Durch die Zeit

Tag: Bruder

Blut ist (wohl) nicht dicker

Gestern noch auf einem Filmabend bei Bekannten. Schon wieder vergessen, welche Filme es waren. Waren soweit OK, zudem gab es leckeren Wein und die Hausfrau in I. konnte es sich natürlich nicht lumpen lassen, das ein oder andere auf den Tisch zu stellen.

In beiden Filmen waren die Protagonisten Geschwister. Im ersten drei Brüder, im zweiten zwei Brüder und eine (Adoptiv)Schwester. Beim Sehen ist mir dann so richtig bewußt geworden, dass ich  zu meinen Geschwistern irgendwie kein Verhältnis habe, vielleicht so ein Pflicht-Verhältnis von Geburt aus. Aber ein emotionales, ein irgendwie wirklich zugewandtes nicht.

Irgendwie fand ich das gestern (zum ersten Mal) extrem schade. Ich hätte wirlich nichts dagegen, wäre das Verhältnis enger, geschwisterlicher, vertrauter … aber das ist es nicht und es gibt auch keine Anzeichen, dass das sich ändern wird.

Interessanterweise haben wir (überlebenden) Geschwister in den familären Krisensituationen, von denen es bisher zwei gab, dann doch ohne große Worte zu wechseln oder gar in Auseinandersetzung oder Streit zu geraten, nicht nur am gleichen Strang sondern auch in die gleiche Richtung gezogen.

Hingucker

Zum ersten Mal schaue ich „Anne Will“ länger als 3,1 Minuten. Einerseits um zu schauen, wie Schulz sich schlägt (wie ich finde, nicht schlecht), andererseits um rauszubekommen, an wen er mich interessiert. Es hat etwas gedauert, aber er hat einiges von meinem Bruder.

‚Zuhause‘

Vor drei, vier Wochen fiel einem Bekannten auf, dass ich mit „Zuhause“ wirklich noch die ‚Elternwohnung‘ meine, also nicht den Ort, an dem ich seit so und so vielen Jahren lebe. Hat mich übrigens sehr verwundert. Denn ich war dieses Wochenende ‚Zuhause‘ und bin 43 Stunden mit kaum noch ein paar Nerven wieder (zumindest planmäßig) in den Zug gestiegen.

Mein Mann konnte mich dieses Mal nicht begleiten und ich habe daher die geballte (Alt-)Familiendynamik mitbekommen. Meine Mutter beruft sich auf ihr hohes Alter und daher muss alles so laufen, wie sie es will. Meine Schwester beruft sich auf den anstrengenden Job und daher muss jeder auf sie Rücksicht nehmen. Mein Bruder beruft sich auf einen noch anstrengenderen Job und daher muss ihm zugehört und an entsprechender Stelle gehuldigt werden.

OK, es gab noch die Pflichtfragen an mich – aber es ist mal wieder erstaunlich zu sehen, mit wie wenigen Informationen die anderen zufrieden sind (ok, da unterscheidet sich die Familie eh von den Meisten nicht).

Ich fand es einfach nur eins: anstrengend. Da gibt es nichts Einfaches, nichts Freies. Alles ist Minenfeld. Und ohne besonderen Anlass hat es mich dieses Mal wirklich aggressiv werden lassen (OK, natürlich nur im absolut gemäßigten Rahmen, schließlich ist das ein durch und durch katholischer Haushalt, da gibt es ja sowas nicht …) was auch zu einer Reihe von Tadeln geführt hat, die mich wiederum ….

Irgendwie habe ich kein ‚Zuhause‘. Aber da, wo ich gerade bin, bin ich gerne. OK, Köln wäre mir nach wie vor lieber, aber wie sagt mein Mann immer: Die Ziege wollte auch nen langen Schwanz.

 

Weg des Begehrens (3)

Teil II

Hinzukam, andere Quellen, von denen es entschieden weniger gab als heute, hatte ich nicht. Bravo gab es bei uns zu Hause nicht – und ich bewegte mich weitgehend in katholischen Kreisen – also gab es die bei meinen Freunden auch nicht. Die wussten vielleicht schon das ein oder andere mehr – aber als guter katholischer Junge, dazu noch Ministrant und in Hinsicht auf den Beichtspiegel … . Meine älteren Brüder, die weiter waren als ich, erzählten mir weitgehend auch nichts, da wir uns nicht verstanden. Im Fernsehen war das erotischste was man sehen konnte ggf. ein nackter weiblicher Rücken oder eben einen Mann in Badehose, was ich ja schon immer interessant gefunden hatte und im Otto-Katalog mir lieber die Seiten mit der Männerunterwäsche anschaute, als die mit der Frauenunterwäsche. Für mich so ein Hinweis, dass die Sexualität genetisch vorgeprägt ist und soziale Einflüsse ihr so etwas wie einen Feinschliff verpassen – aber so richtig lege ich meine Hand für diese gewagte Theorie dann doch nicht ins Feuer.

Ich kann heute es ein kleinwenig für mich nachvollziehen, dass ich ab 14-Jähriger, sicher ab 15-Jähriger regelmäßig mit jemanden wichste, dass aber nicht als Sexualität ansah. Es war ‚Triebabfuhr‘ aber nicht Sex, denn der würde dann kommen, wenn man älter wäre. Und Sex ging ja nur in Verbindung mit einem Mädchen bzw. mit einer Frauen. Aber da ich eben noch nicht alt genug war, hatte ich Raum und Zeit es eben mit einem anderen zu füllen. Zudem Zeitpunkt wusste ich definitiv nicht, dass es Homosexualitäten gibt. Es gab nur das versteifte Glied in der Vagina – alles andere, und das war das gemeinsame, teilweise sehr ausführliche (gegenseitige) wichsen – eine Art ‚parasexuelle‘ Spielwiese.

Im Nachhinein verwundert es mich schon, dass ich das recht locker sah, und es mit mehreren praktizierte. Richtige Schuldgefühle hatte ich erst mit 18, als ich mit meiner zweiten Freundin T. meinen ersten ‚richtigen‘ Sex hatte. Immerhin wusste ich ja, wie das theoretisch zu funktionieren hatte, klappte auch praktisch durchaus problemlos und war – zumindest für mich – lustvoll. Wenn sie mir heute gestehen würde, dass ich zu den schlechtesten Liebhabern gehöre, oder gar der schlechteste gewesen sei – ich würde das in aller Demut sofort akzeptieren und nicht für ein Schamhaar aufmucken. Denn bis dahin war Sexualität die Befriedigung eines Triebes, oder man hat einem anderen geholfen – aber die Vorstellung der gegenseitigen Lustverschaffung, des gemeinsamen Lusterlebens gab es nicht. Die Entdeckung der Lust beim Sex kam spät.

Und noch immer, 18-jährig, gab es keine Homosexualitäten.

Teil IV

überlebend

Gerade im ZDF (?) aus der – wie ich finde guten – Reihe „37 Grad“ eine Folge gesehen, in der es um die überlebenden Geschwister ging. Weiß nicht, ob der Begriff gut ist, aber ich gehöre eben auch zu den ‚überlebenden Geschwistern‘ in der Familie. Ich bin – mag jetzt komisch klingen – nicht ‚der tote Bruder‘ bzw. ‚der tote Sohn‘. Mein Manko als überlebendes Geschwister.

Immerhin hat die eine Mutter aus dem Fernsehbeitrag gemerkt, dass für sie, als trauernde Mutter, es eine Reihe von Angeboten gibt, um mit der Situation – irgendwie – umzugehen. Für trauernde Geschwister – Fehlanzeige. (Ich kenne gerade eine einzige Initative, die sich für dieses Thema einsetzt – und das nur aus dem Internetn. In der Stadt, in der ich wohne, und die ist jetzt nicht gerade Provinz, gibt es genau 0 (in Worten: null) Angebote.) Interessanterweise hat sich aber die gleiche Mutter genauso verhalten wie meine: Das tote Kind / der tote Sohn ist das / der Wichtigere, Bessere … jedenfalls das / der, das / die meiste Aufmerksamkeit braucht – alles andere, und das heißt eben auch: alle anderen haben maximal Prio zwei, wenn überhaupt.

Mir ist das damals so gar nicht bewußt geworden, dass ich, als Bruder, als jüngerer Bruder, keine Raum, keine Platz für Trauer bekam oder irgendwie auch hatte. Ich hatte, als überlebender Sohn nun erst recht zu funktionieren, da die armen Eltern …

Das ist ein Lebensthema.

Grund, ausreichend, aktiv zu werden? Gerade im nahen Umfleld von E.’s Familie?

Alle zwei Jahre wieder

Stress! Um 12 Uhr – und keine Minute später – gibt es Mittagessen. Vor dem Nachtisch muss aber die Küche gemacht werden. Um Punkt 18 Uhr dann Abendessen, auch wenn es den Nachmittagskaffee erst um 17 Uhr gab. Küche natürlich danach auch. Dann nicht zu spät ins Bett, denn um 9 gibt es Frühstück für Langschläfer. Und natürlich müssen mein Mann und ich kochen, aber natürlich nicht so, wie wir es uns vorstellen, sondern so, wie Muttern es will und natürlich ohne all die Dinge, die meine Schwester einfach nicht isst.

Mein Bruder verpisst sich schon seit Jahren zu seiner Freundin – die es offiziell übrigens nicht mehr gibt – und meine Schwester macht an diesen Tagen eins auf … egal.

Irgendwie so ein blöder Familienwahnsinn, gegen den ich einfach nicht ankomme.

Immerhin der Geschenkewahnsinn konnte dieses Jahr so richtig deutlich eingeschränkt werden. Hier mal ein Taschenbuch, da mal eine Flasche Schnaps, da mal Duschgel, da mal etwas Geld … alles im Sinne von „kleine Aufmerksamkeit“ … womit ich bis auf einen Moment gut leben konnte. Dazu muss man wissen: Mein Großvater väterlicherseits, den ich nicht kennengelernt habe, war ein wichtiger Mann in einem damals wichtigen Verlag. Und von ihm stammen noch ein paar sehr aufwändig gesetzten Bücher vom Beginn das 20. Jahrhunderts, die ich als Kind immer schon gerne durchblätterte.

Und diesmal ist mir aufgefallen, dass darunter ja auch Dante ist – was meine Mutter zum Anlass nahm, ihn mir dann auch noch auf den Gabentisch zu legen (und die vorgesehen beiden Falschen Wein dann auf den Balkon zum kühlen zu stellen).

Und so freue ich mich auf nächstes Jahr, denn dann bleiben wir turnusmäßig hier und feiern Weihnachten in erster Linie: entspannt.

Koryphäe

Samstägliche ausfürhliche Zeitungslektüre. Da lese ich auch schon mal was von der Seite „Wissenschaft“ der überregionalen, renomierten Tageszeitung. Mittelmäßig interessanter Artikel, bis ausführlich mein Bruder zitiert wird. Hätte ich mir bei dem Thema auch echt denken können, denn da ist er wirklich das, was man „Koryphäe“ nennt. Leicht abseitiges Spezialgebiet in einer Wissenschaft, die eigentlich schon alles erforscht hat.

Und ich seh‘ den armen Schreiber vor mir, wie er zum x-ten Mal den Artikel meinm Bruder schickt, weil mit den wörtlichen Zitaten irgendetwas nicht simmt, dann mit der Berufsbezeichnung, dann mit der (dann eben nicht genannten) Arbeitsstelle, dann mit einer Formulierung … ich kenne meinen Bruder.

Nein, sie tut es nicht

Nächstes Jahr werden es dann 30 Jahre sein, dass mein ältester Bruder bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist. Heute sind es 29. Und ich vermute, ein weiteres Jahre wird den Umstand nicht ändern, dass ich immer sehr, sehr froh bin, wenn der 30.4. wieder hinter mir liegt. Dieser Schock bleibt einfach. Denke, da kann man durchaus auch von Traumatisierung sprechen, wenn ich das letztens richtig verstanden habe. Viele andere Tode hat man ja kommen sehen, wegen Krankheit oder Alter. Der jeweilige Tag ist zwar meist auch dann überraschend, und man ist traurig und vielleicht entsetzt und es ist wie ein kleiner Schock, aber dieser Tode ‚funktionieren‘ einfach anders. Die Psyche hat ein paar Chance mehr, ihn dann zu verarbeiten, einzuordnen – aber so?

Und wenn ich dann diese Unglücksfälle im Fernsehen sehe, die Katastrophen u.s.w., dann frage ich mich immer, was hat das für Spätfolgen in den Familien, manchmal ja auch in einer Gesellschaft? Und denkt heute noch ein Schwein daran, um da Unterstützung zu leisten? Wie viele Jahre ist der Tsunami jetzt her? Wann wurde das letzte Mal um Hilfe gebeten? Mag sein, dass behauptet wird, die materielle Not sei gelindert ist (was sie definitiv nicht ist) – doch was ist mit der seelischen?

Man mag mir sagen was man will, aber in dieser scheinbar ‚aufgeklärten‘ Gesellschaft ist neben schwulen Fußballspielern der Tod das größte Tabu. Selber über Kinderpornographie wird in der Zwischenzeit mehr gesprochen und geredet, da ist richtig etwas in Gang gekommen und tapfer wird gegen Vorurteile gekämpft. Aber aktive schwule Fußballer kann es nicht geben und der Tod ist ein Thema für den Herrn Pfarrer bei der Beerdigung für die knappe Stunde. Danach …

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