Durch die Zeit

Proust (233)

Albertine lässt Marcel ahnungslos zuhause und macht sich auf den Weg zu den Verdurins. Auf der Straße begegnet er Morel, der heulend am Straßenrand sitzt – vollkommen davon überfordert, ob er jetzt seine Braut und damit auch die Zuwendungen durch Baron Charlus, verlassen soll (daher die Streiterei in Nr. 229) oder doch nicht oder welche andere Lösung es vielleicht gäbe. Auf dem weiteren Weg trifft er auf den an den Augen leidenden Brichot. Mitteilung an den Leser, dass Swann verstorben ist und Auszüge eines Nekrologs auf ihn.

Da sein Augenleiden [Brichots] sich seit einiger Zeit verschlimmert hatte, war er – in opulenter Weise wie ein Laboratorium – mit neuen Gläsern ausgestattet worden: von machtvoller Stärke und kompliziert wie astronomische Instrumente, schienen sie auf seine Augen aufgeschraubt zu sein; er stellte ihr unerhört starkes Feuer auf mich ein und erkannte mich. Die Instrumente waren in ganz wundervoller Verfassung. Hinter ihnen aber bemerkte ich, winzigklein, blaß, zuckend, erlöschend, einen fernen Blick, der unter diesem machtvollen Apparat lag, wie in Laboratorien, die im Verhältnis zu den Aufgaben, denen sie dienen, überreich subventioniert werden, ein unbedeutendes Tierchen im Todeskampf unter Instrumenten von unerhörter Vollkommenheit. (5.278f)

1 Finger & 40 Euro

Wie gern hätte ich es, hier schreiben zu können, durch welch‘ heldenhafte Aktion, durch welch‘ außergewöhnlichen Einsatz, durch welch‘ menschenfreundliche Tat ich mir meinen linken Zeigefinger verstaucht habe. Die schnöde Wahrheit ist: Es passierte, als ich mir meine Jacke ausgezogen habe.

Dafür gab es das erste Honorar als Coach. Gutes Zeichen für morgen, denn da geht es um einen Mediationsauftrag, aber einen so richtig großen.

Proust (232)

Komisch, die Zeitungen berichten vom Tod des Schriftsteller Bergotte an dem Tag, an dem Albertine ihn auf der Straße traf und mit ihm plauderte. Über: »Der Irrtum ist aber hartnäckiger als der Glaube« (5.266) und »Sie [die Lügen] schufen meine Wahrnehmung« (5.269).

Um auf Albertine zurückzukommen, so habe ich niemals eine Frau gekannt, die mehr als sie die glückliche Befähigung zu einer lebendigen, mit allen Farben der Wirklichkeit getönten Lüge besaß, es sei denn eine ihrer Freundinnen […]. Dieses junge Mädchen war, was erfundene Geschichten betraf, Albertine überlegen, denn die seinen waren nicht mit jenen schmerzlichen Momenten oder wuterfüllten Andeutungen vermischt, die bei meiner Freundin häufig vorkamen. Ich habe gleichwohl gesagt, daß sie reizend war, wenn sie eine Erzählung erfand, die keinen Zweifel zuließ, denn man sah dann die – gleichwohl rein imaginäre – Sache vor sich, die sie sagte, wobei man sich zum Sehen ihrer Worte bediente. Sie schufen meine Wahrnehmung. (5268f)

Wie eine Ameise

Es ist Sonntag. Tag der Ruhe.

Also für mich nicht. Erst vier Stunden Dienst, dann kurze Erholung, dann Proust, dann Filme für den Mann machen, dann kochen, dann corona-koformes Abendessen, jetzt Planung der hauseigenen Ameisenpopulation.

Morgen ist Montag – da kann ich dann mich mal etws erholen.

Proust (231)

Marcel trifft Gisèle, eine Freundin von Albertine – auch die nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Über die Lüge. Trennungsabsichten: »Es ist furchtbar, wenn man die Existenz einer anderen Person an sich geheftet sieht, wie eine Bombe, die man festhalten muß und nicht fallen lassen darf, ohne ein Verbrechen zu begehen.« (5-354) Der Tod des Schriftstellers Bergotte.

Der Fall einer manierierten alten Frau wie Monsieur de Charlus, der in seiner Vorstellung immer nur einen stolzen Jüngling sieht und deshalb glaubt, selbst zu einem stolzen Jüngling zu werden, und zwar um so mehr, je manierierter und lächerlicher er wird, dieser Fall läßt sich verallgemeinern, und das Mißgeschick eines entflammten Liebhabers besteht darin, daß er sich nicht darüber klar ist, daß er zwar ein schönes Gesicht vor sich sieht, seine Geliebte aber nur sein Gesicht vor sich hat, das nicht schöner, sondern ganz im Gegenteil von der Lust entstellt wird, die der Anblick der Schönheit in ihm erregt. (5.255)

Proust (230)

Während der Ausfahrt, u.a. in den Bois, unterhält man sich (auch) über Kunst. Das Marcel ambivalent ist, ist nichts neues. So sinniert er einerseits über die Midinetten (hier im Sinne von jungen, begehrenswerten Mädchen) die sehen und wie sehr Albertine ihn daran hindert, sich mit ihnen abzugeben. Andererseits ist er ganz stolz, dass Albertine ihm ihre Zeit schenkt. Reflexionen über das Beziehung-haben und -nicht-haben, über ›Besitz‹ und Flüchtigkeit. Passt, denn Marcel ist »an dem Punkt angelangt, wo … eine Frau für uns nur noch den Übergang zu einer anderen bildet« (5.237). Was für Albetine gilt, muss ja noch lange nicht für ihn gelten, denn » ich [hatte] beschlossen, am gleichen Abend zu den Verdurins zu gehen« (5.236f).

Diese Ähnlichkeiten aber zwischen dem physischen Verlangen [nach einer Frau] und dem Reisen bewirkten, daß ich mir vornahm, eines Tages die Natur jener Kraft etwas genauer zu studieren, die unsichtbar, aber ebenso machtvoll war wie die inneren Überzeugungen oder, in der physikalischen Welt, der Luftdruck, jener Kraft, die Städte und Frauen, solange ich sie nicht kannte, unermeßlich hoch erhob, aber unter ihnen schwand, sobald ich ihnen näher gekommen war, und sie in banalste Alltäglichkeit hinuntersinken ließ. (5.241)

1. Woche

  • Der rechte Unterarm schmerzt wie doof – das wenige Mausschubsen war schon wieder zuviel.
  • Nach dem Abendessen schlafe ich sofort auf dem Sofa ein.
  • Wenigsten hat das Unterbewußtsein nach ein paar Nächten Albträume mir dann heute einen sehr befreiende Frühlingstraum am Meer beschert.
  • Mein Mann findet langsam doch Gefallen daran, dass ich mir Ameisen halten will.

Proust (229)

Marcel wartet auf Albertine und setzt sich ans Klavier. Zuerst Reflexionen zu Richard Wagner, dann zu den »großen Schöpfungen des neunzehnten Jahrhunderts« (5.224). Von hier aus einen Gedankensprung zu Morel – und eine Wiederholung einer Szene, woran man merkt, dass Proust über den Endkorrekturen gestorben ist – der unten im Hof seine Braut auf das Übelste beschimpft: »Sie elende Schlampe … Sie Hure, Sie« (5.230). Albertine kommt, man fährt aus, sie zeigt ihm einen neuen Ring, den sie sich gekauft hat. Und ohne das Proust es schreibt muss, jeder fragt sich: Sie sich wirklich?

Durch ihren Kontrast mit dem Zustand der Angst, in dem ich mich vor einer Stunde noch befunden hatte, war die Ruhe, in die mich die Rückkehr Albertines versetzte, viel umfassender als diejenige, die ich am Morgen vor ihrem Aufbruch in mir verspürt hatte. Auf die Zukunft vorgreifend, über die ich dank der Gefügigkeit meiner Freundin mehr oder weniger Herr war, widerstandsfähiger, von der unmittelbar bevorstehenden, lästigen, unvermeidlichen und wohltuenden Anwesenheit Albertines gleichsam erfüllt und gestärkt, war es eine Ruhe, wie sie (indem sie uns der Notwendigkeit enthebt, das Glück in uns selbst zu suchen) aus einem familiären Gefühl und häuslichem Glück erwächst.(5.231)

Proust (228)

Weitere Erörterungen zur Eifersucht: »Überhaupt geht es nicht um die Fehler aus der Zeit, in der wir sie lieben, sondern mehr noch um ihre Fehler aus der Zeit, als wir sie noch nicht kannten« (5.210f). Es gilt »um jeden Preis zu verhindern, daß Albertine … etwa die Freundinnen Léas wiedertraf« (5.206) also schickt Marcel Françoise in die Matinee, um Albertine zu bitten, sich mit Marcel zu treffen. Françoise, die noch nie telefoniert hat, berichtet telefonisch von ihrem Erfolg. Über den Dialekt von Françoise und über ihre »Unmöglichkeit … die Zeit genau anzugeben« (5.218f)

Leider aber erlernt man auch die unbekannteste Sprache, wenn man sie unausgesetzt sprechen hört. Ich bedauerte, daß es sich hier um den Dialekt handelte, denn ich verstand ihn schließlich gut und hätte die Sprache nicht weniger vollkommen erlernt, wenn Françoise Persisch gesprochen hätte. Als Françoise meine Fortschritte feststellen mußte, versuchte sie es zwar mit einer Beschleunigung ihrer Rede, die Tochter ebenfalls, aber nichts verfing. Die Mutter bedauerte, daß ich jetzt den Dialekt verstand, dann äußerte sie ihre Freude darüber, daß ich ihn sprechen konnte. In Wirklichkeit war diese Freude reinster Spott, denn obwohl ich ihn zu guter Letzt ungefähr wie sie selbst sprach, stellte sie zwischen unser beider Aussprachen Abgründe fest, um derentwillen sie in Entzücken geriet, darauf aber bekümmert war, daß sie keine Leute aus ihrem Dorf mehr sah, an die sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte, die aber – was sie gern miterlebt hätte – vor Lachen gestorben wären, wenn sie mich so schlecht hätten Dialekt sprechen hören. (5.216f)

Übung macht den Meister

Intervision mit dreizehn Leuten – zeitgemäß natürlich online. Mir fallen langsam die Augen raus. Aber ist vielleicht nichts anderes als eine kleine Vorübung für die letzte Ausbildungswoche. Dann sind es 50 Stunden mit 18 Leuten. Aber E. lächelt jetzt wohl nur darüber.

Proust (227)

Brief der Mutter, die das Zusammenleben der beiden nach wie vor nicht gut finden kann. Ein Milchmädchen soll für Marcel einen Brief bestellen, Anlass darüber zu reflektieren, dass, wenn Sehnsucht eine Distanz ist, diese beim Kennenlernen von Personen beständig abnimmt. In der Zeitung entdeckt Marcel, dass ausgerechnet bei der Matinee, zu der er Albertine geschickt hat, Mademoiselle Léa auftritt, eine zweifelhafte Bekannte aus Balbec, die im Verdacht steht lesbisch zu sein. Deswegen: »Der Strom meiner Ängste brach mit elementarer Gewalt hervor« (5.202). Reflektionen über das Gedächtnis bzw. Erinnerns bzw. Vergessens unter besonderer Berücksichtigung der Eifersucht, die rückwärtsgewandt »im Leeren« (5.205) fichtet.

Wenn man im übrigen das Gesetz unserer Liebesneugier auf eine Formel bringen möchte, so müßte man den maximalen Abstand zwischen der nur wahrgenommenen Frau und jener anderen anführen, die sie wird, nachdem man sich ihr genähert und ihr Zärtlichkeiten erwiesen hat. (5.198)

Ernte

Nach ein paar Jahren Pause sind wir wieder in die Sprossenproduktion eingestiegen. Morgen gibt es also Radieschensprossen (scharf) zum Auftakt, vier Tage später dann Senfsprossen. Und wenn das neue Gestell kommt, dann können wir drei Sorten parallel machen.

Ob ich mir so einen Aufsitzmäher anschaffen sollte?

Proust (226)

Der Chauffeur, der Albetine immer ausfährt, wird nun peinlich befragt, ob sie nicht vielleicht doch … aber er weiß von keinem Skandal zu berichen. Dennoch, doppelt genäht hält besser, er lässt Albertine »nur noch mit Andrée als Verstärkung der Überwachung ausfahren« (5.189) und ist froh dass er die Last los ist. Erinnerungen an Gilberte … hat sie ihn vielleicht auch betrogen? Marcel nimmt nun den Leser mit auf die Straße bzw. in die Geschäfte, statt ›literarischem Hörstück‹ nun ›literarisches Sehstück‹.

In einer Metzgerei verwandte zwischen einer Sonnenaureole zur Linken und einem aufgehängten ganzen Ochsen zur Rechten ein blonder, sehr großer und schlanker Fleischergeselle, dessen Hals aus einem himmelblauen Hemd hervorsah, schwindelerregende Fixigkeit und religiöse Gewissenhaftigkeit daran, nach der einen Seite bestes Rinderfilet und nach der anderen minderwertiges Schwanzfleisch auszusortieren und beiden in blitzende Waagschalen zu werfen, über denen ein Kreuz schwebte, vom dem schöne Kettchen herniederhingen, so daß er – obwohl der danach nur Nieren, Tournedos und Entrecotes zur Anordung in der Auslage herrichtete – in Wahrheit viel ehr den Eindruck eines schönen Engels erweckte, der am Tag des Jüngesten Gerichts für Gottvater die Scheidung der Guten und Bösen je nach Qualität und das Abwiegen der Seelen vorbeteitet. (5.192)

Erster Tag auf der Arbeit

Arg gewöhnungsbedürftig. So richtig brauche ich das eigentlich nicht. Also wenn ich Geld hätte.

Aber die Uhr zeigt 24 Überstunden an – das macht so ein bisschen gute Laune.

Proust (225)

Weiter geht es mit dem ›literarischen Hörstück‹, diesmal ist aber Albertine mit dabei. Die beiden berauschen sich, denn »alle diese Rufe, die wir hören, verwandelt [sich] in ein gutes Essen« (5.178). Fazit Albertine: »Gut, ich gehe, aber künftig will ich zu Tisch nur Ausgerufenes Essen« (ebed). Sie ergeht sich zudem in eine überbordende Hymne über das Speiseeis. Davor eingeschaltet ein »Einschub zu den Themen Schlaf, Traum, Erinnerung, Vergessen, Narkotika, Rausch usw. ein Themenkomplex, dem Proust in jedem der vorangegangenen Bänder der Recherche eine Betrachtung … gewidmet hat« (Keller, 5.625f).

Was ich an diesen ausgerufenen Viktualien liebe, ist, daß eine Sache, die man hört wie eine Rhapsodie, ihre Natur verändert, wenn sie auf den Tisch kommt und zu meinem Gaumen spricht. Beim Eis (denn ich hoffe, Sie werden nur solches in den altmodischen Formen bestellen, die alle nur möglichen architektonischen Motive wiederholen) geht es mir jedesmal so, daß Tempel, Kirchen, Obelisken, Felsen für mich zunächst wie ein Museum aller malerischen Stätten der Welt etwas zum Ansehen sind und daß ich dann erst die Bauwerke aus Himbeer- und Vanilleeis in etwas Kühles umdenke, das durch meine Kehle gleitet (…) Mein Gott, im Hotel Ritz werden Sie wohl allerdings, fürchte ich, Vendômesäulen aus Schokolade- oder Himbeereis finden, da würden wir dann freilich mehrere brauchen, damit es aussieht wie Votivgeschenke oder Pilaster in einer Ruhmesallee zu Ehren einer Göttin der Kühlung. Sie machen auch Himbeerobelisken, die von Zeit zu Zeit in der glühenden Wüste meines Durstes aufragen; ich lasse dann ihren rosigen Granit erst schmelzen, wenn sie schon tief in meine Kehle hinuntergeglitten sind und mir größere Labung verschaffen als die schönsten Oasen.« (5.180)

Proust (224)

Zwar bekommt Marcel von Albertine noch einen Gute-Nacht-Kuss, aber der lässt ihn so angstvoll zurück, wie früher als Kind (vgl. Nr. 3 – 5). Über die tiefschlafende Albertine. Am Morgen danach: Marcel liegt im Bett und lauscht den Geräuschen auf der Straße – knapp sieben Seiten lang, ein ›literarisches Hörstück‹ sozusagen. Albertine lässt durch Françoise ausrichten, dass sie nicht zu den Verdurins geht sondern, wie er vorgeschlagen hat, eine Galavorstellung besuche »nach einem kleinen Ausritt, den sie zusammen mit Andrée unternehmen wolle« (5.165).

Das Gehör, dieser köstliche Sinn, macht die Straße, die es mit ihren feinsten Linien nachzuzeichnen vermag, für uns unmittelbar gegenwärtig; es skizziert uns alle vorüberziehenden Formen und zeigt uns deren Farbe. Die eisernen Rolläden des Bäckers oder des Milchmanns, die sich gestern abend über alle Möglichkeiten von Frauenglück gesenkt hatten, hoben sich jetzt mit dem Geräusch der leichtdrehenden Kettenwinden eines Schiffs, das sich zum Auslaufen rüstet und auf dem kristallklaren Meer dahingleiten wird, über einem Traum von jungen Ladenmädchen. (5.160f)

Proust (223)

Telefonat mit Andrée, die es nicht so toll findet, dass Marcel plötzlich auf die Idee kommt, morgen mit zu den Verdurins kommen zu wollen. Albertine rückt daher von ihrem Vorhaben ab, als er ihr seinen Plan eröffnet – sie will stattdessen einkaufen gehen. Über Familienähnlichkeiten und wie Marcel in Art und Weise sowohl etwas von der mütterlichen wie väterlichen Linie geerbt hat. Er sieht nun »neben dem sensiblen Kind, das ich einst gewesen war, ein(en) ganz gegenteilige(n) Mann voll gesunder Vernunft und Strenge« (5.148f). Denkt – wiederholt – über eine Trennung von Albertine nach.

Diese Worte hatte ich – da ein großer Teil von dem, was wir sagen, nur Wiederholung eines bereits vorhandenen Textes ist – sehr oft von meiner Mutter gehört, die einmal (sie erklärte mir nämlich gern, man dürfe die wahre Empfindsamkeit, das nämlich, was, wie sie sagte, die Deutschen, deren Sprache sie trotz des Abscheus meines Vaters gegenüber dieser Nation bewunderte, Empfindung nannten, nicht mit Gefühlsduselei, der Empfindelei, verwechseln), als ich weinte, sich bis zu der Äußerung verstiegen hatte, Nero sei vielleicht auch nervös, dadurch aber kein besserer Mensch gewesen. (5.148)

Ich könnte mich daran gewöhnen

OK, es hat mich jetzt nicht vom Stuhl gehauen und ich war auch nicht sprachlos – aber ich meine dann doch den Reiz erkannt zu haben, was von diesen kleinen Dingern ausgeht. Ob ich je mal ›richtigen‹ essen werde, steht in den Sternen, denn der kostet für die abgebildete Menge (50 Gramm – das ist für zwei Personen eine sehr kleine Vorspeise, es gab Toast und Omlett dazu) dann gerne mal 350 Euro. Aber falls mal eine Fee kommt und nach einem Essenwunsch fragt …

Proust (222)

Nach wie vor will Marcel Albertine davon habhalten am nächsten Tag zu Madame Verdurin zu gehen. Später wird er deswegen auch Andrée anrufen. Bis es aber soweit ist, ergeht er sich in ausführlichen Erläuterungen über die Flüchtigkeit von Liebesbeziehungen und theoretisiert über ›geflüchtete‹ wie ›gefangene‹ Frauen – beide Arten kann man entweder dauerhaft lieben oder / und halten. (Zudem gib er hier das Programm für diesen und den nächsten Band vor.) Marcel ist nicht nur eifersüchtig, er ist zudem argwöhnisch bis zum Gehtnichtmehr. Françoise ist Albertine nach wie vor in aller Herzlichkeit komplett abgeneigt.

Gewiß war meine Liebe zu Albertine nicht die unergiebigste von allen, zu denen man aus Mangel an Willensstärke herabsinken kann, denn völlig platonisch war sie nicht; sie verschaffte mir Befriedigung meiner Sinne, und außerdem war Albertine gescheit. Aber all das war eigentlich überflüssig. Was meinen Geist beschäftigte, war nicht, was sie etwa Gescheites äußerte, sondern irgendein Wort, das bei mir einen Zweifel an ihren Handlungen weckte. (5.130f)

»Sprachloses Kind mit Schwanz«

Der wichtigste Texte für dieses Jahr stammt von Bodo Kirchhoff. Als ich ihn das erste mal las, hab ich nicht nur geflennt, sondern ich hatte zum ersten Mal erste Worte für das, was mir da geschehen ist – und dafür bin ich ihm echt dankbar. OK, bei war es kein Heimleiter sondern jemand aus der Familie, und auch das Zitat ist nicht gefallen – seis’s drum, der zweite Absatz hätte von mir stammen können! Er beschreibt dieses unermesslich nicht Fassbare, was da einem passiert. Und auch wenn der Missbrauch jetzt auch schon gut 40 Jahre her ist … so ein Dreck hat Auswirkungen bis heute und es war echt ein weiter, anstrengender Weg, diese Sprachlosigkeit zu überwinden.

Ich bin missbraucht worden – ein Wort, das nicht viel taugt, das nicht weiterhilft, das nur die ganze Misere der Sprachlosigkeit zeigt. Was ist geschehen? Ich war zwölf, ein hübsches Internatskind, und der Heimleiter und Schulkantor, ein Mann wie Winnetou (der meiner Phantasie, bevor es die Filme gab), Anfang dreißig, langes Haar (1960!), Roth-Händle-Raucher, Cabrio-Fahrer, führte mich, weil ich über Kopfweh geklagt hatte, am späten Abend auf sein Zimmer. (…) Dann streichelte er mein kindliches Ding, es wurde groß und hart, glühend gegen meinen Willen, also schämte ich mich auch glühend, und Winnetou flüsterte mir in den Mund „Dem Schwein ist alles Schwein, dem Reinen ist alles rein.“ Das waren seine einzigen Worte in dieser ersten Nacht von vielen.

Aber mit Streicheln war es nicht getan, er wollte mehr, ich sollte das Stigma der Lust tragen, von ihm empfangen. Er küsste das Harte, er streichelte es, er machte immer weiter, gnadenlos zärtlich, und ich hatte den ersten Orgasmus – von diesem Wort noch viele Jahre entfernt. Ich wusste nicht, was da unten los war, es war der Wahnsinn, wie man heute sagt, damals ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen. Aus dem kindlichen Ding war innerhalb einer Nacht ein Schwanz geworden – ich war ein sprachloses Kind mit Schwanz.

Quelle bzw. der ganze Text (der nicht sehr lang ist).

Proust (221)

Wie ein Wetterwechsel verhindert, dass Marcel (mal was) arbeitet, also schreibt. Erinnerungen an den letzten Aufenthalt in Balbec, was er dort über Albertine erfahren hat. Machte der Oberkellner Aimé nicht gewisse Andeutungen? Weitere Ausführungen zur Eifersucht. Kurzfassung: »Wie viele Personen, Städte, Wege sind wir aus Eifersucht begierig kennzulernen!« (5.117) gilt auch für die »Eifersucht a posteriori« (5.117f). Albertine erwähnt am Rande, dass sie am nächsten Abend Madame Verdurin einen Besuch machen will – Grund genug für Marcel sofort eifersüchtig zu werden: »Die Eifersucht ist oft nur ein ruheloses Bedürfnis nach Tyrannei im Bereich von Liebesdingen« (5.124).

Manchmal war die Schrift, aus der ich die Lügen Albertines entzifferte, keine Bilderschrift, sondern man mußte sie einfach rückwärts lesen; so hatte sie mir an diesem Abend mit gleichgültiger Miene die Mitteilung gemacht, die eigentlich ganz unbemerkt passieren sollte: »Es wäre möglich, daß ich morgen zu den Verdurins fahre, ich weiß allerdings noch nicht, ob ich es tue, große Lust habe ich eigentlich nicht.« Das war ein kindisches Anagramm für das folgende Geständnis: Morgen gehe ich zu den Verdurins, es steht unabdingbar fest, denn ich lege den größten Wert darauf. (5.124)

The best of 2020 – Eurer Meinung nach

Und hier nun meine drei erfolgreichsten Einträge aus diesem Jahr. So sagt’s die Statistik:

Platz 1: Lumumpe
OK, erklärt sich mir jetzt nicht so wirklich, ich vermute, der Begriff war irgendwie interessant oder weckte Erinnerungen.

Platz 2: Was ich habe, will ich nicht verlieren
Das hat mich komplett überrascht. Denn Lyrik geht normalerweise so gar nicht. Und der Titel ist ja jetzt auch nicht gerade so superspannend und besonders. Das Gedicht dagegen nach wie vor eins der besten, die zumindest ich kenne.

Platz 3: Vergessen
Immerhin mal ein originärer Beitrag von mir und nix ‚Geklautes‘. Zugegeben, beim Wiederlesen fand ich den kleinen Text auch nicht schlecht und zeugte von einer besonderen Gelassenheit (die mir echt nicht jeden Tag gegeben ist).

Zufrieden mit Eurer Auswahl? Und was waren Eure drei Hits?

Wurstsalat goes Excel

Heute mal alle Produkte für den Wurstsalat grammgenau abgewogen. Endjahresaufgabe wird sein, in Excel eine erinnerungsmögliche Formel zu kreieren, die ich dann in der Küche auch gut umsetzen kann. Bisher sind es mir noch zu viele Zahlen hinter dem Komma. Vielleicht wird’s ja dann auch gleich die Weltformel. Ich werde berichten.

Proust (220)

Erst über die schlafende, dann die aufwachende Albertine. Nach 3.466 Seiten (!) nun zum ersten Mal die Nennung des Vornamens des Protagonisten. Marcel genießt die Häuslichkeit, die Innigkeit, die Intimität mit Albertine und kann dann derweil alle »Zweifel anheim« (5.105) geben. Apropos Intimität: Da hält sich Proust extrem zurück, Küsse sind das Explizitestes bisher gewesen, heute immerhin die »beiden kleinen hochsitzende Brüste« (5.107) und wenn man will – man muss schließlich nicht –, lässt sich das folgende Zitat als eine ›Bettszene‹ lesen, ggf. bestärkt durch den Satz im nächsten Absatz: »Manchmal schlief ich schließlich an ihrer Seite ein« (5.108)

O große Gebärden des Mannes und der Frau, in denen sich in der Unschuld der ersten Tage und mit der Demut des Lehms, aus dem sie hervorgegangen sind, zu verbinden sucht, was die Schöpfung getrennt hat, bei denen Eva staunend und ergeben den Mann anblickt, an dessen Seite sie erwacht, wie er selbst, da er noch allein war, den Gott, der ihn erschaffen hat. Albertine verschränkte die Arme hinter ihrem schwarzen Haar, ihre Hüfte bog sich heraus, ihr Bein glitt in der weichen Biegung eines Schwanenhalses herab, der sich streckt und beugt, um sich vollends zu runden. Es gab lediglich – wenn sie ganz auf der Seite lag – eine Ansicht ihres (von vorn gesehen so gutmütigen und schönen) Gesichts, die ich nicht leiden mochte, mit hakenförmigen Linien wie auf gewissen Karikaturen Leonardos, ein Bild, das Bosheit und Habgier zu enthüllen schien sowie die Verschlagenheit einer Spionin, vor deren Anwesenheit mir gegraut hätte, die aber gerade durch diese Profilansichten entlarvt zu werden schien. Sogleich nahm ich Albertines Kopf in meine Hände und rückte ihn wieder so, daß ich ihr Gesicht von vorn sah. (5.108)

Statusmeldung

Alles gut. Sylvesterpost geschrieben. In einen Disher verliebt. Morgen gibt es Wurstsalat! Ich mag die Tage „zwischen den Jahren“.

Proust (219)

Viel passiert gerade nicht, denn Marcel / der Autor sinniert – mal wieder – über das Wesen der Eifersucht: »Sobald die Eifersucht erkannt ist, wird sie von der, auf die sie sich bezieht, als Mißtrauen ausgelegt, das zur Täuschung berechtigt« (5.82f). Gedanken zu der schnellen Veränderlichkeit junger Mädchen. Die Nichte Jupiens erkennt die negativen Charakteranteile bei Morel und dem Baron. Über die schlafende Albertine.

Ich sage nicht, daß nicht ein Tag kommen mag, an dem wir sogar diesen strahlenden jungen Mädchen ganz deutlich abgegrenzte Charaktere zuerkennen werden, aber das bedeutet dann, daß sie aufgehört haben werden, uns zu interessieren, daß ihr Auftreten für unser Herz nicht mehr jenes plötzliche Erscheinen sein wird, das wir jedesmal anders erwartet haben und das uns jedesmal in Entzücken über derart neue Inkarnationen versetzt. (5.89)

Proust (218)

Über Morels schlechten Charakter, der dennoch die Nichte des Westenmachers (Jupien) aufrichtig liebt (vgl. 203). Über seine Geldsorgen sowie, dass er Kredite nicht zurückzahlt, sich lieber vom Baron aushalten lässt. Marcel versteckt Albertine vor allen, niemand darf wissen, dass sie zusammenwohnen, gar dass er sie sieht. Nur Andrée ist eingeweiht. Im Vorgriff auf später eine kleine Szene, in der Marcel dann erkennen wird müssen, dass Albertine mit Andrée wohl im Bett gewesen ist. Marcel genießt die Häuslichkeit mit Albertine, hat aber panische Angst, dass man sie ihm ausspannen könne.

Während ich Albertines Schritte hörte und mich mit Behagen in dem Gedanken wiegte, sie werde an dem betreffenden Abend nicht wieder ausgehen, stellte ich mit Verwunderung fest, daß für dieses junge Mädchen, dessen Bekanntschaft zu machen ich früher nicht einmal erhofft hätte, das tägliche Nachhausekommen jetzt eine Heimkehr zu mir geworden war. Das aus Geheimnis und Sinnenreiz gewobene flüchtige, bruchstückhafte Vergnügen, das ich in Balbec an jenem Abend kennengelernt hatte, an dem sie zum Übernachten ins Hotel gekommen war, hatte sich vervollständigt, befestigt und erfüllte mein vordem leeres Heim mit einem steten Vorrat häuslichen, ja an Familienleben gemahnenden Glücks, das bis in die Korridore ausstrahlte, eines Glücks, an dem alle meine Sinne, teils wirklich, teils – in den Augenblicken, in denen ich allein war – in meiner Phantasie und in der Erwartung ihrer Heimkehr sich in Ruhe sättigten. (5.78f)

Dekadent

Aber wie anders soll die Welt schon untergehen?

Also heute mal Kaviar bestellt.

Aber den billigen. Denn 150 Euro für 50 Gramm habe ich dann auch nicht gerade mal so übrig.

Fall es schmeckt, weiß ich ja, auf was ich sparen kann.

Proust (217)

Dreyfuss-Affäre und Klamotten – die mit umgerechnet 30.000 Euro zu Buche schlagen – sind wechselnd das Thema zwischen der Herzogin und Marcel. Derweil besuchen Baron de Charlus und Morel regelmäßig (!) Jupien. Zur Erinnerung, Jupien ist der Westenmacher, mit dem der Baron gerne Sex hat (Nr. 99, 101 besonders 162f) und dessen Nichte, ebenfalls Schneiderin, die ja die Verlobte von Morel ist. »Man kann daran ablesen, daß eine Gewohnheit je absurder, desto beharrlicher ist« (5.56f). Über das geheime, unkonventionelle, schwule Leben des Barons und seine ›Taktik‹, Morel wie Jupien an sich zu binden.

Bevor wir zu Jupiens Laden zurückkehren, legt der Verfasser Wert darauf zu sagen, wie schmerzlich es ihm wäre, wenn der Leser an so seltsamen Schilderungen [Charlus‘ schwules Leben] Anstoß nähme. Einerseits (und dies ist der geringfügigere Aspekt der Sache) mag man finden, daß die Aristokratie in diesem Buch proportional noch mehr als andere Gesellschaftsklassen der Degeneriertheit beschuldigt wird. Selbst wenn das der Fall wäre, sollte man sich nicht wundern. Die ältesten Familien bilden schließlich in Gestalt einer roten und höckrigen Nase oder eines deformierten Kinns besondere Merkmale heraus, in denen die »Rasse« bewundert wird. Doch unter diesen beständigen und immer stärker werdenden Zügen gibt es auch solche, die nicht sichtbar sind, nämlich die Veranlagungen und Neigungen. (5.61)

Charles Boson de Talleyrand-Périgord, Prinz von Sagan (1832-1910), fotografiert am 28. Juli 1883 vom meisterhaften Paul Nadar, war eines der Vorbilder für den Baron Palamède de Charlus.

Proust (216)

Marcel erkundigt sich bei Herzogin von Guermantes, gilt sie doch nach Elstir »als die Frau in Paris, die sich am besten kleide« (5.41), nach modischen Accessoires für Albertine. Über die Sprechweise der Herzogin. Dreyfus-Affäre ist mal wieder Thema und aus der Bemerkung, dass sie »erst zwei Jahre« (5.50) zurückliegt, schließt der historisch Bewanderte: Wir schreiben das Jahr 1901.

»Sie hatten doch, Madame, als Sie bei Madame de Saint-Euverte speisten, bevor Sie zu der Fürstin von Guermantes gingen, ein ganz rotes Kleid und dazu rote Schuhe an, Sie sahen unerhört aus, wie eine große blutrote Blüte, ein Rubin in Flammen, was war das denn? Kann ein junges Mädchen so etwas tragen?« (…) »Ich wußte zwar nicht, daß ich wie ein Rubin in Flammen oder eine blutrote Blüte aussah, aber ich erinnere mich tatsächlich, daß ich ein rotes Kleid trug: Es war aus rotem Atlas, wie er damals hergestellt wurde. Ja, ein junges Mädchen kann unter Umständen so etwas tragen, doch Sie haben mir gesagt, daß die Ihre niemals abends ausgeht. Das war ein Abendkleid, und so etwas kann man nicht anziehen, um Besuche zu machen.« (5.47f)

Gräfin Élisabeth Greffulhe (1860-1952), eins der Vorbilder für die Herzogin de Guermantes, fotografiert vom Meister seiner Zeit: Paul Nadar.

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