Durch die Zeit

Kategorie: Proust

Proust (329)

Bedingungen des Schreibens: »Wenn ich arbeitete, würde es nur nachts geschehen können« (7.520), was bei Proust verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus ja nicht verwundert. Wichtig ihm »nicht zu unterlasen, darin den Menschen nach dem Maß nicht seines Körpers, sondern seiner Jahre zu beschreiben« (7.424), denn für den Erzähler ist in einer Person die Zeit »inkarniert« (7.425). Es »schwindelt« (7.527) ihm etwas vor dieser Aufgabe … und dem Lesenden nach 5.164 Seiten auch etwas – aber aus Dankbarkeit.

Immerhin würde ich es zuallererst nicht unterlassen, wenn die Kraft mir lange genug erhalten bliebe, um mein Werk zu vollenden, darin die Menschen, auf die Gefahr hin, daß sie dann monströsen Wesen glichen, als Figuren darzustellen, die neben dem so beschränkten Platz, der ihnen im Raum reserviert ist, einen anderen, so beträchtlichen, im Gegensatz zum ersten maßlos in die Länge gezogenen Platz einnehmen, da sie ja, wie in die Tiefe der Jahre getauchte Riesen, gleichzeitig so weit voneinander entfernte Epochen berühren, die sie durchlebt haben und zwischen die sich so viele Tage geschoben haben – einen Platz in der Zeit.

Ende

Proust (328)

Entschluss und Wille zum Werk. Es ist nun an der Zeit. »Mein Hochgefühl war weder von Vorsicht geleitet noch von Beunruhigung getrübt« (7.510) – unser Erzähler hegt ausnahmsweise mal keine Zweifel. Das Einzige, was ihn umtreibt ist seine Gesundheit. Wird ihm nicht der Tod dazwischenkommen, das Werk ganz verhindern oder zu Teilen? Die Angst war berechtigt, denn als Proust 1922 starb waren erst zwei Drittel der Recherche publiziert. Der Rest lag zwar als Manuskript und teilweise auch als Typoskript vor, war aber vom schwerkranken Autor immer wieder umgearbeitet und gekürzt worden. Eine ›endgültige‹ Fassung existiert daher nicht.

Ich wußte sehr wohl, daß mein Gehirn ein reiches Erzbecken war, in dem es kostbare Vorkommen in unendlich weiter und mannigfacher Ausdehnung gab. Blieb mir denn aber auch Zeit, sie wirklich abzubauen? Ich war die einzige Person, die dazu imstande war. (7.511)

Proust (327)

Wenn auch schon länger tot, ist Robert de Saint-Loup, »der gewiß kein Kirchenlicht war« (7.497), auf den letzten 50 Seiten immer auch Thema. Berührende Hommage auf ihn. Marcel wird zum ersten Mal dessen Tochter vorgestellt. Ihm wird bewusst, wie eng sein Leben mit dem Roberts verbunden war. Theorie, dass man Lebe nicht in »eindimensionaler« sondern in »räumlicher Psychologie« (7.503) erzählen sollte. Weitere intrinsische Motivation zu schreiben – und, wohl nachträglich eingefügt, Ausblicke auf seine chaotische Arbeitsweise, die zuerst die Verleger und dann die Setzer in den ›wohlverdienten Wahnsinn‹ trieb.

Um aber auf mich selbst zurückzukommen, so dachte ich bescheidener an mein Buch, und es wäre sogar ungenau zu sagen, daß ich an die dachte, die es lesen würden, an meine Leser. Denn sie würden meiner Meinung nach nicht meine Leser sein, sondern die Leser ihrer selbst, da mein Buch nur etwas wie ein Vergrößerungsglas sein würde, ähnlich jenen, die der Optiker in Combray einem Käufer über den Ladentisch reichte – mein Buch, durch das ich ihnen ermöglichen würde, in sich selbst zu lesen. So würde ich auch nicht von ihnen erwarten, daß sie mich loben oder mit Tadel bedenken, sondern nur, daß sie mir sagen, ob es wirklich so ist, ob die Worte, die sie in sich selbst lesen, die gleichen sind wie die, die ich niedergeschrieben habe (wobei die möglichen Abweichungen im übrigen nicht immer daher rühren müssen, daß ich mich getäuscht habe, sondern vielleicht zuweilen auch darauf zurückzuführen sind, daß die Augen des Lesers nicht zu denen gehören, für die mein Buch das geeignete Mittel ist, um in sich selbst zu lesen). (7.505f)

Proust (326)

Heute hat Odette (siehe gestern) ihren (Schluss?)Auftritt. Sie sieht in Marcel einen Schriftsteller und in der Hoffnung, dass er sie schreibend verewigt, plaudert sie frei und offen über ihre verschiedenen Affären. Die Gastgeberin, die Herzogin von Guermantes, ehemals Madame de Verdurin, kann nicht aus ihrer Haut und versucht überall ihre Finger drin zu haben.

Was nun die Nichte [von Madame de Saint-Euverte] anbelangte, so weiß ich nicht, ob sie wegen eines Magen- oder Nervenleidens, einer Venenentzündung, einer bevorstehenden, soeben überstandenen oder fehlgegangenen Niederkunft die Musik in dieser reglosen Pose [ausgestreckt auf einer Chaiselongue] anhörte, auf die sie um niemandes willen verzichtete. Das Wahrscheinlichste ist, daß sie, stolz auf die schöne rote Seide ihres Gewandes, auf ihrer Chaiselongue einen Effekt à la Madame Récamier hervorzubringen meinte. (7.493)

Proust (325)

Manches ändert auch das Alter nicht. Der Herzog von Guermantes liebt auch seine neue Frau nicht und hält sie eine Geliebte, niemand anderes als Madame de Forcheville, die wir nach als Odette kennen, die dereinst Swann als Kokotte den Kopf verdrehte und Marcels Onkel als ›Dame in rosa‹ (vgl. Nr. 10 und 260). Portrait des alten Herzog von Guermantes.

Er [der Herzog von Guermantes], der früher fast lächerlich gewirkt hatte, wenn er die Allüren eines Theaterkönigs zur Schau trug, hatte jetzt im Aussehen etwas von wahrer Größe bekommen, ein wenig wie sein Bruder [das ist der Baron Charlus], dem er durch das Alter, das alles Unwesentliche von ihm nahm, ähnlich geworden war. Und wie sein Bruder schien auch er, der ehemals – wenn auch auf andere Weise – hochmütig gewesen war, nunmehr fast respektvoll, allerdings ebenfalls auf eine andere Art, denn er hatte nicht das Verfallsstadium seines Bruders erreicht, der so weit heruntergekommen war, daß er mit der Höflichkeit eines vergeßlichen Kranken diejenigen grüßte, die er früher verachtet hätte. (7.483)

Proust (324)

Es gilt nach wie vor Nr. 322. Heute ist es Bréauté (vgl. Nr. 34, 147, 167 und 277) an den vielfältig – und oft vollkommen falsch – gedacht wird. Auch Madame Verdurin – nun ja die Fürsting von Guermantes (Nr. 317) – bekommt (etwas) Platz. Und manche Bonmots halten für die Ewigkeit.

Sie [Madame de Varambon] war es auch, die gesagt hat: »Die Herzogin hat eine Kuh, die so schön ist, so schön, daß alle Leute sie für einen Zuchthengst halten.« (7.470)

Proust (323)

Gerade am Überlegen, ob man aus der Recherche nicht eine perfekte Netflix-Serie machen könnte. Ich stelle mir gerade vor, wie man die Salonszenen um Nr. 199 mit denen von jetzt gegenschneidet – denn augenfälliger wäre kaum was, wie die Figuren jetzt versuchen, die Figuren von damals zu geben bzw. nachzuahmen, die sie damals zu sein schienen oder meinten zu sein. Die Nachahmung eines Scheins.

»Ich bin sicher, daß er mich nicht wiedererkennt«, sagte die Vortragende zu der Herzogin. »Aber doch«, erklärte ich mit großer Bestimmtheit, »natürlich kenne ich Sie.« – »Nun, wer bin ich denn?« Ich wußte es durchaus nicht, und die Situation fing an heikel zu werden. (7.458)

Proust (322)

In dieser großen Schlussszene, in diesem letzten Salon für Figuren wie Leser:innen treten nochmals so gut wie alle Figuren der Recherche auf. Es ist hier nicht darstellbar, in welcher Eleganz Proust Veränderungen und Niedergänge der Salons und einzelner Personen im Schlussbild inszeniert. Die »abscheuliche, alte Frau« (7.443) die nun Auftritt und später Verse rezitieren wird, ist niemand anderes als Rachel, die mit der gleichen Nummer vor Jahren für Hohn und Spott sorgte (vgl. Nr. 124 und 125) – und nun, auch Jahre später, für größte Verwirrung sorgt. Demgegenüber vergehen in einem anderen Salon Stunden »und niemand erschien bei der Berma« (7.449) (vgl. Nr. 47-52, insbesondere Nr. 103), die größte Künstlerin der Zeit ist abgeschrieben.

Dennoch waren die Zuhörer verdutzt, als sie sahen, wie diese Frau [Rachel], bevor sie noch einen einzigen Ton hervorgebracht hatte, die Knie beugte, die Arme ausstreckte, irgendein unsichtbares Wesen darin zu wiegen schien, mit eingeknickten Beinen dastand und plötzlich, um höchst bekannte Verse zu sprechen, einen flehenden Ton anschlug. Alle schauten einander an und wußten nicht, was für ein Gesicht sie dazu machen sollten; einige unerzogene junge Leute erstickten ein fast unwiderstehliches Lachen; jeder warf heimlich seinem Nachbarn einen spähenden Blick zu wie bei eleganten Tischeinladungen, wenn man neben seinem Platz ein neues Instrument, eine Hummergabel oder eine Zuckerreibe findet, deren Zweck und Handhabung man nicht kennt, und nun auf einen kundigeren Mitgast starrt, der, wie man hofft, sich als erster dieser Dinge bedienen und einem damit die Möglichkeit geben wird, es ihm nachzutun. (7.455f)

Proust (321)

Reminiszenzen. Immer deutlicher wird dem Erzähler, dass er in den aktuellen überalterten Salons nichts mehr zu suchen hat, weil er da nichts mehr findet. Entschluss zu schreiben – und das ohne Störung. Schöne Ausrede, falls dann doch mal jemand vorbeischaut: »… ich hätte wegen wichtiger Dinge, über die ich mich unverzüglich unterrichten müsse, ein dringendes, überaus bedeutsames Rendezvous mit mir selbst«. (7.435)

War es aber nicht gerade, um mich mit ihnen zu beschäftigen, daß ich fern von denen leben wollte, die sich beklagen würden, mich nicht zu sehen, um mich mit ihnen gründlicher zu beschäftigen, als ich es in ihrer Gesellschaft hätte tun können, um den Versuch zu machen, ihnen ihr eigenes Inneres zu offenbaren, sie zu verwirklichen? Was hätte es genützt, wenn ich noch jahrelang Abende damit verloren hätte, dem kaum verhallten Echo ihrer Worte den ebenso eitlen Klang der meinen um des unfruchtbaren Vergnügens eines gesellschaftlichen Kontaktes willen folgen zu lassen, der jedes tiefere Eindringen unmöglich macht? War es nicht besser, daß ich versuchte, die Kurve zu definieren und das Gesetz herauszustellen, das die Gebärden, die sie machten, die Worte, die sie sagten, ihr Leben, ihre Natur bestimmte? (7.436)

Proust (320)

Über sich kreuzende Lebenswege. Der Tod ist im Salon angekommen, Stolz bei denen, die (noch) überlebt haben. Der Erzähler beginnt wieder bösartig, aber zugleich literarisch großartig zu werden: »Wenn sie [eine Dame] nicht etwas kleiner geworden wäre (was ihr, da ihr Kopf sich jetzt an einer weit tieferen Stelle befand als früher, das Aussehen gab, als habe sie, wie man sagt, bereits ›einen Fuß im Grab‹), hätte man kaum sagen können, daß sie gealtert war«. (7.424)

Wie ein an einem Flaschenzug aufsteigender Eimer das Seil verschiedene Male und an entgegengesetzten Seiten berührt, gab es keine Person, ja fast keine Dinge in meinem Leben, die darin nicht eine nach der anderen verschiedene Rollen gespielt hatten. Wenn ich eine einfache gesellschaftliche Bekanntschaft oder sogar einen rein materiellen Gegenstand nach Verlauf einiger Jahre in meiner Erinnerung wiederfand, stellte ich fest, daß das Leben unaufhörlich neue Fäden darum gewoben hatte, die sie schließlich mit dem schönen, einzigartigen Samt der Jahre weich umkleideten, ähnlich dem, der in alten Parks ein schlichtes Wasserrohr mit einer smaragdenen Hülle umgibt. (7.415f)

Proust (318)

So alt und zerbrechlich die Mitglieder der Salons werden, so zerbrechlich werden auch die Einstellungen und Etikette der Salons. Über die Vergänglichkeit großen Namen und Geschlechtern. Ach ja und übrigens: Die Jugend (und gerade die amerikanische), die hat echt keine Ahnung von dem, auf was es ankommt, aber sowas von nicht!

Wie eine altersschwache große Dame hatte der Faubourg Saint-Germain nur noch ein schüchternes Lächeln für unverschämte Domestiken, die in seinen Salons eindrangen, dort seine Orangeade tranken und ihre Mätressen vorstellten. (7.392)

Proust (317)

Die Satire nimmt tragische Züge an. Marcel hält Gilberte für ihre Mutter und als er diese, also Odette, dann trifft, hat sie »das Aussehen einer sterilisierten Rose« (7.381) (vgl. Nr. 37!). Erst als er seinen Namen nennt und »dank diesem Zauberwort das Aussehen eines Erdbeerbaums oder eines Kängurus ablegt« (ebd.) erkennt sie ihn. Auch Bloch ist gealtert. Neuste Nachrichten aus der High Society: Madame Verdurin ist nun die Fürstin von Guermantes!

Mir aber, der ich einst so lange Strecken zurückgelegt hatte, um sie im Bois zu sehen, der ich das erstemal, als ich in ihrem Haus war, den Klang ihrer Stimme wie eine Köstlichkeit von ihren Lippen hatte fallen hören, schienen die jetzt in ihrer Nähe verbrachten Minuten unendlich lang, weil mir nichts einfiel, was ich zu ihr hätte sagen können, und ich entfernte mich, während ich mir eingestand, daß die Worte Gilbertes: »Sie halten mich für meine Mutter« nicht nur die Wahrheit trafen, sondern für die Tochter eher schmeichelhaft waren. (7.382)

Proust (316)

Seit nun schon über 40 Seiten ätzt der Erzähler über das Alter(n), aber das mit einem Reichtum, einem Geschick, filigran und chirurgisch präzise, dass es nur so eine Freude ist. Mein Highlight heute: »… er hatte sich seinen Schnurrbart abrasiert, was genügt hatte, um ihn seine Persönlichkeit verlieren zu lassen« (7.375).

Jemanden »wiederzuerkennen« und, mehr noch, ihn, den man nicht wiedererkennen kann, dennoch zu identifizieren, bedeutet, unter einer gleichen Benennung zwei konträre Dinge zu denken, das heißt einzusehen, daß das, was hier war, die Person nämlich, an die man sich erinnert, nicht mehr ist, und das, was hier ist, eine Person ist, die man nicht kannte; es bedeutet, daß man an ein fast ebenso verstörendes Geheimnis wie das des Todes denken muß, für das es im übrigen etwas wie eine Vorrede und eine Ankündigung ist. (7.366f)

Proust (315)

Es altern immer nur die anderen. Man selber bleibt jung – für sich und für die eigene Mutter. Welch ein Trugschluss! Auch vor gut 100 Jahren waren Alter und Krankheit beliebte Gesprächsthemen. Aber es gibt ›Hoffnung‹, manche Menschen altern nicht sondern »waren keine Greise, sondern ungewöhnlich verwelkte junge Leute von achtzehn« (7.360). Proust ätzt weiter.

Manche von den Männern hinkten; man merkte dabei sehr wohl, daß sie es nicht infolge eines Unfalls mit dem Wagen, sondern nach einem ersten Schlaganfall taten und weil sie bereits, wie man sagt, mit einem Fuß im Grab standen. Während das ihre ebenfalls schon halb geöffnet vor ihnen lag, schienen gewisse halbgelähmte Frauen nicht mehr recht ihr bereits am Grabstein hängengebliebenes Kleid losmachen zu können, sie vermochten sich nicht mehr gerade aufzurichten. Geneigt und mit gesenktem Kopffolgten sie jener Kurve, die sie nunmehr zwischen Leben und Tod vor dem letzten Sturz beschrieben. Nichts konnte gegen die Wendung dieser Parabel aufkommen, die sie einfach in ihre Bahn einbezog; sobald sie sich aufrichten wollten, fingen sie zu zittern an, und ihre Finger waren nicht mehr imstande, etwas festzuhalten. (7.362f)

Proust (314)

Marcel betritt nun (endlich) den Salon (vgl. Nr. 307) und fühlt sich wie auf einem »Maskenball« (7.342*), denn es braucht, bis er endlich alle erkennt, da sie … alt geworden sind! Wohl die (tunten)bösartigsten Seiten der gesamten Recherche. Aber was hilft schon Bösartigkeit? »Da bemerkte ich, der ich seit meiner Kindheit immer nur von einem Tag auf den anderen lebte und der ich mir von mir selbst und den anderen ein definitives Bild gemacht hatte, an den Metamorphosen, die sich an all diesen Leuten vollzogen hatten, zum erstenmal die Zeit, die für sie vergangen war; das aber trug mir die bestürzende Offenbarung ein, daß sie ebenso für mich vergangen war. « (7.347)

Der Fürst zeigte immer noch beim Empfang der Gäste die wohlwollende Miene eines Königs aus einem Märchenspiel, die ich beim ersten Mal bei ihm festgestellt hatte, diesmal aber hatte er sich offenbar selbst der Etikette verschrieben, die er seinen Gästen auferlegte, und sich einen weißen Bart umgehängt, sowie seine Füße mit einer Art von bleiernen Sohlen beschwert; anscheinend hatte er es übernommen, eines der »Lebensalter« darzustellen. Sein Schnurrbart war ebenfalls weiß, als sei auf ihm etwas von dem Reif aus dem Wald des kleinen Däumlings hängengeblieben, und schien den darunter erstarrten Mund zu behindern; er hätte ihn, nachdem er seine Wirkung getan, einfach abnehmen sollen. Tatsächlich erkannte ich ihn nur mit Hilfe einer Überlegung wieder und indem ich aus der schlichten Ähnlichkeit gewisser Züge auf eine Identität der Person meine Schlüsse zog. Ich weiß nicht, was der kleine Fezensac auf sein Gesicht getan hatte, aber während andere teils die Hälfte ihres Bartes, teils nur ihren Schnurrbart mit einer weißen Schicht überdeckt trugen, hatte er, ohne sich bei solchen bloßen Umfärbungen aufzuhalten, ein Mittel gefunden, sein Gesicht mit Runzeln und seine Brauen mit struppigen Haaren zu versehen; all das stand ihm übrigens nicht, sein Gesicht machte einen verhärteten, zu Bronze erstarrten, zeremoniösen Eindruck und ließ ihn soviel älter erscheinen, daß man nicht mehr für möglich gehalten hätte, das alles gehöre einem jungen Mann. Sehr viel mehr noch staunte ich im gleichen Augenblick, als »Herzog von Châtellerault« einen kleinen Greis mit einem silbernen Diplomatenschnurrbart bezeichnet zu hören, in dem nur ein winziger gleichbleibender Rest des Blicks mir gestattete, den jungen Mann wiederzuerkennen, den ich einmal als Besucher im Haus von Madame de Villeparisis angetroffen hatte. (7.337f)

*Dank meinem Mann und der Deutschen Post ab jetzt wieder mit Seitenzahlen. Sie leben hoch!

Proust (313)

Weiteres zur „Literaturtheorie“ Marcels respektive Proust’s, mit dem (für mich absoluten) Kernsatz:

In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, eigentlich der Leser seiner selbst.

Proust (312)

Am Werk arbeitet immer die eigenen »Kümmernisse« mit. Schreiben, und damit meint der Erzähler und in diesem Fall auch der Autor, autobiographisches Schreiben, ist immer ein Wiederdurchleiden. Aber es sind die Gefühle, die das Leben und die Literatur ausmachen. Stärkste Motoren sind entweder die Liebe oder eben das Leiden unter der fehlenden Liebe, bzw. Leiden an sich.

»Die Leiden sind verborgene, verhaßte Diener, die man bekämpft, unter deren Herrschaft aber man mehr und mehr gerät; grausame, unersetzbare Diener, die uns auf unterirdischen Wegen zur Wahrheit und zum Tod führen. Glücklich, wer die erste vor dem zweiten gefunden hat und für den, wie nahe sie auch zusammenliegen mögen, die Stunde der Wahrheit vor der des Todes schlägt!«

Proust (311)

Weiteres zum Thema des Kunstwerks an sich, deren Inhalte und Wahrheiten, die hinter den Dingen sind. Marcel engt es immer mehr auf das Schriftstellerische ein. Ein weiterer Kernsatz für seine ›Literaturtheorie‹: »Ich begriff, daß dieses ganze verschiedenartige Material des literarischen Werkes mein vergangenenes Leben war«.(*)

»Die ganze Lebenskunst besteht darin, uns der Personen, durch die wir leiden, wie einer Stufe zu bedienen, auf der wir zu ihrer göttlichen Gestalt Zugang erhalten können, und auf diese Weise unser Leben fröhlich mit Gottheiten zu bevölkern. « (*)

(*) Nun, ich hab‘ wirklich viel mit in die Reha genommen, aber warum ich gerade den letzten Band Proust habe liegen lassen? Was soll mir das sagen? Werde ich das mal in der Gruppe besprechen sollen? Oder war ich einfach nur mit meinem Kopf schon hier, während ich noch da war? Wie auch immer, ich lasse mir den Band nachschicken. Ich kann bis dahin digital lesen, leider halt ohne Seitenangaben.

Proust (310)

Weiteres und Ausführliches zum Verständnis des Kunstwerks des Erzählers / des Autors. Zentral ist, dass hinter die Dinge geschaut werden muss oder: »Ein Werk, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch das Preisschild hängt« (7.281). Wesentlich wichtig ist zudem der Zeitpunkt der Lektüre: »Mehr noch: eine Sache, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sahen, ein Buch, das wir lasen, bleibt nicht nur für immer mit dem verknüpft, was um uns herum vorhanden war; ebenso treu bleibt es verbunden mit dem, was wir damals waren; es kann nur durch die Sensibilität, das Denken, die Person, die wir damals waren, von neuem empfunden und bedacht werden.« (7.286)

So ist die Literatur, die sich damit begnügt, »die Dinge zu beschreiben«, nur ein kümmerliches Inventar von Linien und Flächen aufzustellen, gerade diejenige, die, obwohl sie sich realistisch nennt, sich am weitesten von der Realität entfernt und die uns auch im höchsten Maße verarmt und bedrückt, denn sie schneidet brüsk jede Verbindung unseres gegenwärtigen Ichs zu der Vergangenheit ab, deren Essenz die Dinge in sich aufbewahrten, sowie zu der Zukunft, in der sie uns anregen, diese Essenz von neuem wahrzunehmen. Sie, ja sie soll die Kunst ausdrücken, wenn sie diesen Namen verdienen will, und wenn sie dabei scheitert, kann man noch immer aus ihrer Ohnmacht eine Lehre ziehen (während man aus den Erfolgen des Realismus keine zu ziehen vermag), nämlich die, daß diese Essenz zum Teil subjektiv und nicht mitteilbar ist. (7.285f)

Proust (309)

Weiteres zu Erinnerung. Marcel geht es um die »Essenz der Dinge« (7.272). Ganz nach Kant, dass »hinter diesen Zeichen vielleicht etwas ganz anderes [sich] verbarg (7.276). Wie kann er »das innere Buch der unbekannten Zeichen« (7.277) öffnen und lesen, sprich: schreiben? These, dass er / wir dem »Kunstwerk gegenüber keineswegs frei sind, … daß es vielmehr schon vor uns existiert hat, notwendig aber verborgen und wir es deshalb … entdecken müssen« (7.279)

Das Buch mit den in uns eingegrabenen, nicht von uns selbst eingezeichneten, symbolhaften Schriftzeichen ist unser einziges Buch. Nicht daß Ideen, die wir selbst gestalten, nicht logisch richtig sein können, aber ob sie wahr sind, wissen wir gleichwohl nicht. Wie armselig auch das ihn auslösende Objekt, wie ungreifbar auch seine Spur sein mag, allein der Gefühlseindruck ist ein Kriterium von Wahrheit und verdient deshalb allein, vom Geist festgehalten zu werden, denn er allein vermag, wenn der Geist diese Wahrheit aus ihm herauszulesen weiß, diesen zu größerer Vollendung zu führen und ihm wahrhaft reine Freude zu schenken. (7.278)

Proust (308)

Trotz Schlaganfall – Baron de Charlus ist noch ganz der Alte, auch wenn das Sprechen ihm schwerfällt. Wohl die großartigsten Seiten der kompletten Recherche, wie Proust Marcel beschreiben lässt, wie er durch Zufälle wortwörtlich aus dem Tritt gerät und plötzlich und frei und unvoreingenommen die Erinnerungen, Gefühle und Erlebnisse voll und in ihrer Tiefe wiederfindet. ›Die Suche nach der verlorenen Zeit‹ ist zu Ende, ›Die wiedergefundene Zeit‹ beginnt. »Ich kostete aber nicht einfach nur diese Farben, sondern einen ganzen Augenblick meines Lebens, der sie emporhob, der zweifellos auf sie hindrängte, den zu kosten mich vielleicht aber in Balbec ein bestimmtes Gefühl von Mattigkeit oder Betrübtheit gehindert hatte und der jetzt, von allem befreit, was an Unzulänglichem in der äußeren Wahrnehmung liegt, mich mit einem wahren Hochgefühl erfüllte.« (7.261f)

Bei dem grundlegenden Unterschied zwischen dem wahren Eindruck, den wir von einer Sache gehabt haben, und dem künstlichen Eindruck, den wir uns von ihr verschaffen, wenn wir sie uns willentlich vorzustellen versuchen, hielt ich mich nicht auf; ich erinnerte mich nämlich nur allzu deutlich daran, wie verhältnismäßig gleichgültig Swann früher von den Tagen hatte sprechen können, da er geliebt wurde, weil er hinter diesen Worten etwas anderes als diese Tage sah, und an den jähen Schmerz, den das kleine Thema Vinteuils ihm bereitete, als es für ihn diese Tage selbst noch einmal so heraufführte, wie er sie ehedem erlebt hatte; deshalb auch begriff ich nur zu gut, daß das, was die Wahrnehmung der ungleichen Bodenplatten, die Steifheit der Serviette oder der Geschmack der Madeleine in mir geweckt hatten, keine Beziehung zu dem besaß, was ich mir oft von Venedig, von Balbec oder von Combray mit Hilfe einer gleichförmigen Erinnerung zu vergegenwärtigen suchte; und da begriff ich auch, daß man das Leben, wie schön es in gewissen Augenblicken auch erscheinen mag, mittelmäßig finden kann: Man beurteilt und verurteilt es dann eben aufgrund von lauter Dingen, die mit ihm nichts zu tun haben, Bildern, die nichts von ihm bewahren. Immerhin hielt ich beiläufig fest, daß der Unterschied zwischen allen wirklichen Eindrücken – Unterschiede, die erklären, weshalb ein gleichförmiges Gemälde des Lebens dem Leben nicht ähnlich sein kann – wahrscheinlich darauf beruhte, daß das geringste Wort, das wir irgendwann in unserem Leben gesagt, und die unbedeutendste Bewegung, die wir ausgeführt haben, von Dingen umgeben waren, den Widerschein von Dingen auf sich trugen, die logisch gesehen mit ihnen nichts zu tun hatten und durch den Verstand von ihnen abgelöst wurden, da sie ihm zum logischen Denken unnütz waren, inmitten deren jedoch – hier ein rosa Widerschein des Abendlichts auf der Mauer eines ländlichen Restaurants, ein Hungergefühl, ein Verlangen nach Frauen, ein Vergnügen am Luxus; dort blaue Wellengebilde des morgendlichen Meeres, mit Melodien durchwoben, die sich gleich den Schultern von Undinen daraus zu erheben suchen – die einfachste Bewegung, die einfachste Handlung wie in tausend undurchlässigen Gefäßen gefangen bleibt, von denen jedes mit Dingen gänzlich unterschiedlicher Farbe, Geruchsbeschaffenheit und Temperatur gefüllt wäre; ganz zu schweigen davon, daß diese über die ganze Höhe unserer Jahre verteilten Gefäße (Jahre, in denen wir uns unaufhörlich gewandelt haben, und wäre es auch nur in Träumen und Gedanken) sich in ganz verschiedenen Höhenlagen befinden und uns das Gefühl von erstaunlich unterschiedlichen Atmosphären vermitteln. (7.262f)

Proust (307)

Die Trauer der Madame de Guermantes um Robert. Morel denunziert Monsieur de Charlus und Monsieur d’Argencourt, die daraufhin kurzzeitig verhaftet werden. Was aus Robert hätte werden können. Über das Künstlertum. Marcel kehrt nach ein paar Jahren aus dem Sanatorium zurück nach Paris und nimmt sogleich das gesellschaftliche Leben wieder auf. Auf dem Weg zu den Guermantes, Wiedererkennen und Erinnerungen. »Der Boden wußte von ganz allein, wohin er führen sollte« (7.246). Berührende Beschreibung des alten Baron de Charlus, der von einem Schlaganfall gezeichnet nur noch ein Schatten seiner selbst ist, oder, Proust macht das treffender: »Ein Kind aber, nur ohne den Stolz eines solchen, war er geworden« (7.249)

Diese Verhaftung bereitete allen beiden [Monsieur de Charlus und Monsieur d’Argencourt] viel weniger Schmerz als die Tatsache, daß jeder von ihnen erfuhr, was er bislang nicht geahnt hatte, nämlich daß der andere sein Nebenbuhler gewesen war; die Untersuchungen brachten außerdem noch ans Licht, daß beide darüber hinaus eine Unzahl von unbekannten, gewöhnlichen, auf der Straße aufgelesenen Rivalen hatten. (7.238)

Proust (306)

Über den Umgang der Dienerschaft mit dem Krieg. Françoise ist nach wie vor unschlüssig, ob sie weiter Pazifistin bleiben soll, oder ob sie die Deutschen vielleicht doch hassen sollte. Marcel erhält »die Nachricht vom Tod Robert Des Saint-Loup« (7.228), der an der Front gefallen ist. Trauer und Erinnerung. »Alles, Gutes wie Böses, hatte er täglich ohne das geringste Feilschen ausgegeben, auch in seiner letzten Stunde noch, als er aus Großherzigkeit, aus dem Bedürfnis, alles, was er besaß, in den Dienst der anderen zu stellen, einen Schützengraben angegriffen hatte, so wie er eines Abends auf den Polstersitzen des Restaurants entlanggelaufen war, damit ich nicht aufstehen mußte.« (7.229) (vgl. Nr. 145).

(Sie [Françoise] sprach das Wort Boche deswegen mit mehreren B aus, weil ihr die Anschuldigungen, daß die Deutschen Mörder seien, eigentlich plausibel schienen, die aber, sie seien Boches, nahezu unwahrscheinlich wegen der Ungeheuerlichkeit der Anklage. Nur blieb dabei ziemlich schwer zu verstehen, welchen geheimnisvollen, furchtbaren Sinn Françoise dem Wort »Boche« unterlegte, da man noch im Anfang des Krieges stand, und auch wegen der Miene des Zweifels, mit der sie es auszusprechen pflegte. Denn der Zweifel, daß die Deutschen Verbrecher seien, mochte möglicherweise schlecht begründet sein, schloß aber vom logischen Gesichtspunkt aus keinen Widerspruch in sich. Wie aber sollte man daran zweifeln, daß sie Boches waren, da ja dieses Wort in der Sprache des Volkes eben einen Deutschen bezeichnete? Vielleicht wiederholte sie nur indirekt die wilden Reden, die sie damals gehört hatte und in denen das Wort »Boche« mit ganz besonderer Energie hervorgestoßen wurde.) (7.225f)

Proust (305)

Zuerst über das Gewissen, dann, auf dem Heimweg, über den Sadomasochismus des Barons, dass der Erzähler »Abirrungen gewisse(r) Formen der Liebe« (7.218) nennt. Es ist schon ein besonderer »ganzer Traum von Männlichkeit« (7.219). Zu Hause angekommen erfährt er, dass Saint-Loup da gewesen sei – und über ein Detail wird ihm klar, dass auch dieser das Männerbordell von Jupien besucht. Über die Starrköpfigkeit der liebenswerten Françoise und eines weiteren Dieners.

Während ich mich meiner Wohnung näherte, dachte ich darüber nach, wie schnell das Gewissen aufhört, an unseren Gewohnheiten mitzuwirken, die es vielmehr ihrer Eigenentwicklung überläßt, ohne sich weiter mit ihnen zu beschäftigen, und wie erstaunt wir demzufolge sein könnten, wenn wir bloß von außen und voraussetzend, daß sie das ganze Individuum verpflichten, die Handlungen von Menschen betrachten, deren sittlicher oder geistiger Wert sich in Wirklichkeit auch unabhängig von diesen Handlungen in einem völlig entgegengesetzten Sinn entwickeln kann. (7.213f)

Proust (304)

Jupien rechtfertigt – wortreich – sein Engagement im Männerbordell und lädt Marcel ein, es nicht nur zu besuchen, sondern auch zu nutzen. Es fallen Bomben und Marcel flüchtet in die Gänge der Untergrundbahn. Beschreibung zweier Menschen, die mit ihm da unten sind – wer wissen will, wie man so was gut macht: Seite 211 bis 213 lesen.

Es ist nämlich falsch zu glauben, daß die Stufenleiter der Ängste derjenigen der Gefahren entspricht, durch die jene hervorgerufen werden. Man kann fürchten, nicht einzuschlafen, weit weniger Angst aber vor einem ernsthaften Duell verspüren, vor einer Ratte wiederum mehr als vor einem Löwen. (7.210)

Proust (303)

Marcel plaudert ein wenig mit den Jungs, als er von Jupien entdeckt wird. Der ist kurzzeitig etwas verwirrt, versteckt Marcel aber in einem Zimmer, da der Baron kommt. Marcel kann durch eine Klappe verfolgen, wie der Baron mit den verschiedenen Strichern scherzt und schäkert. Es wird überaus deutlich, dass er mit so gut wie allen schon näheren bzw. nächsten bzw. intimsten Kontakt hatte. Über die Jungs, die der Baron vorzieht. Das Bordell wird auch von anderen hochgestellten Persönlichkeiten besucht. Wieder einmal, wenn auch versteckt, die These, dass Homosexualität vererbbar sei.

Darauf trat er [Baron de Charlus] zu Maurice [der Stricher, der ihn gepeitscht hat], um ihm seine fünfzig Francs zu geben, faßte ihn aber erst noch einmal um die Taille: »Du hast mir ja gar nicht gesagt, daß du in Belleville eine Portiersfrau zusammengeschlagen hast.« Er keuchte förmlich vor Begeisterung und brachte sein Gesicht ganz nahe an das von Maurice heran. »Oh! Aber Herr Baron!« antwortete der Gigolo, der offenbar aus Versehen nicht instruiert worden war, »wie können Sie denn so etwas von mir glauben?« (7.198)

Proust (302)

Marcel belauscht die jungen Soldaten, aus deren Gespräche er aber nicht schlau wird. Spontan nimmt er sich ein Zimmer, steigt dann aber eine Etage höher. Dort hört er Schläge und Schreie und durch ein Fenster kann er dann erspähen, wie sich niemand anderes als der Baron de Charlus von einem jungen Mann mit einer Klopfpeitsche züchtigen lässt. Kurz, Marcel ist in ein Männerbordell (mit realem Vorbild) gelandet, das von niemand anderen als Jupien, dem Westenmacher geleitet wird. Über die Typen von Männern, auf die der Baron steht. Der Autor selbst vergisst nicht, mehrfach auf einen »jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren« (7.180) zu verweisen

Da bemerkte ich, daß es ein kleines Rundfenster auf den Flur gab, an dem aus Versehen der Vorhang nicht zugezogen war; leise im Dunkeln vorwärtsschleichend, rückte ich bis zu diesem Fensterchen vor, und da sah ich, an sein Lager gefesselt wie Prometheus an seinen Felsen, im Begriff, die Schläge einer tatsächlich mit spitzen Nägeln versehenen Klopfpeitsche entgegenzunehmen, die Maurice auf ihn niederfallen ließ, da sah ich, bereits in seinem Blut schwimmend und mit Striemen bedeckt, die bewiesen, daß diese Züchtigung nicht zum erstenmal erfolgte, da sah ich vor mir Monsieur de Charlus. (7.182)

Proust (301)

Ein Brief, den Marcel erst Jahre nach dem Tod von Baron de Charlus erhält, bestätigt die berechtigte Angst von Morel. Marcel weiterhin mit dem Baron durch das nächtliche Paris, bevor sie sich verabschieden, vergleicht der Baron die Stadt mit Pompeij. Aus einem Hotel tritt eine Person, die Marcel für Robert hält. Neugierig betritt er das Hotel, dass eine komische Anmutung hat. Zuerst meint er, es würden Spione dort sich treffen, dann das dort ein Verbrechen stattfindet, denn die jungen Soldaten und Matrosen unterhalten sich lautstark auch darüber, wann wer wieder »mit Schlagen« (7.177) dran ist, und ob der Patron noch genügend Ketten auftreiben kann.

Etwas jedoch verblüffte mich, das weder an seinem Gesicht lag, das ich nicht sehen konnte, noch an seiner von einem großen Umhang verdeckten Uniform, sondern an dem außerordentlichen Mißverhältnis zwischen der Zahl der verschiedenen Punkte, die sein Körper passierte, und der geringen Anzahl von Sekunden, in denen sich dies vollzog und dabei wie der Ausfallversuch eines Belagerten wirkte. Obwohl ich ihn nicht eigentlich erkannte, dachte ich deshalb, wenn nicht an die Haltung, die Schlankheit, das Tempo, die rasche Beweglichkeit Saint-Loups, so doch an die Art von Allgegenwart, die ihn so sehr auszeichnete. (7.174f)

Proust (300)

Charlus‘ Meinung über den Krieg. Seine Bewunderung für die Deutschen. Charlus behauptet, Morel wolle sich ihm wieder näheren. Doch zwei Begebenheiten, die der Erzähler nun vorgreifend zum Besten gibt, ergibt ein ganz anderes Bild. Morel gesteht Marcel gegenüber, dass er »einfach Angst« (7.166) hat und daher den alternden Baron nicht besuchen will. Die zweite Begebenheit dann morgen.

»Ich weiß, daß Morel immer noch viel dort [bei den Verdurins] verkehrt«, fuhr er fort (es war das erstemal, daß er zu mir wieder von ihm sprach). »Es heißt, das Vergangene tue ihm leid, er wünsche sich mir wieder zu nähern«, fügte er hinzu, wobei er die ganz dem Faubourg Saint-Germain gemäße Leichtgläubigkeit eines Menschen bewies, der sagt: Es ist viel davon die Rede, daß Frankreich mehr Kontakt als je mit Deutschland hat und daß sogar Unterhandlungen im Gange sind, und die eines Liebhabers, den die schroffsten Zurückweisungen noch immer nicht entmutigt haben. (7.164)

Proust (299)

Der Autor erlaubt sich eine weitere Abschweifung, diesmal geht es um »die Beziehung zwischen Madame Verdurin und Brichot« (7.144). Der Gelehrte gehört immer noch zum ›kleinen Kreis‹ aber seit dem er Artikel in Zeitungen verfasst, ist er für Madame – teils gerechtfertigt, teils ungerechtfertigt – zur Lachnummer geworden, da sie nicht ganz die gleichen Ansichten wie er über den Krieg teilt. Vermeintliche Argumente, warum Brichot nicht schreiben kann.

Sie [Madame Molé] gab Madame Verdurin recht, und um dennoch etwas zu sagen, was ihr unbestreitbar erschien, bemerkte sie zum Schluß: »Man muß ihm [Brichot] allerdings lassen, daß seine Artikel sehr gut geschrieben sind.« – »Wie? Sie finden das gut geschrieben?« fragte Madame Verdurin. »Ich persönlich finde, er schreibt wie ein Schwein« – eine Kühnheit, die die Gäste aus der feinen Welt zum Lachen brachte, zumal Madame Verdurin, als erschrecke sie selbst vor dem Wort Schwein, es nur flüsternd und hinter vorgehaltener Hand zu artikulieren wagte. (7.147)

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