Durch die Zeit

Tag: Sexualität

FB und Onanie

Meine Aktivitäten bei FB sind sehr, sehr beschränkt. Ich mag es einfach nicht. Der Grund liegt in erster Linie daran, dass niemand mehr was von sich postet, sondern irgendwelche Dinge repostet und es mir wie eine große Waschmaschine vorkommt. Profilloser geht es selbst bei tumblr nicht.

Dennoch: Auf meine äußerst wenigen Post bekomme ich im Durchschnitt 1,3 bis 1,4 Reaktionen.

Auf den von „Die Zeit“ regepostete Beitrag, ob (männliche) Onanie zum Weltfrieden beitragen könnte, halte sich alle ‚Freunde‘ respektive ‚Freundinnen‘ sehr zurückhaltend. Die Reaktionsquote liegt nach wie vor bei 0,0.

 

Zugegeben, der Beitrag ist ein bisschen arg gewollt und hat Neues leider nicht zu bieten – aber gucken reicht wohl.

Leider kann ich den dagegen supergutentittenaffengeilen Artikel aus dem SZ-Magazin von diesem Wochenende nicht verlinken. Unter dem Titel „Splitternackt“ berichtet ein nicht näher genannter Autor (meines Alters) von einem Tantra-Seminar … ein wirklich gutes Zeugnis, wie verklemmt wir (oder zumindest die meisten von uns) nach wie vor beim Thema Sexualität sind. Gebe gerne zu, dass ich während der Lektüre mir nicht sicher war, ob ich das auch mit machen würde … aber je länger ich darüber nachdenke … der Reiz ist groß.

 

Familienessen

Seit ich meinen Mann kenne bzw. seit wir zusammen sind – das werden dann bald auch schon mal 20 Jahre! – gibt es das ‚Familienessen‘: drei Paare, sechs Schwule und jeder ist mit jemanden zusammen oder ist dessen Ex. Anfänglich haben wir jeden Sonntag zusammen reihum gegessen, wobei das gemeinsame Gespräch immer höher gewertet wurde als das, was auf den Tisch kam. Heute ist es nach wie vor nicht anders, auch wenn wir uns seltener sehen, vielleicht nun nur noch alle sechs bis acht Wochen.

Heute hatten L.+U. eingeladen  – Feldsalat mit Schmanddressing (was für ein Verbrechen, aber das ist hier üblich), Kürbissuppe (überraschend gut, da mal nicht so dick, sondern quasi ‚klar‘), Rinderbraten mit Rosenkohl und Spätzle (OK, da haben sie sich übernommen), Vanilleeis mit heißen Himbeeren (nun, richtig viel falsch kann man da ja nicht machen); insgesamt dennoch ein überdurchschnittliches Essen – E.+M. brachten Weihnachtsgebäck als Geschenke mit, wir steuerten ein Stück Stollen als Geschenk bei.

Gegen Ende des Essen wurde der Papst Thema, dann die katholische  Kirche an sich – und wie das so an solchen Essen ist, ein Thema gibt das andere. Jedenfalls habe ich dann irgendwann kurz angeschnitten, wie es mit meinem „Begehren“ mir so erging und fragte dann auch die anderen, wie es bei ihnen war.

Und plötzlich haben sechs Männer einfach mal die Hosen runter gelassen und erzählt, welche Probleme oder auch nicht sie hatten auf dem Weg zu kapieren, dass sie nicht der ’sexuellen Norm‘ entsprechen. Und es war eine überaus spannende Erkundung, was wen wie beeinflusst oder auch nicht hat. Echt reichhaltiger Stoff, viele Differenzen, viele Fragen, viel Kopfschütteln.

Wir waren schon immer ein offener Kreis – da wurde zur Lasagne auch gerne mal wortreich und plastische die Erfahrungen mit Geschlechtskrankheiten ausgetauscht – aber ich fand das heute echt besonders, weil keiner eine ‚Gesprächshoheit‘ beanspruchte.

Und es tut sichtbar nicht nur mir sondern auch anderen gut, wenn man das Kind, das Thema, den Schwanz und den Orgasmus beim Namen nennt. Ansonsten hätte ich nicht letzte Woche folgende Rückmeldung bekommen, die mich einfach wohl auch heute bestärkt hat, es  mal anzuspielen: „Ich fand’s sehr toll und finde es großartig, endlich jemanden zu haben, mit dem ich über das, was wir fast so oft wie Zähneputzen betreiben auch wie über das Zähneputzen reden kann.“

 

Weg des Begehrens (6)

Teil V

Der Weg in’s Bewusstsein, dass es so etwas wie Homosexualität einfach nur gibt – abgesehen von jeglicher gesellschaftlicher oder moralischer Bewertung – dauerte nach Erwachen der Sexualität über ein Jahrzehnt. Und erst dann konnte ich beginne mich damit auseinanderzusetzen, wo ich – sexuell gesehen – eigentlich hingehöre. Für zwei, drei Jahre begann eine nahezu asexuelle Zeit. Die Treffen und Nächte mit M. – die räumliche Entfernung war durch meinen Studienort noch weiter gewachsen – wurden seltener, es gab zudem mal die ein oder andere von einer Frau ausgehenden Vereinigung. Ansonsten war Onanie angesagt – und mir reichte das, denn: Es war vielleicht so etwas wie ein Brütezeit. Ich musste mich nicht für ein Geschlecht entscheiden, ich konnte mir Zeit lassen bzw. nahm sie. Das war bewusst so nicht gedacht und geplant gewesen und bewusst damals auch so nicht erkannt, denn ich sehnte mich, wie die anderen auch, nach Nähe, nach Wärme, nach Sex – aber irgendwo im Inneren war etwas, was mich warnte, mich auf irgendetwas einzulassen – es wäre eh eine Katastrophe geworden.

Die Uni-Mensa zeigte mir dann erneut, dass es auch hier Schwule gab, dooferweise war der schwule Mensatisch hauptsächlich von kreischenden und zu allem Überfluss noch übergewichtigen Tunten besetzt – und zu denen wollte ich nun wirklich nicht gehören. Aber die Augen, die Sinne und vor allem der angeblich ‚schwule Sinn’ waren geschärft. Eines abends beim wichsen stellte ich fest, dass ich am besten komme, am weitesten spritze, am lautesten stöhtne, es die größte Lust mir bereitete, wenn ich mir in der Wichsphantasie eben keine Frau mit einem Mann und mir als Dreier – eine alleinige Frau war schon länger von einem Paar abgeschafft worden – vorstelle, sondern die Frau schon aus dem Bett geschubst hatte und es allein mit dem Mann trieb … Das war der Moment, an dem sich eine Menge Puzzleteile wie von selbst sortierten, viele Dinge plötzlich einen Sinn gaben, offene Fragen sich in Antworten verwandelten. Von da ab bis zum meinem ersten ‚echten‘ Freund und kurz danach zu meinen Coming-Out waren es dann nur noch wenige Wochen.

Ich bin mir sicher, wäre ich in einer freieren Familie, in einer freieren d.h. aufgeklärteren Gesellschaft, in einem nicht so verkrampften CDU bestimmten Schulsystem aufgewachsen, vor allem ohne jene unverschämten und manipulierenden Fragen des Beichtspiegels, hätte es in meinem Umfeld auch nur einen Menschen gegeben, der erzählt hätte, dass es nicht nur Heten auf der Welt gibt … der Weg wäre nicht unbedingt einfacher gewesen, aber ein paar Jahre hätte ich schon sparen können.

Und auch wenn es ein bisschen pathetisch klingen mag: Bevor ich aber anfange mich aufzuregen, mich zu bemitleiden, denke ich an die schwulen Männer und Frauen vor mir, die noch weniger Hilfestellungen als ich hatten. Die für ihre Liebe bestraft wurden, in KZ’s kamen und ermordet wurden. Und ich denke an die Menschen, die nicht nach der ‚gesellschaftlichen Norm‘ lieben, die heute nach wie vor in bestimmten Ländern verfolgt, bestraft und getötet werden.

Aufklärung tut nach wie vor Not, nicht nur die sexuelle.

Weg des Begehrens (5)

Teil IV

Was danach folgte, ist dann wirklich kaum meiner Umgebung, meiner Familie, meinen Freunden, meiner Schule, ‚meinem’ Bundesland bzw. der Gesellschaft anzulasten – denn als ich nach dem Abitur für den Zivildienst in eine andere Stadt zog, eröffneten sich neue, andere Horizonte. Und das Licht der Erkenntnis schimmerte durch die ein oder andere Gehirnwindung bzw. traf die Seele, erreichte die Gemütserfahrung und die Gefühlswelt – wenn auch chaotisch.

P. lernte ich Ende 1985 kennen, M. zwei drei Monate später im Januar 1986. Zu beiden fühlte ich mich in einer überwältigenden Art hingezogen, wie es mir noch nie zuvor geschehen war. Bei beiden gab es im Laufe von 1986 ausreichend Situationen, bei denen ich nur hoffte – mir aber nicht mehr dabei dachte – dass sie mir nun endlich an den Schwanz gehen sollten. Taten sie aber nicht – es tat nur einer. Aus unterschiedlichen Gründen. P. ist heterosexuell und hatte von sich auch überhaupt kein Verlangen mir an den Schwanz zu gehen. Und M. traute sich lange nicht, mir zu gestehen, dass er schwul sei und dann doch gerne mal bei mir … . Als es ‚raus‘ war, stand ich auf, ging zur Toilette, pisste und hoffte, dass, wenn ich zurück käme, er nackt auf dem Bett läge. Was er dann aller Hoffnungen zum Trotz nicht tat. Dennoch: Die Folge war, dass es mit M. zu einer mehr als nur sexuellen Affäre kam. Er brachte mich u.a. dazu, dass ich mit ihm in Tübingen auf meinem ersten CSD ging, wenn auch total verschämt. Dafür lernte ich in seiner Schwulen-WG, dass es auch irgendwie ganz ’normale‘ Männer gibt, die schwul sind. Dass man weder im Fummel noch im Leder auftreten muss, dass enge Jeans auch OK sind. Das man einfach mit anderen Schwulen Spaß haben kann, gute Gespräche möglich sind, dass … ja dass es Menschen sind wie die anderen eben auch. Das Besondere war nur, das der Sex mit einem ‚Gleichgesinnten‘ viel mehr Spaß machte, als einfach gemeinsam zu wichsen. Sex war plötzlich auch ein Beziehungselement. Und diese Art von Sex war etwas, was man nicht nur praktizierte, sondern ausführlich zelebrierte und erlebte, nicht unter der Decke, sondern bei Licht und mit allen Sinnen. Wenn man im anderen Zimmer etwas hörte, dann hörte man halt etwas. Man musste nicht so tun, als hätte man nichts getan, sondern ggf. wurde das auch kommentiert – und ich grinste ohne Ende mit vermeintlichem hochrotem Kopf, wenn die Kommentare nicht spitz ausfielen. Was habe ich mich mit M. in Tübingen und in der WG wohlgefühlt.

Blöderweise lebten wir ca. 150 Kilometer voneinander getrennt, Treffen fanden daher äußerst selten statt, denn als Zivildienstleistender hatten wir nicht gerade ausreichend Geld, um jedes Wochenende sich mit dem Zug befahren zu können, mal abgesehen von den unterschiedlichen Dienstplänen, familiären und sonstigen Verpflichtungen. Aber mir was das ja auch irgendwie recht, denn: Ich war ja nicht schwul! Das betonte ich in jedem Gespräch, in jedem Brief, in jedem Telefonat. Betonte, das das, was da passiert wäre, eben ein Ausrutscher gewesen sei, eine Ausnahme, eine Art Zufall. Betonte es über den Zivildienst hinaus bis zu Beginn meines Studiums. Ich versäumte aber nie hinzuzufügen, dass ich mich auf den nächsten Besuch freue, vor allem auf die Nacht … .

Teil VI

Weg des Begehrens (4)

Teil III

Meine Patentante, Tante G., lebt seit wohl bald 60 Jahren mit meiner Nenn-Tante A. zusammen. Weder Tante G. noch Tante A. sind mit mir verwandt, es sind „Gruppenkinder“ meiner Mutter aus Vorkriegszeit. G. und A. sind ausdrücklich ‚Tanten‘. Es sind definitiv keine Freundinnen im familiären Sprachgebrauch. Und meine Mutter betont immer und immer wieder, dass die Tanten nicht alles gemeinsam unternähmen, um damit aufzuzeigen, dass es zwei Einzelpersonen sind und kein Paar. Mir geht es im Grunde am Arsch vorbei, ob sie nun nur Tanten sind oder ein lesbisches Paar oder eben beides – aber aufgefallen ist es mir dann doch (und wenn es so wäre, ich wäre echt stolz auf die beiden). Jetzt verstärkt durch die Emcke-Lektüre erkenne ich, wie durch den Sprachgebrauch ein möglicher Fakt so umgedeutet bzw. ‚umgesprochen‘ werden kann, dass alles ‚gut‘ ist und man moralisch sauber bleiben kann. Der dazugehörige Gedankengang geht dann eben so: „Da sie nicht alles zusammen machen, können sie nicht lesbisch sein, und daher kann ich mit ihnen ohne moralische Bedenken verkehren“. Selbstbetrug hat eh die größte Chancen. Anmerkung: Beide kommen aus dem pädagogischen Bereich. Als ich mein Coming-Out mit Mitte zwanzig hatte war es Tante G., die von allen am coolsten reagierte, als sie sinngemäß schrieb, schwul-sein wäre schon was anderes als hetero-zu-sein, aber das sei halt auch nur so ein Aspekt des Lebens und für sie würde sich nichts ändern …

Ich schätze, dass ich mit 13 meinen ersten Orgasmus hatte. Bis zu meinem 21. Lebensjahr hatte ich nur mit einem Mädchen / einer Frau ‚Sex‘ gehabt. Gegenseitige Befriedigung mit Jungs dagegen kommen ausgeprägter daher. Denn mit drei Jungs hatte ich mehr oder weniger ausgeprägte sexuelle Beziehungen. Die meisten Orgasmen in der Anwesenheit mit anderen hatte ich mit Jungs – aber auf die Idee, dass ich anders-sein sein könnte … Fehlanzeige, woher denn auch?.

1983 / 84 kam der Begriff Homosexualität zum ersten Mal für mich konkret vor. Und zwar in den Nachrichten. Da ging es einerseits um General Kiesling, der aus der Truppe entfernt werden sollte, weil er in Schwulenlokalen verkehrt haben sollte und damit ein Sicherheitsrisiko darstellte. Es stellte sich als falsch heraus, aber zeigt, dass der Verdacht, homosexuell zu sein, damals vollkommen ausreichte, um komplett diskreditiert zu werden. Es wundert mich nach wie vor, dass es der damalige Bundeskanzler Kohl war, der einen positiven Schlussstrich zog, indem er Kiesling komplett rehabilitierte. Und dann gab es aber vor allem noch die vier großen Buchstaben: AIDS. Die Schwulenseuche! Die trifft die, die einfach Sex haben, einfach so und das noch mit verschiedenen Typen außerhalb von Beziehungen, einfach mal so, dann mal hier, dann mal mit dem. Die einfach Lust mit ihren Schwänzen hatten und auch mit denen Dinge taten, die … unaussprechlich waren… anfänglich. Schwulsein, so prägte es sich damals durch die Bilder für mich ein, war schrill, bunt, laut – man zog im Fummel durch die Welt, kreischte und nannte alles, was einen Schwanz hat „Schwester“. Schwulsein war voller bärtigen Muskeltypen, die in Lederklamotten rum liefen und einen auf dicken Max machten, die Bierdose in der Hand zerdrückten während sie herzhaft rülpsten. Schwulsein bestand auch aus dandyhafte Typen, die nur Mode im Kopf hatten, nach Parfüm stanken, den kleinen Finger beim Teetrinken wegstreckten und ausschließlich ansonsten nur über Derrida zu reden wussten. Kurz, jeder Schwuler konnte man sofort an seinem Auftreten erkennen, jeder Schwuler tat alles, um als ein Zugehöriger einer (definierten) Randgruppe dazustehen.

Aber so negativ konnotiert das schwul-sein für mich zu der Zeit auch immer war – ich hatte dennoch eine Idee bekommen, dass es neben Frau, zwei Kindern, ein Haus, ein Auto und einem guten Bausparvertrag noch einen anderen Lebensentwurf geben könnte. Der wartete zwar mit vielen, vielen Fragezeichen auf … aber hieß es nicht Land auf Land ab sich Neuem zu stellen?

Teil V

Weg des Begehrens (3)

Teil II

Hinzukam, andere Quellen, von denen es entschieden weniger gab als heute, hatte ich nicht. Bravo gab es bei uns zu Hause nicht – und ich bewegte mich weitgehend in katholischen Kreisen – also gab es die bei meinen Freunden auch nicht. Die wussten vielleicht schon das ein oder andere mehr – aber als guter katholischer Junge, dazu noch Ministrant und in Hinsicht auf den Beichtspiegel … . Meine älteren Brüder, die weiter waren als ich, erzählten mir weitgehend auch nichts, da wir uns nicht verstanden. Im Fernsehen war das erotischste was man sehen konnte ggf. ein nackter weiblicher Rücken oder eben einen Mann in Badehose, was ich ja schon immer interessant gefunden hatte und im Otto-Katalog mir lieber die Seiten mit der Männerunterwäsche anschaute, als die mit der Frauenunterwäsche. Für mich so ein Hinweis, dass die Sexualität genetisch vorgeprägt ist und soziale Einflüsse ihr so etwas wie einen Feinschliff verpassen – aber so richtig lege ich meine Hand für diese gewagte Theorie dann doch nicht ins Feuer.

Ich kann heute es ein kleinwenig für mich nachvollziehen, dass ich ab 14-Jähriger, sicher ab 15-Jähriger regelmäßig mit jemanden wichste, dass aber nicht als Sexualität ansah. Es war ‚Triebabfuhr‘ aber nicht Sex, denn der würde dann kommen, wenn man älter wäre. Und Sex ging ja nur in Verbindung mit einem Mädchen bzw. mit einer Frauen. Aber da ich eben noch nicht alt genug war, hatte ich Raum und Zeit es eben mit einem anderen zu füllen. Zudem Zeitpunkt wusste ich definitiv nicht, dass es Homosexualitäten gibt. Es gab nur das versteifte Glied in der Vagina – alles andere, und das war das gemeinsame, teilweise sehr ausführliche (gegenseitige) wichsen – eine Art ‚parasexuelle‘ Spielwiese.

Im Nachhinein verwundert es mich schon, dass ich das recht locker sah, und es mit mehreren praktizierte. Richtige Schuldgefühle hatte ich erst mit 18, als ich mit meiner zweiten Freundin T. meinen ersten ‚richtigen‘ Sex hatte. Immerhin wusste ich ja, wie das theoretisch zu funktionieren hatte, klappte auch praktisch durchaus problemlos und war – zumindest für mich – lustvoll. Wenn sie mir heute gestehen würde, dass ich zu den schlechtesten Liebhabern gehöre, oder gar der schlechteste gewesen sei – ich würde das in aller Demut sofort akzeptieren und nicht für ein Schamhaar aufmucken. Denn bis dahin war Sexualität die Befriedigung eines Triebes, oder man hat einem anderen geholfen – aber die Vorstellung der gegenseitigen Lustverschaffung, des gemeinsamen Lusterlebens gab es nicht. Die Entdeckung der Lust beim Sex kam spät.

Und noch immer, 18-jährig, gab es keine Homosexualitäten.

Teil IV

Weg des Begehrens (2)

Teil I

Aufgeklärt wurde ich echt spät, schätze ich war 13 Jahre alt. Und es passierte eher so im nebenbei und ironischerweise zudem im Religionsunterricht. Ich habe mich von hinten extra nach weiter vorne versetzen lassen – nach dem Motto: Ich sehe heute so schlecht, keine Ahnung was das ist? *augen-reib* – um näher an Clemens zu sitzen zu kommen, der eine anatomisch detaillierte Zeichnung angefertigt hatte, wie der Schwanz des Mannes in die Vagina der Frau passt. Kleiner Schock – aber begriffen hatte ich es dann doch. In zeitlicher Nähe davor hatte ich mir mehrfach Bücher über die Entwicklung des Fötus in der Schwangerschaft aus der Stadtbibliothek geliehen. Dass aus wirklich rein biologischen Interesse, denn ich wollte die Entwicklung von Nichts in einen Menschen verstehen. Was ich mich aber nicht gefragt habe, wie so ein Prozess überhaupt gestartet wird. Man darf mich ruhig naiv bezeichnen. Und ich erinnere mich, wie meine Mutter mein Interesse an Schwangerschaften arg misstrauisch beobachtete.

In der 7. Klasse gab es dann den „Aufklärungsunterricht“ und keine „Sexualkunde“ wie bei Emcke. So richtig groß scheint der Unterschied zwar nicht gewesen zu sein, aber mein „Aufklärungsunterricht“ war scheinbar noch tendenziöser. Uns wurde also erklärt, mündlich, ohne Bilder oder gar Filme, dass der Mann sein versteiftes „Glied“ in die Vagina der Frau einführt und durch „rhythmische Bewegungen“ zum „Erguss kommt“. Und – das ist das aller wichtigste an diesem Vorgang – die Frau dann schwanger wird! Definitiv! Unausweichlich! Bis auf die ganz, ganz, ganz wenigen Tage, wo sie so etwas wie unfruchtbar sei – aber man sich dessen sooo sicher dann auch nicht sein könne. Danach kam noch der Hinweis, dass zu enge Hosen die „Fruchtbarkeit“ des Mannes wegen Überhitzung beeinträchtigen würde. Das hatte für mich damals den ‚Beigeschmack‘: Zeige nichts, was Du da zwischen den Beinen hast, denn es ist Bäh, schamlos und … . In der Folge des „Aufklärungsunterricht“ wurde – bis zur Bewusstlosigkeit – nur noch und ausschließlich der Zyklus der Frau gelehrt, der Mann war mit und durch seinen Erguss erschöpft..

Als ich Biologiehausaufgaben zum Aufklärungsunterricht machen musste und meine Mutter mitbekam, dass ich nun als „aufgeklärt“ sei, schimpfte sie, dass das viel zu früh sei und wenn es nach ihr ginge, dann …

By the way: Zu allem Überdruss für sie schrieb ich in den drauffolgenden Wochen die Zahl ’sechs‘ immer als ’sex‘ bis der Deutschlehrer sie bat, mir doch mal den Unterschied zu erklären. Ihre Erklärung lautete übrigens, in dem sie den Finger auf die drei Buchstaben zeigte: „Ist falsch. Ist was andres! Du musst es mit ‚chs‘ schreiben!“

Und wo mit Emcke jetzt die Augen öffnete war: An keiner Stelle im „Aufklärungsunterricht“ wurde von ‚Lust‘ gesprochen, nie von ‚Spaß‘, nie von ‚Erfüllung‘, nie von ‚Liebesbeweis‘, nie von ‚Gefühl‘ – und auch nie von ‚Verantwortung‘. Das versteifte Glied, ein paar Bewegungen – dann das Kind. Mehr hat man mir in der Schule zu diesem Thema damals nicht beigebracht. Und dass es daneben noch andere Paarung geben könnte, lag für lange Zeit außerhalb meines Denkens und Wissens – auch wenn ich es regelmäßig praktizierte.

Teil III

Weg des Begehrens (1)

Intro

Im Gegensatz zu Emcke bin ich in einem sehr katholischen und damit auch sehr konservativen Elternhaus aufgewachsen. Dort war das Thema Sexualität, wen wundert’s, ein absolutes Tabu-Thema. Kam es dann doch, natürlich nur am Rande, zur Sprache, dann hatte Thema sofort einen negativen Beigeschmack, wurde flux quasi mit Scham übergossen. Keine Ahnung wie das genau funktionierte. Ich kann mich nur blass erinnern, dass meine Mutter, alles was auch nur andeutungsweise mit Sexualität zu tun hatte, negativ kommentierte. So gab es auch für verschiedenen Sendungen Fernsehverbot, denn dort gäbe es schamlose Inhalte. Und dieses schamlose Verhalten fing bei uns ja schon mit dem Küssen an von Leuten, die nicht verheiratet sind. Als Kind, auch als Jugendlicher (und eigentlich immer noch) wendete ich mich ab, egal ob real oder Fernsehen oder Kino, wenn sich zwei Menschen länger als drei Sekunden küssen. Nicht, weil ich meine, in ihre Intimität einzudringen, sondern weil es mir unangenehm ist, ich Scham verspüre. Das ist ein richtig langer Arm aus der Vergangenheit.

Und natürlich dann die gewissen bohrenden Nachfragen im Beichtspiegel (das ist eine Art Fragekatalog, den man vor der Beichte durcharbeiten soll, um auch bloß keine Sünden zu vergessen oder als zu gering zu erachten). Ab einem gewissen Alter wurde da gefragt, ob man „unkeusch“ gewesen sei „mit sich oder anderen“. Damit wurde ich konfrontiert, als ich noch gar nicht wusste, dass man mit dem Ding zwischen den Beinen außer pinkeln noch etwas anderes machen kann – aber es schwebte schon etwas über mir, was noch schlimmer sein musste, als lügen oder stehlen. Das Erschrecken war nicht gerade klein, als ich merkte, dass dieses Ding da unten seine Größe ändern konnte, ein unabhängiges Eigenleben führte. Mir war das für einige Zeit mehr als unangenehm, es war schlichtweg beängstigend, weil ich nicht wusste, was das zu bedeuten hatte. Ich war einem Teil meines Körpers willen- und hilflos ausgeliefert. Und dieses Nicht-Wissen, um was es sich da handelt war allemal schlimmer, als in den Jahren danach einen Ständer zu den unpassensten Situationen zu bekommen. Aber da ich schon damals mit der Mode ging und nur engste Hosen trug … . Und als man mir dann unfreiwillig beibrachte, was man mit diesem lebendigen Ding denn alles so anstellen kann, war jeder Orgasmus ebenso von Lust wie von Scham und Sünde belegt. Es hat Jahre gebraucht, dass ich mich nach einem Orgasmus eben nicht mehr schlecht fühlte. Dass es menschenfremd ist, die sexuelle Lust eines Pubertierenden durch Worte einschränken zu wollen kann nur von Verfassern stammen, die ihre eigene Sexualität (und ich spreche da bewusst jetzt mal nicht von Lust) verdrängt haben. By the way: Ich habe in der Beichte nie zu meinem ‚unkeuschen‘ Verhalten Stellung bezogen – und ich würde mich erinnern, wenn ich danach gefragt worden wäre.

Teil 2

Vorsicht: 18plus!

Ist schon spannend zu sehen, wie sich die eigene Sexualität über die Jahre verändert, oder der Umgang damit. Nach wie vor bin ich ja einer der ganz wenigen Menschen auf dieser Welt, der auch gerne mal alleine Hand an sich legt und das auch genießen kann. Stressfreier geht Sex ja echt nicht, denn das einzige, auf was man achten muss ist man selbst. Und das bekomme ich durchaus ganz gut hin.

Als Jugendlicher und junger Mann war ja vollkommen klar, das „das“ nie jemand mitbekommen dürfte, denn das wäre peinlich hoch 27 mal 39.873 Milliarden gewesen, mindestens. Über die Zeit aber hat die Lust an sich selbst auch noch andere Aspekte aufgetan. Das mag jetzt vielleicht jetzt typisch männlich(-kindlich) zu sein, aber wenn es es sich ergibt, hole ich mir auch gern mal einen runter, wenn jemand zuschaut. (Was die- oder derjenige derweil macht interessiert mich übrigens eher wenig dann.) Das hat psychologisch bzw. anthropologisch sicher etwas von „mein Haus – mein Auto – mein Pferd“ an sich – aber das tut der Lust in dem Moment dann keinen Abbruch.

„Gelernt“ bzw. „entdeckt“ bzw. „wahrgenommen“ habe ich das vor Jahren bei einem Shooting, als ich vor der Kamera stand. Beim zweiten Shooting fragte der geniale J. eben nicht, ob das auch „ohne Klamotten“ ginge, sondern ob das „mit Ständer“ ginge. Ging nicht – jedenfalls bei diesem zweiten Shooting. Beim dritten – ich hatte in der Zwischenzeit wirklich auf eigene Art und Weise geübt – war es im ersten Moment noch aufregend, aber dann … dann klappte es auch auf Kommando.

Hin und wieder frage ich mich aber auch, ob das nun eine „Entwicklung“ ist, oder ob mit zunehmenden Alter der Reiz stärker werden muss.

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