Durch die Zeit

Tag: Brief

Weiterbildungsurlaub – Tag 5

Der Tag beginnt mit der Überlegung, ob im Bett bleiben vielleicht doch eine Alternative sein könnte.

Die Fenster-Statistik vermeldet: Heute ein absoluter Frauentag, wengistens die Richtungen sind gleichberechtigt, ansonsten keine Besonderheiten. Die Detailanalyse und das dadurch erarbeitete Ergebnis werde ich nachreichen.

Zur Entspannung dürfen wir erstmal einen Brief an uns selber schreiben, bis es zu einer Live-Mediation kommt. Da fließen dann nach wenigen Minuten die Tränen und die Stimmung ist zumindest für den Vormittag erstmal im Eimer. Aber damit war ja zurechnen, denn „Konfliktspenden“ haben Wein-Potential. (By the way, wer ein Konflikt spenden will, ich nehme sie alle ab.)

Dann weitere Übungsrunde, beide Mediatoren haben ‚Angst‘, weil ich den Oberarzt gebe und verlieren sich leider etwas, obwohl ich ganz ‚lieb‘ bin. Aber aufschlussreich. Aber dann reichts auch, war ein echt volle, intensive und kraftzehrende Woche.

Es gibt zwei Leute, die ich bei der Verabschiedung umarme, das ist einmal N. (wen wunderts) und – voll krass – „Voll-Krass“.

Moderne Zeiten

Und ich kanns irgendwie auch genießen. Zu Beginn meiner Beziehung mit meinem jetzigen Mann hätte man die Jahresteebestellung möglicherweise erst frühestenes morgen abschicken können, wenn man dann die Briefmarke für die Bestellkarte gekauft hätte, falls man keine zur Hand gehabt hätte. Heute ist es ein Formular im Internet.

Genauso für ein Teil – Gott ist mir das peinlich – dass ich auf dem gleichen Weg heute für ein paar Euros bestellt habe.

Und als A. heute Abend fragte, ob ich ihm was zum Lesen empfehlen könnte … bißchen Darknet, bisschen Dropbox, bisschen Mail – und bevor er zu Hause angekommen ist (ok, da braucht er zwei Stunden dafür) hat er alles.

Ich schimpfe nicht darüber.

Über die schreibende Schulter geschaut

So genau weiß man es nicht, aber Marcel Proust soll in seinem 51-jährigen Leben an die 50.000 Briefe geschrieben haben (und die waren alle länger als eine WhatsUp-Nachricht!). Diese ungeheure Zahl ist, schaut man sich dessen Leben und Arbeiten an, nicht wirklich unwahrscheinlich, denn der Mann verbrachte Jahre seines Lebens in seinem Zimmer und schrieb – u.a. auch seinen fetten geilen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Seit Januar habe ich 572 von ihnen in den beiden neuen Briefbänden gelesen und bin nach wie vor fasziniert. Proust als Type ist schon recht eigenartig, eine verklemmte Schwester (der Zeit geschuldet), wohl auch einen Tuck hypochondrisch und in gewisser Weise auch immer mal wieder versessen. Andererseits muss das ein kluger, liebenswerter Kerl gewesen sein, der vor Empathie nur so gestrotzt haben muss. Und so eigen er wohl gewesen war – eitel, trotz auch des späten übergroßen Erfloges, war er nicht.

In geschätzt über der Hälfte der Briefe erwähnt er zwar seine schlechte Gesundheit mit einem Satz – um sich dann anderen Themen zu widmen. Dass kann enervierend ausfühlich sein, wenn es um die Möbel, die Teppiche, die Stühle, die Vorhänge, die Tische, das Bett, der Schrank, das … für die neue Wohnung geht, andererseits schreit es nach mehr, wenn er zur seinen literarischen Arbeiten Stellung nimmt. Aus den Briefen spricht etwas ‚Herzensgutes‘ – was mich vermuten lässt, dass es genau das, was die anderen an ihm nicht verzweifeln ließ, denn er konnte auch durchaus penetrant sein, wenn sein liebendes Herz verbotenerweise mal wieder höher schlug.

Mich freut’s, dass ich auch heute am Bloomsday fertig geworden bin, denn – oh Wunder, oh Zeichen – Marcel Proust und James Joyce sind sich einmal bei einem Abendessen begegnet. Im Jahr seines Todes 1922 am 18. Mai im Hotel Ritz auf Einladung des Mäzenenpaars Sydney und Violet Schiff. Mit dabei – und das muss man sich mal vorstellen – waren noch Igor Strawinsky und Paplo Picasso. Daraus müsste man doch mal einen Film oder ein Theaterstück machen (und etwas von der Wahrheit abgehen, denn nach unterschiedlichen Berichten hatten sich Joyce und Proust nichts oder nur Nichtigkeiten zu sagen).

Und hier noch ein Brief an Emmanuel Berl vom 26. Oktober 1919 der mir deswegen so gut gefallen hat, weil, hätte ich mit Proust eine handschriftliche Korrespondenz geführt, er mir das wohl (auch) geschrieben hätte:

Cher ami,

Ich bin außer Stande, zwei Zeilen zu schreiben. Ich will Ihnen aber doch sagen, dass ich heute Morgen einen Brief von Ihnen erhalten habe, der mir das größte Vergnügen bereitet hat, denn ich habe darin die mysteriösen Arabesken wiedererkannt, die Sie ironischerweise als Ihre Schrift bezeichnen. Aber dieses Mal habe ich, entweder liegt es an meinen Augen oder Sie haben sich selbst übertroffen, kein einziges Wort entziffern können. Ich weiß sogar nur deshalb, dass der Brief von Ihnen stammt, weil ich jede ganz besondere Form der Unleserlichkeit wiedererkannt habe, die die Ihre ist. Aber ich habe sie wiedererkannt wie man aufgrund der Manier sagt „diese Zeichnung stammt von jenem Künstler“, ohne dass man die Signatur gesehen hätte. Wenn Sie ihre Briefe an mich nunmehr diktieren wollen, berauben Sie mich des Vergnüngens, diese Zeichen bar aller rationalen Bedeutung zu betrachten, die in meinen Augen aber ihre Gesichtszüge nachzeichnen. Aber immerhin wüsste ich, was Sie mir sagen wollten.

Ihr ergebener

Marcel Proust

Lies, Brüderchen, lies

Als ich den letzten Beitrag geschrieben hatte, schaute ich auf, sah die Bücherwand …

b170107_b_1

… und kann verstehen, wenn jetzt die geneigte Leserin, der geneigte Leser denkt: „Oh ja, Bücher.“ Was der geneigte Leser und die geneigte Leserin nicht wissen aber zumindest sehen kann: „Och, eigentlich ganz ordentlich.“

Um es deutlich zu machen, das ist mein Werk des Nachmittags, der eigentlich den Briefen Proust gewidmet werden sollte (nicht auf dem Bild, aber in der untersten Bücherreihe fast genau in der Mitte sieht man den lila Schuber mit der Recherche in der revedierten Übersetzung, rechts daneben die blauen Bände mit der ‚alten‘ Übersetzung): ICH HABE AUFGERÄUMT! Und zwar gründlich, ach was, heldenhaft! Denn ich habe für die neuen Bücher, die ich unbedingt behalten will, Platz geschaffen und deswegen wohl an die hundert Bücher (wenn nicht mehr) aussortiert. Wer was haben will:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Wobei ich natürlich schon so denke: Was hat mich das alles gekostet? Wie oft habe ich darauf gespart und auf anderes verzichtet? Und nun, einfach weg? Die Erwartung, irgendwie auch nur einen geringen Betrag zu bekommen ist utopisch, denn wer zahlt schon für ein gebrauchtes Buch, was er ’neuwertig‘ oft in Ramschläden nachgeschmissen bekommt?

So langsam ahnt es mir, dass das ‚Kulturgut‘ Buch dem Untergang geweiht ist. Ich kaufe ja auch nur noch die Bücher, von denen ich mir vorstellen kann, dass ich sie ein zweites Mal lese oder Anstreichungen machen will. Ansonsten zählt der Inhalt – und der ist auf einem E-Reader derselbe. Und wer mir jetzt mit dem Argument „schönes Buch“ kommt, der möge mir mal bitte ein „schönes“ Buch zeigen – über 98 Prozent sind schnell gemachte Massenware.

Vertrauen

Letztens war A. – nach harter, harter Uni-Prüfungszeit – mal wieder da. Mit Computerproblemen. Ob ich nicht noch irgendwie ne Festplatte hätte, um seine Daten sichern zu können? Es fand sich zwar etwas, aber dafür inkompatibel, und so fragte er, ob er seine Daten komplett auf meinen kleinen Rechner (aus dem Hause Apfel) sichern könne. Bitte gerne, Speicherplatz ist ausreichend vorhanden.

Ich fragte mich, ob ich das auch getan hätte. Denn A. hat mit 100-prozentiger-Sicherheit jetzt nicht nur Daten bei mir gespeichert die sein Studium betreffen. Denn, wenn ich von mir ausgehe, dann sind eine Menge meiner Daten eh ‚unkritisch‘, aber da gibt es Briefe, Tagebücher, persönliche Texte und in meinem Fall natürlich noch ein Haufen von Fotos, die nicht nur andere sonder auch mich mit Ständer zeigen, teilweise in Aktion, teilweise voller Sperma und was sonst. Dinge jedenfalls, die man auch guten Freunden jetzt nicht so mir-nichts-dir-nichts aufs Auge drücken will.

Da ich den kleinen Rechner jetzt nicht wirklich häufig nutze – und die Frage sehr berechtigt ist, warum ich mir den überhaupt angeschafft habe – bin ich über seine Daten nur einmal gestolpert, als ich ein Hörbuch suchte, was dann zwischen irgendwelchen Hirn-Anatomie-Blut-Gerinsel-Fachbegriffen gelandet war.

A. heute wieder da – bei Saltimbocca – und die Nachricht, dass sich das Computerproblem zu Gau ausgeweitet hätte. Jetzt hat er gar keinen Rechner mehr. Ich würde mich tierisch ärgern, weil ich dann meine (wenigen) Mails auf dem Handy schreiben und dauernd die Brille trage müsste und auch hier es mit den Handy nicht so leicht hätte. Aber sonst?

Also hab‘ ich ihm meinen kleinen Rechner angeboten, auf dem der meiste Speicherplatz eh von ihm derzeit belegt wird. Er hat sich zwar geziert – hätte ich mich auch – aber dann doch es angenommen, denn es dauert noch etwas, bis er einen neuen hat.

Jetzt hat er auch also einen Teil meiner Daten bei sich. Und ich gebe zu, dass ich kurz überlegt habe, was denn da drauf ist. Und ich konnte es dann doch nicht unterlassen ihn zu warnen, dass, wenn er auf den Bilderordner geht, er vielleicht mit Fotos konfrontiert wird, die seiner sexuellen Ausprägung nicht entsprechen. Aber es ergab sich, weil er für mich ein Update installierte, dass der Bildschirmschoner ansprang – ich habe meine Warnung dann einfach nur noch darauf beschränkt, dass er ja ohne Frage fähig sein, den auszuschalten oder zu ändern.

By the way: A. hat mich schon ausreichend nackt gesehn. Und A. ist jetzt auch nicht so ein Kind von Traurigkeit, dass er beim Anblick eines Ständer traumatisiert werden würde. Warum musste ich das kommentieren? Davor warnen? Wo er doch weiß, dass ich Männerakte mache?

In einem früheren Blog habe ich mal geschrieben, was ich für einen Terz ich gemacht habe, als A., damals kannte wir uns noch nicht soo gut, zu Besuch war und ich einen Teufel tat, um mein Bildschirmhintergrund, der mich nackt im Bodensee zeigte mit einem recht gut druchbluteten Schwanz (aber kein Ständer!) zu eleminieren. Affig bin ich mir vorgekommen. Später habe ich das Bild einfach gelassen und ihm gesagt, dass mein Schwanz sonst ne andere Größe / Kleinheit hätte. Er grinste, glaub‘ ich nur – und es war OK.

Scham ist schon was komisches!

 

B. kommt sicher!

Dem ein oder anderen erzähle ich ja gerne, dass ich mich früher (also minus 25 Jahre von heute) mit Freunden auf Besuche in der jeweiligen Stadt für ein Wochenende per Brief oder Postkarte verabredet habe. Nix noch schnell ne Mail oder noch eine Stunde vorher ne SMS. Das war normal.

B. kommunizert mit mir über das gemeinsam gehasste Facebook aber sowas von kurzfirstig, dass er morgen kommt. Uff! Immerhin weiß ich das. Etwas später von ihm noch eine Nachricht: Wohin er denn genau kommen soll, also welche Straße, welche Hausnummer.

Ich sag jetzt mal nix dazu.

? statt !

Schon nervig, wie man zusammenschrumpft, wenn man keine Arbeit hat. Und interessant zu sehen, wie man beginnt sich zu verstecken. Zumindest ich. Da war letzte Woche so ein Aufblühen während und noch ein paar Stunden nach dem Vorstellungsgespräch. Da wurde mir für Stunden klar und deutlich, dass ich auch was kann und auch etwas zu bieten habe, was andere gut bis sehr gut gebrauchen könnte. Aber da es anscheinend ja nicht gewollt wir, schnurrt man wieder auf die Zweifel zusammen.

Seit letzter Woche Tag für Tag gehofft, dass endlich ein positiver Brief im Briefkasten liegt. Bis heute ist nichts gekommen – das ist eine wirklich miese Art und Weise. Herrn Prof. K. will ich das bei Gelegenheit auch wirklich sehr deutlich sagen – aber was wird mir das dann noch nützen? Und so ist wieder das erste Fragezeichen gesetzt, die nächsten werden ohne Probleme wieder kommen. Es ist wie in der Pubertät, da gibt es auch mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen. Aber damals war das Leben dann doch aufregender und mit viel mehr Zukunft versehen als jetzt.

Woher Kraft nehmen, wenn es von nirgends ne positive Rückmeldung gibt? (Und da war es schon wieder, das ?)

AISTHESIS

Texte zur Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik sowie vermischte Bemerkungen

Kritzelkomplex

Just another WordPress.com site

heat'n'eat

The way I cook/Wie ich koche

MARCEL STUDIES ABROAD

Mein Semester in Korea

Meine geliebte Narzisstin

Eine wahre Geschichte

wirbelwind68

ich lebe intensiv und reflektiert

Das Scharlachrote K

... und der Zirkus drum herum

no_more_money_4_shit

Zwei Frauen ein Projekt

Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Musil lesen

"Der Mann ohne Eigenschaften" in weniger als 123 Wochen

Ein Nudelsieb bloggt, ...

... denn man(n) kann sich ja nicht alles merken ;)

KenterKönig

und anderes aus der weiten Welt

Winterlicht Fotografie

Fotografie berührt mein Herz