Durch die Zeit

Kategorie: Proust

Proust (54)

Marcel ist von Gilberte nahezu besessen, dass er auch krank sich in den Park schleppt. Zurück kommt er mit einer veritablen Lungenentzündung und Erstickungsanfällen, die man mit »Bier, Champagner oder Cognac« (2.101) zu begegnen sucht. Betrachtungen über die Hypochondrie. Erst Cottards Kur – »Reichlich drastische Abführmittel, ein paar Tage lang Milch, nichts als Milch. Kein Fleisch, kein Alkohol« (2.103f) – wirkt. Der Lohn ist ein Brief von Gilberte, die ihn zum Tee einlädt. Den hätte Marcel aber nie bekommen, hätte Cottard einer Lüge Blochs nicht geglaubt und sich für den kranken Jungen eingesetzt. »So lernte ich nun diese Wohnung kennen …« (2.110)

»Im übrigen gilt für alle Ereignisse, die im Leben und in seinen widerspruchsvollen Situationen sich auf die Liebe beziehen, daß man sie am besten gar nicht zu verstehen versucht, da sie in allem, was sie an Unerbittlichem und Unverhofftem an sich haben, eher magischen als rationalen Gesetzen zu gehorchen scheinen.« (2.108)

Proust (53)

Marcel, vom Neujahrstag bitter enttäuscht, sehnt sich nach Gilberte und hat Angst, die Erinnerung an ihr Gesicht zu verlieren. »Endlich kam sie« (2.92) und man nimmt die Spiele wieder auf. Er möchte auch bei ihren Eltern Eindruck machen und schreibt Swann einen sechzehnseitigen (!) Brief – der so gar nicht gut ankommt. Als Gilberte ihm den Brief zurückgeben will, kommt es zu einer Rangelei zwischen den beiden »und in der Hitze des Spiels … strömte genauso wie ein paar Schweißtropfen, die die Anstrengung einem entlockt, meine Lust aus mir, ohne daß ich auch nur Zeit gehabt hätte, sie richtig auszukosten.« (2.98)

»Das Suchende, Angstvolle, Fordernde, mit dem wir den geliebten Menschen anschauen, unser Warten auf das Wort, das uns die Hoffnung auf ein Wiedersehen am folgenden Tag schenken oder rauben wird, und, bis dieses Wort gefallen ist, die abwechselnde, wenn nicht gar gleichzeitige Vorstellung von Freude und Verzweiflung, all das versetzt unsere Aufmerksamkeit, solange wir uns in Gegenwart des geliebten Wesens befinden, mit zuviel Unruhe, als daß sie ein deutliches Bild von ihm festhalten könnte.« (2.91)

Proust (52)

Als Norpois gegangen ist, hechelt man ihn noch kurz durch, zeigt Marcel eine überschwängliche Kritik der Aufführung mit der Berma – was ihn dazu bewegt, sie nun auch als große Künstlerin zu sehen, wenn auch im Bewusstsein, dass er sich was vormacht – und lobt ausführlich Françoise, die sich dazu herablässt zuzugeben, dass das Rindfleisch im Café Anglais [siehe hierzu den Film: Babetts Fest] fast genauso gut sei. Am 1. Januar macht er mit der Mutter Besuche und lässt Gilberte einen Brief zustellen, damit sie auch wisse: … vom 1. Januar an aber würden wir eine neue Freundschaft begründen … (2.87)

»Es half mir nichts, daß ich das nun anbrechende Jahr Gilberte zueignete und damit, so wie man eine Religion über die blinden Gesetze der Natur stülpt, versuchte, dem Neujahrstag das besondere Bild aufzuprägen, das ich mir von ihm gemacht hatte; es war umsonst.« (2.89)

Proust (51)

Marcel, der etwa um die 14, 15 Jahre alt ist, versucht mit Fragen Norpois dazu zu bringen, mehr über den Abend bei den Swanns zu erzählen. Das führt erstmal zu einem völlig vernichtenden Urteil über den von ihm bewunderten Schriftsteller Bergotte – »ziemlich schwächlich, jedenfalls sehr unmännlich« (2.68) – bis es Marcel gelingt Norpois mitzuteilen, dass er Mutter wie Tochter Swann sehr verehrt. Der stellt in Aussicht »er werde Gilberte und ihrer Mutter berichten, wie sehr ich sie bewundere« (2.75), doch als er erfährt, dass Marcel Madame Swann nicht einmal persönlich kennt, nimmt er – wortlos – von diesem Versprechen Abstand. Etikette und ›richtige Kreise‹ über alles!

»Es ist tatsächlich für keinen von uns ganz leicht zu berechnen, in welchem Maß unsere Worte oder Bewegungen den anderen deutlich werden; aus Furcht, uns unsere eigene Wichtigkeit zu übertreiben, und in der Annahme, daß sich die Erinnerungen der anderen notgedrungen im Lauf ihres Lebens über ein enormes Gebiet erstrecken, bilden wir uns ein, daß die kleineren Äußerlichkeiten unserer Rede und unseres Gebärdenspiels kaum ins Bewußtsein derer treten, mit denen wir uns unterhalten, geschweige denn in ihrem Gedächtnis verankert bleiben.« (2.74)

Proust (50)

Man plaudert weiter. Norpois fragt nach Urlaubsplänen, die Mutter Marcels nennt Balbec als mögliches Ziel, was sein Gefallen findet. Eher beiläufig erwähnt der Diplomat, dass er den letzten Abend bei »der schönen Madame Swann« (2.56) verbracht habe. Dass Swann sich mit der Hochzeit, was das gesellschaftliche Renommee betrifft, nichts Gutes getan hat, erläutert er ausführlich. Wichtig jedoch: Odette »entzog ihm [Swann] seine Tochter jedesmal, wenn er ihr etwas abschlug« (2.59) – bis er sie heiratete und nun »ein Engel an Sanftmut« (ebd) ist. Betrachtungen über ›Lebenspläne‹.

Und wußte es denn Swann nicht aus seiner eigenen Erfahrung, war es nicht schon zu seinen Lebzeiten als eine Art Vorklang dessen, was sich nach seinem Tode zutragen sollte, etwas wie ein posthumes Glück, daß er die einst – obwohl sie ihm anfangs nicht besonders gefallen hatte – so leidenschaftlich geliebte Odette heiratete, als er sie nicht mehr liebte, als das Ich, das in ihm so heftig danach verlangt hatte, mit Odette das ganze Leben zu verbringen, und so sehr daran verzweifelte, schon gestorben war? (2.65)

Proust (49)

Norpois berät den Vater Marcels auch in Geldangelegenheiten –auch wenn wohl nicht wirklich gut. Die literarische Arbeit über die Kirchtürme von Martinville (siehe 20), die Marcel ihm zum Lesen geben muss, würdigt er mit keinem Wort, erklärt ihm aber das Wesen der Berma: »Niemals träg sie mit Farben oder mit der Stimme irgendwo zu stark auf« (2.45). Den Rinderschmorbraten lobt er über den Klee, über den Ananas- und Trüffelsalat dagegen verliert er wiederum kein Wort. Bei Tisch sein nicht ganz unstolzer Bericht über sein Treffen mit König Theodosius in der Oper und politische Ansichten.

»Das kalte Rindsfilet mit Karotten erschien, von unserem Küchen-Michelangelo auf riesige Geléekristalle gelagert, die aussahen wie Blöcke aus durchsichtigem Quarz.« (2.46)

Proust (48)

Marcels Vorfreude auf die Berma ist groß, riesengroß, aber »[i]hre letzten Augenblicke verlebte meine Freude schließlich während der ersten Szenen von Phèdre« (2.31), denn der Besuch der Matinee ist eine einzige Enttäuschung, weil es ihm nicht gelingt, das Besondere an der Berma zu erkennen (wie denn auch, ist ja sein erster Theaterbesuch). Dennoch ist die Liebe zur Bühne gesetzt. Währenddessen läuft François – »so wie Michelangelo« (1.27) – zu Hochleistungen auf und macht sich an die Zubereitung von Boeuf à la gelée. Marcel redet, als er Norpois vorgestellt wird, »Blech« (1.39), was den Diplomaten aber nicht abhält, ihn in Richtung Schriftstellerei zu bestärken.

»Aus beruflicher Gewohnheit vielleicht oder auch aufgrund der Gelassenheit, die jeder Mann in bedeutender Stellung an sich hat, wenn er um Rat gefragt wird, und der, da er ganz genau weiß, daß die Unterhaltung ihm nicht aus den Händen gleiten kann, den vor ihm Stehenden zappelnd sich bemühen und nach Belieben abrackern läßt, möglicherweise auch, um seinen Charakterkopf (den er selbst für griechisch hielt, trotz der großen Koteletten) besser zur Geltung zu bringen, bewahrte Norpois, während man ihm etwas auseinandersetzte, eine so völlig unbewegte Miene, daß es war, als spräche man zu einer antiken – und tauben – Porträtbüste in einer Glyptothek.« (2.38)

Proust (47)

Die Eltern bemerken Marcels Niedergeschlagenheit ob der Trennung von Gilberte. Auch mit indirekter Unterstützung durch Norpois, auf den der Vater große Stücke hält, erlauben sie ihm nun doch, eine Aufführung der Berma* zu besuchen. Arzt und Großmutter sind dagegen und der junge Marcel wird zunehmend unsicherer, ob der Wunsch die Berma zu sehen wirklich sein Wunsch ist oder ob, da die Eltern es ja nun erlauben, er nun lieber wegen der Eltern hingehen möchte, um diese nicht zu enttäuschen.

* Berma, eine der seiner Zeit nahezu weltberühmten Sarah Bernhardt nachempfundene Schauspielerin

»Als ich bei meiner erst seit kurzer Zeit so quälenden täglichen Station vor der Theatersäule sozusagen als Säulenheiliger verweilte, erblickte ich die detaillierte, noch ganz feuchte Anzeige von Phèdre, die eben zum erstenmal angebracht worden war (und in der, offen gesagt, die übrige Besetzung mir keine neue Verlockung bot, die meine Entscheidung hätte herbeiführen können). Doch verlieh sie dem einen der beiden Ziele, zwischen denen ich in meiner Unentschiedenheit schwankte, eine deutlichere und – dadurch, daß die Anzeige nicht das Datum des Tages trug, an dem ich sie las, sondern das des Aufführungstages und sogar der Stunde, zu der der Vorhang aufgehen würde – nahezu gegenwärtige, schon in Verwirklichung begriffene Gestalt, so daß ich vor der Säule einen Freudensprung machte beim Gedanken, daß ich genau zu jener angegebenen Stunde bereit und auf meinem Platz sein würde, um die Berma zu sehen; und aus Angst, meine Eltern könnten nicht mehr Zeit haben, zwei gute Plätze für meine Großmutter und mich zu bekommen, war ich in einem Satz zu Hause, getrieben von jenen magischen Worten, die in meinen Gedanken jansenistische Blässe und Sonnenmythos ersetzt hatten: Die Damen werden ersucht, auf den Orchestersitzen die Hüte abzunehmen; die Türen werden um zwei Uhr geschlossen.« (2.26f)

Proust (46)

BAND II: IM SCHATTEN JUNGER MÄDCHENBLÜTEN – ERSTER TEIL – IM UMKREIS VON MADAME SWANN

Die Eltern Marcels planen den Diplomat Norpois zum Dinner einzuladen und überlegen, wer als Gast noch in Frage kommt. Swann scheidet – seit er Odette geheiratet hat – völlig aus, da er sich nun auch in den ›niedrigen‹ Kreisen seiner Frau bewegt. Doktor Cottard wäre eine prima Alternative, der ist aber gerade auf Reisen. Charakterisierungen des ›neuen‹ Swanns, des ›alten‹ Cottards – »der mit den Jahren zu einer europäischen Berühmtheit geworden war« (2.10) – und den in höchsten Kreis hochangesehenen Norpois.

»Meine Mutter staunte immer wieder, daß er [Norpois] so pünktlich, wiewohl so beschäftigt, so liebenswürdig, wiewohl gesellschaftlich so stark beansprucht war, ohne sich darüber im klaren zu sein, daß solche wiewohl immer verkannte weil sind und daß (ebenso wie Greise erstaunlich für ihr Alter, Könige ganz schlicht und Provinzbewohner über alles auf dem laufenden sind) es die gleichen Gewohnheiten waren, die es Norpois erlaubten, so vielen Anforderungen gerecht zu werden und so zuverlässig in der Beantwortung von Briefen zu sein, in der Gesellschaft zu gefallen und sich uns gegenüber so liebenswürdig zu erweisen.« (2.17)

Proust (45)

Hin und wieder sieht Marcel Madame Swann, hin und wieder hat er Gelegenheit sie zu grüßen – aber sie kennt ihn ja gar nicht. Doch dafür ist sie unter ihrem Mädchennamen vielen Männer bekannt, denn es ist: Odette de Crécy. Betrachtungen über den Bois de Boulogne, die Frauen und die Vergänglichkeit: »… und die Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre!« (1.616)

[Ende Band 1]

»Sie wissen doch, wer das ist? Madame Swann! Wie? Das sagt Ihnen nichts? Ist Ihnen denn Odette de Crécy kein Begriff?«
»Odette de Crécy? Ich habe doch gleich gedacht, diese traurigen Augen … Aber wissen Sie, die Jüngste kann sie ja auch nicht mehr sein! Ich erinnere mich, ich war mit ihr im Bett an dem Tag, als Mac-Mahon demissionierte.« (1.606)

Anton Weyrother

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