Durch die Zeit

Tag: C.

WMDEDGT 09/16

Mach‘ ich mal mit. Frau Brüllen fordert wie jeden Monat auf, den 5. eines Monats zu protokollieren: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

6:20 – M. gibt mir einen Guten-Morgen-Kuss. Ich döse weiter.
6:45 – Erstes Klingeln.
6:51 – Zweites Klingeln, aufstehen, Bad, Hemd anziehen.
7:08 – Brote machen. Während das Teewasser kocht, Kurzssprint zum Briefkasten, Zeitung holen, danach Tee und Lektüre.
7:21 – Klamotten anziehen, Sachen packen, Wohnung abschließen.
7:23 – Rad aufschließen (frisch aus der Reperatur) und die knapp vier Kilometer in Angriff genommen.
7:41 – Ankunft.
7:43 – Öffen Büro, Rechner hochfahren, Kanne Tee kochen.
7:50 – Mailprogramm öffnen: Keine Mails! D.h.: Wie fülle ich die Langeweile bis 12 Uhr aus. Daher scanne ich 15 Alt-Vorgänge und lege sie in der Datenstruktur ab, lese im Internet Zeitung, esse meine Brote, verändere weitere 200 Dateititel von „in ARCHIVnummer“ in „Archiv-Nr“ per STRG+V, schaue aus dem Fenster, kratze mich am Sack, spreche drei Sätze mit dem Abteilungsleiter, der ein eigenes Telefon verspricht, schaue aus dem Fenster, schaue auf die Uhr, … .
12:08 – Aufbruch nach Hause.
12:30 – Ankunft zu Hause. Klamotten aus, T-Shirt an. Anschließend Geschirr spülen und gleichzeitig eine Portion Bratkartoffeln machen.
12:55 – Bratkartoffeln nebst erneuter Zeitungslektüre.
14:00 – Hochfaren des Rechners, Mails checken (auch keine), Blog checken (zwei Klicks, nicht mehr), Flickr checken (Stillstand), Tumblr checken (gefühlt 200 neue Bilder von denen ich gefühlt 180 schon gesehen habe).
14:15 – Mittagsschlaf mit Autoerotik.
15:00 – Die nächste Tasse Tee wird gekocht. Anschließend Bibel-Lektüre (Blog-Projekt dazu HIER).
15:25 – Klamotten anziehen, Bernhard-Bücher schnappen, Kopien machen gehen.
15:50 – Festlegen, wer welche Stelle liest, nur kurz von M. unterbrochen.
18:10 – Während M. Brot backt, döppe ich die Bohnen, koche sie, mache Spätzleteig, presse den, lass eine große Portion Butter flüssig werden, trinke derweil einen Amaro, ne, zwei.
18:45 – Festliches Abendessen.
19:15 – Ich falle ins Fresskoma vor dem Fernsehen, bekomme aber inhaltich eigentlich nichts mit.
20:15 – Rufe P. an, um mit ihr einen Biertermin auszumachen.
20:28 – C. steht vor der Tür, etwas Geplaudere, dann erste Leseprobe.
22:40 – C. macht sich wieder auf den Heimweg, ich schimmel noch etwas vor dem Fernseher.
23:25 – Überraschend früh suche ich da Bett auf.

 

Anforderung an die Realität!

Ich möchte mehr Menschen um  mich haben wie C.!

Sofort!

Oder ab nächster Woche!

Spätestens!

Egal, aber ich will mehr von denen haben. Komplex aber nicht unnötig kompliziert. Kritisch aber nicht engstrinig. Kreativ, aber nicht dominierend.

Ich weiß nicht, aber mit C. läuft es. Wenn er nicht mit meinen Ideen einverstanden ist, dann sagt er es auf eine Art und Weise, die mich nicht verletzt. Wenn er meine Idee nicht schlecht findet, dann hat er immer noch Vorschläge, wie man es optimieren könnte. Wenn er meine Idee gut findet, dann findet er sie gut.

Und umgekehrt funktioniert das auch.

Alleine heute die Terminabsprache für die nächsten zwei Proben. Ich respektiere seinen Montagtermin, er meinen Dienstagtermin, beiden passt der Sonntag irgendwie gar nicht – also treffen wir uns für die große Probe am Sonntag.

T.B.

Demnächst darf ich, wie in den letzten Jahren, wieder zusammen mit C. vorlesen. Begonnen hatten wir mit Joyce, dann kam Proust, dann Schmidt. Jetzt muss Thomas Bernhard daran glauben.

Als ich dem Veranstalter mailte, aus welchen Texten ich mir vorstellen könnte zu lesen – „Der Keller“, „Der Untergeher“, „Die Auslöschung“ – hatte der nix besseres zu tun, als das als Programm gleich mal als fix anzukündigen.

Das Wochenende jetzt reserviert, um aus den drei Texten passende, lesbare Stellen zu finden … und … ich blätterte also so durch die Texte, bei allen dreien hatte ich wenigsten ein paar Stellen noch im Hinterkopf die mich damals toll fand, fand sie dann zügig auch.

Ich fand’s dann schon erstaunlich, dass ich nach keinen zwei Stunden die drei Hauptstellen identifiziert hatte, dazu noch ein kleines ‚Rahmenprogramm‘ mit Gedichen von ihm und bei „Die Auschlöschung“ natürlich den ‚Witz‘, den ersten und letzten Satz als Rahmen zu lesen.

Mich erstaunt echt, dass ich bei Texten, die ich bspw. das letzte Mal 2001 gelesen habe, zwar nicht mehr die Seitenzahl weiß, wo die Stellen genau sind, aber wenn ich reinlese, weiß ich sofort, ob davor oder danach.

Und C. hat auf meine Mail sogar innerhalb 24 Stunden geantwortet, Montag um 20:30 erste Probe, die sehr lange dauern wird, da wir nicht nur die Rollen verteilen müssen – ok, da setz ich morgen schon mal dran – sondern auch abschätzen müssen, wie lange wir für welche Text brauchen und wo wir dann kürzen müssen / sollen / können.

Lesung

Seit drei Jahren darf ich ja einmal im Jahr ein Lesung veranstalten, d.h., C. und ich lesen vor. Bisher hatten wir Joyce, Proust und Schmidt (also deN Arno Schmidt). Der Veranstalter hat uns jetzt etwas unter Druck gesetzt, weil wir Mitten des Jahres immer noch mit keinem Vorschlag gekomen sind. Also wieder Not-Sitzung halbnackt auf dem Balkon und, siehe da, die Unispiration verfliegt nach wenigen Minuten und eine Stunde später haben wir ein 10-Jahres-Programm aufgestellt. Und für das mag ich C. so ungemein.

Wir lesen übrigens: Thomas Bernhard

Nach wie vor diese bittere Erkenntnis

Für heute Abend hatte ich (nicht billige) Karten für eine Art Musik-Kabarett. Meinem Mann, mit dem ich hinwollte, fiel letzte Woche ein, dass er nicht mit kann, da er eine Sitzung leiten muss. Ersatz war schnell gefunden, die Schwester ist zu Besuch. Die hat sich aber schon seit gestern unter die Decke aufs Sofa vor den Fernseher mit Magendarm verkrochen.

OK, dann eben C. anrufen, der kann ja mit klassischer Musik – der steckte dann aber auf der Autobahn fest. Dann eben A. (der eher zufällig hier ist),  ist zwar nicht sein Thema, aber aufgeschlossen ist er – nun, andere Verabredung.

Und dann trat das ein, was niemand glauben will: Ich wußte einfach nicht, wen ich sonst hätte anrufen können. OK, M. wäre für das Thema zu gewinnen gewesen, aber dann hätte ich mich in Schale werfen müssen (d.h. Anzug und Krawatte) und die Absprachen wären kompliziert gewesen. Die Karten A. und Z. geben – dafür sind sie einfach nicht spontan genug. J. fragen – aber der wäre der Weg zu weit gewesen. L. und U.? L. wäre das zu früh gewesen, weil er noch in der Praxis ist, U. hätte es doof gefunden. Ähnlich bei E. und M.

Und die, die einfach mitgegangen wären, leben halt in Indien oder Braunschweig oder Karlsruhe oder Freiburg und noch ein paar wenige Städte mehr …

Und dann frag ich mich: Stell dir vor, dein Mann verunglückt tödlich im Straßenverkehr. Wen rufst Du an, der dann einfach zu Dir kommt und Dich in den Arm nimmt, ohne aber erst aus Indien oder Braunschweig oder Karlsruhe oder Freiburg und noch ein paar wenige Städte mehr anreisen zu müssen?

In den letzten fünf Jahren habe ich eine einzige Person gefunden, bei der ich das Gefühl habe, ich könnte damit kommen, und sie würde auch ohne Frage alles stehen und liegen lassen und zu mir zu kommen, mich in den Arm zu nehmen und einfach da sein. Aber wenn die in Urlaub ist?

„Die Einsamkeit des Menschen ist unantastbar.“ Das habe ich als Student in depressiver Phase formuliert. Scheint aber nicht falsch zu sein.

 

 

Was ist denn los?

Heute Abend kurz C. getroffen wg. Fotoprojekt. Er wollte noch kurz eine rauchen, ich fragte: „Und? Wie geht’s Dir so?“ Wumm hatte ich den nächsten Redeschwall vor den Füßen.

Ich kenn ihn ja nur wenig – sieht man mal davon ab, dass er meist nackt ist, wenn wir uns sehen – aber bei seinem Thema habe ich das gute Gefühl, keine Lösung zu haben, aber dafür paar gute Fragen.

Mein Angebot ist raus – es ist seine Entscheidung, ob er es annimmt oder nicht.

(3 x 4) + (2 x 2)

Nach der monatlichen Laberrunde – die ich bald umbenennen muss, denn die neue Supervisorin ist echt klasse und diese 90 Minuten beginnen richtig wertvoll zu werden – M., C., und M. zu einem einfachen Abendessen. Aus Zeitgründen und Einfallslosigkeit gab es halt Chili con carne, nen Salat und als Nachtisch ne Himbeercreme. Erst als ich mir dann so richtig bewußt wurde, dass die drei ja Frauen sind und Chili ja eher doch ein Männeressen ist, bekam ich so meine Bedenken.

Aber den Rest einfrieren lohnt nicht, das reicht gerade morgen noch für ein kleines Häppchen. Einen Nachschlag kennt man ja noch, zwei kommen schon vor. Aber das drei Frauen vier mal sich nachgeben lassen (und zwar Männerportionen, nicht Schi-schi-Portionen) das kommt schon eher selten vor, will heißen: das war einmalig.

Der Verdienst geht an den allgemeinen Hunger bzw. an meinen Mann, denn der hat gekocht.

I. und die gewisse Enge

Wie gestern schon geschrieben, stand ich in den letzten Jahren hin und wieder mal vor der ein oder anderen Kamera. Überwiegend bei J., hin und wieder, wenn auch oft spontan – aber warum nicht -, bei Fr. und Hr. K., und einmal bei einem Fotografen aus H., dessen Modebilder man in allen wichtigen Zeitungen und Zeitschriften findet.

Wie gestern nicht geschrieben, steht der ein oder andere Mann bei mir vor der Kamera – und wer die Kategorie „Durch die Linse“ verflogt haben mag, wird durchaus das Gefühl haben, dass diese Aussage durchaus richtig ist. Und da ich mich für Mode so gar nicht interessiere haben die Männer bald eben nix mehr an. Und da passiert es schon, dass der ein oder andere auch mal einen Ständer bekommt bzw. bekommen will. Sei’s drum – da ist eh vorher abgesprochen, ob ich dann weiter fotografieren kann / soll oder eben nicht.

Und es wäre total gelogen, würde ich jetzt behaupten, dass in diesen Momenten bei mir gar nix passiert. Ja, ich bekomme in solchen Fällen meist auch einen Ständer – für die Dauer von 2-3 Fotos. Denn, bis auf eine längst vergangene Ausnahme, ist mir an den Bildern gelegen und ich habe genug zu tun um zu schauen, ob die Haltung stimmt, das Modell im richtigen Licht steht, das die Blickachse stimmt, das … fotografieren ist genauso viel Arbeit wie fotografiert werden. Und da hat Lust bei mir, wenn ich fotografiere, nur für einen Moment Platz. (Als Modell, wenn es um Lust geht, ist die Arbeit die, sich abzukapseln und so zu tun, als wäre man alleine, als gäbe es den Fotograf gar nicht und als wären die Anweisungen des Fotografen eigene Gedanken.)

Heute war I. das zweite Mal da. Hat mich eh überrascht, dass er sich nochmals gemeldet hat. Das erste Shooting war extrem hölzern, wir fanden nicht wirklich einen Draht zueinander. Damals hat mich gestört, dass er mit seinem Körper einfach nicht kann. Es gibt echt Männer um die 30, die haben Probleme in den Schneidersitz zu kommen. I. ist einer davon. Und er ist ein Typ von Mann, den ich nicht sehe. So überhaupt nicht mein Beuteraster. Einer, den man mir auf den Bauch schnalln muss – und dann passiert meinerseits doch nix. Überraschenderweise hatte er beim ersten Shooting auch gleich nen Ständer – was eher ungewöhnlich ist, denn die Situation so alleine vor einem (fremdem) Fotografen ist anfänglich wenig erregend. Warm geworden sind wir bei dem ersten Shooting wirklich nicht – das sind zwei fremde Welten.

Heute war er – überraschenderweise – wieder vor der Kamera. Und es war ein anderer Mensch. Der hat sich bewegt, hatte Ideen, hat Vorschläge gemacht. Wenn ich sagte, das wäre jetzt mit Ständer gut, dann gab es den auch, meinte ich, geht das auch ohne, dann war der sofort weg.

Das war einfach richtig kreativ und locker und offen – dass kenne ich eigentlich nur von C. (der aber noch nie mit einem Ständer aufwartete).

Was mich heute irritierte – ab einen gewissen Punkt hatte ich einen Dauerständer, denn das was I. da bot, war jetzt nicht Porno, das war einfach ‚Lust vor der Kamera‘.

Und ja, wenn ich die Freigaben habe, zeige ich hier das, was ich hier zeigen kann.

Na dann, auf!

So, ich mach‘ mich dann mal auf und geh‘ ne Runde mit C. Proust lesen.

Die Probe

C. kommt pünktlich. Ich mache wieder Tee. Wir streichen noch drei Seiten weg. Wir schenken Tee in die Tassen. Wir überlegen, wo man eine Schachuhr herbekommen könnte. Wir denken, wir sollten mal beginnen zu lesen. Wir beginnen. Nach 40 Sekunden brechen C. und ich über dem Text zusammen.

Jetzt trinken wir halt einfach Tee und unterhalten uns noch ein bisschen.

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