Durch die Zeit

Kategorie: Der Mann ohne Eigenschaften

25 – Leiden einer verheirateten Seele (103-107)

Wo ist ihre Seele hin und was ist das – die Zivilisation ist schuld, dass man keinen Zugang mehr zur Seele hat – auch ihre Liebesfähigkeit hat gelitten – Tuzzi ist Verstandesmensch, das kommt ihr nicht zugute – Tuzzi gut organisiert bzw. zwanghaft – Liebe nur eine Tätigkeit unter vielen – Sex nach Zeitplan – fühlt sich gezwungen – Tuzzi weiß, das ihr Salon ihm hilft – wird von ihm nicht wirklich ernst genommen in ihren Bestrebungen – sie will Tuzzi beweißen, dass der Salon kein Spielzeug ist – da kommt die Parallelaktion gerade recht – eigentlich hasst sieh ihn, aber da sie das nicht kennen darf, ist / wird sie schwermütig – und dann kommt Arnheim

Sie liebte ihren Gatten, aber es mengte sich ein wachsendes Maß an Abscheu darein, ja eine fürchterliche Beleidigung der Seele, die man schließlich nur den Empfindungen vergleichen konnte, die der in seine großen Unternehmungen vertiefte Archimedes gehabt haben würde, wenn ihn der fremde Soldat nicht erschlagen, sonder ihm ein sexuelles Ansinnen gestellt hätte. (105)

Diotima ist unglücklich. Die Ehe ist eher ein Zweckbündnis. Aber noch hat sie nicht aufgegeben, sie will es nicht nur Tuzzi sondern auch sich beweisen. Eine Art Emanzipation.

24 – Besitz und Bildung; Diotimas Freundschaft mit Graf Leinsdorf und das Amt, berühmte Gäste in Einheit mit der Seele zu bringen (98-103)

Diotima ist die Busenfreundin von Graf Leinsdorf – er verehrt sie – sein Wohlwollen macht ihren Salon bekannt – ist Patriot und Kapitalist – macht etwas auf Fähnchen im Wind – beschreibt sich als ein „leidenschaftlicher ziviler Idealist “ – in ihrem Salon gehen hochangesehen Leute ein und aus – gute Gastgeberin – Problematiken eines Salons – von der Unfähigkeit „zu einem einfachen, aber gehobenen Beisammensein der Menschen

Seit ihr Ehrgeiz durch Erweiterung zu Geist geworden war, hatte sie dieses Wort [Kultur] immer häufiger gebrauchen gelernt. (101)

Diotima hat mit ihrem Salon ein Grundproblem: Es ist äußerst schwierig, die Menschen zu einer echten Unterhaltung zu bekommen. Denn – und das hat sich ja nicht geändert – die meisten hören sich halt immer selber gern reden, so dass ein Dialog nicht aufkommen will. Andererseits wird die Realität immer komplexer, so dass ‚einfache‘ Gespräche kaum noch möglich sind, wenn sie Inhalt haben sollen. Sie ist mit den meisten Themen zumindest leicht überfordert, während ihr Mann das gut handeln kann. Das führt zu einer Entfremdung.

21 – Die wahre Erfindung der Parallelaktion durch Graf Leinsdorf (87-91)

Die Feierlichkeiten zum Thronjubiläum werden „Parallelaktion“ genannt – treibende Kraft ist Graf Leinsdorf – erste Schlagwörter für die Feierlichkeiten sind: „Friedenskaiser, europäischer Markstein, wahres Österreich und Besitz und Bildung – Leinsdorf ist der Erfinder der Parallelaktion – ist Patriot – und reich – zu tiefst bürgerlich, meint aber, allem aufgeschlossen zu sein – ist ca. 60 – mit Anlage zum „Blähhals“

Hier ging die Existenz der Leinsdorfs kunstbücherlich beglaubigt in den Weltgeist über. (91)

Vorstellung von Graf Leinsdorf, der ein in sich ruhender, konservativer, ausgleichender Typ zu sein scheint. Ecken und Kanten sind auf den ersten Blick nicht zu finden. Richtig reich scheint er aber auch nicht ganz doof zu sein.

Zweiter Teil – Seinesgleichen geschieht – 20 – Berührung der Wirklichkeit – Ungeachtet des Fehlens von Eigenschaften benimmt sich Ulrich tatkräftig und feurig (83-86)

Ulrich ist auf Graf Stallburg neugierig und geht hin – ist von der Hofburg beeindruckt – Stallburg ist quasi eine schlechte Kopie des Kaisers selbst – Ulrich verwendet sich spontan für Moosbrugger – was peinlich rüber kommt – der Graf verfasst ein positives „Einführungsschreiben“ an die Hauptperson der großen vaterländischen Aktion – Ulrich fühlt sich überrumpelt

Ulrich war durch seine Entgleisung einen Augenblick geistesungegenwärtig geworden, aber merkwürdigerweise hatte dieser Fehler auf Exzellenz keinen schlechten Eindruck gemacht. (86)

Zuerst überrumpelt ihn der Vater, jetzt auch noch Graf Stallburg, der ihm wohlwollend entgegentritt. Zwar versucht Ulrich mit seiner Bitte in den Moosbrugger-Prozess einzugreifen, das Heft in die Hand zu nehmen, scheitert aber. Er kann sich gerade nicht durchsetzen. Auch wenn er durchschaut, dass nicht alles Gold ist was glänzt, lässt es gerade mit sich geschehen.

19 – Briefliche Ermahnung und Gelegenheit, Eigenschaften zu erwerben – Konkurrenz zweier Thronbesteigungen (77-79)

Brief des Vaters – macht sich um dessen Zukunft Sorgen – hat deswegen Kontakt zu Grafen Stallburg aufgenommen – der wird Ulrich empfangen – Ulrich soll eine bestimmte Bitte vortragen – in Deutschland soll 1918 Feier zum 30-jährigen Regierungsjubiläums Wilhlem II – im gleichen Jahr aber die 70-jährige Thronbesteigung des österreichischen Kaisers – daher eine Aktion in Wien, um nicht gegenüber den Deutschen blöd dazustehen, die begonnen haben eine Feier zu organisieren – es soll in Kakanien / Österreich dann gleich ein Friedensjahr werden – Stallburg wird es Ulrich dann genauer erklären – Ulrich soll zudem die Beziehung zur Familie des Sektionschefs Tuzzi aufbauen – dessen Gattin ist eine Kusine von ihm – auch das ist schon terminiert

Ich habe auch in diesem Sinne an meinen langjährigen wahren Freund und Schützer, den ehemaligen Präsidenten der Rechnungskammer und jetzigen Vorsitzenden der Allerhöchsten Familiengerichtspartikularität beim Hofmarschallamt, Exzellenz Graf Stallburg, geschrieben und ihn gebeten, Deine Bitte, die Du ihm demnächst vortragen wirst, wohlwollend entgegenzunehmen. (78)

Geschwurbelter Brief des betagten Vaters, der keinen Zweifel daran lässt, was Ulrich nun zu tun hat. Die Termine sind vereinbart und möchte Ulrich nicht, dass der Vater das Gesicht verliert, hat er zu erscheinen.

18 – Moosbrugger (67-76)

Moosbrugger war ein Zimmermann – 34 Jahre – gütiges Gesicht – hat eine „Prostituierte niedersten Ranges, in grauenerregender Weise getötet“ – jetzt in Haft und vor Gericht – Aufzählung der Wunden – hat schon ähnliche Verbrechen begangen und war deswegen in verschiedenen „Irrenhäusern“ – Ulrich will ihn persönlich kennen lernen – Moosbrugger behauptet, nicht geisteskrank zu sein, auch wenn er Stimmen hört – führte ein ärmliches Leben – viele Vorstrafen – behauptet, kein Lustmörder zu sein, weil Abneigung gegen Frauen verspürt – sieht die Tötung als Möglichkeit, dass das Schreien der Frauen endet – Straftaten aus „notwendiger Gerechtigkeit“ – ist nicht uneitel – die Psychiater sind seine Feinde – leugnet seine Taten nicht – es sind Unglücksfälle – Schilderung Tathergang – macht es dem Verteidiger in der Verhandlung nicht leicht – Verteidigung plädiert auf Totschlag – Ulrich ist bei der letzten Verhandlung teil – Gutachten hält Moosbrugger für verantwortlich – Todesurteil

Die Wahrscheinlichkeit, etwas Ungewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren, ist weit größer als die, es zu erleben; mit anderen Worten, im Abstrakten ereignet sich heute das Wesentlichere, und das Belanglosere im Wirklichen. (69)

Diese neun Seiten sind echt feinste Literatur. Denn was für das Gericht ein Mord ist, ist für Moosbrugger eine Notwendigkeit. Und das er verurteilt wird liegt nur daran, dass eine andere Gesetzmäßigkeit die Herrschaft hat und nicht die, nach der er handelt bzw. handeln muss. Für Moosbrugger ist die Welt verrückt, nicht umgekehrt. Eindrücklich schildert Musil hier beide Seiten. Es ist wie ein Schwanken und es gibt Momente, in denen man denkt, dass das Gericht schlichtweg falsch liegt. Wer etwas Zeit hat … die Seiten bleiben im Gedächtnis.

17 – Wirkung eines Mannes ohne Eigenschaften auf einen Mann mit Eigenschafen (60-67)

Walter etwas eifersüchtig auf des Gespräch von Ulrich mit Clarisse – ist empfindsam – niemals gleichgültig – übt Anziehung auf andere aus – gibt den anderen das Gefühl, wichtig zu sein – hatte Erfolge – zu Hause wie gelähmt – Aussichtslosigkeit in allen Entscheidungen – ist furchtsam – hält Europa für rettungslos entartet – gesunder Pessimismus, an den man sich halten kann – nicht er ist arbeitsunfähig, sondern die Zeit ist unfähig und ungesund – fühlt sich von Clarisse nicht ganz verstanden – meint, Ulrich hätte einen schlechten Einfluss auf Clarisse – nennt Ulrich „Ulo“ – Macht Ulrich schlecht – nennt Ulrich einen Mann ohne Eigenschaften – was eben nichts ist – Paradox: Ulrich hat Walters Meinung nach viele Eigenschaften, aber dann doch nicht – Nichts ist für ihn fest – Ulrich ein aufgelöstes Wesen – Gefällt Clarisse – Walter hält Ulrich für eine Gefahr für Clarisse, da Ulrich (alles) zergliedert

„Willst du Bier?“ – „Ja? Warum nicht? Ich trinke doch immer eins.“
„Aber ich habe keins im Haus!“
„Schade, daß du mich gefragt hast“ seufzte Walter. „Ich hätte vielleicht gar nicht daran gedacht.“ (63)

Die Komplexität nimmt zu. Walter ist auf Ulrich eifersüchtig und nicht nur deswegen, weil dieser ihm körperlich überlegen ist und überlegen war. Walter ist, so wie es derzeit scheinen, eher der ganzheitliche Typ, der seine Ideale eher im Konservativen findet. Ulrich ist dagegen eine Gefahr, da dieser zergliedert, Gründe und Begründungen sucht aber eben nie eine letzte findet. Das könnte ggf. eben Clarisse gefallen. Clarisse lässt sich jedenfalls nicht bevormunden, findet Gefallen an der Denkweise Ulrichs. Walter und Clarisse sind so ein Paar, bei dem man sich fragt, was sie eigentlich zusammenhält, denn bisher gibt es keine Gemeinsamkeiten. Selbst in der Musik haben sie nicht den gleichen Geschmack.

16 – Eine geheimnisvolle Zeitkrankheit (56-60)

Sonderbarkeiten der Jugendfreundschaften – lesen Nietzsche, Altenberg, Dostojewskij – Überhebung der Jugend – allgemeines Ablaufen beim Beginn der Mannesjahre – was ist Mann-sein – Verschiebung der Verhältnisse gegenüber früher – ein wenig zu viel Schlechtes im Guten – ist die Welt schlechter geworden oder man selber älter – von der Dummheit in der Welt – Beschäftigung mit Thomas von Aquin – was wäre, wenn der das Leben jetzt erleben würde – Man kann seiner eigenen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen

Denn wenn die Dummheit nicht von innen dem Talent zum Verwechseln ähnlich sehen würde, wenn sie außen nicht als Fortschritt, Genie, Hoffnung, Verbesserung erscheinen könnte, würde wohl niemand dumm sein wollen, und es würde keine Dummheit geben. (58)

Die Welt ändert sich eben. Auch Ulrich muss das mitmachen. Selbst dann, wenn die Entwicklungen eigenartig sind und nicht so von statten laufen, wie man sie selber gerne hätte. Jede Zeit hat ihre Auswüchse oder Krankheit – wofür sie ggf. gut war, zeigt sich eh erst Generationen später.

15 – Geistiger Umsturz (54-56)

Reflexionen über die Vergangenheit – Erwachen in Europa kurz vor der Jahrhundertwende – es wurde der Übermensch geliebt und der Untermensch – man war gläubig und skeptisch zu gleich – kurz: alles ist möglich – Walter und Ulrich haben als Jugendliche noch was vom Umbruch mitbekommen

Es kann deshalb nützen, sich auch daran erinnern zu lassen, daß in schlechten Zeiten die schrecklichsten Häuser und Gedichte nach genau ebenso schönen Grundsätzen gemacht werden wie in den besten; daß alle Leute, die daran beteiligt sind, die Erfolge eines vorangegangenen guten Abschnitts zerstören, das Gefühl haben, so zu verbessern; und daß sich die blutlosen jungen Leute einer solchen Zeit auf ihr junges Blut genau so viel einbilden wie die neuen Leuten in allen anderen Zeiten. (54f)

Kurz: früher war alles besser, früher war alles schlechter. Wichtig wohl hier: Walter und Ulrich haben schon mal einen Aufbruch geschnuppert.

14 – Jugendfreunde (47-54)

Die Jugendfreunde heißen Walter und Clarisse – hat sie lange nicht gesehen – spielen beide Klavier – Ulrich kann das Klavier nicht leiden – die beiden Freunde haben kaum Geheimnisse vor Ulrich – Walter und Clarisse sind verheiratet – Clarisse und Ulrich gehen spazieren – Clarisse ist nun 25 und seit drei Jahren verheiratet – bekam zur Hochzeit von Ulrich Nietzsches Werke – sie verweigert sich Walter, wenn der Wagner spielt (und der spielt Wagner) – Gespräch über Walter – Walter ist 34 – in einem Kunstamt angestellt – Walter ist eigentlich Maler – war aber auch schon Dichter gewesen und Theaterkapellmeister, Zeichnlehrer, Einsiedler … – seine Begabung, als Begabung zu gelten – Außenumstände für ihn nun perfekt – nun aber ohne Ideen – Clarisse hasst Wagner – kommt aus Künstlerhaushalt – fühlt sich zum „Mager-Strengen“ hingezogen – sie ist nicht so begabt wie er – hat Musik studiert – malt – Clarisse hält von Ulrich weniger als Walter, obwohl er besser Tennis spielen konnte –

Aber sie [Clarisse] wollte die Gefährtin eines großen Menschen sein und rang mit dem Schicksal. (53)

Das, was Ulrich weitgehend abgeht, das Künstlerische, also in den beiden Freunden. Da aber in gewisser Weise nun aufgeteilt in das schwelgend-pompöse Wagnerianische (Walter) und die „magere“ Abstraktheit der „antonalen neuen Tondichtung“ (Clarisse). Clarisse ist anscheinend die ehre Strebende, wenn auch nicht mit dem Talent gesegnet. Walter der Talentierte, der sich aber nicht ‚vollendet‘ bzw. nicht ‚vollenden‘ kann. Abwarten, da ist noch im wahrsten Sinne des Wortes viel Musik drin.

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