Hier unter Verzicht der Frage, was die menschliche Natur an sich einfordert. Letztendlich die große Frage: Ist was von Bedeutung?

83 – Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte? (357-362)

Ulrich denkt über das nach, was nicht gesagt hat – bspw. man hätte auch Gott mit ins Spiel bringen können – sind Gedanken ohne praktischen Zweck noch zeitgemäß? – betrachtet sich im spiegelndem Fenster der Straßenbahn – Aufzählung aktueller Ereignisse – es ist immer eine „bewegte“ Zeit – ab wann ist was Geschichte – und überhaupt: Was ist Geschichte? – pessimistische Theorien über die Entstehung der Weltgeschichte – als Gesetz isoliert er „Fortwursteln“ – Verlauf der Geschichte ist chaotisch und nicht zielgerichtet – warum greift man selber so wenig in die Geschichte ein und lässt sie einfach so laufen?

Denn das menschliche Wesen ist ebenso leicht der Menschenfresserei fähig wie der Kritik der reinen Vernunft; es kann mit den gleichen Überzeugungen und Eigenschaften beides schaffen, wenn die Umstände danach sind, und sehr großen äußeren Unterschieden entsprechen dabei sehr kleine innere. (361)

Kleine Abhandlung über das Wesen der Geschichte und die eigene Wirkmächtigkeit bzw. der Unlust an Veränderungen. Man nimmt sie halt Schulter zuckend hin und ist froh, wenn Politiker nicht zuviel verändern wollen.

82 – Clarisse verlang ein Ulrich-Jahr (351-357)

Ulrich bei Clarisse – macht ihr klar, dass ihr Brief (der mit der Forderung nach einem Nietzsche-Jahr) blöd war – sie sieht das nicht so – sie bringt ein Ulrich-Jahr zur Sprache – kommt auf Moosbrugger zu sprechen – Clarisse hält ihn für musikalisch, auch wenn er nicht komponieren kann – ab wann ist etwas bedeutend? – Ulrich zweifelt, gute Gedanken verwirklichen zu können – Was ist eine (gute) Idee? – deren Vergänglichkeit – Sie springt im Thema und gesteht, dass Walter auf Ulrich eifersüchtig ist – sie zitiert Nietzsche: Sicher wissen wollen, ist so wie sicher gehen wollen, eine Feigheit! – Walter kommt

Denn eine Idee: das bist du; in einem bestimmten Zustand. (354)

Unklares Kapitel wie ich finde. Clarisse springt nur so durch die Themen, während Ulrich mal wieder hölzern von oben herab philosophiert. Sie will verwirklichen, er dagegen sieht das Unmögliche. Sie kann man durchaus als Idealisten bezeichnen, wenn auch als eine etwas wirre, der dagegen tut ungemein abgeklärt, setzt sich damit aber selber ins Handlungsaus. Beide wollen 100 Prozent, aber während sie sich auch mit 90 Prozent zufrieden geben würde nach dem Motto, immerhin mal versucht, tut er keinen Schritt, wenn nicht die 100 Prozent ’sicher‘ sind.

81 – Graf Leinsdorf äußert sich über Realpolitik – Ulrich gründet Vereine (347-351)

Auf dem Konzil geht es inhaltlich nicht vorwärts – dagegen viel los im Palais von Leinsdorf, wo ja alle Ideen aus der Bevölkerung zusammen laufe – Ulrich ist zweimal die Woche dort – viele Vereine melden sich – Leinsdorf über Realpolitik vs. schöne Ideen – Ulrich trifft sich mit Ideenbringer – genug Spinner darunter – Ulrich empfiehlt ihnen, einen Verein zu gründen –

Realpolitik heißt: Gerade das nicht tun, was man gerne möchte; dagegen kann man die Menschen gewinnen, indem man ihnen kleine Wünsche erfüllt (347)

Die einen sammeln Taschenmesser, die anderen begeistern sich für eine bestimmte Kurzschrift, der dritte mag Briefmarken. Egal was es ist, jeder meint, sein Interesse wäre das wichtigste und wäre zur Rettung der Welt notwendig. Schöner Text über Menschen und ihre über alles gehobenen Interessen.

80 – Man lernt General Stumm kennen, der überraschend auf dem Konzil erscheint (340-346)

Auf dem  „Konzil“ (= Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in Bezug auf das siebzigjährige Regierungsjubiläum seiner Majestät) taucht der General auf – Diotima wundert sich, denn sie hat ihn nicht eingeladen – wer dann? – der General hat sich übrigens auch über die Einladung gewundert – hat von seinem Chef den Auftrag zu beobachten und zu berichten – über Kunst liebende Offiziere – Stumm sammelt Taschenmesser, wissenschaftlich – macht auch Gedichte – war zwei Jahre auf der Generalstabsschule – ist eigentlich vom Militär nicht zu gebrauchen, kommt aber irgendwie unter – später ins Kriegsministerium –  Abteilung Bildungswesen – mag Frauen wie Pferde gleichermaßen wenig – dennoch verheiratet, zwei Kinder – idealisiert Diotima – begrüßt Ulrich

Es war ein Glück, wie es zivile Menschen nur bei einer Bahnfahrt ins Freie finden; man weiß nicht wie, aber man wird den Tag grün, glücklich und von irgend etwas überwölbt verbringen. (344)

Vorstellung des Generals, der nicht so sehr für das Militär geschaffen ist. Ist eine eher einfach Type, aber hartnäckig und zielstrebig.

79 – Soliman liebt (335-340)

Solimann überzeugt Rachel, Arnheim hätte eine Verschwörung vor – also lauschen sie beide gerne und ausführlich – versucht sie auf alle möglichen Tricks anzumachen – sucht Körperkontakt – stobert durchs Haus, weil er nicht gerne bedienen hilft- erschreckt dann Rachel – Solimann bringt Rachel immer kleine Geschenke mit – meist Gestohlenes – sie kommt ihm auf die Schliche, als er ihr Hemdknöpfe, die er als Edelsteine verkaufen will, schenkt – will sie nicht nehmen – sie kämpfen darum – er beißt sie – wirft sich auf die Knie und weint

Sie [Rachel] hatte ihre Lebensweisheit im Elternhaus empfangen, und das war eine strenge Weisheit, so schön und einfach wie alter Hausrat, aber man konnte nicht viel damit anfangen, denn bei solchen Sprüchen kam immer nur ein Satz und dann gleich der Schlußpunkt. (339)

Soliman voll in der Pubertät. Nach wie vor unerfahren – bis auf das „Laster der europäischen Knaben“ – und, was Rachel betrifft, ungeschickt. Versucht sie zu beeindrucken und übertreibt. Macht ihr Geschenke und übertreibt. Rachel, wenn ich es richtige sehe, eine Art kleine Diotima, wächst, wie ihre Herrin, ebenfalls über sich hinaus und bezieht Position, lässt sich nicht mehr alles vor machen. Auch hier eine emanzipatorische Entwicklung. Gerade am Ende deutlich: Er weiß sich nicht anders zu helfen als wie ein kleines Kind zu beißen, sie kann darüber stehen – auch wenn es weh tut.

78 – Verwandlungen Diotimas (328-335)

Diotima fühlt sich – spürt, dass etwas mit ihr vorgeht, kann es aber nicht benennen – hat neue Horizonte – hat nach wie vor ein Auge auf Arnheim geworfen – Arnheim nach wie vor der Mittepunkt – für Diotima ein neuer Typus Mensch – Diotima fühlt sich wie ein „Turmzimmer mit vielen Fenstern“ – über Idealismus – sie lebt deutlich durch die Parallelaktion bzw. Arnheim bzw. neuer Selbstsicherheit auf – schlägt sich auch in ihrer neuen, „mondänen“ Unterwäsche nieder – Tuzzi merkt, dass er langsam der Gatte einer bedeutender Frau wird (was ihm wie eine „Entmannung“ gleichkommt) – Schreiben ist eine besondere Form des Schwätzens (so Tuzzi)

Unerwarteterweise hatte hatte das zur Folge, daß Diotimas Seele, vorübergehend ohne Aufsicht der höheren Kräfte, sich wie ein ausgelassener Schuljunge benahm, der so lange umhertollt, bis ihn die Traurigkeit seiner sinnlosen Freiheit befällt, und durch diesen merkwürdigen Umstand trat in ihren Beziehungen zu ihrem Gatten, trotz zunehmender Abwendung für kurze Zeit etwas ein, was, wenn nicht einem Spätliebesfrühling, so doch einer Mischung aus allen Jahreszeiten der Liebe befremdlich ähnlich sah. (332f)

Wer ist eigentlich die Hauptfigur in diesem Roman. Ulrich oder doch eher Diotima? Was in der Zusammenfassung leider nicht rüberkommen kann, ist diese feine, innere Entwicklung von Diotima, die sie selber wohl noch nicht ganz begreift, aber merkt, dass etwas in ihr vorgeht. Heute heißt das einfach Emanzipation. Sie beginnt zu ihrem Ich zu stehen, hört auf, Gattin zu sein und darin ihre Lebenserfüllung zu sehen. Aber es wird noch eine Zeit dauernd, bis ihr das vollkommen bewußt wird, schätze ich, und dann bleibt auch noch offen, was sie daraus macht. Ein kleines Meisterstück Musils, auch, wie er auf Seite 334 ganz allmählich die Perspektive wechselt und man plötzlich von der Rolle Diotimas in die ihres Mannes schlüpft.

77 – Arnheim als Freund der Journalisten (325-328)

Zum Konzil (= Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in Bezug auf das siebzigjährige Regierungsjubiläum seiner Majestät) werden, auf Arnheims Rat, hin und wieder Journalisten zugelassen – Vermutung, Platon würde Zeitungen und deren Redaktionen lieben – wann wird man für eine Zeitung interessant – Arnheim für die Presse ein gefundenes Fressen

Er [Arnheim] hatte den Journalisten, die ihn über das Konzil befragten, geantwortet, daß schon die Tatsache dieser Zusammenkunft ihre tiefe Notwendigkeit beweise, denn in der Weltgeschichte geschehe nichts Unvernünftiges, und damit hatte er so ausgezeichnet ihre Berufsstimmung getroffen, daß dieser Ausspruch in mehreren Zeitungen wiedergegeben wurde. (327)

Würde man die Begriffe „Zeitung“, „Magazin“ u.ä. durch „Medien“ ersetzen, dann funktioniert dieser süffisante Text heute noch uneingeschränkt. Harte Breitseite gegen die Medien, die sich selber wichtiger nehmen als die wirklichen Themen und nach Sensationen aus sind, statt nach Erklärung und Erläuterung.

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