Durch die Zeit

Proust (302)

Marcel belauscht die jungen Soldaten, aus deren Gespräche er aber nicht schlau wird. Spontan nimmt er sich ein Zimmer, steigt dann aber eine Etage höher. Dort hört er Schläge und Schreie und durch ein Fenster kann er dann erspähen, wie sich niemand anderes als der Baron de Charlus von einem jungen Mann mit einer Klopfpeitsche züchtigen lässt. Kurz, Marcel ist in ein Männerbordell (mit realem Vorbild) gelandet, das von niemand anderen als Jupien, dem Westenmacher geleitet wird. Über die Typen von Männern, auf die der Baron steht. Der Autor selbst vergisst nicht, mehrfach auf einen »jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren« (7.180) zu verweisen

Da bemerkte ich, daß es ein kleines Rundfenster auf den Flur gab, an dem aus Versehen der Vorhang nicht zugezogen war; leise im Dunkeln vorwärtsschleichend, rückte ich bis zu diesem Fensterchen vor, und da sah ich, an sein Lager gefesselt wie Prometheus an seinen Felsen, im Begriff, die Schläge einer tatsächlich mit spitzen Nägeln versehenen Klopfpeitsche entgegenzunehmen, die Maurice auf ihn niederfallen ließ, da sah ich, bereits in seinem Blut schwimmend und mit Striemen bedeckt, die bewiesen, daß diese Züchtigung nicht zum erstenmal erfolgte, da sah ich vor mir Monsieur de Charlus. (7.182)

Rote Grütze gab es zum Schluss

3. Online-Essen. So langsam gewöhne ich mich fast dran. Vorteil, jemand aus Stuttgart (oder so) war problemlos zugeschaltet. Eins ändert sich aber nicht. Die Gastgeber – die das Essen geliefert haben – also mit dem Kochen von Kartoffeln .. also so richtig ist das ihr Ding nicht. Ansonsten einfach schön, von anderen im Dialog mehr zu erfahren.

Proust (301)

Ein Brief, den Marcel erst Jahre nach dem Tod von Baron de Charlus erhält, bestätigt die berechtigte Angst von Morel. Marcel weiterhin mit dem Baron durch das nächtliche Paris, bevor sie sich verabschieden, vergleicht der Baron die Stadt mit Pompeij. Aus einem Hotel tritt eine Person, die Marcel für Robert hält. Neugierig betritt er das Hotel, dass eine komische Anmutung hat. Zuerst meint er, es würden Spione dort sich treffen, dann das dort ein Verbrechen stattfindet, denn die jungen Soldaten und Matrosen unterhalten sich lautstark auch darüber, wann wer wieder »mit Schlagen« (7.177) dran ist, und ob der Patron noch genügend Ketten auftreiben kann.

Etwas jedoch verblüffte mich, das weder an seinem Gesicht lag, das ich nicht sehen konnte, noch an seiner von einem großen Umhang verdeckten Uniform, sondern an dem außerordentlichen Mißverhältnis zwischen der Zahl der verschiedenen Punkte, die sein Körper passierte, und der geringen Anzahl von Sekunden, in denen sich dies vollzog und dabei wie der Ausfallversuch eines Belagerten wirkte. Obwohl ich ihn nicht eigentlich erkannte, dachte ich deshalb, wenn nicht an die Haltung, die Schlankheit, das Tempo, die rasche Beweglichkeit Saint-Loups, so doch an die Art von Allgegenwart, die ihn so sehr auszeichnete. (7.174f)

Top 5

Wenn ich sage: „Ich bin dann ab Ende März in Reha“, dann kommen – nach Häufigkeit gelistet – folgende Fragen:

Platz 1: Wo? (Antwort: Bad Kissingen – Gegenreaktion: Muss angeblich schön sein.)

Plazt 2. Wie lange? (Antwort: 5 Wochen Gegenreaktion: Oh, gut. Aber frag doch mal nach einer Verlängerung.)

Plazt 3: Was für eine Art von Reha ist das? (Antwort: Psychosomatisch (und wenn ich etwas Vertrauen haben oder die Person besser kenne: Ist auf Trauma spezialisiert.)

Platz 4: Warum? (Antwort: Na ja Trauma halt. (Und wenn ich die Person besser kenne oder mal so mutig bin, um einfach mal zu schauen wie die Reaktion ist: Ich bin als 12-jähriger sexuell missbraucht worden.))

Platz 5: Hast Du eigentlich schon Pläne für den Sommer (oder eine wie auch immer geartete Frage – jedenfalls keine, die auch nur einen Hauch von Berührung hat zu den oben genannten Fakten oder Inhalten.)

Proust (300)

Charlus‘ Meinung über den Krieg. Seine Bewunderung für die Deutschen. Charlus behauptet, Morel wolle sich ihm wieder näheren. Doch zwei Begebenheiten, die der Erzähler nun vorgreifend zum Besten gibt, ergibt ein ganz anderes Bild. Morel gesteht Marcel gegenüber, dass er »einfach Angst« (7.166) hat und daher den alternden Baron nicht besuchen will. Die zweite Begebenheit dann morgen.

»Ich weiß, daß Morel immer noch viel dort [bei den Verdurins] verkehrt«, fuhr er fort (es war das erstemal, daß er zu mir wieder von ihm sprach). »Es heißt, das Vergangene tue ihm leid, er wünsche sich mir wieder zu nähern«, fügte er hinzu, wobei er die ganz dem Faubourg Saint-Germain gemäße Leichtgläubigkeit eines Menschen bewies, der sagt: Es ist viel davon die Rede, daß Frankreich mehr Kontakt als je mit Deutschland hat und daß sogar Unterhandlungen im Gange sind, und die eines Liebhabers, den die schroffsten Zurückweisungen noch immer nicht entmutigt haben. (7.164)

Proust (299)

Der Autor erlaubt sich eine weitere Abschweifung, diesmal geht es um »die Beziehung zwischen Madame Verdurin und Brichot« (7.144). Der Gelehrte gehört immer noch zum ›kleinen Kreis‹ aber seit dem er Artikel in Zeitungen verfasst, ist er für Madame – teils gerechtfertigt, teils ungerechtfertigt – zur Lachnummer geworden, da sie nicht ganz die gleichen Ansichten wie er über den Krieg teilt. Vermeintliche Argumente, warum Brichot nicht schreiben kann.

Sie [Madame Molé] gab Madame Verdurin recht, und um dennoch etwas zu sagen, was ihr unbestreitbar erschien, bemerkte sie zum Schluß: »Man muß ihm [Brichot] allerdings lassen, daß seine Artikel sehr gut geschrieben sind.« – »Wie? Sie finden das gut geschrieben?« fragte Madame Verdurin. »Ich persönlich finde, er schreibt wie ein Schwein« – eine Kühnheit, die die Gäste aus der feinen Welt zum Lachen brachte, zumal Madame Verdurin, als erschrecke sie selbst vor dem Wort Schwein, es nur flüsternd und hinter vorgehaltener Hand zu artikulieren wagte. (7.147)

(Aushilfs)Detektive

Wenn man mir gesagt hätte, dass Mediation so spannend sein kann, dann hätte ich die Ausbidlung schon vor 40 Jahren gemacht!

Heute erste Einzelgespräche mit Führungskräften und das Gesamtbild verschiebt sich, manche Dinge werden klarer, andere noch viel unverständlicher.

Einer der Führungskräfte sagt seinen Einzeltermin mit uns ab, über die Kollegen bekommen wir ein paar Infos, die diese Absage für uns suspekt macht. Am späten Nachmittag treffe ich mich mit N. und wir spekulieren mal wieder – übrigens eineinhalb mal so lang, wie die Einzelgespräche – und kommen dann auf eine Idee. N. und ich erzählen das unabhängig von einander unseren jeweiligen überaus kritischen Männern, die beide sozusagen synchron nur noch nicken.

Echt spannend und wir fühlen uns gerade als Detektive. Mir tut es schon in der Seele weh, dass ich das für mich unterbrechen muss und in die Reha gehe … aber was hilft, wenn ich jetzt den Medationsprozess gut hinbekomme, aber dann meinen eigenen inneren Prozess abwürge. Ich muss mit mir noch etwas länger umgehen, als mit dem Auftrag (hoffe ich).

Auf Punkte gebracht

  • Werde früh wach und rege mich dann auf, dass schon wieder sechs Wochen ins Land gegangen sind, ohne dass der Chef sich zu der Gehaltserhöhung geäußert hat, was er ja zeitnah … also Mail an ihn und überraschend innerhalb einer Stunde die Antwort: Werde höhergruppiert (auch wenn nur auf das, was ich als Untergrenze sehe), man hat es vergessen mir mitzuteilen.
  • Meine Kolleginnen waren hörbar nicht amusend, dass ich jetzt dann für fünf Wochen ausfalle (mit der Option auf acht – aber da werden sie sich dann freuen, wenn ich nach sechs oder so wieder komme *grins*) und sogar davor noch zwei Tage Urlaub haben will. Aber somit ist es amtlich, dass ich die Reha mache. Das hat auch viel mit der Therapie von gestern zu tun, die mir Freiheit gegeben hat.
  • Viel gearbeitet dennoch nicht, hab‘ einfach Denk- und da-sein-Zeit gebraucht.
  • Mediationsgruppe irre anstrengend, schwer, die in den Grenzen zu halten. Ist so ein Balance-Akt zwischen reden lassen, weil es wichtig ist und eingrenzen, weil Schwätzerei nichts bringt. In der Schlussrunde viel Unzufriedenheit mit der Sitzung und uns – aber zum ersten Mal Applaus.
  • Richtig geiler Austausch mit N. danach per Chat. Sind schon am überlegen, die Abschlusspräsentation sein zu lassen und nur den Chat vorzulesen.
  • Aus dem Tag hätte man drei machen können!

Proust (298)

Baron Charlus und Morel, die einst ein Paar waren, stehen nun herzhaft abgeneigt sich gegenüber. Über Seiten (!) analysiert der Baron die Texte des alten Diplomaten Norpois, nur um Marcel davon überzeugen, dass auch an Norpois der Krieg nicht unbeschadet vorübergeht.

Wenn nämlich ein ganz bestimmter Prozeß – und zwar in allen Klassen – Personen wie Saint-Loup zur Homosexualität geführt hatte, Personen, die ihr zuvor denkbar fern standen, so hatte auch ein in entgegengesetzter Richtung verlaufender Prozeß jene, denen solche Praktiken zuvor geläufig gewesen waren, von ihnen entfernt. (7.131)

GT (67)

Ich werde etwas nachlässig mit meiner Berichtserstattung in dieser Reihe. Also reiße ich mich am Riemen, ist es ja das vorletzte Mal.

Es ist wohl die heiterste Therapiesitzung. Man muss es aber auch dem Psychodoc lassen, dass er geschickt die Erfolge, die wir zweifellos in der Therapie gemacht haben, hervorstreicht und sicher.

J. bringt ihn dann auf eine Idee, weil er einen Stein, der der Psychodoc ihm geliehen hat, noch nicht zurückgeben will. So bekommen wir – etwas verfrüht, wie ich finde – alle einen Stein und ich konme sogar in den Genuß, dass er einen für mich auswählt. Auf dem steht – sinnigerweiße – „Freiheit“. So ktischig das auch anmutet, ich bin mir sicher, dass er mir wirklich unterstützen wird.

Zum ersten Mal will sich die Runde danach auch nicht so richtig auflösen. C. freut sich sichtlich, als ihr sage, dass ich so froh bin, ihre Mailadresse zu haben, weil ich unbedingt mit ihr in Kontakt bleiben will. Leider wird J. dann wegziehen, wenn ich in der Reha bin, also muss ich schauen, dass ich ihn davor noch irgendwie mal treffen kann, ein paar Dinge möchte ich ihm unbedingt noch sagen, mich vor allem bedanken.

Wie wir die letzte Sitzung gestalten können wir auch noch klären, ich glaube, das könnte echt gut für alle werden.

Chance(management?)

Es wird gerade etwas dünne bei mir hier im Blog. Es gäbe zwar eine Menge zu berichten, aber es veränderen sich gerade meine Tagesstrukturen. Mein Internetkonsum nimmt gerade massiv ab, der Blog hier ist mir nach wie vor wichtig, steht aber nicht mehr so ganz weit oben.

Bücher und Hörbücher sind nach wie vor wichtig – aber auch die verlieren gerade an ihrer Platzierung.

Es scheint wohl gerade einer dieser seltenen Lebensmomente zu sein, in denen ich wahrnehme, dass sich etwas ändert, aber dass diese Änderung von mir / durch mich vorgenommen werden.

Ich muss mit N. eine gute Lösung wegen des Mediationsauftrags finden und wenn ich dabei das Geschenk des Therapeuten heute einfach mehr im allgemeinen beherzige, dann könnte ich nun doch wohl gut in die Reha gehen.

Das wird noch ein Stück Arbeit werden, aber ich mag mich der gerade auch stellen.

Proust (297)

»Trotz allem ging das Leben für viele Personen, die in dieser Erzählung eine Rolle gespielt haben …  in gleicher Weise weiter, als hätten die Deutschen sich nicht schon in so großer Nähe zu ihnen befunden, denn die zur Permanenz gewordene, wenn auch im Augenblick abgebremste Drohung einer Gefahr läßt uns vollkommen kalt, solange wir sie uns nicht vor Augen führen.« (7.117)

Da Madame Verdurin an Migräne litt und morgens keine Hörnchen mehr in ihren Milchkaffee tauchen konnte, hatte sie schließlich von Cottard ein Attest erlangt, das ihr gestattete, in einem bestimmten Restaurant, von dem wir gesprochen haben, solche herstellen zu lassen. Dies war von den zuständigen Stellen fast ebenso schwer zu erreichen gewesen wie jemandes Beförderung zum General. Ihr erstes Hörnchen nahm sie an dem Morgen zu sich, an dem die Zeitungen über den Untergang der Lusitania 1 berichteten. Während sie das Hörnchen in den Milchkaffee tauchte und ihrer Zeitung kleine Stupse gab, damit sie sie aufgeschlagen halten konnte, ohne zum Umblättern die mit dem Eintauchen beschäftigte Hand zu benutzen, sagte sie: »Wie grauenhaft! Das ist ja fürchterlicher als die entsetzlichsten Tragödien.« Doch der Tod all dieser Ertrunkener mußte ihr wohl doch auf ein Milliardstel seiner Größe reduziert erscheinen, denn während sie mit vollem Munde diese trostlosen Überlegungen anstellte, war der Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag und wahrscheinlich durch den Wohlgeschmack des Gebäcks hervorgerufen wurde, das ihr so unschätzbare Dienste bei ihrer Migräne leistete, eher der eines sanften Behagens. (7.119)

Proust (296)

Abendspaziergang Marcels. Er trifft Baron de Charlus, der in der Zwischenzeit rapide an Einfluss und Ansehen verloren hat. Er gilt nicht nur als »vorkriegsmäßig« (7.106) und »aus der Mode gekommen« (7.109), vielmehr hält man ihn wahlweise für einen Österreicher oder »Preuße« (7.108) – auf alle Fälle aber für einen Spion, dem man noch nie hat trauen können. Maßgeblich zu seinem Niedergang beigetragen hat Morel, der über »Frau Bosch« (7.111) bzw. »eine Allemande« (ebd.) nicht nur vernichtende Gesellschaftsberichte geschrieben hat, sondern seine Stellung ausnutzt, ihn ins Abseits zu stellen. Dennoch geht das Leben weiter, die Verdurins empfangen, wenn auch nicht Charlus und der hatte sich »zuerst aus Notwendigkeit damit abgefunden und dann daran gewöhnt, sich mit kleinen Jungen abzugeben« (7.114).

Kurzum, man hatte in der Gesellschaft die Bewunderung für Monsieur de Charlus abgelegt, nicht etwa weil man seine seltene geistige Potenz durchschaut hätte, sondern weil man sie überhaupt nicht erkannt hatte. Man fand ihn »vorkriegsmäßig«, altmodisch, denn gerade diejenigen, die am wenigsten imstande sind, Verdienste zu beurteilen, verwenden am häufigsten für ihre Klassifizierung die Kategorien der Mode. Sie haben nichts erfaßt, ja nicht einmal geahnt, was es in einer Generation an verdienstvollen Menschen gab, und jetzt muß man sie alle en bloc verdammen, denn das ist das Aushängeschild einer neuen Generation, die man ebensowenig verstehen wird. (7.110)

Stellungsbefehl zum 31.3.

Boa, ich sag’s Euch! Mir geht gerade die Pumpe!

Reha-Klinik hat gerade angerufen. Sie hätten einen Platz: 31.3. Alles weitere käme per Post. Einens schönen Tag noch.

Und was ist mit meinem Mediationsauftrag? Ich kann den nicht einfach mal fünf Wochen so ohne Weiteres unterbrechen.

N. gleich angerufen. Wohl von Vorteil, dass sie Ärztin ist. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass ich das machen soll und dass wir das schon »wuppen«. Erste Möglichkeiten ausgelotet. Da kommt jetzt viel Organisationsgedöhns auf uns zu.

Ich glaub‘, das musste ich so deutlich von ihr hören, um es nun angehen zu können, denn mein Psychodoc hat wirlich recht: »Von so einem Missbrauch haben Sie länger was von«.

Proust (295)

Brief von Gilberte. Jetzt berichtet sie, sie sei nach Tansonville gegangen, um ihre Güter zu retten, in einem anderen Brief war der Grund die Flucht aus Paris. Die Gegend rund um Combray und Méséglise sind zerstört. Zusammen mit Robert über eine mögliche ›Ästhetik‹ des Krieges. Über Roberts Intelligenz.

Trotz allem kann man sagen, daß der Krieg die Intelligenz Saint-Loups zwar nicht zu steigern vermochte, diese Intelligenz jedoch immerhin im Verlauf einer Entwicklung, bei der Erbeigenschaften eine große Rolle spielten, eine Brillanz annahm, wie ich sie früher bei ihm nicht gekannt hatte. Welche Kluft lag jetzt zwischen dem blonden jungen Mann, der einst von eleganten Frauen oder solchen, die es sein wollten, hofiert worden war, und dem doktrinären Theoretiker, der nicht aufhörte, mit Worten zu jonglieren! (7.99)

Nur kurz

Mit »Bridgerton« wäre ich heute wesentlich weitergekommen, wäre ich nicht meiner staatsbürgerlichen Pflicht nachgekommen und hätte mal wieder einen auf »Wahlausschussbeisitzender« gemacht und wäre nicht P. hier für eine halbe Stunde ausgestiegen, so dass es mal wieder für einen Kuss gerreicht hat.

Proust (294)

Kluges zu Männlichkeitsidealen und dass das »Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup (…) nicht das gleiche, aber ebenso konventionell und ebenso verlogen« (7.89) ist. Über die alternde Françoise. Wie verschiedene mit den Kriegsereignissen umgehen. Und dieses schöne Bonmot: »Man liest eben die Zeitung wie man liebt: mit verbundenen Augen.« (7.86)

Wenn ein junges Mädchen mich besuchen kam und unsere alte Dienerin [Françoise] noch so schlecht auf den Beinen war, brauchte ich nur einmal aus dem Zimmer zu gehen, und schon war sie oben auf einer Leiter am Hängeboden, im Begriff, wie sie sagte, nach irgendeinem Paletot von mir zu suchen, um nachzuschauen, ob keine Motten hineingekommen seien, in Wirklichkeit jedoch, um uns zu belauschen. Trotz all meiner Vorhaltungen behielt sie auch ihre hinterhältige Art bei, in indirekter Form Fragen zu stellen, wobei sie sich seit einiger Zeit eines gewissen »weil doch sicherlich« bediente. Da sie mich nicht zu fragen wagte: »Hat diese Dame ein eigenes Haus?« sagte sie, während sie die Augen mit dem Blick eines treuen Hundes zu mir erhob: »Weil doch sicherlich diese Dame ihr Privathaus hat … «, wobei sie den zu offenkundigen Frageton nicht aus Höflichkeit vermied, sondern um ihre Neugierde zu verbergen. (7.83)

Leider keine Zeit für Blog, …

… ›muss‹ »Bridgerton« gucken.

Proust (293)

Paris nachts bei Verdunklung. Marcel trifft nur selten auf Bekannte und Freunde, nun ausnahmsweise auf Robert und Bloch. Bloch wird, trotz Kurzsichtigkeit, eingezogen – während Morel wegen des gleichen Grundes zivil bleiben kann. Robert versucht den Chef eines Restaurants für sich zu gewinnen – blitzt aber ab. Er dient ebenfalls (noch) nicht und behauptet, dass all »diejenigen, die nicht an der Front sind, (…) aus Furcht zu Hause« (7.67) bleiben, bemüht sich aber anscheinend doch um einen Posten. Über die Vaterlandsliebe.

»Während also tugendhaft junge Leute, sobald sie in die Jahre gekommen sind, sich den Leidenschaften überlassen, deren sie sich endlich bewußt geworden sind, werden leichtsinnige junge Burschen zu prinzipienfesten Männern, und die Charlusse, die sich ihnen im Vertrauen auf frühere Gerüchte zu spät näheren, beißen auf Granit. Alles ist nur eine Frage der Chronologie.« (7.65f)

Proust (292)

Trotz Krieg: die Eitelkeiten in den Salons haben weiterhin Hochkonjunktur. Und ›dank‹ des Krieges hat dort »die Zahl der Langeweiler so sehr abgenommen« (7.55), dass es nahezu spannend wird. Der Krieg liefert ausreichend Themen, um sich in Szene zu setzen. Paradoxes Fazit: »Alles war so sehr beim alten geblieben« (7.55).

Madame Verdurin sagte jetzt: »Kommen sie um fünf: Wir besprechen den Krieg« wie früher: »Wir besprechen die Affäre« und dazwischen: »Sie werden Morel hören.« (7.55)

Mediation (2)

Nein, ich werde keine neue Reihe aufmachen. GT (68), was ja gestern dran gewesen wäre, ist ausgefallen da viel zu müde, da Besuch und da echt nichts berichtenswertes.

Heute zweite Mediationssitzung mit den neun Leuten. Ein kleines Stück weiter in die Materie eingedrungen. Wenn alle den Prozess ernst nehmen, wird das ein spannender Ritt auf einem Pulverfaß. Spannender Moment, als die Gruppe meinte, einen Weg vorgezeichnet zu haben, um dann von mir hören zu müssen: „Den Prozeß, den bestimmen wir.“ Da wird es den ersten gedämmert haben, dass zu einem Konflikt immer zwei gehören.

Mit N. noch eine längere ›Kurz‹analyse. Unsere Spekulationen bewahrheiten sich einerseits grob, aber durch die neuen Informationen müssen wir in immer weitere Richtungen denken, neu spekulieren, was uns zu neuen Fragestellungen führt, die wir zu ergründen suchen. Und das macht mit ihr einfach so richtig Spaß, weil wir wohl analytisch ähnlich aufgestellt sind und zudem mit dem Bauch umgehen können.

Aber drei Stunden können richtig anstrengend sein.

Proust (291)

Ausführungen zu »künstlerischer Wahrheit« (7.39) und Künstlertum. Damit wird sich Proust noch weiter beschäftigen in diesem Band. Der Erzähler bedauert jedoch tatsächlich »keine Begabung für die Literatur zu haben« (7.45). Eindrücke von Paris im Krieg 1916.

Vielleicht hätte ich nämlich aus ihnen [der Lektüre der Tagebücher der Brüder Goncourts] schließen können, daß das Leben einen lehrt, den Wert der Lektüre geringer zu veranschlagen, und uns zeigt, daß das, was der Schriftsteller uns rühmt, eigentlich nicht viel taugte; doch ich konnte genausogut daraus schließen, daß die Lektüre uns im Gegenteil lehrt, den Wert des Lebens höher anzusetzen, den Wert, den wir nicht zu erkennen wußten und über dessen Größe erst das Buch uns die Augen geöffnet hat. (7.40)

Proust (290)

Gilberte wird befragt, ob Albertine was mit Frauen gehabt hätte, weiß doch Marcel, dass die beiden was zusammen ›hatten‹ – aber Gilberte weißt solche Verdächtigung weit von sich und Albertine. Ein Pastiche im Stile der Brüder Edmond und Jules Goncourt, die damals wegen ihren Tagebüchern berühmt-berüchtigt waren, da sie ungeschminkt die hohe Gesellschaft beschrieben.

Oder wußte sie [Gilberte], daß ich (denn die anderen wissen oft über unser Leben besser Bescheid, als wir glauben) Albertine geliebt hatte, daß ich um ihretwillen eifersüchtig gewesen war, und meinte sie (denn die anderen mögen mehr über uns wissen, als wir denken, gehen aber manchmal auch zu weit darin und gelangen durch übertriebene Vermutungen zu Irrtümern, die wir bei ihnen zwar voraussetzen, doch aus der Hoffnung heraus, sie vermuteten überhaupt nichts), daß ich es noch immer sei, weshalb sie mir aus Güte die Binde vor die Augen legte, die man für Eifersüchtige immer bei der Hand hat? (7.22)

Das Ende naht!

Wir besitzen jetzt einen Duschhocker!

Proust (289)

BAND VII: DIE WIEDERGEFUNDENE ZEIT

Robert de Saint-Loup besucht in Tansonville, wo sich ja gerade auch Marcel (zu Beginn des letzten Bandes) aufhält, seine Frau Gilberte. Über seine Wesensveränderungen: Kurz, er hat nicht nur das Aussehen einer »Tante« (7.16) – hier im Sinne von ›Tunte‹ – sondern verhält sich auch so mit der Varianz, dass er keinen großen Unterschied macht, mit welchem Geschlecht er gerade anbandelt und Sex hat. Lieben tut er im Grunde aber nur Morel, auch wenn er Gilberte gegenüber etwas anderes behauptet.

Selbst wenn er [Robert de Saint-Loup] unbeweglich stand, verlieh ihm die besondere Färbung, die ihn mehr als alle übrigen Guermantes auszeichnete und nichts als die Materie gewordene Sonnenfülle eines goldenen Tages zu sein schien, etwas wie ein fremdartiges Gefieder, ordnete ihn einer so seltenen, kostbaren Spezies zu, daß man ihn gern für eine ornithologische Sammlung besessen hätte; und wenn sich dieser zu einem Vogel gewordene Lichtschimmer in Bewegung, in Aktion setzte, wenn ich zum Beispiel Saint-Loup auf einer Soiree erscheinen sah, die ich selbst besuchte, hatte er eine Art, den mit dem goldenen Reiherbusch seines etwas gelichteten Haars gekrönten Kopf seidenweich und stolz aufzurecken und Halsbewegungen zu machen, die weit geschmeidiger, anmaßender und koketter waren als solche, wie Menschen sie zeigen, daß man sich in einer Mischung aus Neugier und halb mondän, halb zoologisch bestimmter Bewunderung bei seinem Anblick fragte, ob man sich im Faubourg Saint-Germain oder im Jardin des Plantes befinde, ob man einen vornehmen Herrn oder einen Vogel einen Salon durchqueren oder

Wer die Wahl …

Morgen Start mit dem letzten Band Proust. Also sollte ich langsam beginnen mir zu überlegen, was ich dann lese (aber nur für mich, ohne Internet oder so). Ein japanischer Liebesroman steht auf der Liste, aber der ist nicht nur knapp 2.000 Seiten dick, sondern auch gleich noch 1.000 Jahre alt. Mit dieser Art von Literatur habe ich ja so überhaupt keine Erfahrung.

Oder doch mal den gesamten Shakespeare in einem Rutsch, also ’nur‘ das dramatische Werk?

Dann gäbe es noch eine dicke Beckett-Biographie oder eben dann nun endlich mal „Zettels Traum“ von Arno Schmidt.

Vielleicht sollte ich hier mal eine Umfragen starten.

Proust (288)

Obwohl es Marcel »gleichgültig [ist], ob man sein Vergnügen bei einem Mann oder einer Frau« (6.401) findet, ist er mit Roberts Homosexualität doch arg unglücklich. Einerseits befürchtet er, Robert könne nun keine reine Freundschaft mehr empfinden, andererseits ist er etwas geschockt, als er erfährt, wie oft Robert ihm etwas vorgespielt hat, um Zeit für Sex mit anderen zu haben. Aufenthalt mit Gilberte in Tansonville, in der Nähe von Combray. Sie ergehen sich zwar in Erinnerungen, aber die Vergangenheit bleibt vor allem für Marcel fremd. Das ändert auch nicht das Geständnis Gilberte, ihn schon früh geliebt zu haben. Melancholie ob der vergangenen Zeit.

[Ende Band 6]

Von dem Seelenzustand, der in jenem fernen Jahr für mich eine einzige Qual gewesen war, war nichts mehr vorhanden. Denn es gibt in dieser Welt, in der alles sich abnutzt, alles untergeht, etwas, was noch gründlicher versinkt, noch nachhaltiger der Zerstörung anheimfällt und noch weniger Spuren zurückläßt als die Schönheit: den Kummer. (6.411)

Proust (287)

Mademoiselle d’Oloron stirbt kurz nach der Heirat mit dem jungen Cambremer, um dem sich dann, da »dessen Neigungen die gleichen waren« (6.382), Baron Charlus sich kümmert. Marcel will den Baron besuchen, der »Herzaffektionen« (6.390) hatte, trifft aber dort nur auf den Westenmacher Jupien. Der hat nichts Besseres zu tun, als Marcel brühwarm zu erzählen, dass Roberts junge Frau gerade auf einen Briefwechsel gestoßen ist, der eindeutig belegt, dass Robert und der Violinist Morel (vgl. u.a. Nr. 128, 192, 199), mit dem der Baron ja ein Verhältnis hatte, ebenfalls ein solches pflegte. Kurz, Robert ist zumindest bisexuell, denn er »sollte in der Folge nicht aufhören, dafür zu sorgen, daß sie [Gilberte] Kinder bekam« (6.393).

Wenn zudem Leute, deren Herz nicht unmittelbar im Spiel ist, über die Liebesverbindungen, die man vermeiden sollte, oder schlechte Ehen so zu urteilen pflegen, als sei man frei, selbst auszuwählen, was man zu lieben gedenkt, stellen sie die köstliche Zauberprojektion der Liebe nicht in Rechnung, die so völlig und so ausschließlich die Person umwebt, in die man sich verliebt, daß die »Dummheit«, die ein Mann begeht, wenn er eine Köchin oder die Geliebte seines besten Freundes heiratet, im allgemeinen die einzige poetische Handlung darstellt, die er im Lauf seines Lebens begeht. (6.391)

Ein Tag ohne Proust

Ich hab‘ Proust heute einfach nicht geschafft.

Nach dem Nachtdienst etwas länger geschlafen, dann notwendigerwiese mich mal damit beschäftigt, ob das mit dem Abschlussfilm für die Abschlusspräsentation der Mediationsausbildung machbar ist. Eben nicht. Daher ausprobiert, ob man PowerPointPräsentationen nicht nur automatisch ablaufen lassen kann (unterschiedliche Einblendungszeiten einzelner Folien) sondern dem Ganzen auch noch eine Tonspur unterlegen kann. Ja, man kann.

Dann noch ein notwendiger Mittagsschlaf mit Lust an sich auf sich – sowie irre Träume.

Mein Mann hat auch so seine Projekte bei denen ich ihn unterstütze, und da es gerade um vier verschiedene Reader für Lehrer geht …

… und da war es auch schon 17 Uhr, ab in die Küche: Kartoffeln, Sauerkraut, Duroc-Kottlets in einer Balsamico-Thymain-Honig-Soße …

… die Corona-Gästinnen …

… und jetzt einfach ohne Hosen ab in Nacht, morgen habe ich ja kein Home-Office und ich muss noch Brote schmieren.

Proust (286)

Die beiden Verlobungen schlagen in den guten Kreisen hohe Wellen, denn beide Männer heiraten ja weit unter ihrem Stand. Die verschiedenen Kreise müssen sich neu positionieren – was für viel Geschwätz sorgt, darunter auch Anspielungen, dass die beiden Herren vielleicht doch nicht nur ausschließlich Frauen bevorzugen.

Alles, was uns unvergänglich scheint, strebt der Vernichtung zu; eine gesellschaftliche Situation wird wie alles übrige nicht für alle Zeiten geschaffen, sondern entsteht ebenso wie die Macht eines Reichs jeden Augenblick neu durch etwas wie einen nie endenden Schöpfungsakt, woraus sich die offensichtlichen Anomalien der Gesellschaftsgeschichte wie der politischen im Lauf eines halben Jahrhunderts hinlänglich erklären. Die Erschaffung der Welt hat nicht am Anfang stattgefunden, sie findet alle Tage statt. (6.376)

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