Durch die Zeit

Tag: Marcel Proust

Proust, Marcel: Recherche

Ab heute zehn Seiten täglich. So das Vorhaben. Heißt, ich bin im August Oktober 2021 damit durch – denke aber, ich schaff es etwas schneller.

1984 / 1985 das erste Mal gelesen. Mit absoluter Begeisterung nach dem ersten Satz, der – »Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen« – jetzt nicht gerade so der Burner ist. Aber dann beschreibt Proust ja auf den ersten Seiten ausführlich, wie es ist, wenn man einschläft oder meint noch wach zu sein, während man schon eingeschlafen ist … das ist einfach nur großartig und was er dann auf den nächsten (je nach Augabe 3.000 bis 5.172) Seiten macht, ist ganz einfach Weltliteratur.

Ende des letzten Jahrtausend dann auch immer mal wieder bei einer Lesung in Köln dabei gewesen und mir über die Jahre die 135 (!) CDs zusammenschenken lassen und x-mal gehört.

Aber nun Lust auf die eigene Lektüre der kommentierten Ausgabe mit der dazughörigen Enzyklopädie und einem Bildband.

Ein richtiges Leseprojekt mache ich nicht draus, aber der Plan ist – im Moment zumindest – wenn ich blogge, dann auch immer ein, zwei Sätze zu Proust zu schreiben.

499.436 in 1.572

Diesen Beitrag widme ich nocheinglaswein – denn ohne sie hätte ich einfach in einem Buch weitergelesen.

Und es begab sich vor mehrern Tagen, dass ich auf dem Blog von besagter nocheinglaswein auf einen Beitrag stieß, in dem sie kurz schrieb, dass sie gerade ihre Bücher, korrekter deren ISBN-Nummern, scannen würde. Das hat mich elektrisiert und einen Nachrichtenaustausch später, hatte ich die App auf meinem neuen Tablet.

Zugegeben, es macht Spaß die Kamera auf den Barcode zu halten und – schwupps – hat man Titel, Autor, Verlag, Seitenzahl, Erscheinungsjahr, Cover und manchmal noch mehr auf dem Display. Gut, manchmal funktioniert es nicht sauber, da muss man die ISBN selber eintippen. Gut, manchmal hilft das auch nicht so richtig weiter und man mus alle Angabe selber eintippen. Und wenn man nicht aufpasst, fehlt irgendeine Angabe oder den russischen Autorennamen hat man in mehreren Schreibweisen, oder die Titel sind falsch, oder …

Es ist eine Sauarbeit (vorallem, weil gefühlt 80% meiner Bücher keinen Barcode besizten)!  Dutzenden von heftigsten Niesanfällen später weiß ich also: Ich besitze mindestens 1.572 Bücher (ein paar sind noch bei E.) die es auf insgesamt 499.436 Seiten bringen. Davon habe ich 65,3% der Bücher und 58,8% der Seiten gelesen. Stimmt natürlich alles nicht. Zum einen verstecken sich hinter mancher ISBN-Nummer mehrbändige Werke und nicht alle Bücher weisen Seitenzahlen auf.  Kann man ein Lexikon, welches man seit 30 Jahren nutzt nun als ‚gelesen‘ kennzeichnen oder nicht und wie verfährt man bei Bildbänden, Reiseführern, Sammelbänden, …

Aber ich weiß jetzt wenigstens, welche Bücher mir über die Jahre verloren gegangen sind (u.a. „Der Untertan“ von Heinrich Mann – Pflicht in jedem deutschen Haushalt) und was für Schätze lagern (u.a. ein Erstdruck von Frans Masereel).

Am interessantesten ist aber die Aufzählung der TOP-14-Autoren. Handke und Kafka sind meiner frühen Jugend geschuldet. Warum Frisch sich nicht da vorne findet wundert mich, da ich so gut wie alles von ihm gelesen habe, da scheint doch einiges verloren gegangen zu sein:

  1. Marcel Proust
  2. Thomas Bernhard
  3. William Shakespeare
  4. James Joyce
  5. Bertolt Brecht
  6. Philip Roth
  7. Arno Schmidt
  8. Fjodor M. Dosotjewskij
  9. Ralf Rothmann
  10. Hermann Broch
  11. Peter Handke
  12. Hermann Hesse
  13. Franz Kafka
  14. Wolfgang Koeppen

WMDEDGT 9/19

Jeden Monat fragt Fr. Brüllen, was man denn so heute gemacht hat. Na dann:

6:00 – Der Wecker und so … ist alles aus den letzten Beiträgen bekannt, da ändert sich gerade nicht viel.
6:25 – schon auf dem Rad
6:38 – macht es Pling an der Stechuhr
6:44 – Büro aufschließen, Tee kochen, Rechner hoch fahren, es genießen, dass ich ein eigenes Zimmer habe, Mails checken (es gibt sogar welche), dann den einen Flyer fertigmachen (nur noch eine Kleinigkeit) und ausdrucken (das  dauert!). Und so geht es den ganzen Vormittag. Mal das, mal jenes – alles irgendwie neu und ich frage B. Löcher in den Bauch.
12:10 – Ich muss mich richtig für  eine Mittagspause unterbrechen und ziehe mir ein paar Tramezzinis rein, die ich eigentlich zusammen mit Rolli-A. essen wollte. Aber da ihre Assistenz krank geworden ist, kann sie nicht zur Arbeit kommen und musste sich selber ‚krank‘ melden.
12:25 – Das eine Excel-Problem lässt mich nicht los, also wird weiter gemacht. Zufällig lösche ich dann noch eine Datei, darf sie komplett neu machen und lösche darauf hin eine zweite. So kann man sich auch Arbeit machen. Nur noch Kleinigkeiten, also nehme ich mir mals das Indesign-Handbuch vor, denn ich bin zwar firm aber noch lange nicht fitt.
16:14 – Echt? Schon? Zeit vergessen. Mal nach Hause.
16:35 – Lokalzeitung lesen. Freunde von uns sind im Urlaub und haben sie umgeleitet. Sie ist das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wird … aber was war ich als Student stolz, dass ich dafür Kulturkritiken schreiben durfte und mir damit z.T. meinen Lebensunterhalt bestritt.
16:55 – Tageslektüre (immer noch 3. Reich, jetzt aber 3. Band). Mir fallen aber nach ein paar Seiten die Augen zu  also …
17:14 – Kurznickerchen mit Marcel Proust auf den Ohren
17:31 – Bisschen Computer, aber lustlos. Hab‘ da gerade keinen richtigen Zug dahin.
18:04 – Mal ganz langsam Richtung Küche. Feierabendbier (alkfrei), Fleischbrühe (echte, wenn auch aus der Tiefkühle), Suppennudeln – was braucht man für ein Festessen mehr?
18:33 – Festmahl mit Fernsehen. Da der Mann nicht zu Hause ist, darf’s für Minuten auch dann mal die Privaten sein.
19:45 – Das Vorabendprogramm ödet mal wieder ohne Ende, aber so richtig viel Power habe ich nicht mehr, dennoch:
19:50 – Glas Wein und weiter in der „Adlon-Verschwörung“ von Kerr.
21:10 – Der Mann kommt auch mal nach Hause und bringt die neue Schreibtischlampe mit. Wir schwätzen, schauen mit einem Auge noch einen Krimi, planen mit einem anderen Auge eine Wellness-Wochenende (oder was es dann auch immer werden wird).
22:00 – Mir quillt die Müdigkeit aus den Augen. Ich bin es halt nicht mehr gewohnt, acht Stunden zu arbeiten und acht Stunden auch etwas zu tun zu haben. Das wird nicht mehr lange dauern, dass ich mit ein paar Seiten Kerr im Bett liege und darüber einpenne.

nine to ten

Heute morgen um 9 aus dem Haus und um 22 Uhr zurück. Dazwischen knapp 250 Kilometer mit dem geliehenen Auto und eine Veranstaltung, die man um die Hälfte hätte kürzen können. Aber es sind ja wahrlich nicht alle wie ich so wortkarg – was ja wohl auch gut ist, wenn ich an Proust denke, der aber nie ein Schwätzer war. Jetzt noch ein Glas Wein, dann doch noch etwas lesen und morgen sicher nicht um 6 schon auf.

WMDEDGT 2/19

Jeden Monat fragt Fr. Brüllen, was man denn so heute gemacht hat.

4:25 – Ich werde von mir selbst unsanft geweckt. Auch erotische Träume können ganz schöner Horror sein. Den Rest der Nacht verbringe ich quasi turnend.
6:00 – Neue Weckzeit, heißt aber nicht, dass ich wacher aufwache und aufstehe. Gleich ins Bad, und wiegen (400 gr mehr als gestern. Hat die Waage noch alle?)
6:14 – Küche. Tee. Brote schmieren. Zeitung laden. Tee trinken. Zeitung lesen. Happy-Pille schlucken.
6:37 – Aufbruch.
6:47 – Die Straßenbahn fährt schon wieder nicht. Ich kapier es einfach nicht. Überall steht 6:47 – aber sie fährt entweder vier Minuten früher oder später oder gar nicht. Also den Bus (aber der ist auch ganz schön, wenn auch nicht so schön, wie der um 6:28).
7:00 – Heute Job 1, also: Bloß keine Hektik. Aber immerhin 2,5 Vorgänge – für theoretisch acht Stunden!
8:00 – Da ich heute aber bei einem Ausschuß noch Protokoll führen soll, schaue ich mir mal ein altes an und drucke ein paar Unterlagen aus. Danach, ach, ich guck mal so rum …
10:00 – Mal runter zu Job 2, dort ist ja die neue Kollegin, mit der ich die Stelle teile. Kennen tun wir uns nicht, nach 3 Minuten sind wir aber auch beim Du.
10:45 – Wieder oben. Zeit tot schlagen. Es ist schon leicht grausam.
13:00 – Vor der Ausschusssitzung gibt es Mittagessen in Form von den flachsten und trockensten Schnitzel die ich je gesehen und gegessen habe zusammen mit etwas aus Kartoffeln, was ein Gratin sein soll aber nicht ist. Den Nachtisch streife ich nur mit einem Blick, keine Lust auf gummiartiges Plastik.
13:15 – Die Sitzung beginnt 15 Minuten früher, es wollte wohl keiner eine zweite Portion – sehr nachvollziehbar. Der erste Vortrag über Vorsorgevollmacht ist richtig aufschlussreich, der zweite über die Bilanzen und Prognosen ebenfalls. Die Diskussion, bzw. was die Teilnehmenden so als Diskussion bezeichen, dagegen komplett überflüssig und redundant bis …
15:15 – Meine große Stunde. Ich darf einen Pipifaxfurz vorstellen. Die sieben Minuten gestalten sich aber sehr schwierig, weil mein Chef in der Ankündigung meines Beitrages schon alle wichtigen Inhalte dreimal aufgezählt und erläutert hat.
15:55 – Auch dieses Grauen – also diese Sitzung – hat ein Ende.
16:30 – Auf der Straßenbahn zurück. M. gesellt sich für ein paar Stationen zu mir und wir sprechen über die Statistiken, die er gerade gezeigt hat. Zum Abschied schlägt er mir freundschaftlich aufs Knie – so viel Nähe hätte ich ihm nie zugetraut.
16:45 – Einkaufen. Es gibt heute abend mal wieder unsere Variante des Nizza-Salats.
17:15 – Mein großer Computer hat ne Macke. Er verbindet sich immer nur für 30 Sekunden mit dem Internet, dann hat er keine Lust mehr – für 30 Sekunden. *nerv*
17:25 – Der große Computer hat die Lust verloren am Spielen und ist nun mit dem Internet verbunden. Mails, Flickr.
17:45 – Tageslektüre.
18:15 – Küche. Salat richten, s.o.
18:45 – Aperitif auf dem Sofa mit Fernsehn. Ich kann Proll.
19:15 – Der Mann erreicht den heimatlichen (kalten) Herd, macht sich sein Salatdressing und wir essen zusammen.
20:00 – Etwas Nachrichten
20:17 – Ich komme auf die, wie ich finde, gute Idee Sex Education zu schauen.
22:21 – Da morgen ein echt langer Tag, richte ich meine Sachen für die Schulung in K. übermorgen. Denn nach dem Job morgen gehts gleich zum Psychodoc, von dort aus gleich zum Bahnhof und von da aus dann zum Rhein.


Man kann es nicht genug bestaunen

Ich lese u.a. gerade den Briefwechsel zwischen Marcel Proust und Reynaldo Hahn. Im Brief vom 3. (oder 4.) September 1896 schreibt er u.a. etwas über ein Bild von Quentin Massys und einen Autoren namens Georges Ohnet. Beide nie gehört.

Drei Minuten später:

Ich höre Musik von Reynaldo Hahn (Spotify).

Ich lese ein paar Zeilen in einen Roman von Ohnet (Darknet).

Ich gucke mir das Bild von Massys an (Google).

So langsam werde ich dann doch alt

Das hat aber auch etwas Gutes, wie ich gerade feststelle. Fast Gutes. Vor zwei Wochen einen Roman zu Ende gelesen, den ich so gut nicht fand. Geade eben entdeckt, dass ich ihn vor 20 Jahren schon mal gelesen habe – mit Begeisterung.

Noch ein paar Jahre – dann brauche ich mir wohl keine Bücher mehr zu kaufen und lese das Tausend, was im Regal steht, einfach nochmals.

Bis dato war ich echt stolz auf mich, dass ich nur wenige Sätze brauche um mich zu erinneren, ob oder ob nicht. Tja, da tauchen wohl erste, dicke Lücken auf.

Aber Proust und Joyce und Dostojewskij und Schiller und Schmidt und Jahnn und Gray und … nochmals so lesen zu können, als wäre es das erste Mal. Das hat definitiv was!

Scheinbar hat die Demenz auch gute Seiten.

Wann …

… kommt endlich mal wieder die Zeit, wo ich einfach ‚Eule‘ sein darf und nicht ‚Lerche‘ sein muss???

Im Studium gab es mal drei Jahre, da konnte ich in meinem Rhythmus leben – und das war einfach gut!!!

Aber ansonsten werde ich gezwungen gegen meine innere Uhr zu leben. Kann das gesund sein?

Auch wenn ich nicht Romane schreiben kann – aber ein bisschen Proust steckt daher in mir auch.

Ich bin ein Goncourt

Romane hätte ich gestern schreiben können! Ach was – Romantrilogien! Ich hätte sowohl Marcel Proust wie die Brüder Goncourt in den Schatten gestellt. Ich schwör! Aber man gab mir keinen Stift, keinen Block, keinen Computer.

Eingeladen waren wir auf einen Geburtstag. OK, es hätte uns etwas stutzig machen können, dass wir in ein Restaurant eingeladen wurden, einem etwas besserem. Es hätte uns noch stutziger machen können, als uns Gastgeber U1. mit Fliege entgegentrat. Vor allem, als die restlichen zwölf Gäste auftraten, hätte es mir wie Schuppen von den Augen fallen müssen – aber ich war schon so gestresst!

Die vermeintliche Geburtstagsparty entpuppte sich dann als Hochzeitsparty, U1. und L. hatte sechs Stunden zuvor und zwölf Stunden nach der Ankunft aus dem 4. Urlaub in diesem Jahr ihre Partnerschaft zur Ehe upgegradet. Aber das wäre nur der Rahmen zum Roman gewesen.

Inhalt der Romane wären die Gäste gewesen … und ich weiß nach wie vor nicht wo anfangen. Psychodynamisch waren das Explosionen. U2. und I. setzten sich beispielsweise so weit wie möglich auseinandern, weil sie nicht mehr miteinander sprechen. U2 sprach lange Zeit nur mit S., was mal eine sehr, sehr gute Freundin von mir war, wir aber seit Jahren aus ungeklärten Gründen keinen Kontakt mehr haben. Ihr Mann J. dagegen musterte mich ähnlich wie U2 beständig. Mir gegenüber saß ein nicht ganz unwichtiger Pfarrer (W.), der mir von V. vorschwärmte, als sei er verliebt (dabei ist er schwul und hat V. erst letzten ihrem Mann angetraut). Daneben saß eine weitere wichtige Geistlichkeit (K), die alles tat, um nicht wichtig zu erscheinen. M. hielt sich auffallend zurück, und E. mühte sie mehr ab, als dass es ihm Spaß machte. Drohnend in der Mitte dann R., der den Altersvorsitz übernahm und keine Zweifel daran ließ, dass man zu huldigen hätte, ihm natürlich.

Die meisten kenne ich ganz gut, einzeln genommen mag ich sie sogar – aber in der Runde: als Beobachter Stress pur! Was da alles abing – herrlich.

Ich hab mich dann – nach Jahren zum esten Mal wieder – zu S. und J. gesetzt. J. motze wie die Jahre zuvor schon destruktiv vor sich hin, S. macht dann sogar auch mir dann ein freundliches Gesicht, während U2 versuchte mich zu vereinnahmen, G. dagegen sauer war, dass ich nicht mich zu ihm setzte … Also versuchte G. an E. ranzukommen, der aber lieber mit U3 im Gespräch war, so dass erstmal nur M. übrig blieben, mit dem G. aber nicht so richtig kann. K. und W. gingen dann in irgendwelche Konkurrenz, worauf I. als Therapeutin einschritt, was wiederum L. …

Es war ein Fest, ein echtest Fest

 

Über die schreibende Schulter geschaut

So genau weiß man es nicht, aber Marcel Proust soll in seinem 51-jährigen Leben an die 50.000 Briefe geschrieben haben (und die waren alle länger als eine WhatsUp-Nachricht!). Diese ungeheure Zahl ist, schaut man sich dessen Leben und Arbeiten an, nicht wirklich unwahrscheinlich, denn der Mann verbrachte Jahre seines Lebens in seinem Zimmer und schrieb – u.a. auch seinen fetten geilen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Seit Januar habe ich 572 von ihnen in den beiden neuen Briefbänden gelesen und bin nach wie vor fasziniert. Proust als Type ist schon recht eigenartig, eine verklemmte Schwester (der Zeit geschuldet), wohl auch einen Tuck hypochondrisch und in gewisser Weise auch immer mal wieder versessen. Andererseits muss das ein kluger, liebenswerter Kerl gewesen sein, der vor Empathie nur so gestrotzt haben muss. Und so eigen er wohl gewesen war – eitel, trotz auch des späten übergroßen Erfloges, war er nicht.

In geschätzt über der Hälfte der Briefe erwähnt er zwar seine schlechte Gesundheit mit einem Satz – um sich dann anderen Themen zu widmen. Dass kann enervierend ausfühlich sein, wenn es um die Möbel, die Teppiche, die Stühle, die Vorhänge, die Tische, das Bett, der Schrank, das … für die neue Wohnung geht, andererseits schreit es nach mehr, wenn er zur seinen literarischen Arbeiten Stellung nimmt. Aus den Briefen spricht etwas ‚Herzensgutes‘ – was mich vermuten lässt, dass es genau das, was die anderen an ihm nicht verzweifeln ließ, denn er konnte auch durchaus penetrant sein, wenn sein liebendes Herz verbotenerweise mal wieder höher schlug.

Mich freut’s, dass ich auch heute am Bloomsday fertig geworden bin, denn – oh Wunder, oh Zeichen – Marcel Proust und James Joyce sind sich einmal bei einem Abendessen begegnet. Im Jahr seines Todes 1922 am 18. Mai im Hotel Ritz auf Einladung des Mäzenenpaars Sydney und Violet Schiff. Mit dabei – und das muss man sich mal vorstellen – waren noch Igor Strawinsky und Paplo Picasso. Daraus müsste man doch mal einen Film oder ein Theaterstück machen (und etwas von der Wahrheit abgehen, denn nach unterschiedlichen Berichten hatten sich Joyce und Proust nichts oder nur Nichtigkeiten zu sagen).

Und hier noch ein Brief an Emmanuel Berl vom 26. Oktober 1919 der mir deswegen so gut gefallen hat, weil, hätte ich mit Proust eine handschriftliche Korrespondenz geführt, er mir das wohl (auch) geschrieben hätte:

Cher ami,

Ich bin außer Stande, zwei Zeilen zu schreiben. Ich will Ihnen aber doch sagen, dass ich heute Morgen einen Brief von Ihnen erhalten habe, der mir das größte Vergnügen bereitet hat, denn ich habe darin die mysteriösen Arabesken wiedererkannt, die Sie ironischerweise als Ihre Schrift bezeichnen. Aber dieses Mal habe ich, entweder liegt es an meinen Augen oder Sie haben sich selbst übertroffen, kein einziges Wort entziffern können. Ich weiß sogar nur deshalb, dass der Brief von Ihnen stammt, weil ich jede ganz besondere Form der Unleserlichkeit wiedererkannt habe, die die Ihre ist. Aber ich habe sie wiedererkannt wie man aufgrund der Manier sagt „diese Zeichnung stammt von jenem Künstler“, ohne dass man die Signatur gesehen hätte. Wenn Sie ihre Briefe an mich nunmehr diktieren wollen, berauben Sie mich des Vergnüngens, diese Zeichen bar aller rationalen Bedeutung zu betrachten, die in meinen Augen aber ihre Gesichtszüge nachzeichnen. Aber immerhin wüsste ich, was Sie mir sagen wollten.

Ihr ergebener

Marcel Proust

Der Tag

etwas länger geschlafen (sehr berechtigt) – genossen sich nix anziehen zu müssen und das tee-frühstück auf den balkon einnehmen zu können – krimilektüre beendet (absolut nicht empfehlenswert, aber es war schön die orte, in denen er spielte, fast alle zu kennen) – mal wieder im voskuil weiter gemacht – kleiner ‚workout‘ zur documenta – danach weiterhin nackt mit proust-lektüre und voskuil auf dem balkon – eine gute stunde am rechner wegen beckett u.a. – zwei stunden locker in der küche da abendgäste – a. bezeichnet mich als „nackedei“, dabei habe ich ein t-shirt an – schicklich angezogen begrüße ich den rest der gäste – bei spargel mal wieder die unterschiedlichsten themen, von griechenland bis verpatnerung – das theoretisch gemeinte „wollen wir noch abwaschen?“ (ich) wird praktisch interpretiert (mein „mann“) – jetzt wird geschimmelt …

WMDEDGT 6/17

Mache ich (nach einer von Vodafone erzwungenen Pause mal)  wieder mit. Frau Brüllen fragt – wie jeden Monat am 5.: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

8:30 – Obwohl ich ausschlafen darf, wache ich auf und kann mich auch nicht überreden, weiter an der Matratze zu horchen, also …
8:45 – … wasche ich erstmal das (wenige) Geschirr ab, bevor ich mir einen Tee koche und meinen nackten Körper der Morgensonne preisgebe (die es mir nicht verübelt).
9:11 – Schicklich angezogen ‚wandere‘ ich mit „Oliver Twist“ auf den Ohren durch die Gegend und genieße die Lichter.
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11:15 – Ich gönne mir nach der ganzen Lauferei gegenüber einen Milchkaffee (der überraschenderweise dann doch schmeckt).
12:11 – Toast und Tee mit Lektüre und ohne Klamotten auf dem Balkon.
13:14 – Kurzer Mittagsschlaf
13:50 – Diverse Lektüren (Proust-Biographie von Tadie, Briefe von Prosut, neuster Roman von Edmund White), dazwischen verschiedene Kurznachrichten.
16:00 – Internet-Time – aber alles sehr lust- und ergebnislos, daher …
16:50 – … Restlektüre von White und duschen.
18:05 – Auf zum Griechen, Abschlussessen meines Strohwitwertums mit mir und Bodo Kirchhoff. Gutes Essen, sehr schlechter Service, falsche Rechnung (und so fühle ich mich auf den Wein als Entschädigung für den miserablen Service eingealden).
20:13 – Gerade noch rechtzeitig zum Tatort
20:27 – Familärer Anruf mit einer schreienden Mutter im Hintergrund – ob ich den Tatort noch checke?

April

Morgens mit Handschuhe und Mütze bei 0 Grad frierend auf dem Fahrrad – nachmittags mit Proust und Luther nackt in der Sonne.

Excel sei Dank!

Über die Bibellektüre habe ich mich echt daran gewohnt, jeden Tag ca. ne halbe Stunden konzentriert (und abgeschieden) zu lesen. Derzeit sitze ich an der Luther Biographie von Lyndal Roper und im Kopf fanden sich schnell noch ein paar mehr Bücher dieser Art (Bossong: Rotlicht; Schilling: Luther (bei Roper vermisse ich das Kirchenhistorische bzw. Theologische doch sehr); Tadié: Proust; Knowlson: Beckett). Bis auf Bossong alles dicke Dinger.

Heute fragte ich mich, wie lange ich denn wohl brauchen werde, die durchzulesen. Und siehe da, das ist dieses Jahr wirklich noch zu schaffen. Bei dem jetzigen Lesetempo wäre ich  am 5. September d.J. fertig, lese ich täglich genau 10 Seiten, schaffe ich es noch bis zum 27. Dezember.

Proust läuft

Es wird zwar jetzt nicht so wahnsinnig viele interessieren hier, aber scheinbar gibt es erste (!) bewegte (!) Aufnahmen (!) von Marcel Proust (!): https://www.nytimes.com/2017/02/16/books/marcel-proust-film-movie.html?_r=0

Mit Danke an B.!

Mit ohne

Gestern und heute ist mir schon recht stark aufgefallen, dass mir die Bibellektüre ‚fehlt‘. Es ist jetzt echt nicht so, dass ich Entzugserscheinungen hätte, aber das tägliche: „Ich muss noch Bibel“ war mal Anker, mal Zäsur, mal Pflicht, mal Entschuldigung.

Und die Freiheit jetzt ist sowohl Freiheit wie aber auch ein „Was kann ich tun?“.

Finde es schon arg spannend, wie ich mich an dieses Ritual der täglichen Lesung gewöhnt habe, auch wenn es in den letzten Wochen eher langweilig-anstrengend war. Die täglichen drei Briefe Proust sind ein nur geringes Gegenwicht.

Aber schätzungsweise werde ich am Montag mit einer regelmäßigen Pflichtlektüre einer dicken (nun ja, 530 Seiten) Luther-Biograhphie beginnen und die dicke Proust-Biographie (900 Seiten) sowie die von Joyce (880 Seiten – jeweils ohne Anmerkungsapparat) stehen ja schon ewig aus. Ich steh halt mehr auf Primär- als auf Sekundärliteratur.

… nicht nur außergewöhnlich, sondern auch einzigartig …

Marcel Proust war 17 Jahre alt, als er diesen Brief am 17. Mai 1888 an seinen Großvater schrieb. Wer würde heute einen inhaltsgleichen Brief als SMS oder wie auch immer an seinen Großvater schreiben? Und die Mutter wüsste davon? Und der Herr Papa hätte da auch noch eine Nachfrage?

Ich bitte Dich, so nett zu sein mit 13 France zu geben, um die ich eigentlich Monsieur Natahn angehen wollte, aber Mama zieht es vor, dass ich Dich darum bitte. Und das ist der Grund: Ich hatte ein so starkes Bedürfnis, eine Frau aufzusuchen, um mit meiner schlechten Gewohnheit des Maturbierens aufzuhören, dass Papa mir 10 Francs gegeben hat, um ins Bordell zu gehen. Aber 1. habe ich in meiner Aufregung einen Nachttopf zertrümmert, 3 Francs; 2. habe ich bei dieser Aufregung nicht beischlafen können. So stehe ich also da wie zuvor und warte stündlich dringender auf 10 Francs, um mich entleeren zu können, und dazu noch die 3 Francs für den Topf. Aber ich traue mich nicht, so bald schon wieder Papa um Geld zu bitten, und ich hatte gehofft, dass Du mir in dieser Angelegenheit zu Hilfe kommen könntest, die, wie Du weißt, nicht nur außergewöhnlich, sondern auch einzigartig ist: es kommt im Leben nicht zweimal vor, dass man zu verwirrt ist, um beischlafen zu können.

(Marcel Proust: Briefe 1819-1922, hrgs. von Jürgen Ritte, Suhrkamp Verlag Berlin 2016, Band 1, S. 98)

Mit der Hand

Gestern bekam ich von I. eine Rückmeldung auf meine Sylvesterkarte. Sie bedankte sich dafür und gestand, dass sie längere Zeit gebraucht hätte, mich hinter dem Luftballon zu erkennen. Witzig daran ist, dass ich auf der Rückseite ihr noch einige Zeilen geschrieben und auch mit meinem Namen unterschrieben habe – aber das war wohl, mal wieder, so vollkommen unleserlich.

Müsste man Blogs handschriftlich führen – ich wäre definitiv nicht dabei. Denn wenn ich was mit Hand schreibe, dann ist es selbst für mich eine (zum Teil unlösbare) Herausforderung, das Geschriebene wenige Zeit später zu entziffern.

Immerhin halte ich mir zugute dass M., der kurz nach dem Abi schwerst verunglückte und es lange Zeit unklar war, ob er noch wird richtig sehen können, als ersten Sehtest eine Postkarte von mir vorgelegt bekam. Und als er immerhin die Hälfte vorlesen konnte waren alle komplett überzeugt, dass weder die Augen noch das Hirn geschädigt sein konnte.

Aber so eine schöne Kritik an meiner unleserliche Handschrift, wie sie Marcel Proust Emmanuel Berl teilhaben ließ, hatte ich noch nie und werde sie wohl auch nie bekommen. Proust schrieb ihm wohl im Okt0ber 1919 folgendes:

Ich will Ihnen […] sagen, dass ich heute Morgen einen Brief von Ihnen erhalten habe, der mir das größte Vergnügen bereitet hat, denn ich habe darin die mysteriösen Arabesken wiedererkannt, die Sie ironischerweise als Ihre Schrift bezeichnen. Aber dieses Mal habe ich […] kein einziges Wort entziffern können … .

Lies, Brüderchen, lies

Als ich den letzten Beitrag geschrieben hatte, schaute ich auf, sah die Bücherwand …

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… und kann verstehen, wenn jetzt die geneigte Leserin, der geneigte Leser denkt: „Oh ja, Bücher.“ Was der geneigte Leser und die geneigte Leserin nicht wissen aber zumindest sehen kann: „Och, eigentlich ganz ordentlich.“

Um es deutlich zu machen, das ist mein Werk des Nachmittags, der eigentlich den Briefen Proust gewidmet werden sollte (nicht auf dem Bild, aber in der untersten Bücherreihe fast genau in der Mitte sieht man den lila Schuber mit der Recherche in der revedierten Übersetzung, rechts daneben die blauen Bände mit der ‚alten‘ Übersetzung): ICH HABE AUFGERÄUMT! Und zwar gründlich, ach was, heldenhaft! Denn ich habe für die neuen Bücher, die ich unbedingt behalten will, Platz geschaffen und deswegen wohl an die hundert Bücher (wenn nicht mehr) aussortiert. Wer was haben will:

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Wobei ich natürlich schon so denke: Was hat mich das alles gekostet? Wie oft habe ich darauf gespart und auf anderes verzichtet? Und nun, einfach weg? Die Erwartung, irgendwie auch nur einen geringen Betrag zu bekommen ist utopisch, denn wer zahlt schon für ein gebrauchtes Buch, was er ’neuwertig‘ oft in Ramschläden nachgeschmissen bekommt?

So langsam ahnt es mir, dass das ‚Kulturgut‘ Buch dem Untergang geweiht ist. Ich kaufe ja auch nur noch die Bücher, von denen ich mir vorstellen kann, dass ich sie ein zweites Mal lese oder Anstreichungen machen will. Ansonsten zählt der Inhalt – und der ist auf einem E-Reader derselbe. Und wer mir jetzt mit dem Argument „schönes Buch“ kommt, der möge mir mal bitte ein „schönes“ Buch zeigen – über 98 Prozent sind schnell gemachte Massenware.

T.B.

Demnächst darf ich, wie in den letzten Jahren, wieder zusammen mit C. vorlesen. Begonnen hatten wir mit Joyce, dann kam Proust, dann Schmidt. Jetzt muss Thomas Bernhard daran glauben.

Als ich dem Veranstalter mailte, aus welchen Texten ich mir vorstellen könnte zu lesen – „Der Keller“, „Der Untergeher“, „Die Auslöschung“ – hatte der nix besseres zu tun, als das als Programm gleich mal als fix anzukündigen.

Das Wochenende jetzt reserviert, um aus den drei Texten passende, lesbare Stellen zu finden … und … ich blätterte also so durch die Texte, bei allen dreien hatte ich wenigsten ein paar Stellen noch im Hinterkopf die mich damals toll fand, fand sie dann zügig auch.

Ich fand’s dann schon erstaunlich, dass ich nach keinen zwei Stunden die drei Hauptstellen identifiziert hatte, dazu noch ein kleines ‚Rahmenprogramm‘ mit Gedichen von ihm und bei „Die Auschlöschung“ natürlich den ‚Witz‘, den ersten und letzten Satz als Rahmen zu lesen.

Mich erstaunt echt, dass ich bei Texten, die ich bspw. das letzte Mal 2001 gelesen habe, zwar nicht mehr die Seitenzahl weiß, wo die Stellen genau sind, aber wenn ich reinlese, weiß ich sofort, ob davor oder danach.

Und C. hat auf meine Mail sogar innerhalb 24 Stunden geantwortet, Montag um 20:30 erste Probe, die sehr lange dauern wird, da wir nicht nur die Rollen verteilen müssen – ok, da setz ich morgen schon mal dran – sondern auch abschätzen müssen, wie lange wir für welche Text brauchen und wo wir dann kürzen müssen / sollen / können.

Lesung

Seit drei Jahren darf ich ja einmal im Jahr ein Lesung veranstalten, d.h., C. und ich lesen vor. Bisher hatten wir Joyce, Proust und Schmidt (also deN Arno Schmidt). Der Veranstalter hat uns jetzt etwas unter Druck gesetzt, weil wir Mitten des Jahres immer noch mit keinem Vorschlag gekomen sind. Also wieder Not-Sitzung halbnackt auf dem Balkon und, siehe da, die Unispiration verfliegt nach wenigen Minuten und eine Stunde später haben wir ein 10-Jahres-Programm aufgestellt. Und für das mag ich C. so ungemein.

Wir lesen übrigens: Thomas Bernhard

#304 – Punkt

„Punkt“ war die Aufgabe diese Woche im Photoblog. Und es ist ja echt unteschiedlich, wie lange ich für eine Idee brauche. Das hier war Mittelstrecke. Einfach den letzten Punkt von Büchern. Ich könnte ja jetzt ein Rätsel veranstalten, aber das wäre dann doch wohl zu leicht, also im Uhrzeigersinn: Bibel – Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – James Joyce: Ulysses [und ich war mir sooo! sicher, dass der Roman ohne Punkt endet und dass gerade das der Clou hätte werden sollen – denkste] – Fjodor Michailowitsch Dostojewskij: Rodion Raskolnikoff (besser bekannt unter dem Scheißtitel: Schuld und Sühne).

Endlichkeit

Ab morgen also wieder. Hemd und Jackett. Aber keine Krawatte! Bis auf drei habe ich alle weggegeben und ne schwarze für Beerdigungen muss ich mir noch kaufen – ansonsten bleibt der Hals frei.

Irgendwie schön, wieder etwas in Lohn und Brot zu stehen, etwas zu tun, in Kontakt mit anderen zu sein, abends stöhnen zu können, was für ein anstrengender Tag das war, schimpfen zu können, was es für doofe Menschen es doch gibt.

Aber derzeit habe ich soviele Leseprojekte im Kopf. „Mann ohne Eigenschaften“ von Musil muss ich unbedingt mir nochmal reinziehen. Höre es gerade als Hörspiel und bin fasziniert von dem Gedankengut. Parallel derzeit ja Dante und die Bibel. Proust könnte auch mal ne Auffrischung brauchen, durch Shakespeare bin ich auch noch nicht komplett durch (chronologisch wäre da meine Idee), im Hinterkopf schwebt noch der Koran rum (aber nur wenn es einen Kommentar dazu gibt!) Und den „Don Quichote“, der muss auch nochmal sein.

Und manchmal denke ich, wie muss das sein, wenn man merkt, dass die Zeit nicht mehr reichen wird?

Wahrscheinlich

Die Tage der Vergangenheit überdecken allmählich alle, die ihnen vorausgegangen sind, und werden ihrerseits wiederum unter denen begraben, die auf sie folgen. Doch jeder Tag von früher bleibt in uns hinterlegt wie in einer unendlich großen Bibliothek, in der auch noch von den ältesten Büchern jeweils ein Exemplar existiert, nach dem wahrscheinlich nie ein Menschen fragen wird.

Marcel Proust

* 1871: Marcel Proust

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.

Das wird der erste Satz sein, den ich heute Abend bei der Proust-Lesung vorlesen werden. Es ist auch der erste Satz von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Und die, die auch nur etwas Ahnung haben wissen, dass das einer der kürzesten Sätze des Romans sind.

Wie auch immer – ich bin und bleibe Fan dieses gut 4.500 Seiten dicken Romans, den ich bisher zwei mal gelesen habe (und zwei- bis dreimal gehört). Ich kenn nichts vergleichbares, in das man so eintauchen kann, in das man so verschwindet, in das man so mitlebt. Zudem zwingt Proust einen, denn er mag und will und kann einfach nicht gefällig sein. Er drängt sich auf, er bestimmt und man muss über 4.500 Seiten Stellung zu ihm nehmen.

Und so dekadent er auch immer war (wie auch die handelnden Personen) – man nenne mir eine/n Autor/in, die / der auch nur ansatzweise es geschafft hat, mit zwei Sätzen eine Person so zu schildern, dass man genau meint zu wissen, wie die Person denkt, isst, fickt und sich die Zehennägel schneidet.

Nein, nicht jeder Satz von ihm ist für die Ewigkeit bestimmt, es gibt Stellen, die werde ich nie wieder lesen, weil einfach langweilig, Zeilenschinderei und, hätte er es noch erlebt, wohl bei der Korrektur dem Rotstift zum Opfer gefallen wäre.

Proust hat mir auch etwas beigebracht, was mir bei Diskussionen über Literatur dann immer sehr geholfen hat:

Der Leser ist der Leser seiner selbst.

Als ich das kapiert hatte, stürzten eine Menge von mir gehörte Kritiker in die Bedeutungslosigkeit und bei manchem Gespräch über Literatur mit Freunden endete es in hochspannenden Diskussionen über die Stellung zur Lebenswirklichkeit.

Proust lesen braucht Zeit, viel Zeit – aber Proust leben bereichert und bleibt. Das kann man über nur recht wenige Autoren bzw. Autorinnen sagen.

Na dann, auf!

So, ich mach‘ mich dann mal auf und geh‘ ne Runde mit C. Proust lesen.

Kontrast – bzw.: unfair

Eigentlich waren C. und ich um 11 Uhr zum Proust-lesen-üben verabredet. Kurz davor kam eine SMS von ihm, es würde dann doch 13 Uhr werden, früher würde er es einfach nicht packen.

Als er dann kam, hatte er 1,5 Stunden im Gepäck, die wir konzentriert auf dem Balkon lesend, Tee trinkend und streichend verbrachten.

Was er denn sonst noch so heute vorhätte, wolle ich dann noch wissen. Oooch, er müsse jetzt nur noch mal kurz in die Uni wegen irgendeiner Sache, dann hätte er Gesangsprüfung und anschließend stände ja nochmals das Konzert auf dem Programm.

Meine Programmpunkte waren zu diesem Zeitpunkt noch: 100 Gramm gekochten Schinken kaufen, Blumen gießen und Wäsche aufhängen.

Respekt, Respekt!

Gestern saß C. noch bei mir auf dem Balkon und wir übten Proust lesen, heute sitzt er hinter dem Flügel und ich höre ihm im Publikum zu, wie er das 1. Klavierkonzert von Beethoven mal eben so raushaut. Ich hatte ja eh vermutet, dass er nicht schlecht ist, aber dass er so gut ist … Respekt, Respekt.

Der Rest des Konzertes recht unterhaltend, vielleicht etwas zu viel forte insgesamt – aber die Jugend darf und soll ja mal die Grenzen testen (*grins*).

Und wer Lust hat, hier mal reinhören – könnte an etwas erinnern.

C., Beethoven und die fehlende Hose

C. spielt morgen das 1. Klavierkonzert von Beethoven mit dem hiesigen Uni-Orchester. Heue hat er einer Bekannten geholfen, die Wohnung zu renovieren, war davor in der Uni und schlug um halb zehn Uhr abends dann bei auf, dankbar für ein Bier und Toast. Aber dennoch voller Elan die von mir ausgesuchten Proust-Texte zu lesen.

OK, wie immer: ein Tuck zu lang.

Andererseits: So schlecht war die Auswahl nicht, denn C. muss öfters mal lachen.

Und es erinnert mich an eine Probe von vor zwei Jahren. Da hatten wir uns Joyce vorgenommen und bei der zweiten oder dritten Probe – es war ähnlich heiß wie heute – kam ich in totalen Stress als er klingelte und ich nur ein T-Shirt an hatte. Damals machte es echt TILLT mir mir und ich hab halt dann ohne Hose die Tür geöffnet. C. hat das dann erst weit aus später realisiert, einmal gegrinst, und weitergelesen.

Heute kam ich aus einer Laberrunde mit Verabschiedung des Laberrundenvorsitzenden, zog mir, als ich endlich wieder zu Hause war die Hosen aus und hatte kein Problem, C. die Tür so zu öffnen. Ich vermute, er hatte es eh schon erwartet.

Und das mag ich an ihm: Er kann einfach geschehen lassen. Und es gab oft genug schon Momente, wo er nackt war, ich ihn photographierte und es genauso OK war wie andersrum. Manchmal kann es einfach so einfach sein.

Marcel Proust lesen

Gestern rief noch H. an. Ob ich von C. und mir ein Foto hätte, dass man der Presse schicken könnte. Nein hatte ich nicht, aber das erinnerte mich dann doch daran, dass ich da zugesagt hatte, eine Proust-Lesung zu machen. Und H. schickte mir dann auch gleich noch die Pressemitteilung, aus der ich dann entnehmen konnte: Die Lesung ist nächste Woche!

Um Aktivität zu zeigen, habe ich die Mail von H. einfach an C. weitergeleitet, kommentarlos. Der rief dann eine Stunde später leicht hektisch an, ob der Termin denn fest seit, den er da gelesen hätte. Konnte ich nur bejahen, denn das hatten wir Ende Dezember / Anfang Januar zu dritt diskutiert. Schicksalsergeben drängte C. dann auf einen ersten Termin am Mittwoch, später Abend. Das drängte nun mich wiederum heute, zu schauen, was wir denn aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lesen könnten.

Ohne Diskussion die ersten beiden Seiten. Darauf, zwingend sozusagen, die Madleine-Szene (und den letzten, geilen Satz, den habe ich mir zugeteilt). Dann, auch recht klar, der „kleine Kreis“ mit Swann und mit dem Zielthema der „kleinen Melodie“, die C. dann ggf. noch auf dem Klavier zu besten geben wird. Und dann wurde es plötzlich extrem schwierig. Denn je weiter ich nach hinten ging, desto mehr hätte ich vorab erklären müssen. Gerne hätte ich ja aus Guermants gelesen, aber da hätte ich eine zu lange Vorrede halten müssen. Der Sodom-Band ist zwar echt ein Highlight, aber auch zu erklärungsbedürftig, um die Feinheiten, die Proust da streut, kapieren zu können.

Letztendlich habe ich mich – schwitzend und nackt auf dem Balkon in der Sonne sitzend – für eine längere Szene aus „Im Schatten junger Mädchenblüten“ entschieden und zwar, als der Ich-Erzähler mit Monsieur Charlus in Kontakt kommt. Da kommt Swann nochmals vor, Saint-Loup ist dabei, die Großmutter – das kann man vorab ganz gut noch einführen. Und es endet mit dieser schönen und super zweideutigen Strandszene, als Charlus den jungen Ich-Erzähler im Badeanzug mal kurz abkanzelt.

Die Aufteilung der Sätze habe ich auch schon mal vorgenommen, so dass wir recht gut einzeln erst üben können und dann im Grunde nur noch auf die Zeiten schauen müssen. Und damit kopiere ich das, was ich drei Jahre lang in Köln hören konnte, als ich Dienstag für Dienstag in die Lengfeld’sche Buchhandlung pilgerte – nach telefonische Anmeldung – um Bernt Hahn und Peter Lieck zu hören, die die „Recherche“ mit verdammt geschickt ‚verteilten‘ Rollen vorlasen – was aufgenommen wurde.

Hatte ich nicht mal so ein Proust-Lese-Blog-Projekt vor? Denn die „Recherche“ gibt es ja als Hör-CD, schlappe 135 CD’s mit jeweils drei Tracks von jeweils meist einer Länge um 30 Minuten (die ich mir über Jahre zum Geburtstag und zu Weihnachten habe schenken lassen). Wenn ich jetzt jede Woche einen Track höre, den Inhalt stichwortartig notiere und dann ggf. noch etwas kommentiere oder geile Sätze zitiere – dann bräuchte ich für dieses Projekt gute acht (!) Jahre. Soll ich?

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