Durch die Zeit

Kategorie: GT

GT (44)

Wir sind nur zu sechst, also kleiner Kreis. Ermöglicht für jeden etwas mehr Zeit. Wir sind alle recht lebendig unterwegs und schenken uns heute nichts. Interessanterweise bringt heute auch fast jede/r ein echtes Thema ein und hüpft nicht nur auf den eigenen Empfindlichkeiten rum. L. geht es so richtig mies, viele Tränen, viel Verzweiflung

GT (43)

Nichts wirklich Neues unterm dem gruppentherapeutischen Himmel – ausgenommen danach.

Derweil kauen wir an unseren Themen rum und kommen in lebhaften Austausch. Der Psychdoc heute auch sehr gesprächig und erklärend. Er bringt eine Zeichnung von F.K. Wächter mit. Darauf zu sehen ein fliegender, übermäßig dürrer Hahn, auf dem eine Fette Henne sitzt, und sich fliegen lässt. Text dazu: „Denk daran, dass ich Dich unter Schmerzen geboren habe.“ Kommt (noch) nicht bei allen an.

Kurz unterhalte ich mich noch mit S. auf der Straße, da kommt C. auf mich zu, sie wolle mir noch etwas sagen und – ja, wir wagen es! obwohl aus therapeutischen Gründen nicht gewollt, nahezu verboten: Wir gehen ein Stück des Heimweges gemeinsam. Premiere, die gut tut.

GT (42)

Man tagt ohne Mund-Nasen-Schutz, also bin ich wieder dabei.

Die Einstiegsrunde ist eher dröge. Ich weiß zu berichten, dass ich die letzten beiden Wochen wirklich viel an meinem Thema gearbeitet habe (auch dank E.), aber das ich aufpassen muss, mich nicht zu übernehmen. Positves gibt es dann auch noch von mir – die Stunde könnte also gleich enden.

Tut sie aber nicht.

J. wird Thema, der in zwei Wochen in die Akutklinik kann – »akut« heißt in dem Fall, er hat nur, dank Virus, fünf Wochen warten müssen. Der Therapeut fordert mich auf, zu einem bestimmten Komplex etwas zu sagen. Nach den ersten zwei Sätzen merke ich, mit welcher Intensität ich da spreche, welche gar nicht mal so schlechte Metaphern mir einfallen, wie eindrücklich ich schildern kann … und als ich fertig bin, will ich nur noch weinen und weiß gar nicht einmal warum.

Meine Wochenaufgabe.

GT (41)

Nach sieben Wochen Corona-Pause treffen wir uns wieder in einem anderen, größerem Raum. Mit Mundschutz. Total surreal, befremdlich und für mich stark beängstigend.

Ein Update wird ausgerufen und jede/r erzählt kurz, wie er / sie die letzten sieben Wochen überstanden hat – was lauter Überraschungen birgt. Kurz zusammengefasst. Einem Teil geht es durch die Lockdown wesentlich besser, geradezu gut, einem andern Teil, einem kleinerem, wesentlich schlechter, so dass jetzt bspw. bei J. Klinik ansteht und einem dritten geht es „gleich“, wozu ich mich zählen würde.

Im Nachhinein sind die Entwicklungen ‚konsequent‘, wenn auch nicht immer gut, denn so hat sich C. (gut) erst recht ins Schneckenhaus zurückziehen können, derweil A. (schlecht) mal was anderes tun musste, als mikroskopische Nabelschau zu betreiben.

Sehr interessant zu beobachten. Vor der Sitzung treffen wir uns alle – ohne Mundschutz – auf der Straße und führen lebhafte Gespräche; anch der Sitzung treffen wir uns alle – ohne Mundschutz – auf der Straße und führen lebhafte Gespräche. Das hat es noch nie gegeben.

Ob ich unter diesen Umständen weiter mache, weiß ich noch nicht, denn diese diffuse Angst derweil lässt mich unkonzentriert sein. Ich kann kaum richtig zuhören, schaue über 90 Minuten kaum jemanden an, erzähle selber nur Trallalla, entwickle Kopfschmerzen und fühle ich mich ausgesprochen unwohl.

 

GT (40)

Zweimal ist keinmal. Aber Zweimal gibt dennoch Hoffnung, dass es dreimal wird. Die zweite Stunde, in der der und die andere endlich mal die Hosen ein Stück tiefer hat fallen lassen. Kerne werden sichtbar. Es geht weniger um Empfindlichkeiten oder Auswirkungen, sondern mehr um das woher-kommt-das.

Zwei der anderen drei, die mit meinem Thema auch unterwegs sind, haben es heute zwar nicht angesprochen, waren aber weit über die Andeutung hinaus. Und in mir sehen sie gerade den Experten. Ich sage ‚gerne‘ was dazu, aber mir kommen derweil die Tränen. Realisiere ich langsam das Leid?

Heute ist was passiert. Ich glaube nicht mehr daran, dass ich gesunden werde, sondern dass ich ’nur‘ lernen kann, damit umzugehen. Der? / Ein? Schleier ist weg?

Es wird immer wichtiger, dass ich mit Menschen in Kontakt kommen, die es auch erlebt haben.

Seit Wochen habe ich auf den Schreibtisch eine Telefonnummer liegen für eine Selbsthilfegruppe.

GT (39)

So richtig viel kann ich mal wieder nicht mitnehmen, aber dafür war die Stunde herrlich dynamisch mit leicht chaotischen Zügen. Diesmal nicht nur dauernd Dialoge zwischen Psychodoc und einem Gruppenmitglied gefolgt von der schüchternen Frage eines anderesn aus der Gruppe, ob er oder sie auch noch was fragen dürfte – nein, heute ging es in die Vollen. Der Psychdoc ließ laufen und hat dann immer noch einen draufgesetzt – das kann er mit vollendeter Grazie und Zielsicherheit.

GT (38)

So gar keine Lust heute. Das Einzel für morgen musste ich auch noch absagen. Dafür nächste Woche frei. Und ich wußte, warum ich keine Lust hatte, denn als H. mit seinem Thema anfängt ist mir schon echt alles zu viel, zu schwer, zu mächtig. J. setzt dann noch eins drauf – ich hatte größte Lust, einfach zu gehen.

Blöderweise bin ich dann gleich dran. Ich hab‘ mir ja vorgenommen, nicht mehr so sehr über meine Empfindlichkeiten zu berichten sondern über die Dinge, an denen ich arbeite oder die mir im Zusammenhang mit dem Thema aufgefallen sind. Und so erzähle ich u.a. von der Szene gestern, als ich in einer Runde fast mit meinem Thema einfach so herausgekommen wäre, weil es da einen einfachen Anknüpfungspunkt gegeben hätte. Ich Nachhinein hatte ich mich dann auch etwas geärgert, es nicht getan zu haben. Der Psychdoc sieht es, wie ich, als positiv, ein weiterer Schritt zur Entabuisierung.

Auffallend, dass ich die Runde zum Lachen bringe. Scheinbar habe ich da eine kleine Gabe dafür, die mir erst in letzter Zeit bewußt wird. Zurück zum Klassen-Clown?

Wie geht es Euch damit? Wo eine Frage aufhört, fängt da auch immer gleich die nächste an?

GT (37)

So spannend das alles der anderen auch ist – immerhin darf man in ihre Abgründe schauen – ich kann gerade so überhaupt nicht an deren Themen andocken. Das hat alles nichts / nicht mehr mit mir zu tun, mein Thema ist ein anderes. Dafür brauche ich gerade noch etwas Input, dafür brauche ich Raum – und das bekomme ich gerade in der Gruppentherapie nicht. Und das sag‘ ich auch heute so.

Der Psychodoc klatscht sozusagen in die Hände, dass ich endlich mal wieder möppere und porovoziert auf seine elegante Art und Weise.

Also jetzt etwas Input – und ich werde dieser Tage dann wissen, ob es weiterführend war.

GT (36)

Beobachten bzw. etwas zu registrieren und daraus Rückschlüsse zu ziehen, ist ja eher die Stärke der Frauen. Ich versuche seit Jahren das zu üben – immerhin in der Therapiegruppe gelingt es mir zu registrieren, aber eben noch nicht immer, Schlüsse zu ziehen.

Heute saß L. mal wieder im Sessel und nicht wie in den letzten Wochen, wie wir alle, auf dem Stuhl. Also interpretierte ich, dass sie sich mal wieder in sich zurückgezogen hat und von ihr, wie dann immer wenn sie den Sessel wählt, nichts zu erwarten ist.

Doch dann hat sie eine Stunde lang die Runde gerockt und soviel geredet wie die ganze Zeit, seit ich dabei bin nicht – und alle fanden es gut, dass sie endlich mal aus sich herausgekommen ist. Auch der Psychodoc war überrascht und wollte dann von ihr wissen, warum sie den Sessel gewählt hätte. Der, so sie, hätte ihr Sicherheit gegeben und die hohe Rücklehne hätte ihr bei Gegenwind, den sie erwartet hat, den Rücken gestärkt. Gegenwind gab’s keinen.

Mir kamen die 90 Minuten irgendwie doppelt so lang vor. Musste mich auch anstrengen, zuzuhören. Mich interessiert es gerade nicht wirklich. Überhaupt interessieren mich die anderen gerade wenig. Ich glaub, ich muss erst mit meinem Thema durch sein, dass ich wieder auf machen kann.

GT (35)

Nach der Winterpause fremdeln wir überraschend wenig. Das war nach der Sommerpause noch deutlich anders. Ein Neuer ist da, er weckt Erinnerungen, leider nicht so richtig gute, schau ich mal. Sind sogar etwas ins arbeiten gekommen – aber wie immer viel zu wenig.

Satz des Tages vom Psychodoc: Der Schiffbrüchige bricht erst am Strand zusammen. Das hat J. wirklich gut getan und ich werde mir den Satz auch sicher merken.

Anton Weyrother

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