Durch die Zeit

Aus dem Takt

Ich sollte öfters Nachtdienste mit Kaffee machen. Denn wenn ich dann auch um 6 Uhr ins Bett komme, kann ich nur zwei Stunden schlafen und verteile dann das Defizit auf die anderen Schlafzeiten (Mittagsschlaf, nachts) der nächsten beiden Tage so, dass ich da dann richtig gut schlafe.

Nachteil – ich kann mich an keinen einzigen Traum erinnern.

Proust (141)

Albertine geht, nicht ohne einen Abschiedskuss einzufordern. Françoise kommt mit der Zusage der Madame de Stermaria für ein Diner am Mittwoch und Marcel macht sich auf zur Madame de Villeparisis. Als Einschub – etwas arg unmotiviert und unklar – zu seinen Morgenausgängen. Kaum bei Madame de Villeparisis ankommen, gesellt sich Madame de Guermantes zu ihm. Seine Reaktion: »jetzt war ich wirklich ein Gleichgültiger, der nur liebenswürdig sein wolle, während ich vorher, als ich sie liebte, so oft ohne Erfolg versucht hatte, gleichgültig zu sein« (3.535). Sie, wie zuvor Madame de Villeparisis, lädt ihn nachdrücklich zum »Abendessen im kleinen Kreis« (3.528) ein.

Während wir uns so in der Stille der Einsamkeit wie in der Stille einer schönen Nacht die verschiedenen Königinnen der Gesellschaft vorstellen, wie sie in unendlicher Entfernung ihrer Bahn am Himmel folgen, können wir uns deshalb nicht erwehren, vor Unbehagen oder Freude zusammenzuzucken, wenn von da oben wie ein Meteor, auf dem unser Name steht, wo wir doch glaubten, dieser sei auf der Venus oder der Kassiopeia unbekannt, eine Einladung zu einem Diner oder eine bösartige Klatschgeschichte auf uns herunterfällt. (3.530)

Das einzig Gute am Herbst …

… ist, dass man wieder Gulasch kochen kann. Das heute ist auch echt nicht schlecht gelungen.

OK, durchs Laub bei Sonne stöbern ist auch ganz schön, aber sonst …

Proust (140)

Man kann es sich selber schwer machen, indem man a) alles theoretisiert oder b) akribisch den Wunsch mit der Wirklichkeit abgleicht und versucht zu erahnen, wir die Wirklichkeit nach einer Aktion sein könne. Marcel beherrscht A und B gleichzeitig: Es »war jedenfalls das Wissen, Albertines Wangen küssen zu können, für mich vielleicht ein noch größeres Vergnügen als jenes, sie wirklich zu küssen« (3.507). Ob er einen »Gutschein für einen Kuß« (3.509) bekommen könne? Schließlich schreitet er doch noch zur Tat! Über die Hingabe (wenn auch mal wieder nur die der Frau. Als Feminist wird man Proust / Marcel nicht bezeichnen können).

Aber ach! – denn für den Kuß sind Nase und Auge ebensoschlecht plaziert wie die Lippen schlecht beschaffen – plötzlich hörten meine Augen auf zu sehen, meine Nase, ihrerseits, plattgedrückt, nahm überhaupt keinen Geruch mehr wahr, und ohne mir darum von dem Geschmack der ersehnten Rosenfarbe mehr zu verraten, sagten mir diese scheußlichen Zeichen, ich küsse nun endlich die Wange Albertines. (3.512f)

No Fog! No Fog!

Für meine Brille jetzt so Anti-Fog-Zeugs mit Tuch bestellt in der Hoffnung, dass das funktioniert, wenn es dann mal mit der Post kommt. Denn mir geht es so auf den Keks, ohne Brille einkaufen gehen zu müssen oder dauernd im Nebel laufen zu müssen, egal wie ich die Maske aufsetze.

Proust (139)

Außergewöhnlich ist der Besuch Albertines nicht, sie kommt öfters. In ihr haben in der Zwischenzeit »Umwälzungen stattgefunden« (3.499) mit der Folge, dass »ihre Intelligenz zum Beispiel … jetzt deutlicher zutage« (3.495) tritt. Über die Entwicklung von Personen (insbesondere Frauen, sehr schön formuliert und ausgearbeitet, wenn auch sicher nicht feministisch). Marcel hofft, sie werde sich nun endlich mal küssen lassen (vgl. 98) und – wir kennen ihn – er redet und redet, »was in keiner Weise aus[drückte], was ich dachte und begehrte« (3.496). Mit der Behauptung, er sei überhaupt nicht kitzlig, will er sie dann doch auf sein Bett bekommen – aber genau in dem Augenblick kommt Françoise ins Zimmer. Selten gutes Detailportrait Françoise‘.

Was nun jene Lust angeht, die mein Verlangen erfüllt und mich dadurch von dieser Phantasterei befreit hätte, die ich aber genausogern bei jeder beliebigen anderen hübschen Frau gesucht hätte, so würde ich auf die Fragen, worauf sich eigentlich (…) meine optimistische Annahme in bezug auf möglicherweise zu erreichende Gefälligkeiten gründete, vielleicht zur Antwort gegeben haben, ich hätte sie aus der Tatsache geschöpft, daß Albertine jetzt (während die vergessenen Eigenheiten ihrer Stimme für mich von neuem die Umrisse ihrer Persönlichkeit nachzeichneten) in ihrem Vokabular bestimmte Worte führte, die früher nicht darin enthalten waren, oder doch wenigstens nicht in dem Sinn, in dem sie sie jetzt gebrauchte. (3.497)

Etwas spät

Weil ich ja echt soviel Zeit im Job habe, kam mir die Überlegung, mich als Gasthörer bei der Fernuni Hagen einzuschreiben und da irgendwelche Kurse zu belegen, die mich interessieren. Ein, zwei Kurse waren schnell gefunden – blöderweise war die Einschreibungszeit schon längst vorbei.

Also weitere Suche nach sinnvollen Alternativen.

Proust (138)

BAND III: GUERMANTES – 2. Teil – Zweites Kapitel

Ein Herbstsonntag. Abends will Marcel – trotz Trauer – zu Madame de Villeparisis für ein Aufführung. Robert Saint-Loup – der sich von Rachel getrennt hat und nun in Marokko ist – kündigt nicht nur seinen Besuch an, sondern teilt mit, dass er für Marcel auch ein Rendezvous mit der mittlerweile geschiedenen Madame Stermaria (vgl. 72 & 73) vereinbart hat. Er möge ihr doch gleich schreiben. Macht Marcel auch – hat ja Zeit, da die Eltern in Combray sind und es nicht mitbekämen, wenn er sich mit ihr trifft. Er verspricht sich viel, denn er kann »sie sehr wohl in ein Séparée« (3.490) einladen. Aber statt ein Antwortbrief kommt Albertine überraschend zu Besuch. Über Frauen.

Jedenfalls kann ich hier nur bedauern, daß ich nicht einsichtsvoll genug gewesen bin, mir einfach eine Frauensammlung zuzulegen, so wie man alte Lorgnetten sammelt, von denen eine Vitrine nie zuviel enthält: immer wartet ein leerer Platz auf eine neue, noch erlesenere. (3.494)

Proust (137)

Ein Priester kommt und auch der nächste Arzt, Doktor Dielafoy, schaut vorbei, um für eine kurze Untersuchung viel Geld mit »taschenspielerhafte[r] Geschicklichkeit« (3.480) einzustecken. Belanglose Gespräche am Sterbebett. »Man hieß mich meine Augen trocknen, bevor ich meine Großmutter noch einmal küßte« (3.483) was Marcel auch tut. Wenige Augenblick später stirbt die Großmutter.

[Ende Kapitel 1]

Schon mehrere Nächte wachten mein Vater, mein Großvater und einer meiner Vettern bei meiner Großmutter und gingen nicht mehr aus dem Haus. Ihre fortgesetzte Aufopferung legte schließlich eine Maske der Gleichgültigkeit an, und die unaufhörliche Untätigkeit neben dem Sterbebett ließ sie Gespräche führen, wie sie auch etwa von langen Eisenbahnfahrten nicht fortzudenken sind. Im übrigen weckte in mir dieser Vetter (ein Neffe meiner Großtante) ebensoviel Antipathie, wie er gemeinhin an verdienter Achtung entgegengebracht bekam. (3.478)

Auch so

Man kann seinen Tag auch mit einigen Folgen von „Babylon Berlin“ gut verbringen, wie ich heute feststellen durfte.

Proust (136)

Der Großmutter geht es Stund‘ um Stund‘ schlechter: Seh-, Hör- und Sprechstörungen. Die Familie kümmert sich rührend, aber genauso auch hilflos. Blutegel sollen helfen, die »wanden sich an Nacken, Schläfen und Ohren … in ihrem blutigen Haar wie in dem der Medusa« (3.468f). Françoise nimmt sich Auszeiten: »Im Leben der meisten Frauen läuft alles, selbst der größte Schmerz, schließlich auf eine Anprobe hinaus« (3.470). Eines Nachts wird Marcel von der Mutter geweckt, mit der Großmutter geht es zu Ende. Alles ist versammelt, selbst der Herzog von Guermantes taucht auf und zeigt, dass er eines nicht hat: Feingefühl.

Nach der Meinung unseres Arztes war das [die Großmutter erkennt niemanden mehr] ein Symptom dafür, daß der Blutandrang in dem Gehirn zunahm. Man mußte ihm Erleichterung verschaffen. Cottard zögerte. Françoise hoffte einen Augenblick, man werde »Schöpfköpfe« verwenden. Sie suchte in meinem Lexikon, um zu erfahren, wie diese wirkten, konnte sie aber nicht finden. Auch wenn sie »Schröpfköpfe« anstatt »Schöpfköpfe« gesagt hätte, hätte sie dieses Wort nicht eher gefunden, denn sie suchte ebensowenig unter »Schöpf« wie unter »Schröpf«; tatsächlich sagte sie zwar »Schöpfköpfe«, doch sie schrieb (und glaubte deshalb man schreibe) »Tschöpfköpfe«. (3.468)

Es saugt und bläst der Heinzelmann …

Ruhiger Tag ohne bewußte Erkenntnisse. Hab‘ ihn auch ruhig gehalten und mich mal von nix treiben lassen. Nicht ganz: Den neuen Staubsauger musste ich dann gleich mal ausprobieren.

Proust (135)

Der Großmutter geht es nach wie vor nicht gut, sie bekommt Morphium. Man lässt einen weiteren Arzt, einen angeblichen Spezialisten kommen, aber der entpuppt sich als Quacksalber. Hauptthema: »Die Krankheit meiner Großmutter gab verschiedenen Personen Gelegenheit, ein Übermaß oder einen Mangel an Teilnahme zu beweisen« (3.456). Die, die Anteil nehmen sind u.a. der Schriftsteller Bergotte – der mehrere Stunden am Tag auch mit Marcel verbringt, aber nun nicht mehr sein Lieblingsschriftsteller ist – Madame Cottard, also die Frau des Arztes, sowie ein bisher unbekannter Erbgroßherzog von Luxemburg.

Nur hatte ich dabei das Gefühl, daß nicht der Satz [aus einem Roman von Bergotte] schlecht gebaut sei, sondern ich selbst nicht kraftvoll und beweglich genug, ihn bis zu Ende zu gehen. Ich versuchte es noch einmal und arbeitete mit Händen und Füßen, um bis zu dem Punkt zu gelangen, von dem aus ich die neuen Beziehungen zwischen den Dingen sehen würde. Jedesmal, wenn ich ungefähr in der Mitte des Satzes angekommen war, erschlaffte ich wie später beim Militär aus Anlaß der Übungen am »Schwebebalken«. (3.458)

5 B’s

  • Einen sehr erholsamen und entspannenden Mittagschlaf gehabt – hat richtig gut getan.
  • Versucht, meinem Stick zu verschlüsseln. Keine Ahnung ob es geklappt hat. Sicher ist, dass mir meine Therapie-Tagebuch-Datei zwar nicht abgerauscht ist, aber die letzten fünf Einträge nun fehlen. Menno!
  • Merke: Frikadellen werden dann gut, wenn die Pfanne auch heiß ist.
  • Und – wie gestern – noch ein Geständnis: Ich mag TikTok sehr! So weiß ich jetzt, das 4 Prozent von 50 das gleiche wie 50 Prozent von 4 ist (und das geht mit allen Zahlen).
  • Kaufen oder nicht kaufen?

Proust (134)

BAND III: GUERMANTES – 2. Teil – Erstes Kapitel

Marcel bringt die Großmutter nach Hause, nachdem er sie geistesgegenwärtig noch bei Professor E. vorbeigebracht hat. Der diagnostiziert: »Ihre Großmutter ist verloren … Es handelt sich um einen Schlaganfall, der auf eine Urämie zurückgeht« (3.445). Über Krankheit und Tod. Zuhause kümmern sich alle um die Großmutter, allen voran Françoise, die nahezu über sich herauswächst und keine Hilfe bei der (zusätzlichen) Arbeit duldet: »Daß jemand ihr Beistand leisten wollte, betrachtete sie als Kränkung  …« (3.451).

Nicht, daß sie [Françoise] meine Großmutter nicht aufrichtig liebte …, aber sie hatte einen gewissen Hang, immer das Schlimmste ins Auge zu fassen, und von ihrer Kindheit her zwei Dinge beibehalten, die sich auszuschließen scheinen, die aber, wenn sie zusammentreffen, sich gegenseitig verstärken: die mangelnde Erziehung der Leute aus dem Volk, die ihre Eindrücke nicht zu verbergen trachten, zum Beispiel den schmerzlichen Schrecken, den in ihnen der Anblick einer physischen Veränderung auslöst, die nicht bemerken zu wollen zartfühlender wäre, und die fühllose Derbheit der Bäuerin, die den Libellen die Flügel ausreißt, bevor sie Gelegenheit hat, einem Hähnchen den Hals umzudrehen, und die nicht genügend Schamgefühl besitzt, um das Interesse zu verbergen, das der Anblick körperlichen Leidens in ihr weckt. (3.448)

Dem ist nichts hinzuzufügen

Gestern noch richtig bös abgestürzt mit S. Ich hab‘ dann wieder mal bitterlich weinen müssen und erschreckte mich dann fast selber, wie tief und nahezu unerbittlich dieser Schmerz sitzt. Aber wie sagte der Arzt vorgestern: »Sexueller Missbrauch ist halt echt Scheiße.«

Proust (133)

Mutter und Sohn sind froh, dass Doktor du Boulbon die Großmutter für gesund erklärt hat. Also folgen sie auch seinem Rat und zwingen die Großmutter – in ungeduldiger Begleitung von Marcel – zu einem Spaziergang. Sie zieht sich auf eine Toilette zurück, während Marcel angenehmen Gesprächen lauscht, merkt aber beim Weitergehen, dass mit der Großmutter etwas nicht stimmt: »… sie hatte eben einen leichten Schlaganfall gehabt« (3.438).

[Ende Teil I]

Sie [die Großmutter] hatte eigensinnig abgelehnt, daß Mama bei ihr bliebe, und brauchte nun ganz allein für ihre Toilette unendlich lange Zeit; jetzt, da ich wußte, daß sie bei guter Gesundheit war, fand ich sie – in jener seltsamen Gleichgültigkeit, die wir gegen unsere Angehörigen hegen, solange sie am Leben sind, und die bewirkt, daß wir an sie erst zu allerletzt denken – sehr egoistisch, weil sie so lange machte auf die Gefahr hin, es könne für mich zu spät werden, wußte sie doch, daß ich eine Verabredung mit Freunden hatte und in Ville-d’Avray zu Abend essen wollte.

Proust (132)

Als Marcel nach Hause kommt, findet er seine »Großmutter bei noch schlechterem Befinden vor« (3.417). Über die Krankheit an sich und Ärzte. Neben Cottard – der eine »Milchdiät« (3.418) verschreibt – wird dann auch Doktor du Boulbon zu Rate gezogen, bei dem Marcel in Behandlung ist. Der ist eigentlich »Spezialist für nervöse Erkrankungen« (3.421) und kann bei der Großmutter nichts Nennenswertes finden und verschreibt einen Spaziergang. Über die »Idee der Krankheit« (3.424).

Denn da die Medizin ein Kompendium aufeinanderfolgender und einander widersprechender Irrtümer der Ärzte ist, hat man, wenn man die vorzüglichsten unter ihnen an sein Krankenbett ruft, beste Aussicht, eine Wahrheit um Hilfe anzugehen, die wenige Jahre darauf als falsch erkannt sein wird. An die Medizin zu glauben wäre also der größte Wahnwitz, wofern es nicht ein noch größerer wäre, nicht an sie zu glauben, denn aus dieser Häufung von Irrtümern sind auf lange Sicht ein paar Wahrheiten hervorgegangen.(3.418)

2 zu 5 zu 4

Zwei Stunden im Wartezimmer, fünf Minuten beim Arzt, vier Tage krank geschrieben.

Als ich dem Vertretungsartz kurz und grob in Stichpunkte erklärt hatte, um was es geht, meinte er nur: „Ganz schöne Scheiße“ und „Wenn was ist, dann kommen Sie jederzeit vorbei“. Hat gut getan.

Proust (131)

Baron de Charlus entpuppt sich als glühender Antisemit von der ekligen Sorte. So hätte Dreyfus ja sein Vaterland gar nicht verraten, weil er als Jude dann Judäa hätte verraten müssen und ob der Ausländer Bloch ihn nicht mal zu einem Fest mitnehmen könne. Charlus würde gerne seine »geistige Erbschaft« (3.408) Marcel übergeben, verlangt dafür Gehorsam, dass er ihn »sehr häufig, jeden Tag« (4.408) sehen kann und das Marcel Opfer bringen muss: »Das erste Opfer, daß Sie mir bringen müssen – ich werde ebenso viele von Ihnen fordern, wie ich Ihnen Geschenke mache – besteht darin, die Gesellschaft zu meiden« (4.410). Selbstverständlich will er auch die Wahl der männlichen Freunde übernehmen und rät Marcel: »Halten Sie sich Mätressen … Sie kleiner Schlingen, Sie Schlingel, der Sie bald nötig haben werden, sich rasieren zu lassen« (4.413).

Vielleicht könnten Sie Ihren Freund [Bloch] bitten, mich irgendeinem schönen Fest im Tempel, einer Beschneidung oder einer Darbietung jüdischer Sänger, beiwohnen zu lassen. Oder er könnte einen Saal mieten und mir mit irgendeinem biblischen Divertissement aufwarten, so wie die Mädchen von Saint-Cyr Racines Szenen aus den Psalmen aufführten, um Ludwig xiv. zu zerstreuen. Vielleicht könnten Sie sogar irgendwelche komischen Auftritte veranstalten, zum Beispiel einen Kampf zwischen Ihrem Freund und seinem Vater, bei dem er ihn verletzen würde wie David den Goliath. Das würde eine ergötzliche Farce ergeben. Er könnte sogar, wenn er schon dabei ist, tüchtig auf seiner Mutter herumprügeln, dem alten Aas oder Rabenaas, wie meine alte Kinderfrau sagen würde. Das wäre ganz ausgezeichnet und kein unerfreulicher Anblick für uns beide, hm?, mein junger Freund; denn wir lieben doch exotische Schauspiele, und Prügel für diese außereuropäische Kreatur wären eine verdiente Züchtigung für ein altes Kamel.(3.404)

GT (55)

Im Grund eine gute und arbeitsintensive Runde. Ich habe überwiegend zugehört und bin aber nicht groß eingestiegen. Viel zu sehr bei mir, weil mit dem Aufstehen so ne doof Traurigkeit plötzlich über mich gekommen ist. Echt, die Psyche ist manchmal einfach ein Arschloch.

Proust (130)

Robert hat ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Geliebten – Verliebte sehen selten klar – und entscheidet, ihr das Kollier zu kaufen. Das will sie aber nicht mehr. Schneller Abschied von seiner Mutter, die etwas indigniert zurückbleibt. Auftakt zu einer weiteren großartigen Stelle der Recherche: Baron de Charlus biedert sich Marcel an. Das aber nicht schmeichelnd und / oder bittend bzw. wohlwollen und höflich. Nein, er putzt Marcel einfach mal runter. Marcel ist für ihn ein »›Bursche … der dem‹ (und er betonte das Wort mit Genugtuung) ›Kleinbürgertum angehört … ‹«(3.401). Aber er könne von »unschätzbarem Wert« (3.402) sein, denn: »Ich könnte Ihnen eine unbekannte Erklärung nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft geben« (ebd).

»Sie wollten mit mir über etwas reden, Monsieur?«
»Ach ja, richtig, ich wollte Ihnen gewisse Dinge sagen, aber ich weiß nicht recht, ob ich es wirklich tun soll. Ich bin zwar überzeugt, daß sie Ihnen unschätzbare Möglichkeiten eröffnen könnten. Doch ahne ich auch, daß das Ganze in meinem Alter, wo man anfängt, auf Ruhe Wert zu legen, viel Zeitverlust und Störungen aller Art in mein Leben trüge. Nun, ich frage mich, ob es sich bei Ihnen lohnt, daß ich mir um Ihretwillen all diese Mühe mache, und ich habe nicht das Vergnügen, Sie genügend zu kennen, um das zu entscheiden. Vielleicht verlangt es Sie auch nicht genug nach dem, was ich für Sie tun könnte, als daß ich mir deswegen so viele Ungelegenheiten mache, denn ich sage Ihnen noch einmal ganz offen, Monsieur, für mich kann es sich dabei wahrscheinlich nur um Ungelegenheiten handeln.« (3.399)

Proust (129)

Marcel begrüßt Madame Swann und den (gerne mal aufbrausenden) Baron de Charlus – die etwas eisig reagieren. Später steckt Madame Swann ihm, dass Norpois über ihn verlauten ließ, er sei »ein nahezu hysterischer Schmeichler« (3.380). Im Gegenzug stellt die Mutter von Robert de Saint-Loup Marcel dem Fürsten vor und bekommt von Robert danach zu hören, dass sich die Herzogin bei Robert beschwert hätte, »ob du [gemeint ist Marcel] nicht etwas gegen sie hast« (3.386). Man sieht, ein glitschiges Parkett. Zu Krönung meint Baron de Charlus, als Robert Marcel in ein Zimmer winkt, er wolle gehen und bittet ihn, ihn doch mal zu besuchen.

Alle unsere Handlungen, Worte und Verhaltensweisen sind von der »Welt«, von den Menschen, die nicht unmittelbar Zeugen davon waren, durch ein Medium getrennt, dessen Durchlässigkeit unendlich variabel ist und uns unbekannt bleibt; ich wußte zwar aus Erfahrung, daß diese oder jene wichtigen Dinge, die wir sehr gern verbreitet gesehen hätten (…), auf der Stelle unter den Scheffel gestellt wurden, oft gerade wegen unseres Wunsches; wie viel weiter aber war ich deshalb davon entfernt anzunehmen, ein winziges Wörtchen, das wir selbst vergessen, ja niemals ausgesprochen haben, das unterwegs durch die unvollkommene Refraktion eines anderen Wortes entstanden ist, könne unaufhaltsam über unendliche Distanzen (…) weitergetragen werden, um auf unsere Kosten das Mahl der Götter zu ergötzen. (3.380f)

Umfeld – nicht schön

  • G. und B. haben sich getrennt,
  • S. und D. sind in einer heftigen Beziehungskrise, Trennung nicht ausgeschlossen,
  • bei S. hat man einen Tumor entdeckt,
  • A. hält sich mit ihrem Krebs tapfer.

Macht gerade nicht so viel Laune zu fragen „Wie geht’s?“.

Proust (128)

Wie Fürst Faffenheim-Münsterburg-Weinigen es doch noch zu einem Sitz in der Akademie schafft. Auftritt von Madame Odette Swann, was die Herzogin veranlasst – ohne sich bei Marcel zu verabschieden – zu gehen. Einschub: Marcel hatte Besuch vom Sohn des Kammerdieners seines Onkels bekommen, Charles Morel, ein »hübsche[r] Bursche von achtzehn Jahren« (3.369). Der schenkt ihm aus dem Nachlass des Onkels Photographien berühmter Schauspielerinnen, darunter auch eines von Miss Scaripant, besser bekannt als Odette Swann. Nun erst erfährt Marcel, dass sie es war, die er bei seinem letzten Besuch bei seinem Onkel gesehen hat (vgl. Nr. 9 & 10). Morel lässt sich der Nichte des Westenmachers vorstellen.

Unter den verschiedenen Samtstoffen gewahrte er [Charles Morel] einem von so grellem, ja schreiendem Rot, daß er selbst bei seinem schlechten Geschmack die Weste später niemals tragen konnte. (3.372)

Lesetag

So könnte mindestens ein Tag pro Woche sein! Nur gelesen, dazwischen Nahrungsaufnahme, etwas Schlaf – ab 17:30 dann Kontrastprogramm mit kochen und Gästen.

  • Thomas Mann: Joseph und seine Brüder: 1. Buch die „Höllenfahrt“ und die ersten 40 Seiten. Mir ist da Mann etwas zu hoch in seinem Tone, andererseits macht die kommentierte Ausgabe klar, wie durchdacht und recherchiert das Ganze ist. Zudem sehe ich viele Motive aus seinen andern Texten. Ich will nicht unken, aber es könnte ein gute Wahl für den Lesekreis gewesen sein – vorallem, da ich die Bibel ja auch schon durch habe.
  • Proust (14 Seiten)
  • James Ellroy: Jener Sturm (ca. 100 Seiten – nur, aber der Mann hat echt Zeit gekostet).

Proust (127)

Bloch fällt unangenehm auf und erhält einen äußerst kalten Abschied. Ihn ersetzt die Vicomtesse von Marsantes, niemand anderes als Roberts Mutter (und die Schwester des Herzogs von Guermantes). Sie ist »ein höheres Wesen von engelhafter Güte und Ergebenheit« (3.349), wenn auch keine Schönheit. Allgemeines Geplauder und Gelüge bis – völlig überraschend – Robert kommt. Der stellt – endlich! – Marcel der Herzogin von Guermantes vor. Die reagiert distanziert-kühl, ein Gespräch will nicht in Gang kommen. Auftritt des deutschen Premierministers, es ist der Fürst Faffenheim-Münsterburg-Weinigen. Der hat Ambitionen auf einen Sitz in der Akademie, aber Norpois ist auf diesem Ohr taub.

Sie [die Herzogin von Guermantes] ließ das Licht ihres blauen Blicks auf mich niederfallen, zögerte einen Augenblick, entrollte den Stengel ihres Arms, um ihn auszustrecken, und neigte ihren Körper, der gleich wieder in die aufrechte Stellung zurückschnellte wie ein Strauch, den man niedergebogen hat und der, wenn man ihn losläßt, in seine natürliche Lage zurückkehrt. So verhielt sie sich unter dem Blitzen der Blicke Saint-Loups, der sie beobachtete und aus der Distanz verzweifelte Versuche machte, um von seiner Tante noch etwas mehr zu erreichen. (3.335f)

Volle Kante

Gestern zu P. gefahren. Diesmal nicht nach B. sondern nach H, weil er mir seine „neue“ Freundin vorstellen wolte. Neu in Anführungszeichen deswegen, weil sie schon seit drei (!) Jahren zusammen sind. (In der Zwischenzeit hatte ich mir schon überlegt, ob er sie nicht nur erfunden hat – aber nein, sie gibt es wirklich.)

Zusammen zum „Italiener“ (deswegen in Anfhrungszeichen, weil von Türken geführt), dann noch etwas Wein im Wohnzimmer. Zugegeben, wenig Alkohol war es nicht.

Bemerkt habe ich es als es schon zu spät wär. P. hat sich aber sowas die Kante gegeben, dass er wohl die halbe Nacht kotzend über der Keramik hing und sie sich mit seiner Freundin abwechselte, die das Essen nicht vertragen hat.

Bin dann nach dem Frühstück wieder zurück – war eh klar, dass da heute nichts mehr geht mit den beiden.

Proust (126)

Im Salon ist man mehrheitlich gegen Dreyfus – Norpois dagegen bleibt berufsbedingt neutral und hält, von Bloch angestachelt, seitenweise Vorträge über die aktuelle Lage (deren Brisanz dem heutigen Lesenden sich nur schwer und nur mit Hilfe vertiefter Kenntnisse der Materie erschließt). Norpois versucht zwar mal das Thema zu wechseln – »Gehen Sie heute abend nicht zum Ball bei Madame de Sagan?« (3.339) – scheitert aber am insistierenden Bloch.

Bloch mißfiel dem Botschafter eigentlich nicht, denn er sagte uns später nicht ohne Naivität und bestimmt unter dem Eindruck der in Blochs Sprache zurückgebliebenen Spuren der neohomerischen Mode, die er im Grunde schon überwunden hatte: »Er ist ganz amüsant mit seiner etwas antiquierten, etwas feierlichen Redeweise. … So etwas findet sich selten bei der heutigen Jugend und war schon selten in der vorhergehenden. Wir selbst waren seinerzeit eher romantisch.« (3.340)

Proust (125)

Im Salon  macht man sich weiter lustig über den Gedichtsvortrag von Roberts Freundin: »Ich habe sofort gemerkt, daß sie kein Talent hat, als ich die Lilien sah“ (3.321). Weitere Abfälligkeiten über Abwesende – »Ich gebe ja zu, sie sieht nicht aus wie eine Kuh, sondern wie mehrere Kühe« (3.323) – aber das zentrale Thema ist die Dreyfus-Affäre, wobei manche sie vom Antisemitismus trennen wollen. Man prüft die beiden neuen Begriffe »Mentalität« (3.330) und »talentiert« (3.331) auf ihre Brauchbarkeit.

»Sie [gemeint ist Bloch] sind kein Mensch dieser Zeit«, sagte der ehemalige Botschafter [Norpois] zu ihm, »und ich beglückwünsche Sie dazu, Sie gehören damit nicht dieser Epoche an, in dem es kein selbstloses Forschen mehr gibt und in der dem Publikum nur mehr Obszönitäten oder Ungereimtheiten verkauft werden.« (3.325)

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