Durch die Zeit

Kategorie: Proust

Proust (126)

Im Salon ist man mehrheitlich gegen Dreyfus – Norpois dagegen bleibt berufsbedingt neutral und hält, von Bloch angestachelt, seitenweise Vorträge über die aktuelle Lage (deren Brisanz dem heutigen Lesenden sich nur schwer und nur mit Hilfe vertiefter Kenntnisse der Materie erschließt). Norpois versucht zwar mal das Thema zu wechseln – »Gehen Sie heute abend nicht zum Ball bei Madame de Sagan?« (3.339) – scheitert aber am insistierenden Bloch.

Bloch mißfiel dem Botschafter eigentlich nicht, denn er sagte uns später nicht ohne Naivität und bestimmt unter dem Eindruck der in Blochs Sprache zurückgebliebenen Spuren der neohomerischen Mode, die er im Grunde schon überwunden hatte: »Er ist ganz amüsant mit seiner etwas antiquierten, etwas feierlichen Redeweise. … So etwas findet sich selten bei der heutigen Jugend und war schon selten in der vorhergehenden. Wir selbst waren seinerzeit eher romantisch.« (3.340)

Proust (125)

Im Salon  macht man sich weiter lustig über den Gedichtsvortrag von Roberts Freundin: »Ich habe sofort gemerkt, daß sie kein Talent hat, als ich die Lilien sah“ (3.321). Weitere Abfälligkeiten über Abwesende – »Ich gebe ja zu, sie sieht nicht aus wie eine Kuh, sondern wie mehrere Kühe« (3.323) – aber das zentrale Thema ist die Dreyfus-Affäre, wobei manche sie vom Antisemitismus trennen wollen. Man prüft die beiden neuen Begriffe »Mentalität« (3.330) und »talentiert« (3.331) auf ihre Brauchbarkeit.

»Sie [gemeint ist Bloch] sind kein Mensch dieser Zeit«, sagte der ehemalige Botschafter [Norpois] zu ihm, »und ich beglückwünsche Sie dazu, Sie gehören damit nicht dieser Epoche an, in dem es kein selbstloses Forschen mehr gibt und in der dem Publikum nur mehr Obszönitäten oder Ungereimtheiten verkauft werden.« (3.325)

Proust (124)

Bloch wird »seiner Exzellenz de[m] Marquis von Norpois« (3.308) vorgestellt, aber Marcel schafft es, mit dem Diplomaten auch noch ein paar Worte zu wechseln. Der Herzog von Guermantes gibt sich nun auch die Ehre. Hauptthema ist der Auftritt von Roberts Freundin von vor ein paar Tagen bei der Herzogin. Sie deklamierte Gedichte »mit einem Lilienstrauß in der Hand« (3.313) – und kam so gar nicht an. Wie konnte Robert sich in sie verlieben? Bei dem Thema machen alle gerne mit.

Während er [der Herzog von Guermantes] über die große Zahl von Personen, die um den Teetisch saßen, liebenswürdig höfliche, maliziöse und von der untergehenden Sonne geblendete Blicke gleiten ließ, aus seinen kleinen runden Pupillen, die so exakt im Augen saßen wie das »Schwarze«, das er als ausgezeichneter Schütze unfehlbar visierte und traf, schob sich der Herzog mit vorsichtig stutzender Langsamkeit voran, ganz als ob er, von einer so glänzenden Versammlung eingeschüchtert, fürchtete, auf Schleppen zu treten oder Gespräche zu stören. (3.312)

Proust (123)

Der Salon füllt sich. Es ist übrigens gute Sitte der Männer, den Hut mit in den Raum zu nehmen und ihn dann auf den Boden zu setzten. Mit: Man zeigt sich von der besten Seite bzw. zickt so rum – ist dieser Abschnitt vollständig beschrieben, leider eben aber nicht all die Feinheiten, Anspielungen, Hinterlisten und Speichelleckereien. Bloch wirf eine Vase um und will daraufhin gehen, Madame de Villparisis hält ihn aber davon ab, da sie ihn Norpois vorstellen will, der auf sich warten lässt.

»Ich sehe sie [die Apfelbäume] niemals«, sagte der junge Herzog, »weil ich Heuschnupfen davon bekomme, es ist wirklich einfach Klasse.«
»Heuschnupfen? Davon habe ich noch nie etwas gehört«, meinte der Historiker.
»Das ist die Modekrankheit jetzt«, bemerkte der Archivar. (3.298)

Proust (122)

Marcel beleidigt den Schwätzer Legrandin unbeabsichtigt. Ausschweifende, bewundernde Betrachtung und weitere Vorstellung der Herzogin von Guermantes mit ihren Macken. So lädt sie nur Frauen zu sich ein – mit Ausnahmen natürlich – und spricht, wenn sie einen Dichter oder einen Wissenschaftler zu Gast hat, dann mit diesen sicher nicht über deren Profession / Beruf / Können. Die Herzogin und Madame de Villeparisis ziehen – noch ein wenig – über die dicke, froschähnliche Königen von Schweden her: »… aber in diesem Falle ist es dem Frosch gelungen, so fett zu werden wie der Ochse.« (3.293)

Madame de Guermantes hatte sich gesetzt. Da ihr Name mit ihrem Titel verbunden war, fügte er ihrer realen Person das Herzogtum hinzu, das sich um sie herum abzeichnete, und ließ inmitten des Salons im Umkreis des Puffsessels, wo sie sich befand, die schattige, goldene Kühle der Wälder von Guermantes herrschen. Mich wunderte nur, diese Ähnlichkeit nicht deutlicher auf dem Gesicht der Herzogin zu lesen, das nichts Pflanzliches an sich hatte und in dem höchstens die geplatzten Äderchen der Wangen – die, so schien es mir, der Name Guermantes mit seinem Wappen hätte schmücken müssen – als eine Folge, nicht aber als Bild von langen Ausritten im Freien gelten konnten. (3.284)

Proust (120)

Exzellentes schriftstellerisches Portrait der Madame de Villeparisis, die wohl nicht klug, jedoch nicht ungeschickt durchs Leben agierte. Unterscheidungen von Lebensphasen, die voneinander dann nichts mehr wissen wollen, aber damit leben müssen. In gewisser Weise ist und war sie eine Freigeistin – »Liebe? Mache ich oft, doch drüber reden tu‘ ich nie.« (3.270) – leidet derzeit aber darunter, nach dem Urteil Madame Lerois, nur einen »drittklassigen« (3.269) Salon zu führen. Marcel trifft dort bei seinem ersten Besuch auf seinen Schulkameraden Bloch der, wie schon in Balbec, sein Judentum dadurch zu kaschieren versucht, in dem er sich antisemitisch gibt – das ist auf dem Hintergrund der Dreyfus-Affäre gerade gesellschaftlich durchaus en vogue.

Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren dabei aber unwillkürlich wie eine Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten. (3.260)

Proust (119)

Hinter der Bühne. Rachel macht einem hübsch gebauten Tänzer schöne Augen, was Robert so überhaupt nicht gefällt. Wie kommen in Streit, er droht, sie nie wieder zu sehen. Dennoch hat er noch das Auge, um einen Journalisten zu bitten, wegen Marcel die Zigarette aus zu machen. Der sieht es nicht ein und ist dann arg verwundert, dass er von Robert eine gescheuert bekommt. Draußen auf der Straße verkloppt er gleich den nächsten, einen „heißblütigen Spaziergänger“ (3.253), der ihm „Anträge“ (ebd.) gemacht hat. Robert der „schöne Soldat“ (ebd.) ist maßlos empört und braucht mal Zeit für sich. Marcel alleine auf dem Weg zu Madame de Villeparisis, Robert will nachfolgen.

Dennoch war der Geprügelte insofern entschuldbar, als auf einer gewissen Neigungsebene das Verlagen ziemlich schnell in die nähe der Lust rückt, so daß bloße Schönheit schon wie Bereitschaft erscheint. Daß Saint-Loup schön war, ließ sich aber auf keinen Fall bestreiten. (3.253)

Proust (118)

Rachel macht nicht nur Aimé, dem Oberkellner, schöne Augen. Dennoch unterhält man sich über Literatur und Rachel macht dabei eine äußerst gute Figur. Dennoch wird Robert irgendwann zornig, weil sie mit einem jungen Mann vom Nachbartisch liebäugelt. Wenig später trifft man sich dann aber wieder bei Champagner in einem Chambre séparée als sei nie etwas gewesen. Robert will Marcel die Bühne überlassen, der will aber nicht, also schaut man zu, was Rachel auf der Bühne zu leisten vermag – nicht gerade umwerfend viel, wie es scheint. Wie lernt man andere kennen, wenn doch »die Zahl der menschlichen Schachfiguren kleiner ist, als die der Kombinationen, die sich aus ihnen ergeben können« (3.241f)?

Dank dem Champagner, den ich mit ihnen trank, ergriff mich allmählich ein ähnlicher Rauschzustande, wie in Rivebelle, doch vermutlich nicht genau der gleiche. Nicht nur jede Art von Rausch – von jenem, den die Sonne oder das Reisen schenkt bis hin zu jenem, der von Müdigkeit oder Wein herrührt –, sondern auch jeder Grad des Rausches, der seine besondere »Lotzahl« tragen sollte wie der Meeresboden, deckt in uns genau in der Tiefe, in der er sich befindet, einen besonderen Menschen auf. (3.236)

Proust (117)

Marcel kennt die Geliebten Roberts bereits – aus dem Bordell, in das er ging. Zugange war er mit ihr nie, weiß aber noch gut den Preis: 20 Francs. Betrachtungen darüber, dass zwei Menschen zwar »das gleiche, kleine, schmale Gesicht« (3.219) sehen, aber jeweils einen anderen Menschen vor sich haben. Über »die menschliche Einbildungskraft und die Illusion, auf der die Schmerzen der Liebe beruhen« (3.221). Auf dem Weg zum Bahnhof wird Rachel von zwei Kolleginnen angesprochen – Robert beginnt indirekt etwas zu ahnen, denn die Beziehung läuft nicht gut, da sie nur dann freundlich zu ihm ist, wenn das entsprechende Geld fließt. Sie verhehlt nicht, dass sie auch Augen für andere Männer hat, u.a. auch für den Oberkellner aus Balbec, der sie bedient.

Ich sah ein, daß etwas, was mir keine zwanzig Francs wert gewesen war, als es mir für ebendiesen Preis in einem Bordell angeboten wurde, wo es für mich nur eine Frau war, die gern zwanzig Francs verdienen wollte, mehr als eine Million, mehr als eine hochangesehen Familie oder eine allgemein beneidete Stellung im Leben wert sein kann, wenn man sich in ihr ein unbekanntes Wesen vorzustellen beginnt, das interessant zu kennen, mühsam zu erringen  und schwer festzuhalten ist. (3.219)

Proust (116)

Obwohl sie im gleichen Haus wohnen, geht die Großmutter, warum auch immer, Madame de Villeparisis nicht besuchen. Madame Sazerat schneidet als Dreyfus-Anhängerin Marcels Vater, den sie – etwas zu Unrecht –  als »Helfershelfer des Unrechts« (3.210) hält. Robert will kommen und mit seiner Freundin und Marcel essen gehen. Letzteres wünscht sich das Restaurant, in dem derzeit der Oberkellner aus Balbec arbeitet. Zufällig trifft er nach langer Zeit mal wieder den Schriftsteller Legrandin, der ihm ein Ohr abkaut. Zusammen mit Robert aufs Land zur Freundin, die, so Robert, »nach ihrem Äußeren … nichts Besonderes« (3.126) ist. Er ist sich auch nicht sicher, ob sie ihn liebt, hat aber ein Kollier für 30.000 Francs gekauft.

Meine Mutter, die zwischen der Liebe zu meinem Vater und der Hoffnung, ich sei intelligent, hin- und herschwankte, verharrte in einer Unentschiedenheit, die sie in Schweigen übersetzte.  (3.210)

Proust (115)

Zurück in Paris – es geht auf Ostern zu – wartet Marcel vergeblich auf eine Einladung der Herzogin von Guermantes um ihre Bilder zu schauen. So bleibt es dabei, ihr ‚zufällig‘ auf der Straße zu begegnen. Beschreibung ihrer Toilette. Robert gesteht, seine Cousine gar nicht gefragt zu haben, ob er nicht lieber eine andere Cousine …? Nein, das will Marcel definitiv nicht. Der Vater berichtet, dass der Diplomat Norpois, wenn er ins Haus kommt, Madame de Villeparisis besucht, die Marcel ja von Balbec schon kennt – ob er nicht da mal vorbeischauen will? Würde doch seiner Karriere als Schriftsteller nicht schaden. Sicher nicht, denn er hat noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht.

Jedes ihrer [Herzogin für Guermantes] Kleider kam mir wie die natürliche, notwendige Umgebung, wie die Projektion einer besonderen Ansicht ihrer Seele vor. (3.199)

Proust (114)

Das Telefonat mit der Großmutter zeigt Marcel nur eines: Er ist von ihr getrennt! Er entscheidet auf der Stelle am nächsten Tag zurück nach Paris zu fahren, erzählt es aber Robert und seinen Freunden nicht, der aber natürlich weiß, was los ist. Weil er wohl etwas trödelt, kann Marcel sich am nächsten Tag nicht mehr von Robert richtig verabschieden. Gedanken darüber, dass man Veränderungen bei denen, die man liebt, am meisten übersieht.

… bis zu diesem Tag stellte ich mir hier in der kleinen Stadt meine Großmutter, sooft ich daran dachte, was sie wohl allein jetzt anfangen mochte, so vor, wie sie in meiner Anwesenheit war, wobei ich mich selbst ausließ, ohne mir klarzumachen, welche Wirkung diese Auslassung auf sie haben mochte … (3.192)

Proust (113)

Robert erhält vielleicht nun doch Urlaub. Seine Kameraden bestürmen Marcel, auf alle Fälle zu bleiben. Ausführliche Vorstellung des Vorgesetzten Roberts und ein Vergleich der »zwei Aristokratien … dem alten Adel und dem des Kaiserreichs« (3.179). Robert hat ein Telefonat zwischen Marcel und seiner Großmutter angeleiert – seltenes Ereignis, denn 1880 gab es in Paris gerade mal 300 Anschlüsse. Über das Wunder des Telefonierens, die Macht der »Telephonfräulein« (3. 183) und der Geschiedenheit von »Realpräsenz dieser so nahen Stimme – bei tatsächlicher Trennung« (3.184)

Wir brauchen, damit sich dieses Wunder [des Telefonierens] vollzieht, unsere Lippen nur der magischen Membrane zu nähern und – manchmal etwas zu lange, ich gebe es zu – die wachsamen Jungfrauen zu rufen, deren Stimme wir täglich hören, ohne je ihr Gesicht zu kennen, und die unsere Schutzengel in jenem schwindelerregenden Dunkel sind, über dessen Pforten sie eifersüchtig wachen; die Allmächtigen, durch die die Abwesenden neben uns aufsteigen, ohne daß es erlaubt wäre, sie zu gewahren; die Danaiden des Unsichtbaren, die unablässig die Urnen der Töne leeren, füllen und einander übergeben; die ironischen Furien, die, während wir einer Freundin etwas Vertrauliches zuflüsterten, in der Hoffnung, daß niemand uns höre, uns grausam »Hier Amt« zurufen; die ewig gereizten Dienerinnen des Mysteriums, die argwöhnischen Priesterinnen des Unsichtbaren, die Telephonfräulein! (3.183)

Proust (112)

Robert hat Stress mit seiner Geliebten. »Er durchlitt, ohne einen einzigen auszulassen, im voraus alle Schmerzen eines endgültigen Bruchs …« (3.168). Über die Macht des Schweigens. Robert wird wegen des Streites an Weihnachten nicht in Paris sein und kann so Marcel auch nicht der Herzogin vorstellen. Ob Robert dann wenigsten die Herzogin fragen könne, ob er bei ihr ihr Gemälde von Elstir anschauen dürfe? »Natürlich, da kann ich für sie garantieren« (3.174) ist die Antwort und Marcel, vergessend, dass man sich ja bereits duzt: »Robert, wie ich sie mag« (ebd.).

Man sagt, Schweigen sei eine Macht; in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen dar, die geliebt werden. Es steigert die Beängstigung des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? (3.167)

Proust (111)

Ausführliche Gespräche über die Kriegskunst – mit Vergleichen zur Philosophie und Mathematik – sowie über die Dreyfus-Affäre. Man wundert sich, dass Robert einer der seltenen Dreyfus-Anhänger ist. Marcel geht es so gut, dass er fast die Herzogin von Guermantes vergisst – aber eben nur fast.

Im übrigen laß dir sagen, daß dasjenige, was die Entwicklung der Kriegskunst am meisten beschleunigt, die Kriege selber sind. (3.159)

Proust (110)

Marcel findet bei dem Abendessen sogar den Mut Robert zu fragen, ob er das Bild, was Robert von der Herzogin hat, bekommen kann. »Nein, da müßte ich sie erst um Erlaubnis bitten« (3.140). Über das geheimnisvolle Wesen von Männerfreundschaften ohne physischer Anziehungskraft. Marcel fühlt sich bei Robert und seinen Kameraden ohne Ende wohl, was auch daran liegen mag, dass Robert ihn nicht nur besorgt umhegt, sondern es auch versteht, ihn immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Ein wichtiges Thema der (kontorversen) Unterhaltungen ist die Dreyfus-Affaire. Roberts (langer) Monolog über die Ästhetik der Kriegsberichterstattung.

In einem Freudenrausch, den das Vergnügen, mich vor seinen Freunden glänzen zu lassen, gewiß noch verstärkte, wiederholte er [Robert] mit äußerster Gewandtheit, indem er mich abrieb wie ein Pferd, das als erstes durchs Ziel gegangen ist: »Du bist der intelligenteste Mensch, den ich kenne, weißt du.« Er besann sich und setzte hinzu: »Neben Elstir …« (3.144)

Proust (109)

Marcel speist regelmäßig mit Robert in einem Hotelrestaurant. Blicke durch die Fenster in die hellen Räume beim abendlichen, dunklen Weg zum Essen. Beschreibung Speisesaal. Endlich nimmt er sich ein Herz und fragt Robert – wenn auch mal wieder sehr ungeschickt – nach der Herzogin aus, »diese[r] treffliche[n] Oriane« (3.135), die er angeblich nur vom »literarischen Gesichtspunkt … von einem balzacianischen Standpunkt aus« (3.136) interessiert. Typisch Marcel: Tut mal wieder so, als sei er dann doch sogar nicht an ihr interessiert und stellt es als Freundchafstprobe hin, ob Robert es wohl gelingen würde, dass die Herzogin Marcel zum Essen einlädt. Er bietet Robert das Du an.

Und auch in dem großen Speisesaal, den ich am ersten Tage durchschritt, um zu dem kleinen Raum zu gelangen, in dem mein Freund auf mich wartete, erinnerten an ein mit der Naivität der alten Zeit und in flandrischer Übertreibung gemaltes biblisches Festmahl all die unzähligen Fische, Poularden, Auerhähne, Schnepfen, Tauben, die, fertig dressiert und dampfend, von atemlosen Kellnern, die auf dem Parkett entlangglitten, um rascher zur Stelle zu sein, zum sofortigen Tranchieren herbeigetragen und auf der ungeheuren Anrichte abgestellt wurden, wo sie aber – da viele Gäste mit Essen schon fast fertig waren, als ich kam – sich vielfach ungenutzt häuften, ganz als entspreche ihre Fülle und die Eile, mit der sie herbeigeschafft wurden, weit mehr als den Bestellungen der Gäste der Achtung vor dem Buchstaben der Heiligen Schrift, der gewissenhaft befolgt, aber in naiver Weise durch realistische Einzelheiten illustriert wurde, die dem lokalen Leben entnommen waren und zugleich dem ästhetisch und religiös bedingten Bedürfnis entsprangen, durch die Fülle der Speisen und den Eifer der Auftragenden den Glanz des Festes augenfällig zu machen. (3.133)

Proust (108)

Weiteres über den guten und schlechten Schlaf. Marcel schläft jedenfalls prächtig, was aber auch daran liegen mag, dass er tagsüber unterwegs ist und die Manöver bzw. Übungen, an denen Robert teilnehmen muss, beobachtet. Beginnt Interesse an militärischen Theorien zu zeigen. Robert kümmert sich mal wieder rührend um ihn. Selbst unter seinen Kameraden fühlt sich Marcel wohl und bekommt mit, wie man Robert als den »beliebtesten aller Unteroffiziere und Fähnriche des Regiments« (3.126) bezeichnet.

Die Auferstehung beim Erwachen – nach dem wohltuenden Anfall von geistiger Umnachtung, die der Schlaf darstellt – muß im Grunde dem ähnlich sein, was sich zuträgt, wenn uns ein Name, ein Vers, ein vergessener Refrain wieder in den Sinn kommt. Und vielleicht kann auch die Auferstehung der Seele nach dem Tod als ein Gedächtnisphänomen verstanden werden. (3.119)

Proust (107)

Marcel darf bei Robert in der Kaserne schlafen und ist überglücklich. Vergleichende Betrachtung des Aussehens der Herzogin und ihres Neffen, sie ähneln sich, was jetzt nicht die große Überraschung darstellt. Die zweite Nacht muss er jedoch im Hotel schlafen und – nächste Überraschung! – es gefällt ihm dort außerordentlich gut. Er fühlt sich aufgehoben und geborgen und macht sich keine Gedanken über den Schlaf. Betrachtungen über den guten Schlaf.

Ich hatte keine Zeit traurig zu sein, denn ich war nicht einen Augenblick allein. Von dem ehemaligen Palais [jetzt Hotel in dem Marcel übernachtet] nämlich war ein Überschuß an Luxus geblieben, der in einem modernen Hotel nicht nutzbar zu machen war und der nun, ohne jede praktische Bestimmung, in seiner Untätigkeit ein Eigenleben führte: Korridore, die hin und her liefen und auf deren durch keinen Zweck bedingtes Kommen und Gehen man unaufhörlich stieß, Vorzimmer, langgestreckt wie Galerien und ausgestattet wie Salons, die eher wirkten, als wohnten sie dort selbst, anstatt daß sie einen Teil des Wohnraums bildeten; man hatte sie für keines der Zimmer verwenden können, und so trieben sie sich bei meinem herum und kamen auf der Stelle, um mir ihre Gesellschaft anzubieten; eine Art von müßigen, aber nicht lärmigen Nachbarn oder von untergebenen Geistern der Vergangenheit, denen man erlaubt hatte, ein geräuschloses Dasein vor der Tür der Gästezimmer zu führen; jedesmal, wenn ich sie auf meinem Weg fand, begegneten sie mir mit stiller Zuvorkommenheit. (3.110)

Proust (106)

Marcel sieht ein, dass er mit ‚Stalking‘ keinen wirklichen Erfolg haben wird. Ihm kommt die Idee, es quasi indirekt zu versuchen, um mit der Herzogin bekannt zu werden: Jemand muss ihr von ihm erzählen. Und wen gäbe es da besseren als ihren Neffen, seinen Freund Robert de Saint-Loup? Kurzentschlossen fährt er zu ihm in die Kaserne nach Doncières. Robert, der keine Zeit hat, freut sich und ist ganz besorgt, wo Marcel denn mit seiner »Gehörshypherästhesie« (3.95) wohl schlafen könne. Er schickt Marcel schon mal auf seine Stube. Was Marcel alles dort hört.

Doch gibt es auch Geräuschminderungen, die nicht vorübergehend sind. Wer völlig taub geworden ist, kann nicht einmal neben sich Milch in einem Kocher erhitzen, ohne mit den Augen, bei geöffnetem Deckel, dem weißen, hyperboreischen, schneesturmähnlichen Reflex aufzulauern, jenem Warnsignal, dem man klüglich dadurch Rechnung trägt, daß man – wie der Herr den Wogen gebietet – den Stecker herauszieht; denn das aufsteigende, spastische Ei der kochenden Milch ist schon dabei, mittels einiger steiler Wölbungen seinen Höchststand zu erreichen, schwillt an, bläht ein paar halb gekenterte Segel, die der Rahm faltig aufgeworfen hatte, entsendet in den Sturm noch eines aus Perlmutt, das der Stromunterbruch zusammen mit allen anderen, wenn das elektrische Unwetter rechtzeitig beschwört wird, um sich selbst kreisen und, in lose Magnolienblüten verwandelt, endgültig abdriften lassen wird. (3.102)

Proust (105)

Die Folgen dieses Grußes: Marcel liebt die Herzogin »wirklich« (3. 89) und ihr das zu beweisen, stalkt er sie. D.h. er macht lange Spaziergänge in der Hoffnung ihr zu begegnen und sie dann grüßen zu können – hin und wieder gelingts. Wieder mal über das Erinnern von Gesichtern. Françoise beäugt dieses Verhalten mit Misstrauen und lässt es Marcel spüren. Über Françoise‘ ›Bauernschläue‹ und das Phänomen, dass sie irgendwie schon immer alles weiß oder zumindest ahnt. Über die Erkenntnis, dass wir den anderen doch nicht in seiner Gänze erkennen können.

Auf alle Fälle begriff ich, daß es ganz unmöglich war, auf unmittelbare Weise zuverlässig in Erfahrung zu bringen, ob Françoise mich gern hatte oder verabscheute. Und so war sie es, die mir als erste zu der Erkenntnis verhalf, daß ein Mensch nicht, wie ich geglaubt hatte, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen uns betreffenden Plänen und Absichten klar umrissen und unverrückbar uns vor Augen steht (wie ein Garten mit seinen Blumenbeeten, den man durch ein Gittertor vor sich liegen sieht), sondern ein dunkles Schattengebilde ist, in das wir nie eindringen können, für das es keine direkte Erkenntnisart gibt, das uns zwar zu zahllosen Überzeugungen kommen läßt aufgrund von Worten oder sogar Handlungen, die uns beide nur unzulängliche und im übrigen widersprüchliche Auskünfte erteilen, ein Schattengebilde, in dem wir uns abwechselnd mit gleicher Glaubwürdigkeit das Aufglimmen des Hasses und der Liebe vorstellen können. (3.89)

Proust (104)

Die Fürstin von Guermantes bekommt in ihrer Loge Besuch von der Herzogin von Guermantes  – sie sind Cousinen. Vergleich der beiden Toiletten. Sozialstudien. Aber nicht nur Marcel ist in Beobachtungslaune, auch Madame de Cambremer lässt ihre Adleraugen schweigen. Und auch wenn die Rückschlüsse aus den Beobachtungen nicht alle korrekt sind, Stoff zum Reden gibt es dadurch genügend. Und dann – wie ein Blitz aus heiterem Himmel – schenkt die Herzogin Marcel nicht nur einen Blick, nein sogar noch ein Lächeln und einen Wink mit »weißbehandschuhter Hand« (3.76). Die Göttin ist eine Frau geworden – also doch menschlich! Das wird Folgen haben!

Von diesen beiden großen Damen [der Fürstin und der Herzogin von Guermantes] empfangen zu werden war aber dennoch das Ziel, das sie [Madame de Cambremer] seit zehn Jahren mit beharrlicher Ausdauer verfolgte. Sie hatte sich ausgerechnet, daß sie es zweifellos innerhalb von fünf Jahren erreichen werde. Doch da sie an einer Krankheit litt, die unheilbar war und deren erbarmungslosen Charakter sie zu kennen glaubte, da sie sich auf ihre medizinischen Kenntnisse etwas einbildete, fürchtete sie, sie werde so lange nicht mehr leben. (3.72)

Proust (103)

Marcel nimmt seinen Platz in der Oper ein, schaut sich um. Weitere Sozial- und Charakterstudien der Opernbesucher. Höhepunkt – bevor der Vorhang sich hebt – ist die Anwesenheit der Fürstin von Guermantes (nicht zu verwechseln mit der Herzogin von Guermantes). Ihm geht schon wieder einer ab. Dann tritt die Berma auf und »das Talent der Berma, das mir entgangen war, sein Wesen zu erfassen« (3.60) drängt sich ihm auf. Er begründet es damit, dass er sich das erste Mal ihr »mit allzu großem Verlangen» (3.63) genähert hatte. Über Talent.

Jetzt mußte ich ihre Person [die der Herzogin von Guermantes] davon entledigen, als ich sah, wie sie einem dicken Herrn im Frack Zuckerbonbons anbot. Gewiß war ich deswegen weit entfernt zu meinen, sie und ihre Gäste seien Wesen wie andere auch. Ich war mir völlig im klaren darüber, daß alles, was sie dort trieben, nur ein Spiel war und daß sie als eine Art Ouvertüre zu den Akten ihres wirklichen Lebens (dessen wichtigsten Teil sie ganz offenbar nicht hier verlebten) aufgrund von mir unbekannten Riten so tun mußten, als ob sie Bonbons anböten und ablehnten, also vollkommen sinnentleerte Gebärden vollführten, die im voraus festgelegt waren wie die Schritte einer Tänzerin, die sich bald auf die Zehenspitzen stellt, bald um einen Schleier dreht. Wer weiß? (3.54)

Proust (102)

Aber nicht nur Françoise ist an der Herzogin interessiert, selbstverständlich auch Marcel, der sich gerne an die Begegnung in Combray erinnert (vgl. Nr. 20). Überlegungen, was wäre wenn sie ihn kenne und zwar nicht nur als Mieter, sondern als angehenden Schriftsteller? Üer verschiedene Kammerdiener ist man gut unterrichtet, was die Herzogin so macht. Zur Herzogin gibt es auch noch einen Herzog, der mit Marcels Vater Bekanntschaft schließt. Über Umwege erhält Marcel eine Karte für die »Phèdre« von Racine mit der Berma (vgl. Nr. 47-52). Sozial- und Charakterstudien der Opernbesucher.

Eines Tages, als Monsieur de Guermantes [das ist der Herzog] eine Auskunft brauchte, die mit der beruflichen Tätigkeit meines Vaters zusammenhing, hatte er sich ihm höchst liebenswürdig vorgestellt. Von da an bat er ihn häufig um einen nachbarschaftlichen Dienst, und sobald er ihn bemerkte, wie er die Treppe herunterkam, schon ganz in seine Aufgaben vertieft und einzig darauf bedacht, jeder Begegnung auszuweichen, ließ der Herzog seine Stallburschen stehen, trat im Hof auf meinen Vater zu, zog ihm mit der ererbten Dienstfertigkeit der ehemaligen Kämmerer des Königs den Kragen am Überzieher zurecht, nahm ihn bei der Hand, die er, während er sie in der seinen hielt, liebkoste, um mit kurtisanenhafter Schamlosigkeit darzutun, daß er ihm gegenüber mit Berührungen durch seinen kostbaren Körper keineswegs geize, und führte ihn, der nur ungehalten auf Flucht sann, an der Longe bis ans Haustor und noch darüber hinaus. (3.41f)

Proust (101)

Kurzvorstellung des Westenmachers Jupien, »der mir auf den ersten Blick nicht besonders gefallen hatte“ (3.23), doch Marcel kann bei ihm »bald … eine ungewöhnliche Intelligenz« (3.24) feststellen. Françoise sorgt sich um den guten Ruf der Familie und lässt überall fallen, »daß wir, wenn wir uns keine Equipage hielten, eben keine wollten« (3.22). Ansonsten Spekulationen von ihr, wer noch alles zu den Guermantes gehören könnte und Sehnsucht nach Combray. Selbst Eulalie (vgl. 9 und 13) kommt in der Erinnerung gut weg. Aber unter der Hand: Françoise ist schlicht stolz auf Job und Familie.

Und Françoise, die jedesmal das Gesicht verzog, wenn man von ihr als von der Köchin sprach, hegte für den Laufburschen, der sie als »die Wirtschafterin« bezeichnete, jene Art von Wohlwollen, die gewisse Fürsten zweiten Ranges jungen Leuten gegenüber an den Tag legen, wenn diese sie in bester Absicht mit Hoheit anreden. (2.29)

Proust (100)

BAND III: GUERMANTES – 1. Teil

Sie sind umgezogen. Marcel bekommt deswegen natürlich gleich mal »Temperatur« (3.8). Françoise braucht etwas, sich an die neue Wohnung zu gewöhnen. Über das Erinnern. Die neue Wohnung gehört zum Stadtpalais der Guermantes. Marcel geht deswegen fast einer ab, weil schon seit Anbeginn seines Denkens, er dem Geschlecht der Guermantes höchste Zuneigung – warum auch immer – entgegenbringt. Wir erinnern: Zum Geschlecht gehören Madame Villeparisis, Monsieur Charlus und Marcels bester Freund Robert. Françoise schaut supergerne in den Hof, nicht nur wegen des Westenmachers Jupien, der dort seine Werkstatt hat, sondern um alles rund um die zu beobachten, »die da hinten« (3.17) wohnt: Die Herzogin von Guermantes, »elegant und noch jung« (ebd)!

Es [das Stadtpalais] war eines jener alten Gebäude, wie sie vielleicht auch heute noch existieren, deren Ehrenhof … oft von Ladenräumen und Werkstätten, ja sogar von der Bude eines Schuhmachers oder Schneiders flankiert war, wie jene, die man an die Seiten der Kathedralen sich anlehnen sieht, soweit die Ingenieursästhetik diese nicht freigelegt hat; oder es gab dort einen schusternden Concierge, der Hühner und Blumen züchtete – und zuhinterst, in dem eigentlichen »Palais«, eine »Gräfin«, die, wenn sie in ihrer alten zweispännigen Kalesche ausfuhr, mit ein paar Kapuzinerblumen am Hut, die dem Gärtchen der Concierge-Loge entsprungen schienen (neben dem Kutscher saß ein Lakai, der vor jedem aristokratischen Palais im Stadtviertel abstieg, um Karten abzugeben), unterschiedslos ein Lächeln und einen winkenden Gruß den in diesem Augenblick vorüberkommenden Kindern des Concierge oder den bürgerlichen Mietern des Hauses zusandte, die sie mit herablassender Liebenswürdigkeit und egalitärem Dünkel in denselben Topf warf. (3.16f)

Proust (99)

Albertine verteidigt ihr Kuss-Verbot und Marcel sinniert anschließend seitenweise darüber nach, wie zufällig doch die Liebe sein kann und wie wann welches Gesicht warum wie aussieht und auf ihn wirkt. Warum ist Proust eigentlich nicht Maler geworden? Das Seeleben verebbt, die Kurkonzerte hören auf, das schlechte Wetter beginnt und »meine Freundinnen verließen Balbec« (2.754). Rückerinnerung an einen schönen Sommer – dann geht es zurück nach Paris.

[Ende Band 2]

Tatsächlich hatte das Hotel, das mit der Schließung nicht mehr lange warten würde, fast alle Gäste abreisen sehen; nie zuvor war es so angenehm zu bewohnen gewesen. Das war zwar die Meinung des Direktors nicht; an der Flucht der Salons vorbei, in denen man fröstelnd saß und an deren Tür kein Groom mehr wachte, durchmaß er der Länge nach die Flure, bekleidet mit einem neuen Gehrock und vom Friseur derartig bearbeitet, daß sein ausdrucksloses Gesicht aus einer Mischung zu bestehen schien, bei der auf einen Teil Fleisch gleich drei Teile Kosmetika kamen, und mit stets neuen Krawatten (solche Formen der Eleganz kosten weniger, als für Heizung und Personal zu sorgen; wer nicht mehr in der Lage ist, einer Wohltätigkeitseinrichtung zehntausend Francs zu spenden, spielt noch mühelos den Wohltäter, indem er dem Telegraphenboten, der ihm eine Depesche bringt, fünf Francs als Trinkgeld gibt). (2.755)

Proust (98)

Verstehe Marcel wer will: »Ich wußte jetzt, ich liebte Albertine, aber ach! ich legte keine Wert darauf, es sie wissen zu lassen.« (2.718) Er spricht viel mit Andrée über sie und würde gerne die Tante Albertines, bei der sie groß geworden ist, Madame Bontemps, kennen lernen. Albertine übernachtet im Hotel, weil sie am nächsten Morgen früh auf den Zug muss. Marcel besucht sie abends auf dem Zimmer und will sie küssen – aber sie schellt nach dem Personal. Um Albertine, die nicht reich ist, kümmern sich verschiedene Personen, die sie auf Wochen einladen und ihr damit einen guten Ruf verschaffen.

Wie sollte das möglich sein, wie könnte die Welt länger dauern als ich, da ja nicht ich verloren in ihr schwebte, sondern vielmehr sie in mich eingeschlossen war, in mich, den sie bei weitem nicht ausfüllte, in mich, der ich angesichts des für die Anhäufung so vieler anderer Schätze ausreichenden Raumes in mir Himmel, Meer und Falaisen verächtlich in eine Ecke warf. (2.730)

Proust (97)

Von der ‚Neuentdeckung‘ des anderen bei jeder neuen Begegnung, da man sich nicht alles – Gesicht, Stimme, … – merken kann. Marcel versucht Albertine nun auch körperlich näher zu kommen und schafft es, dass er bei dem Spiel »Ringlein, Ringlein, du mußt wandern« (2.709) ihre Hand halten darf. Nicht lange, denn er ist davon so verwirrt, dass er nicht aufpasst und kurz danach wieder in der Mitte stehen muss. Andrée ist so nett, und kümmert sich etwas um ihm, reagiert aber so gar nicht, als er ihr von Albertine vorschwärmt.

Jedes Wesen zerfällt, wenn wir es nicht mehr sehen; erscheint es dann das nächste Mal wieder vor uns, findet gleichsam eine Neuschöpfung statt, die verschieden von den früheren, von allen anderen ist. (2.707)

Proust (96)

Siehe gestern: Marcel verbringt nun alle Zeit mit den Mädchen, selbst Robert ist abgeschrieben. Über das Wesen der (Männer-) Freundschaft – kommt gerade nicht so gut weg – und das Wesen der Liebe zwischen Mann und Frau – etwas verklärt. Über Stimmen und Gesichter, also über die Individualitäten, die einem erst dann richtig auffallen, wenn man heillos verliebt ist. Dazu noch die Seh-Schule durch Elstir – Marcel verliert sich fast in sich. Die Mädchen hecheln derweil einen Aufsatz von Gisèle durch derweil Marcel sich über seinen ersten Liebesbrief von Albertine freut: »Ich mag Sie sehr gern« (2.698): Logisch, dass sie es nun ist, »mit der ich meinen Roman haben würde« (2.703).

Denn die Regung von Überdruß, die in Gesellschaft ihres Freundes alle diejenigen unbedingt verspüren müssen, deren Entwicklungsgesetz ganz in ihrem Inneren ruht – Überdruß deswegen nämlich, weil sie ganz an der Oberfläche ihrer Persönlichkeit bleiben müssen, anstatt ihre Entdeckungsreise in die Tiefe fortzusetzen –, heißt die Freundschaft uns wiederum korrigieren, sobald wir von neuem uns allein überlassen sind; sie verlangt von uns, daß wir mit Rührung im Herzen an die Worte zurückdenken, die unser Freund uns gesagt hat, und sie als einen kostbaren Beitrag ansehen, während wir doch nicht wie irgendwelche Bauwerke sind, an die man von außen her Steine herantragen kann, sondern vielmehr wie Bäume, die aus ihrem eigenen Lebenssaft den nächsten Knoten ihres Stammes und das nächste Stockwerk

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