Durch die Zeit

Kategorie: Der Mann ohne Eigenschaften

29 – Professor Hagauer greift zur Feder (945-953)

Hagauer realisert erst mit der Zeit, dass Agathe nicht mehr da ist – willigt erstmal nicht in die Scheidung ein – schreibt Agathe einen Brief

Es ist bekannt, daß ein männliches Wesen, solange es noch zeugungsfähig ist, kurze Pausen der Ehe ähnlich empfindet, wie wenn ein leichtes Joch von ihm abgenommen würde, auch wenn es gar keine bösen Ausführungen damit verbindet und nach Ablauf der Erholung erfrischt sein Glück wieder auf sich nimmt. (947)

Romanökonomisch macht man so etwas, wie Musil es hier tut, schon ewig nicht mehr. Selbst Thomas Mann hätte sich hier zurückgenommen. Denn wie es der Seitenfigur Hagauer (er)geht steht nicht gerade im Zentrum des Interesses. Aber dennoch zeichnet Musil ihn mit wenigen Strichen auf wenigen Seiten – und das muss ihm erstmal jemand nachmachen. Schreiben konnte er, wenn es auch mit der Ökonomie nicht wirklich dann geklappt hat.

28 – Zu viel Heiterkeit (935-945)

Agathe bewegt sich elegant in der Gesellschaft – sie leben sich in dem Haus zusammen ein – da keine Zofe, hilft Ulrich Agathe bei der großen Garderobe – sie kauft viel ein, belegt fast alle Räume – Ulrich sinniert über geschwisterliche Nähe – Frage nach der Rolle als Bruder bzw. als Mann – für Ulrich ist Liebe ein Ausnahmefall – beide suchen ihre Rollen zueinander

»Vielleicht macht es dir nur Spaß,« gab Agathe zur Antwort »Bruder und Schwester zu spielen, weil du vom Mann und Frau Spielen übergenug hast?!« (940)

Mal wieder so ein richtiges Musil-Kapitel, voller Anspielungen, Zwischentöne, Feinheiten und Ideen. Wirklich klasse gemacht, wie er die Unsicherheit von Ulrich umschreibt, wie er als Mann und Bruder zu Agathe stehen kann, darf oder soll. Agathe macht es ihm da auch nicht einfach, da sie, arg von sich überzeugt, nicht nur wörtlich, viel Raum einnimmt. Die Anspielungen auf das, was wir heute ‚freie Sexualität‘ nennen, dürfte schon leicht Skandal umwoben sein, denn dato fand ‚gesellschaftliche Sexualität‘ ja nur in der Ehe statt (sieht man, was großzügig getan wurde, vom Sex zwischen jungen Männern und Dienstmädchen ab). Echt guter Text zu gesellschaftlichen Geschlechterrollen.

27 – Agathe wird alsbald durch General Stumm für die Gesellschaft entdeckt (929-935)

Agathe wird in die Gesellschaft ‚eingeführt‘ – Ulrich geht davon aus, dass sie bald einen neuen Mann findet – General Stumm verliert die Fassung, als er Agathe das erste Mal sieht – ist echt von der Rolle – er befürchtet, dass Frau Professor Drangsal Diotima den Rang ablaufen könnte – Ulrich und Agathe gelten in der Gesellschaft als die „Siamesen“

Es liegt jetzt derzeit ein ganz entschiedenes Man-weiß-nicht-was in der Luft. (931)

Die Reaktion von Stumm kann als die Reaktion der Gesellschaft auf das Auftauchen von Agathe, die bis dahin nicht einmal namentlich bekannt ist, gewertet werden. Aufruhr, denn niemand weiß, was man von ihr zu halten hat und was sie vielleicht bewirken könnte. Störung des Systems sozusagen.

26 – Frühling im Gemüsegarten (909-929)

Clarisse im Gespräch mit Walter – man wartet immer noch auf die Genehmigung, Moosbrugger besuchen zu können – heiße Diskussion – reden aber aneinander vorbei – jede/r will überzeugen – sie mit Meingast ab in den Garten – Walter sucht Hilfe bei Agathes Bruder Siegmund – derweil Clarisse und Meingast das Thema ‚Wert‘ haben – dann ist Sex dran – Agathe stellt mal wieder die Sinnfrage – Meingast hat Probleme ihr zu folgen –

Nach deinem Blut ist natürlich Eigentlich immer Eigentlich nicht! (913)

Das wohl längste Kapitel bisher? Clarisse überfordert im Grunde alle. Keiner weiß sie richtig zu nehmen, was sie dann um so mehr antreibt, die anderen sie erst recht nicht verstehen … und so weiter. Walter hat eh keine Idee mehr, Meingast ist nun auch überfordert nur Siegmund stellt in den Raum, ob sie nicht, wie alle Frauen angeblich, „von dem gleichen Punkt aus zu kurieren“ sei. (Wer seinen Goethe nicht kennt, das ist Mephistopheles der Faust empfiehlt, Frauen einfach flach zu legen und Sex mit ihnen zu haben, dann würden sie schon parieren.) Aber da kennt er die Meinung Clarisse nicht, die Sex weitestgehend ablehnt, weil sie nicht als Lustobjekt gesehen werden will, wie sie, als missbrauchtes Kind, am eigenen Leib ja schon erfahren hat. Extrem verfahrene Situation also für die vier, dazu kommt noch die eigenen Unsicherheit, also genug Stoff für eine Sprengladung.

25 – Die Siamesischen Zwillinge (899-909)

Agathe und Ulrich im Gespräch, Thema: Eigenliebe – er kommt ins Erzählen und verzettelt sich – die Schwester ist auch Frau – Kindheitserinnerungen – über das Geschwister-sein – ‚Rollendefinitionen‘

Dieses Verlangen nach deinem Doppelgänger im anderen Geschlecht ist uralt. (905)

Mal wieder so ein toller Text, der sich nicht wirklich greifen lässt. Aber besten ist es wirklich mit ‚Rollendefinition‘ umschrieben und das in Hinsicht auf die Geschwisterlichkeit genauso wie auf die Geschlechtlichkeit. Beide sind da nicht nur Fragende sondern haben auch den Mut, vorherrschende Klischees zu hinterfragen oder erst gar nicht zu akzeptieren. Über die Definitionen finden sie näher zueinander.

24 – Agathe ist wirklich da (892-899)

Agathe ist bei Ulrich angekommen – erkundet das Haus – beide trinken Tee, sprechen über die Einrichtung – sie teilen sich die Zimmer auf – Ulrich freut sich irgendwie, dass seine Schwester da ist – beide fremdeln etwas – sie macht sich frisch und zeigt sich Ulrich nur in Wäsche

Wahrhaft schön finden kann man seine eigene Schwester nicht, es kann höchstens schmeicheln, daß sie anderen gefällt. (897)

Das Experiment beginnt. Beide sind auf das Zusammenleben neugierig, ist es für beide ja eine Neuheit. Andererseits wissen sie nicht so recht und müssen, schon beginnend bei der Aufteilung der Zimmer, improvisieren. Großes Gedankenhinundher, als Agathe aus dem Bad kommen will und nicht weiß, was jetzt schicklich ist. „Sie konnten die natürliche Folgewidrigkeit, die an der See fast die Nacktheit gestattet, im Zimmer aber den Saumweg am Rand von Hemd oder Höschen zum Schmuggelpfad der Romantik macht, beide einen Augenblick lang nicht von sich abstreifen“ (898). Sie geht dann doch in Unterwäsche durch den Raum, in dem Ulrich ist und bittet ihn sogar später, ihr mit dem Kleid zu helfen. Er nimmt ihren schönen Körper wahr. Beide erleben eine andere Form von Geschwisternähe.

23 – Bonadea oder der Rückfall (878-892)

Man trifft sich wieder – sie auf alle Fälle selbstbewusster – jetzt mit Diotima etwas befreundet – über Diotima – die nach wie vor etwas verwirrt ist – beschäftigt sich dank Bonadea mit Sexualwissenschaft – Bonadea gibt Nachhilfe in Sachen Aufklärung und Sex – von der Minderwertigkeit der Frau – von der Minderwertigkeit des Mannes -Ulrich will für eine Zeit keine Frau mehr anders zu lieben, als wie eine Schwester

Du bist ein mißglücktes Sexualerlebnis, sagt deine Kusine. (880)

Ein wirklich großartiges Kapitel, denn die gereifte und emanzipiertere Bonadea nimmt kein Blatt vor den Mund und konfrontiert Ulrich mit ihrer eigenen Lust, macht klar, dass beide Geschlechter die gleichen Rechte haben. Ein für damalige Zeit sicher sehr modernes, wenn nichts sogar gewagtes Kapitel, da der Mann beim Sex nur noch ein Teil ist. Bonadea macht es sogar Spaß Ulrich darauf aufmerksam zu machen, dass Männer im Bett auch ‚versagen‘ können. Zudem ist sie Lehrerin für Diotima, die dank des offenen Austausches auch mehr / anderes von ihrem Mann verlangt. Am Ende des Kapitels zieht Ulrich quasi den Schwanz ein, in dem er jetzt erstmal keinen Sex mehr haben will und sich auf Geschwisterliebe zurück zieht.

22 – Von der Koniatowski’schen Kritik des Danielli’schen Satzes zum Sündenfall. Vom Sündenfall zum Gefühlsrätsel der Schwester (864-878)

Ulrich wieder auf der Straße – hat nach dem Gespräch mit Leinsdorf „Hunger nach Bürgerlichkeit“ – trifft die Astronomin Dr. Strastil – Geplauder – über Koniatowski, Keppler und Danielli – über das Wesen von Gefühlen – muss an seine Schwester denken – über Moral – folgt einfach so einer Frau – trifft Bonadea, die keine Zeit hat

Moral ist Zuordnung jedes Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand. (869)

War im vorigen Kapitel Agathe das Zentrum, so ist es in diesem Ulrich. Er bleibt sich treu und findet zu jedem Gedanke das Gegenteil.

21 – Wirf alles, was du hast, ins Feuer, bis zu den Schuhen (851-864)

Über Agathe

Obwohl sie für schlank galt, beobachtete sie an ihren Glieder angeregt eine Möglichkeit, daß  sie zu schwer werden könnten. (853)

Auch dieses Kapitel entzieht sich einer Zusammenfassung, denn hier geht es nur um den Charakter, die Natur von Agathe. Todessehnsüchtig ist sie jedenfalls und sieht im Suizid einen möglichen Weg. Aber das ist nur ein Moment ihres Charakters. Das muss ne Menge Arbeit gemacht haben, die Figur der Agathe in dieser Vielschichtigkeit zu zeichnen. Vor allem, wenn dann mal was steht, muss die Figur auch in der Folge danach handeln. Ist da eine Menge gesetzt, schränkt es den Autoren weitaus mehr ein, als hätte er sie nur in groben Zügen gezeichnet. Vielleicht auch ein Grund, warum Musil stecken geblieben ist?

20 – Graf Leinsdorf zweifelt am Besitz und Bildung (839-851)

Ulrich wieder bei Leinsdorf wegen der Erlaubnis für Clarisse – höflicher Small Talk – über die politische Lage in Triest – über Juden – über Mohammedaner – über die Finanz – über Bildung – über Pflicht

Der Mensch fürchtet nämlich den Teufel, der ihm ins Fleisch fährt, auch wenn er so tut, als bekämpfe er ihn, lange nicht so sehr wie die Erleuchtung, die ihm vom Geist kommt. (847)

Was für ein anstrengendes Kapitel. Leinsdorf hat Babbelwasser getrunken und textet Ulrich einfach nur zu (der auch gar nicht zu Wort kommt) – den Leser eben aber auch. Musil packt mal wieder ein Kapitel definitiv zu voll und erschlägt den Leser mit seinen Gedankenkonstrukten, Widersprüchen und Parallelen. Ist das der politischen Situation geschildert? Da fehlt mir definitiv Hintergrund.

19 – Vorwärts zu Moosbrugger (828-839)

Walter, Clarisse und Meingast zusammen – dazu der Bruder von Clarisse, Siegmund – der versucht eine Besuchserlaubnis für Clarisse bei Moosbrugger zu bekommen – man unterhält sich über dem Mann vor dem Fenster – Meingast zieht Parallelen zwischen Moosbrugger und Jesus – über Intellektualität – Ulrich wird telefonisch zur Runde gebeten – der kommt auch – er soll die Genehmigung für einen Besuch von Clarisse organisieren

Wir sind das Zeitalter der Stimmzettel. (832)

Walter geht es gar nicht gut, denn der weiß nicht so recht, ob da was zwischen Meingast und Clarisse läuft, außerdem will er nicht, dass sie zu Moosbrugger geht. Aber er hat bei ihr schlechte Karten, denn sie ist ein Dickkopf. Meingast dagegen schwallt ganz schön in der Gegend rum und meint, damit nicht nur geheimnisvoll rüberzukommen. Aber bei Ulrich und Siegmund hat er keine Chance. Ulrich befragt auch Siegmund, der Arzt ist, ob er seine Schwester noch für normal hält. Was ist schon normal? ist die Antwort.

18 – Schwierigkeiten eines Moralisten beim Schreiben eines Briefs (821-827)

Ulrich schreibt Agathe einen Brief – Überlegungen – darf sie das Testament fälschen?

…  „Tu!“ und „Tu nicht!“ … (823)

Genau darüber kann man sehr, sehr lange nachdenken und schreiben.

16 – Wiedersehen mit Diotimas diplomatischen Gatten (802-810)

Ulrich geht Diotima besuchen – wird von ihrem Mann, Sektionschef Tuzzi, aber vorher abgefangen – Geplauder – haben Männer Seelen?

Die Wahrheit schwimmt wie ein Fisch in einem unsichtbaren Prinzip; sobald man sie herausgreift, ist sie tot. (804)

Es ist schon viel, zuviel?, was Musil in solchen Kapiteln wie diesen will. Denn die Seelen-Frage ist andeutungsweise schon in die Frage nach dem männlichen und weiblichen Wesen zu übersetzen, eine für damalige Zeit neue Diskussion wenn man die These betrat, dass es da keine Unterschiede gibt. Davon ausgehend versucht Musil das Thema auch auf die europäische Ebene zu heben – und übernimmt sich meiner Meinung nach. Sehr sperriges Kapitel voller Andeutungen.

15 – Das Testament (792-802)

Rückblende – Ulrich erinnert sich an den Abreisetag – letztes gemeinsames Abendessen – Agathe will das Testament des Vaters ändern, damit ihr Ex so wenig wie möglich bekommen kann – Diskussion – was darf man, was nicht – über Moral – Verabredung, dass Agathe wenige Tage später zu ihm kommt

Es schwebte eine Gerechtigkeit mit Flammen statt mit Logik um sie. (798)

Hier die uralte (und immer noch offene) Diskussion, was man unter bestimmten Umständen vielleicht doch darf – oder eben doch nicht. Auch Musil kann das nur ‚durchspielen.

14 – Neues bei Walter und Clarisse. Ein Schausteller und seine Zuschauer (780-792)

Ulrich bei den Freunden – die haben Meingast (den verehrten Schriftsteller) für einige Zeit bei sich aufgenommen – sie schwärmen Ulrich eins vor – Ulrich zweifelt an diesem „Zarathustra“ – alle beobachten vom Zimmer aus einen fremden Mann draußen – ein Exhibitionist (wenn ich das richtig zwischen den Zeilen lese), der dann aber gestört wird und abzieht – Walter ist nicht ganz klar, wie Clarisse zu Meingast steht – ist argwöhnisch – der Exhibitionist findet dann doch noch ein Opfer, was schreiend wegrennt –

Besonders schöne Männerköpfe sind gewöhnlich dumm. (783)

Komisches Kapitel, steig ich nicht wirklich durch. Es ergeht sich in vielen Andeutungen und wenn ich als Aushilfsaugure einigermaßen richtig liege, geht es hier um Grenzüberschreitungen, die aber, wie das Beispiel des Exhibitionisten zeigt, irgendwie zweideutig ist. In seiner einfachen Form zeigt ein Exhibitionist (sind das eigentlich immer und ausschließlich Männer?*) halt unaufgefordert seinen Schwanz. OK, muss man nicht unbedingt mögen, aber gefährlich ist das nun auch wieder nicht – aber eben verboten. Aber scheinbar geht es hier um die Frage, wann Grenzen überschritten werden müssen, also ist diesem windigen Propheten Meingast nun doch zu glauben, der sich früher mal versucht an Clarisse zu vergehen. Und ist wiederum dieses Vergehen nicht vielleicht auch nur … Kurz beschrieben also: Grenzauslotungen.

* Es gibt auch weibliche Exhibitionistinnen – aber die gehen, weil es kein entsprechendes Gesetzt gibt, straffrei (!) aus, denn §183 StGB („Exhibitionistische Handlungen“ spricht ausdrücklich nur von Männer. Strafandrohung geht immerhin bis zu einem Jahr Haft.)

13 – Ulrich kehrt zurück und wird durch den General von allem unterrichtet, was er versäumt hat (771-780)

Ulrich ist zurück – es ist viel Post gekommen – liest aber nicht alles – General Stumm lässt anrufen – und kommt sofort vorbei – sie duzen sich (ist mir was entgangen?) – es gibt Schnaps und Kommisbrot zum Frühstück – es sind Verhandlungen zwischen Arnheim und Stumm im Gange – politisch hoch brisant, daher unter Geheimhaltung – in der Parallelaktion hat mit die Parole der Tat ausgegeben – Diotima und Arnheim scheinen sich etwas überworfen zu haben

… und verständnislos blickte Ulrich auf den Abdruck einer vergangenen Stunde … (771)

Alles ging in Ulrichs Abwesenheit seinen gewohnten Gang. Ulrich hat aber nicht  mehr so richtig Lust auf den gewohnten Gang und will aus der Aktion aussteigen. Stumm ist komplett dagegen. Er braucht ihn als ‚Spion‘.

12 – Heilige Gespräche. Wechselvoller Fortgang (753-771)

Metaphysische Gespräche – Agathe war vor Hagauer schon mal verheiratet, aber schnell Witwe geworden – sie bestraft sich mit Hagauer – viele Erinnerungen an den ersten Mann – über das Wesen der Liebe und des Verliebtseins – über den Glauben

Eine vernünftige Askese besteht in der Abneigung gegen das Essen bei ständig gut unterhaltener Ernährung! (759)

Dieses Kapitel mutet so an, als hätte Musil mit einem neuen Roman begonnen, in dem Ulrich zwar auch vorkommt, dessen Protagonisten aber Agathe ist. Ein Kapitel dass sich diesem Lektüreprojekt entzieht und ich befürchte, dass wird immer mehr werden. Hier gibt es so gut wie keine Handlung, die man nacherzählen könnte, sondern ein reger Gedankenaustausch, der aber wiederum so komplex ist, dass eine Zusammenfassung Stunden brauchen würde, bis sie auf dem Papier wäre – mir zuviel Arbeit. Musil versucht – gerade am Ende des Kapitels, wo Ulrich quasi sein Glaubensbekenntnis ablegt – eine Vereinigung zwischen Mystik und Vernunft hinzubekommen, genau die beiden Pole zu vereinen, zwischen denen Ulrich (und seine Zeit) hin- und hergerissen ist. Die äußerte Kurzfassung ist dann das „Ich glaube also und glaube nicht!“ (770) von Ulrich.

11 – Heilige Gespräche. Beginn (746-752)

Unterhalten sich viel über Moral – über Bös- / Gutsein – Agathe möchte wissen, was Ulrich da so liest

Ich bin nicht fromm; ich sehe mir den heiligen Weg mit der Frage an, ob man wohl auch mit einem Kraftwagen auf ihm fahren könnte. (751)

Über die Moral und wie man über die Moral kommt. Frage nach Grenzen der Moral und wie dynamisch Moral ist. Moral als etwas allgemeines oder situatives? Die Geschwister beginnen ich füreinander immer mehr zu interessieren, nehmen Körperkontakt auf.

10 – Weiterer Verlauf des Ausflugs auf die Schwedenschanze – Die Moral des nächsten Schrittes (733-745)

Über Verbrecher und ihre Anlagen – Ulrich lag mal mit einer Schussverletzung in einem Spital – „In allem Minus ein Plus“ – über die Notwendigkeit – kehren in ein armes Bauernhaus ein, um sich zu wärmen – Agathe macht Ulrich Vorwürfe, sie nicht ausreichend zu beachten – über die Moral der Zeit – Agathe äußert den Wunsch, ihren Mann umzubringen

Nur ein Geisteskranker könnte es ich einbilden. Oder ein achtzehnjähriger Ästhet. 735

Andere Autoren hätten aus diesem Kapitel zwei, drei Romane gemacht. Und das wird langsam für Musil zum Problem, denn er hat so viele Gedankenstränge aufgemacht und spielt sich variationsreich immer wieder durch, so dass er langsam scheinbar den Überblick verliert und dann versucht, in einem Kapitel alles mal wieder auf einen Stand zu bringen. Moderne Lektoren hätten mehrfach „Motivation?“ an den Rand geschrieben, denn hier wird von einem Thema zum nächsten gesprungen. So langsam fühlt es sich immer mehr als ein Bergewerk an, aus dem man immer mal wieder einen Diamanten birgt, aber eben auch vieles, was gerade nicht gebraucht wird.

9 – Agathe, wenn sie nicht mit Ulrich sprechen kann (725-732)

Agathe fasste auf dem Bahnhof dem Beschluss, nicht mehr zu ihrem Mann zurück zu kehren – war in der Kindheit lange krank gewesen – angeblich verhext von einer Bettlerin – war ein folgsames Kind – glaubte aber nicht an da, was man ihr sagte – hat nichts für die Emanzipation übrig – macht mit Ulrich einen Ausflug – lässt sich nichts vormachen – ist belesen, aber Theorien abgeneigt – Erinnerung, wie ihr Mann Hagauer bei der Beerdigung war und wie sie ihn schnell wieder losbekommen hat

Ein Bach, der Fabriken treibt, verliert sein Gefälle. (729)

Eine etwas ausführlicherer Vorstellung Agathens. Eine selbstbewusste, selbstdenkende Frau mit eigenem Verstand (um nicht Dickkopf zu sagen), die sich nicht gerne unterordnen lässt, es aber als ihre Rolle ansieht. Dürfte für die ein oder andere Überraschung gut sein.

8 – Familie zu zweien (715-725)

Ulrich sinniert über Nähe zweier Menschen – Ulrich und Agathe treffen sich im Salon – Beschreibung Salon – beide kennen niemanden in der Stadt – Ulrich arbeitet wieder etwas an der Mathematik – Agathe ist übrigens 27 – über Schicksal – Schicksal uns Statistik – Agathe will leben

In späteren, besser unterrichteten Zeiten wird das Wort Schicksal wahrscheinlich einen statistischen Inhalt gewinnen. (720)

Mal wieder so ein schwierige Kapitel, im dem Ulrich und Agathe ihren Gedanken nachhängen und so durch die Gegend irrlichtern. Beide sind auf sich bezogen, weil sie niemanden kennen. Sie fühlen sich zwar nahe, gehen sich aber aus Respekt aus dem Weg.

7 – Ein Brief von Clarisse trifft ein (711-715)

Mein Liebling – mein Feigling – mein Ling! (711)

Ich habe eine Bekannte. Wenn Dir mir schreibt (Mail, Whatupp, sms, Brief, Karte) dann habe ich immer nur eine flüchtige Ahnung von dem, was ich da lese. Ich lese da Worte, kann auch Satzkonstruktionen erkennen, Absätze … aber Inhalt? Ich kapier das einfach nicht, denn da werden Worte zergliedert oder x-mal variiert, dann Assoziationen eingesprenkselt … das lässt sich nicht beschreiben. Und so ist der Brief von Clarisse auch. Selber lesen, sind ja nur vier Seiten.

MoE 3 | Zweites Buch | Dritter Teil | Kapitel 1-9

6 – Der alte Herr bekommt endlich Ruhe (708-711)

Letzte Begräbnisvorbereitungen – Begräbnis

… dahinter schritt Agathe von schwarzen Frauen eingesäumt und den Punkt bezeichnend, wo zwischen den Spitzen der Behörden das zugemessene private Leid seinen Platz hat. (708)

Tja, Begräbnisse waren mal streng ritualisiert. Eher ein historische Zeitzeugnis mit ironischem Unterton.

5 – Sie tun Unrecht (701-707)

Die Geschwister tauschen Kindheitserinnerungen aus – sie lästert etwas über ihren Mann – sie tauschen die Orden nach dem Willen des Vaters aus – beschließen auf einen Zettel eine Erinnerung zu schreiben und sie mit in den Sarg zu geben

Feige sterben oftmal vor ihrem Tod; / die Tapfern kosten niemals vom Tode außer einmal. (704)

Kurz heute: ein Kapitel was zeigen soll, dass sich die beiden Geschwister, auch wenn sie sich nur äußerst selten gesehen haben, sich doch näher sind, als sie selber denken.

4 – Ich hatt‘ einen Kameraden (694-700)

Ulrich trifft auf Agathe – verweist auf ein paar Bestimmungen im Testament bezüglich der Beerdigung – u.a. der Vater möchte mit einer Auswahl seiner Orden begraben werden – Freund und Konkurrent Professor Schwung kommt zum Trauerbesuch

Viele Menschen, die seit ihrem siebzehnten Jahr kein Gedicht mehr gemacht haben, verfassen plötzlich eines im siebenundsiebzigsten Jahr, wenn sie ihr Testament schreiben. (699)

Man könnte es auch eine Schreibübung nennen. Alles gut und OK, aber es funkt einfach nicht wirklich. Der alte Konkurrent am Bett des toten Freundes, Erinnerungen und allgemeines über die Sterblichkeit.

3 – Morgen im Trauerhaus (686-694)

Ulrich wacht morgens erholt auf – nimmt seine wissenschaftliche Arbeit wieder auf – erinnert sich an Clarisse, wie sie ihn an der Stelle gestört hat – die Stille im Haus tut ihm gut – über Konkav- und Konvexempfinden – über männliches und weibliches Prinzip – Kindheitserinnerungen – es werden Leute gemeldet

… es musste schon geraume Zeit niemand gestorben sein, die Worte waren lange nicht benutzt und hungrig nach Anwendung gewesen. (693)

Die ‚besondere Stimmung‘ am ersten Morgen in einem Trauerhaus. Ulrich hängt seinen Gedanken hinter her und muss dann aber viele Dinge entscheiden. Trauerhäuser sind Orte der heftigen Betriebsamkeit – was meist zu sehr skurrilen Situationen führt, so auch hier, wenn der Leichenbestatter kommt.

2 – Vertrauen (676-686)

Hatte gar keine Migräne, war nur faul – auch sie ist vom Tod des Vaters nicht erschüttert – wird sich von ihrem Mann trennen – ist schon seit zwei Wochen da – versucht sich an ihren Mann zu erinnern – ein Grund für die Trennung ist nicht zu erkennen – Scheidungsmodalitäten – Hagauer kommt erst zum Begräbnis – sie will, dass er dann im Hotel übernachtet – es gab damals keinen Grund, Hagauer zu heiraten – über die Rolle der Geschlechter in Beziehungen (und das ist nicht gleichberechtigt) – Ulrich sucht nach Begründung der Trennung – sie argumentiert, man kann auch ohne Liebhaber durchbrennen – er gesteht es ihr zu

„Eigentlich ist alles das entsetzlich!“ sagte Agathe.

„Ja“ meinte Ulrich. „Und man weiß so wenig davon.“ (678)

Erstes Aufeinandertreffen der Geschwister. Man versteht sich überraschend gut, auch wenn Agathe mit ihren Themen etwas vorprescht und es scheinen will, als suche sie Bestätigung ihrer Entscheidung durch Ulrich. Der ist etwas zurückhaltend und entdeckt brüderliche Gefühle und Haltungen, ist sich aber in sich total unsicher. Beide reden viel über ihre Beziehung, wobei es Ulrich verdammt schwer fällt, ihre Entscheidung nachzuvollziehen. Vor allem, weil sie total konsequent, auf alles verzichtet und kein Kapital aus der Scheidung schlagen will, was damals eh nicht gegangen wäre, denn sie wäre ja schuldig geschieden worden. Der Tod des Vaters geht beide so gut wie nicht nahe, es ist halt passiert, wie so vieles an einem Tag.

Zweites Buch – Dritter Teil – Ins Tausendjährige Reich (Die Verbrecher) – 1 – Die vergessene Schwester (671-676)

Ulrich kommt in seiner Heimatstadt an – Bahnhofsszenerie – wird gleich seine Schwester Agathe treffen, mit der er kaum Kontakt hat – sie ist 27 (und Ulrich daher 32) – zum zweiten Mal verheiratet – mit Professor Hagauer – im Elternhaus angekommen – Agathe liegt mit Migräne im Bett – kommt in seinem Kinderzimmer unter, wo er sich „auf den Trümmern seiner Kindheit“ einrichtet – zieht sich um, und einen pyjamaartigen Hausanzug an – trifft auf Agathe, die was ähnliches an hat

Ulrich fühlte etwas „seelisch Stoffloses“, darin man sich so verlor, daß es die Neigung zu zügellosen Einbildungen erweckte. (672)

Wie es halt so ist, wenn man nach langer Zeit mal wieder ins Elternhaus zurückkehrt und auf die Familie trifft, mit der man sonst nichts zu tun hat. Vertraulich Fremd das alles. Ulrich leicht neugierig auf seine Schwester, mit der er seit Kindheit kaum Kontakt hatte.

123 – Die Umkehrung (654-665)

Clarisse tut so, als sei es normal, dass sie auf ihn warte – sie hat eine Depesche für ihn – die teil Tod des Vaters mit – sie gratuliert dazu – will mit ihm über Walters Kinderwunsch sprechen – sie will keins von Walter – sie will eins von Ulrich – geht ihn körperlich etwas an anfänglich – dann mit aller Gewalt – er lehnt kategorisch ab – sie lenkt ein und geht – Selbstzweifel – Abreise

Ich [Clarisse] werde Dich [Ulrich] ermorden, wenn Du nicht nachgibst. (661)

Clarisse nimmt auf die Situation nicht im Geringsten Rücksicht und bedrängt Ulrich mit ihrem Kinderwunsch massiv. Der geht aber nicht darauf ein, schon wohl aus Prinzip nicht. Versucht sie zu besänftigen und bittet sie dann höflich zu gehen. Das halbe Jahr der Auszeit ist vorbei und Ulrich hat das Gefühl, nichts erreicht zu haben.

122 – Heimweg (647-654)

Ulrich geht zu Fuß nach Hause – wird da Jobangebot Arnheims nicht annehmen – über die „perspektivische Verkürzung des Verstandes“ – trifft auf eine Prostituierte – gibt ihr Geld – geht aber weiter – denkt an Moosbrugger – es bricht aus ihm heraus: „All das muß entschieden werden“ – jemand ist bei ihm in der Wohnung – Clarisse

Und Ulrich fühlte, daß er nun endlich entweder für ein erreichbares Ziel wie jeder andere leben oder mit diesen „Unmöglichkeiten“ Ernst machen müsse … (653)

Nächtlicher Heimweg, Ulrich überfällt eine friedvolle Stimmung, aber er kommt auch in einen etwas absonderlichen Zustand, der ihm Erkenntnis vorgaukelt. Wie lange das wohl anhält?

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