Durch die Zeit

Tag: Mutter

Schiller + Lührs + Familie

Ich hole mal aus! Als junger Mann, also alles zwischen 16 und 29, war ich ein begeisteter Theatergänger. Es muss 1986 gewesen sein, als ich als ZDL in Mannheim die Gelegenheit hatte ein Gastspiel der Münchner Kammerspiele bei den Schillertagen zu sehen. Es war der „Don Carlos“ mit dem grossartigen Peter Lühr als Grossinquisitor. Ungestrichen dauert der so ca. fünf Stunden. Die Inszenierung von Dieter Dorn kam mit weniger als drei Stunden aus, weil nicht der Text gestrichen sondern die Sprechgeschwindigkeit  enorm erhöht wurde. In den ersten Minuten dachte man, man wird nix verstehen, doch nach wenigen Minuten … .

Grandios, als kurz vor Ende der Grossinquisitor auftritt. Lühr war da schon um die 80, kam gestützt auf die Bühne. Und im Gegensatz zum bisherigen Sprechtempo sagte er seinen ersten Satz quasi in Zeitlupe: „Steh‘ ich vor dem König?“ Und als dieser das bejahte, sprach Lühr in unnachahmlicher Diktion die fälligen Respekt, Ironie und Überlegenheit gleichermassen ausdrückte: „Ich war’s mir nicht mehr vermutend.“

Und so ging es mir heute, als ich meine alte Mutter in der Reha besuchte und am Abend nicht nur meine Schwester sondern sogar mein Bruder Zeit hatten und wir zusammen zu Abend gegessen haben.

Unfreiwillig

Letzte Woche: Meine Mutter weist meine Schwester an, dass man den Schöpfer noch genau da in der Spülmaschine unterbringen kann. Mein Mann beugt sich zu mir rüber und flüstert prustend: „Wußte gar nicht, dass ihr Katholiken Euren Schöpfer wascht“ – sehenden Auge mißachtend, dass natürlich die Schöpfkelle gemeint war.

Weg des Begehrens (4)

Teil III

Meine Patentante, Tante G., lebt seit wohl bald 60 Jahren mit meiner Nenn-Tante A. zusammen. Weder Tante G. noch Tante A. sind mit mir verwandt, es sind „Gruppenkinder“ meiner Mutter aus Vorkriegszeit. G. und A. sind ausdrücklich ‚Tanten‘. Es sind definitiv keine Freundinnen im familiären Sprachgebrauch. Und meine Mutter betont immer und immer wieder, dass die Tanten nicht alles gemeinsam unternähmen, um damit aufzuzeigen, dass es zwei Einzelpersonen sind und kein Paar. Mir geht es im Grunde am Arsch vorbei, ob sie nun nur Tanten sind oder ein lesbisches Paar oder eben beides – aber aufgefallen ist es mir dann doch (und wenn es so wäre, ich wäre echt stolz auf die beiden). Jetzt verstärkt durch die Emcke-Lektüre erkenne ich, wie durch den Sprachgebrauch ein möglicher Fakt so umgedeutet bzw. ‚umgesprochen‘ werden kann, dass alles ‚gut‘ ist und man moralisch sauber bleiben kann. Der dazugehörige Gedankengang geht dann eben so: „Da sie nicht alles zusammen machen, können sie nicht lesbisch sein, und daher kann ich mit ihnen ohne moralische Bedenken verkehren“. Selbstbetrug hat eh die größte Chancen. Anmerkung: Beide kommen aus dem pädagogischen Bereich. Als ich mein Coming-Out mit Mitte zwanzig hatte war es Tante G., die von allen am coolsten reagierte, als sie sinngemäß schrieb, schwul-sein wäre schon was anderes als hetero-zu-sein, aber das sei halt auch nur so ein Aspekt des Lebens und für sie würde sich nichts ändern …

Ich schätze, dass ich mit 13 meinen ersten Orgasmus hatte. Bis zu meinem 21. Lebensjahr hatte ich nur mit einem Mädchen / einer Frau ‚Sex‘ gehabt. Gegenseitige Befriedigung mit Jungs dagegen kommen ausgeprägter daher. Denn mit drei Jungs hatte ich mehr oder weniger ausgeprägte sexuelle Beziehungen. Die meisten Orgasmen in der Anwesenheit mit anderen hatte ich mit Jungs – aber auf die Idee, dass ich anders-sein sein könnte … Fehlanzeige, woher denn auch?.

1983 / 84 kam der Begriff Homosexualität zum ersten Mal für mich konkret vor. Und zwar in den Nachrichten. Da ging es einerseits um General Kiesling, der aus der Truppe entfernt werden sollte, weil er in Schwulenlokalen verkehrt haben sollte und damit ein Sicherheitsrisiko darstellte. Es stellte sich als falsch heraus, aber zeigt, dass der Verdacht, homosexuell zu sein, damals vollkommen ausreichte, um komplett diskreditiert zu werden. Es wundert mich nach wie vor, dass es der damalige Bundeskanzler Kohl war, der einen positiven Schlussstrich zog, indem er Kiesling komplett rehabilitierte. Und dann gab es aber vor allem noch die vier großen Buchstaben: AIDS. Die Schwulenseuche! Die trifft die, die einfach Sex haben, einfach so und das noch mit verschiedenen Typen außerhalb von Beziehungen, einfach mal so, dann mal hier, dann mal mit dem. Die einfach Lust mit ihren Schwänzen hatten und auch mit denen Dinge taten, die … unaussprechlich waren… anfänglich. Schwulsein, so prägte es sich damals durch die Bilder für mich ein, war schrill, bunt, laut – man zog im Fummel durch die Welt, kreischte und nannte alles, was einen Schwanz hat „Schwester“. Schwulsein war voller bärtigen Muskeltypen, die in Lederklamotten rum liefen und einen auf dicken Max machten, die Bierdose in der Hand zerdrückten während sie herzhaft rülpsten. Schwulsein bestand auch aus dandyhafte Typen, die nur Mode im Kopf hatten, nach Parfüm stanken, den kleinen Finger beim Teetrinken wegstreckten und ausschließlich ansonsten nur über Derrida zu reden wussten. Kurz, jeder Schwuler konnte man sofort an seinem Auftreten erkennen, jeder Schwuler tat alles, um als ein Zugehöriger einer (definierten) Randgruppe dazustehen.

Aber so negativ konnotiert das schwul-sein für mich zu der Zeit auch immer war – ich hatte dennoch eine Idee bekommen, dass es neben Frau, zwei Kindern, ein Haus, ein Auto und einem guten Bausparvertrag noch einen anderen Lebensentwurf geben könnte. Der wartete zwar mit vielen, vielen Fragezeichen auf … aber hieß es nicht Land auf Land ab sich Neuem zu stellen?

Teil V

Alles eine Frage der Relation

Sonntägliches Telefonat mit meiner Mutter. Sie berichtet von einem Dirigenten aus meiner Jugendzeit, der demnächst ein Konzert leiten wird.

Ich: „Der muss doch jetzt uralt sein!“

Mutter, sehr bestimmt: „Nein, der ist nicht uralt, der ist nur ein Jahr älter als ich. Und ich bin nicht uralt!“

Meine Mutter wird dieses Jahr 80.

Kurze Woche

Montag hatte ich mir ja schon frei genommen, weil ich noch bei Muttern war und sich der Besuch dort wegen einer Fete ja um einen Tag verschoben hatte. Jetzt muss ich mir den Freitag auch noch frei nehmen, da Betriebsausflug ist, bei dem ich nicht mitfahre (2 Tage!). So bleibt mir morgen eben noch.

Der Abteilungsleiter stellte heute die gefährliche Frage, ob alles OK sei. Als ich ihm dann in Aussicht stellte, ab Anfang August wohl dann doch Däumchen-drehend hinter dem Schreibtisch zu sitzen, bewog es ihn, dann doch mal zu denken. Denn ab August habe ich einen Kollegen in meinem Zimmer – und das sieht dann sicherlich richtig doof aus.

Ober „Unternehmensbewertung“ was für mich sei? Keine Ahnung, nie gemacht.

Und wenn ich zwischen den Zeilen richtig gehört habe, dann ist das Problem von ihm: Wenn er mir keine Arbeit geben kann – es gibt Abteilungen im Haus, die nichts dagegen hätten, mir etwas zu delegieren.

Dennoch weiterhin: Ball flach halten.

Balance

Und die nächste Fete gerockt. Die Tochter des Hauses, die zusammen mit ihrem extrem geilen Freund mithalf, etwas später: „Hätte nie gedacht, dass das so Spaß machen kann.“

Jetzt gleich auf den Zug, es gilt Muttern über ein verlängertes Wochenende zu bespaßen und dann beginnt Montag eine Woche, wo jeder Abend mit irgendeinem Termin belegt ist.

„Balance“ konnte ich eh noch nie schreiben.

12

Ich werde noch Liebeling aller Fetenausrichter. Für Freund P. den Freitag hingegeben,  um einzukaufen, Wohnung umzurüsten, schnell noch drei Kuchen zu backen … und eben all das tun, wenn am nächsten Tag ab 15 Uhr 60-70 Leute kommen wollen.

Und mir war klar, dass es da ohne meine Mithilfe nicht gehen würde – was mir auch ganz recht war, denn ich bin nicht so ein Feten-Fredy und fremdel derzeit auch enorm.

Kurz und gut, die ersten kamen um 14:30, was für mich dann hieß mit der ersten Kanne Kaffee das Geschehen zu betreten, der letzte ging so gegen 2, was für mich und P. bis 2:30 hieß, noch schnell die letzten Gläser zu waschen und die Reste vom Büffet in die Kühle zu bringen. 12 Stunden am Stück quasi den Dobby gemacht – mehrfach gefragt worden, ob ich eine externe fremde Kraft wäre – aber immerhin P. es ermöglicht, sein Fest zu genießen. (Das Gleiche war ja Anfang des Jahres, als ich mich auch in die Organisations stürtze, einerseits weil ich mit den Lehrern nicht reden wollte und andereseits, weil ich es nicht mit an sehen kann, wenn mies Organisiertes die Fete zu beeinträchtigen droht, weil, bspw. keine Gabel mehr da sind oder kein Idiot Bier nachlegt. Wobei, diese Fete hatte ja dann noch ein ganz besonderes Nachspiel.)

Heißt: Ladet mich ein! Zeigt mir wo alles steht! Und stellt mir ne gute Flasche Weißwein in den Kühlschrank!

N., der mich lange Zeit überhaupt nicht erkannte, fiel mir zum Abschied um den Arm, wie er es noch nie gemacht hatte, P.’s Mutter knutscht mich jetzt auch ganz gerne und wenn wir noch geblieben wäre, hätte M. uns „ein bißchen was für einen Italiener“ dagelassen.

Spannend in erster Linie aber, das R. sehr konkret und nachhaltig Kontakt zu mir suchte. Wir waren mal sehr eng befreundet, was dann aber vor ca. 20 Jahren mit einem lauten Knall auseinander ging. Erst vor drei Jahren habe ich dann wieder Kontakt aufgenommen als ich über P. erfuhr, dass er Krebs hatte. Wir hatten uns zwar vor drei Monaten nach Jahren wieder gesehen, aber außer einem „Hallo“ war da kaum etwas gewesen. So wunderte ich mich schon, als er sich sehr persönlich für die damalige ‚Seelsorge‘ bedankte. Das Eis ist jetzt jedenfalls gebrochen – aber das ‚Herrische‘ an ihm, ist noch ausgeprägter als früher.

‚Entlastung‘ – oder: Pauschalierung macht’s halt einfach

Schoß mir gerade in den Kopf. Ich bin ja der einzige (offen lebender) Schwule in meiner Familie. Und da Vaters- und Muttersfamilie alle aus dem katholischen … Also war das für meine Eltern halt immer schon so ein Crux (sic!), dass gerade sie nen schwulen Sohn … und jetzt kapiere ich gerade als meine Mutter letztens anrief, um mir mitzuteilen, dass es Tante B., ihre jüngste Schwester, ja ganz, ganz, ganz schwer hätte, da deren ältester Sohn, S., Moslem geworden ist!

Es gibt also Schlimmeres.

Und da ist einfach so vernunftsunmäßig, so blöd, so … nur weil manche schwul sind, meint irgend so ein Typ in Amerika – dank der ‚genialen‘ Waffenpolitik – 50 Schwule abzuknallen, worauf hin der nächste Gehirnamputierte meint ein Einreiseverbot … erlassen zu wollen, für alle, die gefährlich sind …

Warum fehlt es den Menschen am Mut zu denken? Weil den Finger auf andere zu zeigen einfach leichter ist.

 

 

überlebend

Gerade im ZDF (?) aus der – wie ich finde guten – Reihe „37 Grad“ eine Folge gesehen, in der es um die überlebenden Geschwister ging. Weiß nicht, ob der Begriff gut ist, aber ich gehöre eben auch zu den ‚überlebenden Geschwistern‘ in der Familie. Ich bin – mag jetzt komisch klingen – nicht ‚der tote Bruder‘ bzw. ‚der tote Sohn‘. Mein Manko als überlebendes Geschwister.

Immerhin hat die eine Mutter aus dem Fernsehbeitrag gemerkt, dass für sie, als trauernde Mutter, es eine Reihe von Angeboten gibt, um mit der Situation – irgendwie – umzugehen. Für trauernde Geschwister – Fehlanzeige. (Ich kenne gerade eine einzige Initative, die sich für dieses Thema einsetzt – und das nur aus dem Internetn. In der Stadt, in der ich wohne, und die ist jetzt nicht gerade Provinz, gibt es genau 0 (in Worten: null) Angebote.) Interessanterweise hat sich aber die gleiche Mutter genauso verhalten wie meine: Das tote Kind / der tote Sohn ist das / der Wichtigere, Bessere … jedenfalls das / der, das / die meiste Aufmerksamkeit braucht – alles andere, und das heißt eben auch: alle anderen haben maximal Prio zwei, wenn überhaupt.

Mir ist das damals so gar nicht bewußt geworden, dass ich, als Bruder, als jüngerer Bruder, keine Raum, keine Platz für Trauer bekam oder irgendwie auch hatte. Ich hatte, als überlebender Sohn nun erst recht zu funktionieren, da die armen Eltern …

Das ist ein Lebensthema.

Grund, ausreichend, aktiv zu werden? Gerade im nahen Umfleld von E.’s Familie?

Vor langer Zeit

Gestern auf dem 50. meines besten Freundes P., den ich jetzt fast auf den Tag genau 30 Jahre kenne. Die einzige, die mich erkennt, ist seine Mutter. Allen anderen muss ich mit der Funktion „der Jugendfreund“ vorgestellt werden. Dann fällt bei ihnen der Groschen, stimmt, da gibt es noch jemanden.

Ich nehme es ihnen nicht übel, denn wenn wir uns überhaupt mal gesehen haben, dann liegt das letzte Treffen mindestens 27 Jahre schon zurück.

Ich finde das schon spannend, dass ich zwar alles über die (erweiterte) Familie weiß und mit verbundenen Augen ein Diagramm aufzeichnen könnte, wie wer warum wieso seit wann mit wem steht oder nicht oder nicht mehr oder jetzt doch wieder – aber es in den letzten beiden Jahrzehnten überhaupt keine Berührungspunkte gab. Seinen Cousin habe ich vor 10 Jahren das letzte mal gesehen, seine Cousine jetzt zum ersten Mal überhaupt. Immerhin scheine ich auf seine Tante D. Eindruck gemacht zu haben, wie er mir gerade mitteilte. Vielleicht ist ihr eingefallen, dass wir vor Äonen schon mal zu dritt nackt im Gras lagen?

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